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In „Offene Wissenschaft“ veröffentliche ich meine Gedanken zu Forschung und Lehre

Northward ho!

Moooment. Den Beitragstitel gab es hier im Blog bereits vor nicht einmal zwei Jahren. Damals habe ich verkündet, dass ich meinen Job in Braunschweig für einen neuen in Lübeck aufgegeben habe. Geschichte wiederholt sich.

Es geht weiter nach Norden!

Es geht tatsächlich noch weiter nach Norden. Viel weiter. Über 1.800 Kilometer weiter. In genau einem Monat werde ich nach Tromsø in Norwegen ziehen, kurz über den Polarkreis. Mir wurde ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte.

Ab Februar arbeite ich für das Unternehmen Joubel. Was genau das heißt, wird sich im Detail erst vor Ort klären, aber ich soll einerseits an der Software H5P mitprogrammieren und andererseits dabei helfen, sie in der Welt zu verbreiten — also genau das, was ich bisher in meiner Freizeit gemacht habe 🙂

Eintauschen muss ich diese Chance allerdings gegen die KollegInnen in Lübeck, mit denen ich gerne zusammen gearbeitet habe. Zum Glück gibt es aber schon einige Ideen, wie wir künftig in Kontakt bleiben können. Und wer weiß: vielleicht wird es mein neues Hobby, Online-Kurse zu erstellen …

Mein #OERde17 Lightning Talk: Facere aude!

Vor einem halben Jahr habe ich Ideen dazu gesammelt, wie man auch ohne Programmierkenntnisse Open-Source-Software voranbringen kann. Diese Ideen habe ich auf dem OER-Festival 2017 in Berlin in Form eines Lightning Talks vorgestellt.

Da ich eigentlich nicht gerne vortrage, habe ich mir etwas gesucht, um mich selbst bei Laune zu halten. Ich habe mich an einer Comedy-Einleitung versucht. Naaa-ja 😉 Das übe ich noch. Dass die zur Verfügung stehenden fünf Minuten knapp werden würden, wusste ich. Ich musste dann aber doch sehr hetzen — ist natürlich Gift für Gags und Gehalt. Zehn Minuten wären wohl eher angemessen. So als Kurzformat finde ich aber sogar Gefallen daran, etwas vorzutragen. Vielleicht suche ich mir mal eine Bühne.

Aber was schreibe ich hier so viel. Schaut es euch doch selbst an. Hier findet ihr den Talk um einige Ähm’s bereinigt …

Auf schmalem Grat: #H5P Essay beim #OERde17

Wenn dieser Beitrag online geht, stelle ich gerade beim OER-Festival #OERde17 die aktuelle Fassung von H5P Essay vor, die in Kürze auch offiziell verfügbar sein sollte. Sie erweitert die Software H5P um eine neue Funktion, die nicht ganz unumstritten sein dürfte. Aber was kann man damit überhaupt machen?

In seiner einfachsten Form lässt man jemanden einen Text schreiben. Als zweckdienlich kann es dabei sein, die Zahl der möglichen Zeichen zu begrenzen. In diesem Fall muss man nämlich sein Gehirnstübchen anstrengen und sich überlegen, womit man den knappen Platz füllt. Den Text kann H5P Essay dann automatisch mit einer Liste von Schlagworten abgleichen, die man vorab angelegt hat (inklusive dem Verzeihen von kleinen Tippfehlern oder dem Nutzen von Platzhalterzeichen). Je nachdem, ob ein Begriff oder eine Phrase im Text enthalten ist oder nicht, kann man dazu eine Rückmeldung ausgeben. Ihr könnte das hier auch ausprobieren an einem Beispiel.

Zu Risiken und Nebenwirkungen …

fragen Sie Ihren Pädagogen oder Bildungswissenschaftler … Es ist nämlich durchaus auch möglich, den Schlagworten Punkte zuzuordnen. Und dann landet man gegebenenfalls sehr schnell bei der Illusion, mit dieser simplen Lösung könne man Textbeiträge „bewerten“. Das hielte ich für einen Trugschluss. Der Sinngehalt von Texten lässt sich damit sicher nicht erfassen. Dafür bedürfte es einiger ausgefeilterer Techniken als sie mein Freizeitprojekt bietet.

Außerdem ist es natürlich sogar möglich, nicht mal einen zusammenhängenden Text zu schreiben, sondern bloß die gewünschten Schlagworte zu erraten und aneinander zu reihen. Statt einen ordentlichen Text zu verfassen, passt man sich womöglich nur dem Algorithmus an, der die Punkte verteilt. Axel Krommer bezeichnet das passend als Wii-Effekt.

