E- war einmal

Von Zeit zu Zeit stelle ich mein Blog für Gastbeiträge zu Verfügung — es ist wieder soweit! Ich freue mich über einen kurzen Artikel von Thomas Czerwionka und eure hoffentlich zahlreichen Kommentare!


An unzähligen Hochschulen gibt es bereits seit vielen Jahren sogenannte „E-Learning“-Zentren, -Büros, -Beauftragte, -Schulungen und/oder dergleichen. Vereinzelt werden auch heute noch derartige Strukturen und Angebote ins Leben gerufen. Das kann man längst überfällig und daher gut finden, man kann jedoch aus verschiedenen Gründen auch anderer Meinung sein. Meine eigene werde ich hier im Folgenden mal kundtun, und ich bin gespannt auf eure.

Noch etwas vorweg: Ich bin sicher nicht der Erste mit diesen oder ähnlichen Gedanken, und deshalb gibt es vermutlich auch schon Veröffentlichungen entsprechenden Inhalts. Da ich in dieser Richtung kaum recherchiert habe, bin ich euch für Hinweise darauf dankbar.

Ach ja, und apropos dankbar: Vielen Dank dir, Olli, dass du mir als Noch-immer-nicht-Bloggendem den Platz hier gewährst! 🙂

Alles ist „E-Learning“ ist nichts

C64c system

„Neues“ Medium Computer? („Commodore C64“, 1982) — Bild von Bill Bertram (CC BY-SA 2.5)

Der Begriff „E-Learning“ stammt aus einer Zeit, in der digitale, also auf Digitaltechnologie basierende Medien etwas Neues waren und sie dementsprechend als „neue Medien“ bezeichnet wurden. Wurden diese sogenannten „neuen Medien“ damals rund um formelles Lehren und Lernen eingesetzt, sprach man von „E-Learning“. Abgesehen von der natürlich fragwürdigen Bezeichnung kognitiver Prozesse als „elektronisch“ war das zu jener Zeit nicht mehr als ein spezieller Begriff für spezielle Formen der Lehr- und Lernunterstützung.

Das war einmal. Heute ist es für Lehrende wie für Studierende vollkommen selbstverständlich, digitale Medien zu nutzen; sie sind aus dem Alltag wie auch aus dem Lehren und Lernen nicht mehr wegzudenken. Wohl kaum ein/e Lehrende/r stellt nicht zumindest hin und wieder Informationen und/oder Materialien zu Lehrveranstaltungen online oder schreibt den Studierenden eine E-Mail. War man früher ein Exot, wenn man digitale Medien in der bzw. für die Lehre genutzt hat, so ist man heute einer, wenn man dies nicht tut. Braucht man aber für etwas Selbstverständliches eine besondere Bezeichnung?

www_cern

„Neues“ Medium World Wide Web?
(1. Webserver „CERN httpd“, 1990)

Zahlreiche Definitionen des Begriffs „E-Learning“ sind gut und gern 10 Jahre alt.* Das ist für bildungswissenschaftliche Entwicklungen bzw. Strömungen zwar kein allzu langer Zeitraum, bezogen auf die Verbreitung und Nutzung digitaler Medien jedoch eine halbe Ewigkeit.** Allein deshalb gehört der Begriff auf den Prüfstand. Doch dass er überholt ist, ist nicht das einzige Übel.

Was alle Definitionen naturgemäß eint, ist die Absicht, „E-Learning“ vom normalen/herkömmlichen/traditionellen Lehren und Lernen abzugrenzen (schon die Suche nach einem passenden Adjektiv verdeutlicht, wie absurd eine solche Unterscheidung ist). Der Begriff „E-Learning“ suggeriert, dass sich Hochschullehre trennscharf unterteilen lässt in solche mit digitalen Medien und solche, die ohne diese auskommt. Wo aber hört „normales“ Lehren und Lernen auf und wo fängt „E-Learning“ an? Hier wird etwas unterschieden, das nicht (oder nicht mehr) unterscheidbar ist. Der Begriff zieht eine imaginäre Grenze zwischen zwei Lagern, wo es nur noch eines gibt, und ist damit leider mehr als einfach nur ein sprachliches Ärgernis.

