Was kostet eigentlich Open-Source-Software?

Hä? Der Quelltext ist doch frei verfügbar. Open-Source-Software kostet gar nichts! Lassen wir die Total Cost of Ownership außen vor, ist diese Aussage aus Sicht der NutzerInnen korrekt. Habt ihr euch aber schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie es auf Seiten der EntwicklerInnen aussieht, die euch mit dieser kostenlos verfügbaren Software versorgen?

Unternehmen hinter Open-Source-Software

Ich habe die Vermutung, Open-Source-Software wird oft immer noch mit Hobby-Projekten gleichgesetzt: mit Projekten, die von interessierten Leuten in ihrer Freizeit vorangetrieben werden. In der Anfangszeit von Open-Source-Software dürfte diese Zuschreibung völlig in Ordnung gewesen sein. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Open-Source-Welt aber stark verändert. Bei den meisten der bekannteren Projekte wie Linux, Firefox oder WordPress dürfte inzwischen ein erheblicher Anteil der Entwicklung von Personen beigetragen werden, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Allein die Zahl der EntwicklerInnen aus Konzernen, die sich an offenen Projekten auf github beteiligen, ist beachtlich. Microsoft und Google stellen zusammen fast 7.000 MitarbeiterInnen — und das sind nur die, die als solche identifizierbar sind.

Die Beweggründe, warum Firmen und Freelancer sich bei Open-Source-Projekten jenseits von Altruismus einbringen, können natürlich vielfältig sein. Das wäre ein eigenes Thema für sich. Ein paar Beispiele wären:

  • Gewinn an öffentlicher Sichtbarkeit,
  • Gewinn von Einfluss auf Standards, die man selbst in der einen oder anderen Form verwendet oder
  • Voranbringen einer Infrastruktur, die man selbst produktiv nutzt oder auf die man mit eigenen Produkten aufsetzt, usw.

Mitunter handelt es sich aber auch schlicht um ein Freemium-Geschäftsmodell. Das Produkt bzw. die Dienstleistung gibt es kostenlos. Erweiterungen oder weitere Dienstleistungen oder manchmal auch das Sammeln von Daten der NutzerInnen sorgen für Einnahmen. Das ginge natürlich auch, ohne seine Software unter eine offene Lizenz zu stellen. Tut man es dennoch, gibt es aber die Chance, dass sich auch eine Gemeinschaft an EntwicklerInnen dafür interessiert und Verbesserungen beisteuert.

Was kostet Software-Entwicklung?

Die Einnahmen müssen natürlich letztlich die Kosten decken, die dem Unternehmen entstehen. Lassen wir Verwaltung, Marketing, Kosten für Betriebsmittel und was es sonst noch alles geben mag einfach mal außen vor und schauen bloß auf Personalkosten. In Deutschland liegt die Grundvergütung für einen Softwareentwickler im Schnitt bei etwa 50.000 € pro Jahr brutto. Da kommen für ein Unternehmen natürlich noch Sozialabgaben, Weiterbildung, Ausfallzeiten und andere Dinge oben drauf. Als Daumenregel gilt, dass man als tatsächliche Kosten das doppelte des Gehalts annehmen sollte. Dann kostet ein einziger Entwickler also rund 100.000 € pro Jahr. In der Regel arbeitet natürlich nicht nur ein Entwickler an der Software, es gibt weitere Kosten, und vielleicht soll ja sogar noch etwas Gewinn übrig bleiben …

Billiger wird es auch nicht, wenn man IT-FreelancerInnen die Arbeit übernehmen lässt. Die können, mit entsprechender Erfahrung, in Deutschland einen Stundensatz von 90 € erwarten. Bevor sich einige Leute wundern und aufschreien: Ja, im Vergleich zu einem „normalen“ Stundenlohn ist das verdammt hoch, aber Freiberufler sind nicht 100 % des Jahres bezahlt produktiv, da sie sich um Papierkram und Akquise kümmern müssen und auch mal nicht gebucht sind, haben keinen bezahlten Urlaub und keine bezahlten Krankheitstage, zahlen ihre Weiterbildung selbst, tragen ihr eigenes Beschäftigungsrisiko, usw.