Wer nun komplette Technikschelte oder die Romantisierung von menschlichen Lehrpersonen herausliest, läge allerdings falsch. Dafür ist mir zum einen leider zu deutlich in Erinnerung, dass ich dem Algorithmus auch an Hochschulen begegnet bin — im Kopf von Menschen, die Klausurantworten von Studierenden nur nach Schlagworten scannen statt sie zu lesen. Zum anderen haben wir es bei H5P Essay mit einem Werkzeug zu tun, das für bestimmte Einsatzzwecke geeignet ist, für andere aber nicht. Man sollte halt darüber nachdenken und nicht außer acht lassen, dass man Software weiterentwickeln kann.

mooin war auf der MetaNook in Lübeck

Am 10. November waren @anjalorenz und ich auf der MetaNook in Lübeck unterwegs. Die MetaNook ist bereits seit 2011 eine — ich würde sagen — Abendveranstaltung für Technik- und Bastelbegeisterte. Ihr findet dort Vorträge zu entsprechenden Themen, diverse Stände mit Nerdkrams und Mate-Ausschank. Ausgerichtet wird die MetaNook von der MetaMeute und dem Chaotikum.

Der Herr am Empfangstresen verstand zwar nicht so viel Spaß und konnte mit unserem freundlichen „Hallo, wir sind Anja und Olli, und wir wollen mit euch über Bildung sprechen!“ nicht so viel anfangen, aber unseren Vortragsraum haben wir dann doch gefunden. Da haben wir dann vor einem Massenpublikum von fünf Zuschauern (tatsächlich nur Männer) mooin vorgestellt. Schaubilder und Aufzeichnung findet ihr hier.

Die Schaubilder

Die Schaubilder hatten wir thematisch in vier Blöcke gruppiert, die sich die Anwesenden gezielt hätten auswählen können: Über Schaubild 4 können die Unterthemen gezielt angesprungen werden, und per Klick in die linke obere Ecke auf den anderen Schaubildern gelangt man wieder zurück. So viel Freiheit schien aber ungewohnt zu sein 😉 Dank der betitelbaren Schaubildleiste von H5P konnten wir aber auch so zügig zu einzelnen Schaubildern springen.

Die Aufzeichnung

Die Aufzeichnung des Vortrags lief ganz simpel mit Camcorder und zwei an Smartphones geklemmte Lavaliermikros. Die Kamera stand leider in weiter Ferne und die Beleuchtung war mau, aber dafür finde ich den Ton wirklich gut.

Relationierung von Bildung und Technik — ein „React to“ in Textform

Mein Kollege Markus Deimann hat kürzlich seinen Anfängervortrag 😉 gehalten und ihn auch verschiedentlich konserviert. Neben dem Vortragstext und Schaubildern gibt es sogar eine Aufzeichnung.

Da Markus sich immer freut, wenn man sich mit seinen Gedanken auseinandersetzt, habe ich das gerade getan. Statt lang und breit zu diskutieren, habe ich schlicht hier im Blog parallel zum Lesen Notizen festgehalten und die Gedanken nachträglich kurz ausformuliert. Das ist eigentlich ganz praktisch. Gibt womöglich Anstöße, geht aber recht fix. Ihr bekommt so einen Einblick, welche Passagen meine Seismographen zum Ausschlagen gebracht haben. Und falls für Markus etwas Brauchbares dabei sein sollte, soll er mich natürlich darauf ansprechen, hier kommentieren, bei sich im Blog diskutieren, …


„Dahinter steckt ein Wille zur Neu- bzw. Umgestaltung von Gesellschaft, bei der bestimmte Bevölkerungsgruppen aufgrund gesunkenen Humankapitals aussortiert und durch smarte Maschinen ersetzt werden sollen.“

Nimmt man diesen Satz für sich, hätte er sicher auf vor 250 Jahren geschrieben worden sein können. Damals begann in England die industrielle Revolution. Seither ist in zahlreichen Bereichen menschliche Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt worden, es wünschen sich wohl aber die wenigsten die alten Verhältnisse zurück. Was ist heute anders, dass uns diese Entwicklung beunruhigen sollte?


„Dies zeigt sich deutlich z. B. im Zusammenhang mit dem Programm “Curriculum 4.0”, mit dem auf bewusst diffuse Weise der Silicon Valley Ideologie das Wort geredet wird. Es lässt sich somit auf der sprachlichen Ebene aufzeigen, wie dominant die Position der Technik geworden ist. Dies geht zu Lasten bildungstheoretischer Überlegungen und so wirkt Bildung im Kontext der Digitalisierung an vielen Stellen ausgehöhlt.“

Das ist wahr. Aber muss man dafür die Sprache bemühen? Ist es nicht offensichtlich, dass die Technik unser gesamtes Leben durchdringt? Und auch beim letzten Satz würde ich zustimmen. Woran liegt das? Provokativ in den Raum gestellt: Haben die BildungstheoretikerInnen den Diskurs verschlafen, die Technik zu lange ignoriert und laufen nun hinterher?