Das Unwort „E-Learning“

E-_war_einmal

„E-Learning? Vollkommen überflüssig. Lernen ist eine geistige Leistung, dafür braucht man keine Technik. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss noch mein Skript hochladen.“

Der „E-Learning“-Begriff ist heute zum einen ein Symptom für ein unzeitgemäßes und/oder unreflektiertes Verständnis von digitalen Medien im Lehren und Lernen. Zum anderen ist er auch dessen Ursache. Er hält es am Leben, weil er etabliert ist, weil wir uns an ihn gewöhnt haben und wir ihn auch im Jahr 2015 noch als berechtigtes Element in einer großen Didaktik-Tagcloud akzeptieren. Das funktioniert, weil jede/r Einzelne ein ganz eigenes, diffuses „E-Learning“-Begriffsverständnis hat, das sich (je nebulöser, desto einfacher) mit der persönlichen Sicht auf Lehren und Lernen irgendwie in Einklang bringen lässt. Wohlgemerkt: „In Einklang bringen“ heißt dabei immer noch, die Nutzung digitaler Medien als Sonderform von Lehren und Lernen zu verstehen — möglicherweise als sinnvolle und vertraute, im schlechteren Fall jedoch als störende, fremdartige, mit der man nichts zu tun hat oder haben will. Die Verwendung des Begriffs beeinflusst somit die Wahrnehmung digitaler Medien im Lehren und Lernen. Und damit auch die Haltung ihnen gegenüber.

„Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Kurzum: Für mein Empfinden hat der Begriff „E-Learning“ aus didaktischer Perspektive seine Daseinsberechtigung verloren. Zum einen ist er nicht mehr zeitgemäß, zum anderen steht er einer sachlich-konstruktiven Auseinandersetzung mit den Potenzialen digitaler Medien im Lehren und Lernen eher im Wege als dass er sie fördert.

Natürlich kann man auch heute noch der Meinung sein, digitale Medien seien neu und ihre Nutzung in der Hochschullehre sei etwas Besonderes, das einen speziellen Begriff und eine besondere Behandlung verdiene. Dennoch sollte man sich die Signale, die vom Begriff „E-Learning“ ausgehen, und die Wirkungen, die er hervorrufen kann, bewusst machen. Und man sollte sich im Klaren darüber sein, dass man den Begriff künftig enger und enger wird fassen müssen, um ihn überhaupt noch irgendwie mit Sinn zu füllen.

Wäre dann nicht jetzt ein guter Zeitpunkt, sich von ihm zu verabschieden?


* Vgl. Beats Biblionetz, Begriff „E-Learning“, Abschnitt „Definitionen“ (02.03.2015)
** Lag beispielsweise der Anteil der InternetnutzerInnen in Deutschland im Jahr 2003/2004 noch bei gut 50 % der Gesamtbevölkerung, nähert er sich aktuell der 80-%-Marke (vgl. ARD/ZDF-Onlinestudie, 02.03.2015, und (N)ONLINER Atlas 2014, S. 56 f., 02.03.2015).

26 Gedanken zu „E- war einmal

    1. Hey Timo, vielen Dank für den Literaturhinweis! Oh Mann, da lesen sich meine Gedanken ja z. T. wie abgeschrieben – peinlich, peinlich… Ich kann nur beteuern, dass mir der Artikel bis jetzt nicht bekannt war (was allerdings fast genauso peinlich ist).
      Wie dem auch sei: Nach einem ersten Querlesen stimme ich den AutorInnen mit ihrer Kritik am Begriff – wen wundert’s – absolut zu. In der Frage, was dem Begriff „E-Learning“ folgen sollte, bin ich allerdings anderer Ansicht. Mehr dazu (hoffentlich) schon morgen an dieser Stelle! 🙂