Kurzum: Software-Entwicklung ist teuer!

Beispiel: Joubel und H5P

Mein konkretes Beispiel für den letztgenannten Fall ist, wie könnte es anders sein, die beliebte Lehr-Lern-Software H5P. Sie steht unter einer Open-Source-Lizenz und darf somit verändert und weitergegeben werden. Relevant ist für die meisten NutzerInnen vermutlich aber: Sie ist kostenlos verfügbar! Auf der Seite h5p.org lagern sogar viele kostenlos ihre Inhalte für ihre Angebote, auch wenn die Plattform nur zum Testen vorgesehen ist. Und obendrein gibt es auf der Seite bei Problemen sogar noch Support für lau.

Falls ihr auch gerne H5P kostenlos verwendet: Habt ihr euch schon einmal gefragt, wer da entwickelt und euch die Software, das Hosting und den Support finanziert? Der größte Anteil wird vom H5P-Kernteam erbracht, das von der Firma Joubel in Norwegen gestellt wird (nein, die Firma heißt nicht H5P :-D). Das ist ein Unternehmen mit mehreren MitarbeiterInnen, die mit der Entwicklung von H5P ihre Brötchen verdienen müssen. Und gleich als offener Hinweis: Ich war Mitarbeiter von Joubel und arbeite noch immer an H5P; größtenteils in meiner Freizeit als Hobbyist, versuchsweise auch als Freelancer.

Es geht zwar ab und an noch die Mär um, H5P werde durch den norwegischen Staat bzw. die NDLA getragen, das ist aber Unsinn. Es gab zur Zeit der Unternehmensgründung eine Anschubfinanzierung, aber die ist längst ausgelaufen. Durch Entwicklungsaufträge (direkt oder indirekt wie durch die Förderung der Mozilla Foundation) oder Verkauf von Lizenzen für h5p.com muss Geld erwirtschaftet werden.

Es wird im Hintergrund also von einem kommerziellen Unternehmen ganz schön viel Aufwand betrieben und Risiko getragen, um euch H5P und Support dazu kostenlos zur Verfügung stellen zu können.

All das ist natürlich zunächst einmal Sache und Problem von Joubel. Sollte die Rechnung aber irgendwann nicht mehr aufgehen, weil die Mehrzahl der H5P-NutzerInnen gerne auf die Allmende zugreift aber keinen Beitrag zu deren Erhalt leistet, kann sich das ändern. H5P und dessen Quelltext wären noch verfügbar, aber die Entwicklung stände still. Mit Glück fänden sich andere EntwicklerInnen, die das Projekt in ihrer Freizeit oder auch beruflich irgendwie fortführten. Ohne einen Bruch in der einen oder anderen Form würde das allerdings nicht funktionieren.

Mein Fazit

Was für Joubel gilt, gilt auch für andere Open-Source-Projekte. Die Entwicklung wird oft von Unternehmen getragen, die Geld erwirtschaften müssen. Wenn wir alle also das nächste mal an einem Open-Source-Projekt vorbeilaufen, das wir gerne nutzen und auch weiterentwickelt sehen möchten, sollten wir darüber nachdenken, ob es uns nicht doch eine Spende oder ein kostenpflichtiges Upgrade wert ist — oder ob wir uns anderweitig einbringen können, um das Projekt voranzubringen und es so unabhängiger von den Unternehmen im Hintergrund zu machen.

Wenn euer Fazit anders ausfällt oder ihr Ergänzungen und Anmerkungen habe, nutzt gerne den Kommentarbereich!

4 Gedanken zu „Was kostet eigentlich Open-Source-Software?

  1. Das fehlen von solchen Beiträgen war schon der Tot einiger teils guter Projekte.
    Dummerweise kann ein Normalbürger nicht alles unterstützen was es Wert wäre… ein Teil meiner jährlichen Einnahmen gehen bereits an Open Source Projekte.
    Vielleicht muss man das bekannter machen.
    Danke für den Artikel… wird geteilt!