„Es ist jedoch ein Fehlschluss anzunehmen, man könne über Bildung sprechen und gleichzeitig den ganzen lästigen philosophischen Ballast über Bord werfen.“

Da stimme ich Markus zu. Zum einen bin ich mir aber nicht sicher, ob wirklich über Bildung gesprochen wird, sondern eigentlich Ausbildung oder etwas, das in die Richtung geht. Zum anderen ging mir das Beispiel der heute nicht wegzudenkenden Smartphones durch den Kopf, bei dem auch einfach radikal Ballast über Bord geworfen wurde. Ja, auch ich bin nicht frei von der Kalifornischen Ideologie. Ich bin aber auch nicht sicher, ob der letztgenannte Gedankengang eine Sackgasse sein könnte. Vergleiche sind immer so eine Sache …


„Bildung bietet uns Denkwerkzeuge, um damit über mittlerweile in Vergessenheit geratenen Zusammenhänge nachzudenken. So etwa die Tatsache, dass Technik ein Produkt des Menschen ist. Wenn man sich aber die Berichterstattung zur Zukunft der Arbeit anschaut, bei der mit erstaunlicher Suggestion eine Hilflosigkeit angesichts drohender Jobverluste durch Automatisierung und Robotisierung konstruiert wird, so scheint das in Vergessenheit geraten zu sein.“

Für wie wahrscheinlich haltet ihr es, dass eine Regierung dieser Welt die Automatisierung und Robotisierung verbietet oder Steuern darauf erhebt und diese als Sozialausgleich nutzt? Nicht ausgeschlossen, aber momentan eher unwahrscheinlich? Dann stehen diese Jobverluste schlicht vor der Tür — auch in „gehobenen Berufen“. Da verweise ich einfach auf Gunter Dueck, etwa hier:

Ganz pragmatisch begebe ich mich daher auch ab und zu ins Hamsterrad und qualifiziere mich um/weiter/neu. Zum Glück ist das nicht schlimm, da ich auf so Vieles neugierig bin 🙂


„Ein anderes Beispiel betrifft die Glorifizierung des Silicon Valley als Ort bzw. im Jargon der High-Tech-Gemeinde, Hotspot für disruptive Innovationen aller Art. Für mich ist es irritierend, wie devot sich Vertreter/innen aus der Wirtschaft und zum Teil aus dem Bildungsbereich verhalten – es gibt mittlerweile schon Pilgerreisen ins kalifornische Mekka – und die Start-ups und Tech-Giganten werden als Heilsbringer einer kommenden Bildungsrevolution gefeiert. Haben wir angesichts von Design Thinking und Agilem Projektmanagement verlernt, die Dinge kritisch zu beurteilen?“

Gab es Pilgerreisen nicht auch vor einer Weile nach Finnland in die dortigen Schulen? Ich denke daher, der von Markus kritisierte Punkt ist kein Technik-Phänomen. Sich anderswo vor Ort ungewohnte Ansätze und Denkweisen anzuschauen, ist sicher eine gute Idee! Wie war das mit Goethes Italienreise? Problematisch wird es doch erst dann, wenn die Ansätze und Arbeitsweisen unreflektiert übernommen werden und nicht zu den lokalen Gegebenheiten passen. Stichwort: Cargo-Kult.


„Folgt man dem vielbeschworenen Narrativ der disruptiven Innovation, so scheint der Hochschule ein ähnliches Schicksal wie dem Taxigewerbe mit Uber oder der Musikindustrie mit iTunes zu drohen.“

Hier stört mich vor allem, dass der von Clayton Christensen geprägte Begriff Disruptive Innovation ständig falsch verwendet wird — eventuell auch hier. Christensen meinte damit nicht bloß groß oder umwälzend, sondern einen ganz bestimmten Wirkmechanismus. Den könnte man im Zuge des Einsatzes von digitalen Medien durchaus postulieren, er hat mit dem Ansatz von Uber oder iTunes allerdings gar nichts zu tun. Und dann gibt es da ja auch noch die nicht unerhebliche Kritik an der Theorie selbst …


„Mit Hilfe der künstlichen Intelligenz machen sich Learning Analytics auf, den Hochschullehrerinnen die Arbeit abzunehmen.“

Da verweise ich erneut auf Gunter Dueck: Die einfachen Teile von Arbeit werden abgenommen, die schwierigen Teile bleiben übrig.