    2. „Digitalisierung“ wäre als Begriff für den Modus der Übersetzung und Interaktion zwischen Mensch und technischer Umwelt meiner Ansicht nach passender als „Elektronik“ für dessen eher informatisch-physikalische Grundlage…

    3. So, nun hat’s doch länger gedauert. Doch wie schon Douglas Adams sagte: „I love deadlines. I like the whooshing sound they make as they fly by.“ (Danke für den Hinweis, Olli.) 🙂

      Zunächst mal für alle, die’s interessiert, die aus meiner Sicht zentralen Aussagen des Artikels von Bachmann, Bertschinger & Miluška (s. o.):
      Der Begriff „E-Learning“…
      – ist nicht definiert und ruft bei Lehrenden oft eingeschränkte und uneinheitliche Vorstellungen hervor,
      – impliziert, dass mit „E“ anders gelernt und auch anders gelehrt wird bzw. werden muss als ohne „E“ und
      – ist negativ konnotiert und kann wegen seines schlechten Rufes Innovation verhindern.
      Vor diesem Hintergrund zeigen sich die AutorInnen wenig überrascht, dass „Veranstaltungen, Kurse und Programme mit ‚E-Learning‘ im Titel auf geringes Interesse, wenn nicht sogar auf Ablehnung stossen“ (S. 125 f.) und dass sie in den stattfindenden Angeboten „viel Zeit mit der Dekonstruktion dessen, was mit ‚E-Learning‘ verbunden wird“ (S. 122), verbringen müssen bzw. mussten. „Deshalb haben wir den Begriff ‚E-Learning‘ konsequent aus unserem Sprachgebrauch verbannt und sprechen und schreiben dafür vom ‚Einsatz Neuer Medien in der Lehre'“ (S. 126), und das mit offenbar durchweg positiven Folgen; so seien „viele Hürden und Blockaden (…) sowohl bei den Dozierenden als auch bei anderen zentralen Einrichtungen der Universität“ (ebd.) gefallen, die „Vielfalt und das Potenzial der Neuen Medien können so wieder sichtbar gemacht werden“ (ebd.) und letztlich „wird sichtbar, wie selbstverständlich digitale Medien und Technologien unseren Hochschul- und Lehralltag bereits heute positiv prägen und welche Potenziale sie noch bieten“ (S. 127).

      Was ihre Kritik am Begriff „E-Learning“ angeht, bin ich natürlich voll auf der Linie der AutorInnen. Ich find’s auch großartig, dass sie ihn schon 2009 für sich abgeschafft haben und sie seitdem den zentralen Gegenstand („Lehre“) und die spezielle Perspektive, aus der er betrachtet wird („Medien“), separat benennen. Dass sie dabei von „neuen“ Medien sprechen, begeistert mich zwar weniger, da fände ich das objektivere „digital“ treffender, aber angesichts der positiven Effekte, von denen die AutorInnen berichten, mag ich da jetzt nicht kleinlich sein. 😉 Alles in allem fühle ich mich durch die in dem Artikel beschriebenen Gedanken und Erfahrungen sehr bekräftigt darin, den „E-Learning“-Begriff zumindest aus meinem eigenen Denken, Sprechen und Schreiben zu verbannen.

  1. Ich als Student kann nur sagen, dass ich das Problem in solchen Lehrveranstaltungen nicht im Namen, sondern vielmehr in der Umsetzung sehe.

    Der Begriff E-Learning beschreibt dabei zumindest an der TU Braunschweig oft Vorlesungen, die nur per wöchentlichem Video und vielleicht auch mal einem Online-Quiz „betreut“ werden. Am Ende des Semesters gibt es dann noch eine Klausur und schon hat man seinen Schein erworben. Die Möglichkeiten, die dabei Computer und Internet bieten könnten, werden hierbei schlicht nicht umgesetzt.

    Andere Veranstaltungen, die diese Möglichkeiten unterstützend zur Vorlesung nutzen, würden niemals für den Begriff „E-Learning“ in betracht gezogen werden. Da ist dann die Rede von „Multimedialer Unterstützung“ oder es wird schlicht totgeschwiegen und nicht beim Namen genannt, da die Vorlesung samt Dozent trotzdem gewollt im Vordergrund stehen soll.