    1. Hiho!

      Danke für deinen Kommentar.

      Es geht mir ja nicht darum, dass nun jeder ständig alles unterstützen muss. Ich glaube bloß, der Anteil derjenigen, die einfach alles „mitnehmen“, ist recht groß. Gar nicht aus böser Absicht, sondern aus Unkenntnis. Im Internet bekommst du halt „irgendwie“ doch „alles kostenlos“ und hinterfragst nicht einmal, wer das bezahlt. Und, wie ich geschrieben habe, ist auch das Geschäftsmodell am Ende vom Unternehmen gewählt worden. Es ist also völlig legitim, nichts zu zahlen. Man darf sich dann halt bloß nicht ärgern, wenn es das Projekt irgendwann vielleicht nicht mehr gibt.

  2. Es stimmt schon, was SierraX schreibt: Man kann nicht alles unterstützen, was man gerne unterstützen möchte, aber von Zeit zu Zeit darf man durchaus auch mal Inne gehen und überlegen, welche (kostenlosen) Tools nütze ich, wie oft nütze ich sie und welchen (Mehr)Wert haben sie für mich?

    Niemand von uns macht sich groß Gedanken, wenn er z. B. einmal im Jahr 99 € für sein Office-Abo ausgibt, schließlich nutze ich ja Word, Excel und Co. regelmäßig.
    Ich nutze aber auch regelmäßig Software wie GIMP, Tutory oder eben auch H5P.
    Ich wäre sogar bereit, dafür zu bezahlen. Bei Tutory mache ich dasbereits, bei GIMP ist das nicht direkt möglich, bei H5P warte ich immer noch darauf, dass einmal bekannt gegeben wird, wie viel H5P.com kosten soll.
    Nun, die Zeit bis dahin kann man abwartend und Tee trinkend verbringen oder man klickt eben ein, zwei Mal im Jahr auf den „Donation-Button“ und lässt ein paar Euro springen.

    Ich finde es ja fast schon zum „Fremdschämen“, wenn ich auf Twitter regelmäßig lese, wie toll H5P ist und wer das doch alles für seinen Unterricht nutzt, und ich dann auf https://www.indiegogo.com/projects/unlock-spaced-repetition-for-h5p-dialog-cards#/ sehe, dass bisher gerade mal 255 € zusammen gekommen sind.
    Ehrlich, wenn jede/r (Twitterer), der H5P toll findet, sagen wir mal zehn Euro springen ließe, dann wären die gewünschten 1.500 € schon längst zusammen. Täte keinem weh und H5P wäre um eine sinnvolle Funktion reicher.

    In diesem Sinne: zückt den Geldbeutel, verzichtet auf das letzte Bier am Abend (das ohnehin meist schlecht ist ;-) und spendet lieber ein bisschen was für eure Lieblings-(Kostenlos)-Software!

    1. Ich brauche mir da zum Glück nicht an die eigene Nase fassen :-) Projekte wie Ubuntu oder LibreOffice werden von mir regelmäßig bedacht, ich habe ein Abo bei habitica, obwohl ich das nicht brauche, und bei Patreon habe ich auch meine Schäfchen. Aber wie ich schrieb: Muss am Ende jede/r selbst entscheiden, sollte aber im Zweifel nicht jammern.

      Was die Kampagne angeht: Die habe ich hier absichtlich nicht erwähnt, um gar nicht erst den Verdacht aufkommen zu lassen, ich würde mich beschweren. Ist ein Experiment für mich mit einem Feature, das nur begrenzt sexy ist.

      Oh, und zu H5P.com: Es fehlt wohl noch die Anbindung an Zahlungsdienstleister mit automatischer Erstellung eines Kontos. Ohne das ergibt es wenig Sinn, schon einen Preis für Einzelkonten anzugeben und im schlimmsten Fall hunderte Konten per Hand anlegen und abrechnen oder Leute vertrösten zu müssen.

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