„Lesen ist zwar immer noch linear, aber kein haptisches Erlebnis mehr, denn die Bücher kann man nicht mehr anfassen, sondern sie liegen digital in der Cloud und werden über einen E-Book Reader angezeigt.“

Solange ich E-Books immer noch auf meinem Smartphone lese und das Bild nicht in den Raum oder auf meine Netzhaut projiziert wird, solange ich nicht per Gedankenübertragung „weiterblättere“, ist das für mich immer noch ein haptisches Erlebnis.


„Durch Verknüpfung von Daten lassen sich neue Schlüsse ziehen, allerdings nur von denen, die auch Zugang zu den Daten haben.“

Da liegen wir wohl sehr eng beisammen. Ich bin dafür, (auch) den Lernenden die Daten zur Verfügung zu stellen.


„Konsequent weitergedacht führt dies zum Ende von Autonomie und Selbstbestimmung oder verraten uns vielleicht die Maschinen Dinge, die wir selbst nicht wissen?“

Zum einen: Weiter oben hat Markus selbst geschrieben, dass sich durch Verknüpfung von Daten neue Schlüsse ziehen lassen. Wenn ich Zugang dazu habe, können mir also auch Maschinen Dinge verraten, die ich nicht weiß.

Zum anderen: Schauen wir uns beispielsweise AlphaGo an. Die Software hat im Brettspiel Go zahlreiche Züge unternommen, die nie ein Mensch gespielt hätte — und dennoch oder gerade deswegen gewonnen. Menschen können also offenbar Neues von den Maschinen lernen.

Außerdem sehe ich nicht, wie das zum Ende von Autonomie und Selbstbestimmung führt, wenn ich mich jederzeit dazu entschließen kann, die „Ratschläge der Algorithmen“ zu ignorieren. Hatte ich ja auch gerade mal wieder etwas zu geschrieben.


„Kann ich nicht erst durch die Selbst-Quantifizierung zu wahren Einsichten über mich selbst kommen?“

Ich bin mir nicht sicher, was Markus mit Selbst-Quantifizierung meint. Aber einerseits haben wir bei den beiden vorherigen Punkten gesehen, dass die Antwort hier nein sein müsste. Und bemühen wir andererseits etwa das olle Johari-Fenster, dann kann ich von anderen durchaus auf blinde Flecken hingewiesen werden, von denen ich nichts weiß. Ob die anderen dabei Menschen oder Maschinen sind, wäre für mich unerheblich.


„Dieses Moment des aktiven Gestalten ist in vielen zeitgenössischen Erzählungen zur Digitalisierung unterrepräsentiert. Stattdessen wird von einer Logik der Transformation ausgegangen, mit der die Urheber und Profiteure geschickt verschleiert werden.“

Da ist etwas dran. Aber findet sich das nicht auch außerhalb der Bildungswelt? Beispielsweise dann, wenn man die Schule auf „das System“ schiebt und vergisst, dass „das System“ von Menschen geschaffen wurde und nicht unveränderlich ist?


„Es ist ein iteratives Wechselspiel zwischen den Affordanzen digitaler Medien, den sozio-strukturellen Infrastrukturen und den individuellen Bildungspotentialen. Das alles ist zudem eingebettet in einen Raum von Macht- und Herrschaftsstrukturen. Mit dem Homo Digitalis wird auf die tektonischen Verschiebungen im Bereich der Digital-Politik reagiert und zeigen ein medienpädagogisches Desiderat an. In den bisherigen Konzeptualisierungen zur Medienkompetenz spielen die äußeren Schalen keine Rolle, es konzentriert sich auf den pädagogischen Kern in abgeschotteten Settings wie dem Klassenzimmer, dem Seminarraum oder dem Learning Management System. Diese Loslösung von den rahmenden sozio-politischen Bedingungen ist problematisch.“

Was möchte mir der Autor damit sagen?


„Hinzu kommen neue Dimensionen, die im Zusammenhang mit der Öffnung von Bildung und Technik entstehen. Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden ist die nahezu vollständige Überwachung des weltweiten Internetverkehrs publik geworden.“

Ich hoffe, man versteht, wie ich das hier meine:

Nichts gefunden: Auch der Generalbundesanwalt hat NSA-Affäre beendet (Update)


“Wem gehören die Daten, die in einem LMS anfallen?”

Siehe oben. Schien mir hier aber nochmals relevant zu sein.