    Der Begriff E-Learning steht somit für „Vorlesung ohne Anwesendheitspflicht für Studenten und Dozenten“.

    1. „Der Begriff E-Learning steht somit für “Vorlesung ohne Anwesendheitspflicht für Studenten und Dozenten”.“
      Etwas hart formuliert, aber wohl ziemlich gut den aktuellen Stand treffend.

      In einen Projektantrag würde man es wohl so umformulieren müssen:
      „Eine Möglichkeit um selbstbestimmt sowie zeit- und ortsungebunden digitalisierte Lehr- und Lehrinhalte zur Verfügung stellen und aneignen zu können.“ 😉

    2. Ja klar, Begriffe hin oder her, die praktische Umsetzung steht dann wieder auf einem ganz anderen Blatt. Danke erst mal für die Eindrücke aus der studentischen Perspektive – mir war gar nicht bewusst, dass wir hier an der TU solche (mehr oder weniger) reinen Online-Veranstaltungen anbieten… Für mich ist das Beispiel ein schöner Beleg für die o. g. Erfahrung, dass der „E-Learning“-Begriff bei Lehrenden eingeschränkte und/oder uneinheitliche Vorstellungen hervorruft: Die einen verstehen darunter Videoaufzeichnungen, während die anderen, die die Potenziale digitaler Medien viel mehr ausreizen, evtl. nicht einmal an den Begriff denken. Auch hier scheint der Weg, den die Uni Basel eingeschlagen hat, positive Effekte hervorzurufen: Indem der „E-Learning“-Begriff vermieden wird, lösen sich Blockaden und die vielfältigen Potenziale digitaler Medien werden stärker wahrgenommen. Und wenn solche unvoreingenommeneren medienbezogenen Überlegungen zur Gestaltung von Lehre dann noch auf einer hochschuldidaktischen Grundlage geschehen, dann steht doch einer sinnvollen Mediennutzung eigentlich nichts mehr im Wege. Naja, theoretisch zumindest. 😉

  2. Grundsätzlich stimme ich mit Ihnen überein, dass Lernen heutzutage nicht mehr ohne neuere technische Hilfsmittel denkbar ist und daher eigentlich das E- gestrichen werden kann. Allerdings muss man unterscheiden zwischen dem Lernen selbst (das ohnehin nicht ohne Hilfsmittel möglich ist, denn irgendwelche Werkzeuge muss ich haben, um zu lernen, sei es meine Umwelt, ein Buch oder ein Computer) und dem Lehren.

    Meine These hierbei ist eher, dass das Lernen sehr viel selbstverständlicher schon E- ist, als es das Lehren ist.

    Z.B. in der Hochschule: Ich sehe hier kaum noch Studierende, die nicht ihren Laptop, ihr Tablet oder ihr Smartphone zum Lernen (wie auch immer das dann aussieht), Schreiben, Kommunizieren usw. benutzen. Was vor ein paar Jahren von Schulmeister noch gut wiederlegt werden konnte, nämlich dass Computer durchaus benutzt werden nur eben nicht zum Lernen, ändert sich gerade grundlegend. Dagegen beschränkt sich die Aktivität von Lehrenden im Bereich E-Teaching (wenn man das so entgegensetzen möchte, s. Handke/Schäfer 2012) auf das Schreiben und Kommunizieren. Das Lehren mit Hilfe digitaler Medien sieht häufig so aus wie der Kommentar von Zero_Choice das beschreibt. Natürlich gibt es immer mehr Lehrende, die die Vorteile von E-Teaching sehen und das auch wollen. Wenn es aber um die konkrete Umsetzung geht, fehlt es meist an der Zeit, weil andere Aufgaben dieses schwächste Glied in der Kette Forschung-Lehre-Administration (jetzt dürft ihr raten, welches das ist) minimieren.

