Qualität hat ihren Preis – oder doch nicht?

Am vergangenen Dienstag erschien in der Süddeutschen Zeitung der Artikel „Abbestellt!“, der das Thema Open Access berührt: Die University of California drohe der bekannten Zeitschrift „Nature“ mit einem Boykott, weil der zuständige Verlag für die Online-Lizenz schlappe 400% Preiserhöhung verlange.

Nun könnte man sagen, das sei deren gutes Recht, schließlich leben die Amerikaner ja in einer freien Marktwirtschaft. Der Haken dabei ist allerdings, dass wissenschaftliche Zeitschriften ihre Beiträge kostenlos von Wissenschaftlern erhalten, die zumeist ebenso kostenlos die Artikel von anderen begutachten, um die Qualität zu sichern. Dafür kommt letztlich der Steuerzahler auf beziehungsweise in den USA zu großen Teilen die Studierenden – die finanzieren ja das Personal der Universitäten. Und die zahlen eigentlich doppelt, da sie den Verlagen die Zeitschriften mit den Ergebnissen auch abkaufen müssen. DAS Thema wollte ich aber gar nicht durchkauen, das kann man an anderer Stelle vertiefen.

In dem Zeitungsartikel wird jedoch implizit unterstellt, Open Access bedeute „Selbstverlag der Universitäten“, und für die Fachverlage spräche „ein kundiges Lektorat und Qualitätskontrolle anstelle von stümperhafter Selbstpublikation am eigenen Computer“. Ich habe den Verfasser des Artikels kontaktiert, und er hat klargestellt, dass die Darstellung von Open Access aufgrund des knappen Raums sehr verkürzt gewesen sei und „Selbstverlag“ nicht auf die „Qualität“ abgezielt hätte. Dennoch möchte ich hier anhand eines Beispiels verdeutlichen, was Open Access tatsächlich heißen kann.

Geprüfte Qualität (Bild von stijnbern, Public Domain)

Geprüfte Qualität - Bild von stijnbern, Public Domain

An der Uni in Göttingen wird nämlich eine Open-Access-Zeitschrift namens GoJIL (Goettingen Journal of International Law) herausgegeben, die sich vor der „Konkurrenz“ nicht zu verstecken braucht und trotz ihres kurzen Bestehens bereits ein gewisses Renommee genießt. Zum einen gibt es „Peer Reviews“, das heißt eingereichte Beiträge müssen einer Begutachtung durch Professoren standhalten. Außerdem wird von Muttersprachlern das Englisch geprüft, und es kümmern sich fleißige Helfer darum, dass alle formalen Richtlinien eingehalten werden. Mehr noch, sie prüfen akribisch jede Fußnote auf Korrektheit, indem sie sich die angegebene Literatur besorgen und schauen, ob die zitierten Aussagen dort wirklich getroffen werden – und wie mir gesagt wurde, gibt es da auch durchaus mal etwas zu bemängeln. Wer eine gedruckte Fassung haben möchte, kann sich diese kaufen, aber alle Inhalte sind auch kostenlos online verfügbar. Außerdem darf sie jeder für nicht-kommerzielle Zwecke unter Angabe der Urheber in unveränderter Form weitergeben (Creative Commons in den Wissenschaften). Und, ganz nebenbei, hatte ich schon gesagt, dass all dies ehrenamtlich von Studierenden organisiert wird???

Sicherlich werden nicht alle Open Access Zeitschriften so professionell arbeiten, aber aus erster Hand weiß ich, dass es auch bei den großen Verlagen wie Gabler/Springer mitunter laxer zugeht. Fazit: Open Access sollte man nicht irrtümlich mit geringerer Qualität als bei „klassischen“ Zeitschriften gleichsetzen.

13 Gedanken zu „Qualität hat ihren Preis – oder doch nicht?

  1. Schöne Nachverfolgung des Artikels. Mir fällt dazu aber kurz was ein.
    Die Tonalität im Aritkel der Süddeutschen verwundert mich nicht. Denn:

    Süddeutsche = klassische Zeitung open access
    Süddeutsche = klassisches Ertragsmodel positive Einstellung zu open access

    q.e.d.

    1. @Alex
      Da die Süddeutsche nicht aus Steuergeldern finanziert wird, fällt Open Access sowieso aus.
      Und der Autor des Artikels ist durchaus nicht gegen Open Access. Ich hatte mich nur an der Darstellung gestoßen.

  2. Über die Darstellungen in http://open-access.net/de/allgemeines/was_bedeutet_open_access/zeitschriften/ hinausgehend sei vllt. noch einmal darauf hingewiesen, dass es neben eigenverlegten OA-Journalen (z.B., wie angeführt, in Lehrstuhl- oder Hochschulverlagen) und kommerziellen OA-Verlagen (mit entsprechend professionellen Begutachtungsverfahren) längst auch Programme wie Springers Open Choice (http://www.springer.com/open+access/open+choice) gibt.

    1. Richtig, das sollte man auch erwähnen.

      Vielleicht verstehe ich deinen Kommentar jetzt gerade falsch, aber per se kann man auch „eigenverlegten OA-Journalen“ eben nicht das professionelle Begutachtungsverfahren absprechen, vergleiche GoJIL.

  3. @Oliver:
    Mist, mir wurden Zeichen geklaut! zwischen „klassische Zeitung“ und „open accss“ sowie „klassisches Ertragsmodel“ und „positive Einstellung zu open access“ waren Ungleichheitszeichen. Bzw. größer kleiner Zeicen. WordPress scheint die zu sperren, vermutlich als teil von HTML Codes…

    @Florian
    Da hat Springer eine nette Idee gestartet aaaaaber:
    „[…] in return for your payment of an open access publication fee of US$ 3000/ EUR 2000“

  4. @Oliver: Mein „Zusatz“ sollte nicht den Sinngehalt deiner Ausführungen/Einwändungen in Abrede stellen, sondern vielmehr hervorheben, dass es nicht pauschal das _eine_ Open Access gibt, sondern vielmehr eine ganze Bandbreite an Ansätzen. (Btw & wie du selbst schriebst, man mein durchaus auch schon mal gehört zu haben, dass auch traditionelle Zeitschriften mit vermeintlich hochqualifizierter, kritischer Begutachtung „schlampen“ … also: OA ist, da sind wir uns wohl einig, einfach kein Qualitätsmerkmal – bzw. etwaiger Indikator für das Fehlen selbiger – sondern lediglich ein anderes Distributionsmodell. Ein offeneres.)

    @Alexander: Das ist allerdings das einzig tragfähige Geschäftsmodell für OA-Zeitschriften, dass sich bisher (neben Eigenverlag, dessen Kosten schließlich auch zu decken sind) etabliert hat. Sprich: da fügt sich Springer, auch in preislicher Hinsicht, nur den Marktgegebenheiten an.

  5. Hallo zusammen!

    Ein schöner und guter Artikel; hat mir sehr gut gefallen, gerade auch mit einem Beispiel aus erster Hand.
    Leider ist allgemein im Bereich „Selbstverlag“ – von OA-Beispielen bis zu Einzelpersonen mit on-Demand-Modell – die Akzeptanz immer noch sehr gering und die Skepsis sehr groß.

    Da finde ich es gut und wichtig, dass auch mal Beispiele beleuchtet werden, wo auch abseits der etablierten, festen Institutionen wirklich gute Arbeit geleistet wird 🙂

    Viele Grüße,
    Thomas Michalski

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