    @Timo: Ja, Digitalisierung der Lehre soll es jetzt heißen, aber mich beschleicht der Verdacht, dass man damit durch die Hintertür die mediendidaktischen Konzepte weglassen kann, weil ja eine Vorlesungsaufzeichnung im LMS auch schon Digitalisierung der Lehre ist.

    Bei E-Learning kann man also das E- gerne weglassen, bei E-Teaching sind wir aber noch lange nicht so weit, obwohl es für meinen Geschmack gerne so sein könnte.

    1. Zunächst einmal vielen Dank dafür, dass Sie einen weiteren Punkt ansprechen, den ich mir bislang zu wenig bewusst gemacht habe, der aber zu meiner Abneigung des „E-Learning“-Begriffs beiträgt: seine – zumindest sprachlich – einseitige Perspektive. Ich denke zwar, dass solche einseitigen Bezeichnungen im formellen Lehren und Lernen sehr verbreitet sind (man denke nur an den Begriff „Lehrveranstaltung“, der doch eigentlich viel treffender „Lehr-Lern-Veranstaltung“ lauten müsste, oder?), und glaube bzw. hoffe, dass wir die jeweils fehlende Perspektive automatisch mitdenken, aber ich finde es vollkommen richtig, auch mit dieser Problematik ruhig ein wenig bewusster umzugehen. So gesehen würde ich, wenn ich den Begriff „E-Learning“ nicht so verwerflich fände, Ihnen zustimmen und sagen: „Ja, wir sollten uns jetzt stärker auf das ‚E-Teaching‘ konzentrieren!“ Das tue ich aber nicht. Ich lehne den Begriff „E-Teaching“ fast genauso stark ab wie „E-Learning“, weil zwei der drei o. g. Kritikpunkte auch auf ihn zutreffen: Er…
      – ist nicht definiert und kann deshalb eingeschränkte und uneinheitliche Vorstellungen hervorrufen, und er
      – impliziert, dass mit „E“ anders gelehrt wird/werden muss als ohne „E“.

      Ihre These finde ich interessant. Keine Frage: Jüngere nutzen digitale Medien stärker als Ältere, und dementsprechend werden Studierende digitale Medien stärker nutzen als Lehrende. Aber nutzen sie sie wirklich zum Lernen? Ich muss da jetzt unweigerlich an eine Beobachtungsstudie der Universität des Saarlandes zu mobilen Endgeräten in der Präsenzlehre denken, die gezeigt hat, „dass die Studierenden ihre mobilen Geräte in den meisten Fällen tatsächlich für nicht-veranstaltungsrelevante Aktivitäten nutzten„. Wenn es Studien gibt, die zu gegenteiligen Ergebnissen kommen und ihre These stützen, bin ich Ihnen für einen Hinweis dankbar!

      Und ein Gedanke noch zu Ihrer Bemerkung, dass Lehrende digitale Medien vorwiegend „beschränkt“, nämlich zum Schreiben/Kommunizieren nutzen: Ist nicht Kommunikation das A und O im Lehren und Lernen? Ist doch großartig, wenn sie dafür auch digitale Medien verwenden! 🙂

  3. Ich stimme Thomas in seiner Kritik zu: Das E wurde bereits gelernt (die meisten Studierenden nutzen es ja bereits). Und Herrn Sperl stimme ich zu: Allerdings muss das E wohl noch an der ein oder anderen Stelle gelehrt werden (den noch nicht nutzenden Lehrenden).

    Ich persönlich finde den Begriff „Digitalisierung“ von Lehre allerdings auch unpassend. Das schlägt für mich in die gleiche Kerbe, die Zero_Choice beschreibt: Vorlesung ohne Dozenten = Menschen.

  4. Das „e“ stand meiner Ansicht nach schon immer für eine Wunschvorstellung, für eine Utopie der Lösung des Problems, Wissen, Kompetenzen, Einstellungen auf technischem Weg in die Köpfe der Menschen zu bekommen. Das „e“ ist ein Platzhalter, und spätestens, wenn das „e“ – berechtigterweise, da würde ich Thomas voll und ganz zustimmen – verschwunden ist, wird es ein neues „e“ geben. Weil dieses Problem eines optimalen Transfers und einer reibungsfreien Verbindung bis auf weiteres bestehen bleibt. Und weil der Mensch Visionen – oder noch besser: Versprechungen – braucht, um sich Orientierung und Richtung geben zu können.

    Die Idee bzw. der Wunsch hinter dem „e“ – und ggf. auch die Enttäuschung unerfüllter Versprechen – ist meiner Ansicht nach älter, je nachdem, wie technisch (stammt vom Altgriechischem „Techne“) man an die ganze Sache herangeht. Nürnberger Trichter, Effizienzbewegung, Kybernetik, x 2.0…

    Ich hab‘ mal einen Artikel über das Thema geschrieben, vielleicht passt er: „eLearning als utopische Praxis?“ (2007)
    http://blogs.epb.uni-hamburg.de/metagames/files/2009/01/tan_elearningalsutopischepraxis.pdf

    1. Lieber Wey, nachdem ich deinen Artikel nun gut einen Monat auf mich habe wirken lassen 😉 und ich mich trotzdem noch immer nicht zu einer Reaktion auf vergleichbarem Niveau in der Lage fühle, möchte ich dir hier zumindest schlicht und einfach für den erhellenden Blick zurück ins 20. Jahrhundert danken – und vor allem für den Hinweis darauf, dass Prä- und Suffixe durchaus noch anders interpretiert werden können als nur semantisch. So gesehen ist es in der Tat fast erstaunlich, dass es den „E-Learning“-Begriff (mit „E-“ für „effizient“, vgl. S. 10) nicht bereits zu Zeiten des Behaviorismus‘ gab… Und obwohl ich hoffe, dass du dich irrst, wirst du mit deiner Prognose wohl richtig liegen: Der „Wunsch nach einem geeigneten Universalschmiermittel“ (S. 2), dass die Reibung zwischen Lernenden und dem zu Lernenden minimiert, wird auch in einer „E-Learning“-freien Zukunft für mehr oder weniger sinnvolle Begriffe sorgen. Ein paar (zum Glück kurzlebige) Abkömmlinge gab’s ja schon, man denke nur an „E-Learning 2.0“ oder „Rapid E-Learning„. Als nächster Begriff dürfte wohl „M-Learning“ das Zeitliche segnen – jedenfalls haben sich mobile Endgeräte dem „Horizon Report“ zufolge im universitären Lehren und Lernen mittlerweile endlich durchgesetzt, was ja eine gute Grundlage für die Abschaffung des Begriffs ist.

      Ach ja, und vielen Dank natürlich auch für die Erklärung, weshalb „E-Teaching“ noch unbeliebter ist als die Prügelstrafe! 😀

  5. Lieber Thomas,
    liebe andere,

    ich will mich als Befürworter des Begriffs (sic!) „E-Learning“ outen. Semantisch finde ich das „elektronische Lernen“ (was btw. sogar in Wikipedia.de zu finden ist) zwar auch unsinnig und irreführend. Ich bin außerdem ganz bei Alexander Sperl, dass wir in der Regel vom „E-Teaching“ sprechen sollten und „Lernen“ im engeren Sinne sich sowieso nicht von der (sozialen und digitalisierten) Umgebung sowieso nicht isolieren lässt.
    Ich bin aber auch der Überzeugung, dass eine Auswechslung des Begriffs nicht dabei helfen wird, die kritisierten Phänomene zu überwinden. Ich meine zu beobachten, dass sich im Augenblick die Auseinandersetzung um die Rolle und die Potentiale digitaler Medien für Lehre und Unterricht zuspitzt. Ich glaube das es inzwischen so etwas wie einen wirklichen oder gefühlten (?) „Digitalisierungsdruck“ im Bildungsbereich gibt, der die Auseinandersetzung antreibt.
    Wollen wir die „sachlich-konstruktiven Auseinandersetzung mit den Potenzialen digitaler Medien im Lehren und Lernen“ führen, braucht es IMHO auch Begriffe, um die sich eine solche Auseinandersetzung führen lässt: E-Learning scheint mir hier immer noch geeignet – und zwar gerade *weil* zum Beispiel in den Kommentare ja sehr deutlich formuliert wird, das es um Formen von E-Learning geht, die nicht wünschenswert sind: Nämlich ein technologisch verengter, konzeptionsloser „Einsatz von digitalen Medien“ und/oder „Technologisch gestütztes Lernen“. Die BITKOM hatte 2013 ihren „AK E-Learning“ in „AK Learning Solutions“ umbenannt, wohl um das Signal zu setzen, dass nun aber etwas wirklich Neues komme (siehe http://www.bitkom.org/files/documents/Positionspapier_Learning_Solutions_2013.pdf). Die Lektüre der entsprechenden Veröffentlichung, hat mir ebenfalls nicht transparent gemacht, was dieser Begriff leisten sollte…

    Ich bin also dafür anstelle um den Begriff, um eine bessere, erweiterte Defintion von „E-Learning“ zu streiten. Mein Vorschlag wäre, die Definition dahingehend zu präzisieren, dass E-Learning nicht nur der „Einsatz von…“ ist, sondern dass die *Ziele* des Einsatzes benannt werden, nämlich die „Verbesserung der Qualität von Lehre und Unterricht“.

    1. Lieber Jörg, vielen Dank für deine Widerworte. 🙂 Vielleicht muss ich eine Sache klar(er)stellen: Ich bin vollkommen deiner Meinung, dass die Kritik am „E-Learning“-Begriff nicht darin münden sollte, ihn auszuwechseln. Kritikwürdig finde ich ja vor allem die Tatsache, dass wir überhaupt einen speziellen Begriff für etwas heutzutage Selbstverständliches verwenden; deshalb wäre aus meiner Sicht jeder andere Begriff genauso unsinnig. (Abgesehen vielleicht von ‘ppfrrrt’, der gefällt mir doch recht gut.) 😉 Nein, mein Wunsch wäre das ersatzlose Abschaffen des Begriffs „E-Learning“. Ich gebe dir gerne recht, dass für die erwähnte „Auseinandersetzung mit den Potenzialen digitaler Medien im Lehren und Lernen“ Begriffe vonnöten sind – aber müssen es denn andere sein als eben „digitale Medien“, „Lehren“ und „Lernen“? In vielen Zusammenhängen bin ich sehr froh, für ein und dieselbe Sache unterschiedliche Begriffe nutzen zu können, im Falle von „E-Learning“ jedoch nicht, weil der Begriff uneinheitlich verstanden wird (vgl. Bachmann, Bertschinger & Miluška, s. o.) und wir allein durch seine Nutzung dann eben nicht mehr von ein und derselben Sache sprechen, sondern im schlechtesten Fall von etwas als negativ Empfundenem, das Blockaden hervorruft (vgl. ebd.). Klar, eine „bessere, erweiterte Definition von ‚E-Learning'“ wäre eine elegante Lösung für dieses Problem, aber wie soll die entwickelt und verbreitet werden? Und zu deinem Vorschlag: Ist nicht die „Verbesserung der Qualität von Lehre und Unterricht“ auch der Zweck der Didaktik schlechthin? Ein weiteres Mosaiksteinchen in der „‚E-Learning‘ heißt heute ‚Lehren und Lernen'“-Argumentation… 😉

      1. Lieber Thomas,
        viele Deiner Argumente sind überzeugend und haben bei mir auch noch mal zu einigem Nachdenken geführt, mit dem Ergebnis, dass ich viele Punkte besser nachvollziehen kann – vielleicht auch besser eingrenzen kann, wo unser Dissenz liegt 😉
        Ich teile die Auffassung , das „digital oder analog“, mit oder ohne „E-“ aus hochschuldidaktischer Perspektive nicht mehr die Frage darstellt und die Überhöhung dieser Differenz genau die Haltung, man könne in einer (faktisch nicht mehr existenten) analogen Bildungswelt verbleiben, eher unterstützt als konstruktiv in Frage stellt. Mit dem Blick auf eine Weiterentwicklung von Hochschullehre, stellt der „Einsatz von neuen Medien“ kein Qualitätsmerkmal dar (und hat es noch nie getan). Aus dieser Perspektive kann die „Arbeit am E-Learning-Begriff“ tatsächlich bedeuten, ein totes Pferd zu reiten…
        Andererseits verbinde ich mit dem Begriff E-Learning auch den historisch neuen „Knoten“ den digitale Technologie, Medienwissenschaft und Didaktik (u.a.m.) als interdisziplinäres Arbeits- und Forschungsfeld bilden. Hier mag der Begriff ersetzt werden, die Spezifik dieses Handlungsfelds geht aber nicht einfach im Bisherigem auf. Vielleicht ist das der Grund, warum sich dann die Sonderbegriffe wieder einschleichen. Es käme also darauf an, den Kontext des Begriffs mitzudenken: Dann mag E-Learning als didaktische Quasi-Kategorie untauglich sein, als medientechnologisches Handlungsfeld – aus meiner Sicht – nach wie vor relevant.

  6. Fast zeitgenau hatte ich mir dazu auch vor zwei Wochen Gedanken gemacht und gesagt, aus E-Learning müsse Learning werden und aus dem alten Learning sollte A-Learning für das analoge Lernen werden. Dann kommen so lustige Sprachbeispiele zustande: „Du bist also ein A-Learner.“ oder „Ich stelle jetzt ein neues innovatives A-Learning Konzept vor.“ Einfach mal den Spieß umdrehen 🙂

    Grüße aus dem Norden
    Andreas

    1. Hallo Andreas, wenn ich mal kurz außer Acht lasse, dass ich so eine Unterscheidung im Lehren und Lernen ja unpassend finde, muss ich sagen: Schöne Idee! Am besten gefällt mir an dem Gedankenspiel, dass „A-Learning“ heute bereits etwas derartig Besonderes ist, dass man’s schon wieder als innovativ verkaufen kann. Vor meinem geistigen Auge entstehen an den Hochschulen schon „A-Learning“-Büros, in denen Lehrende vom Typ Außenstehende Skeptiker (D21-Digital-Index 2014, S. 16 und 18 f.) als „A-Learning“-BeraterInnen arbeiten und den Analog Immigrants beibringen, wie Lehre unplugged funktioniert… Vielleicht solltest du dir schnell die Domain a-teaching.org sichern, noch ist die zu haben – ach nee, Blödsinn, ’ne Homepage zu dem Thema wäre ja irgendwie paradox. Aber einen Newsletter könntest du anbieten. Per A-Mail. 😀

  7. eine zeichenfolge wie ‚E-Learning‘ (respektive variationen ‚eLearning,…‘) kann nicht – per se falsch – sein …
    in frage gestellt wird also die kommunikative funktionalität der relation … in der engen zeitgenössischen verwendung …

    in der autonomie des senders liegt die wahl der zeichen – in der des empfängers jene deren interpretation.
    die reduktion unüberschauberer vielfalt auf genau eine zeichenfolge ist hier nicht eineindeutig – als sammelbegriff muss sie vieles repräsentieren … kann aber keine exklusivität der spezifikation eines ‚einzelnen‘ beanspruchen …
    in diesem sinne (sorry TvT) könnte auch ‚digitalisierung‘ äquivalent zu ‚ppfrrrt‘ gesehen werden …

    …anbei … analog / digital … als ersatz für kontinuierlich / diskret … greift den sprachwirrwarr schön wieder auf … die präzisen grenzen verschwimmen kontinuierlich, und diskretisierung bedarf der differenzierenden abgrenzung …

    … abgrenzung ist die grundlage des zählens – digitalisierung eine REpräsentation in zahlen … was zahlen mit der welt zu tun haben … hm

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