POL ohne Jean

Der eine oder andere wird es wissen: Ich absolviere gerade das Programm Weiterbildung in der Hochschullehre (WindH) und habe als Wahlpflichtveranstaltung heute Problemorientiertes Lernen (POL) besucht.

Problemorientiertes Lernen (auch Problembasiertes Lernen oder englisch Problem-Based Learning) ist eine gemäßigt konstruktivistische, anwendungsorientierte Lernform, bei der ein spezielles Problem im Mittelpunkt steht (man könnte es vielleicht auch packenden Stoff nennen) und von Lerngruppen möglichst eigenständig bearbeitet wird. Ausgehend davon folgt POL einem typischen Ablauf, der in mehrere Schritte gegliedert wird (häufig sind das sieben, in der Fortbildung waren es acht):

  1. Verständnisfragen klären
  2. Teilprobleme definieren
  3. Ideen und Hypothesen sammeln
  4. Ergebnisse strukturieren
  5. Eigene Lernziele formulieren
  6. Informationen beschaffen und bearbeiten
  7. Präsentieren und Diskutieren
  8. Vorgehen reflektieren

POL erinnert also auf den ersten Blick an klassische Fallstudienarbeit, fördert aber besonders die aktive Beteiligung der Lernenden, um Wissen zu konstruieren. An einigen Unis wird die Methode gar hochschulweit eingesetzt (beispielsweise in Maastricht, Newcastle oder Linköping).

Mein Eindruck ist zwar grundsätzlich positiv, aber dennoch zwiespältig. POL scheint ganz gut zu funktionieren. Wir haben in den Gruppen die gestellten und selbst erarbeiteten Probleme (bis Schritt 5) ganz gut bewältigt, es kamen relevante Aspekte auf, an welche die Problemsteller gar nicht gedacht hatten. Am eigenen Leib fand ich das strikte, schrittweise Vorgehen allerdings recht einengend; an einigen Stellen hatte ich Ideen, aber dafür war laut Schema gerade kein Platz vorgesehen – diese „Störung“ wurde also nicht behoben, das Neuron durfte nicht feuern.
Und auch wenn die einzelnen Phasen für sich genommen sehr unterschiedlich und abwechslungsreich gestaltet werden können, wird der Wissensentstehungsprozess phasenweise linearisiert. Das ist einerseits praktisch, da POL so einfacher anwendbar wird. Andererseits kam mir das irgendwie paradox vor: Ziel soll es sein, möglichst frei selbst zu denken und ein Problem umfassend zu betrachten, nicht in bekannte Schemata zu verfallen – und dafür wird dann ein festes Schema benutzt? Aber vielleicht habe ich in dieser Ein-Tages-Veranstaltung zu wenig mitbekommen, etwas falsch verstanden oder bin einfach nur „Jean-POL-geschädigt“ :-)

Ich habe zwar in nächster Zeit keine Veranstaltung, in der ich POL ausprobieren könnte, aber ich werde es auf jeden Fall im Hinterkopf behalten. Die selbst zu strukturierenden „Probleme mit Unschärfe“ als Ausgangspunkt für eine Lerngelegenheit sind mir auf jeden Fall sympathisch.

6 Gedanken zu „POL ohne Jean

  1. Das Vorgehen ist ja prinzipiell sinnvoll. Kritisch wird’s nur, wenn man sich sklavisch dran hält. D.h., man muss POL als Werkzeug betrachten, das man bei Bedarf einsetzen kann – und man muss immer noch Herr über das Werkzeug bleiben. Wenn man davon bewusst abweichen will: Warum nicht?

    1. @Christian
      Genau das war mein Aufhänger zur abschließenden Diskussion, der schrittweise Aufbau war für mich schon nachvollziehbar. Die Schritte seien bei POL aber streng voneinander zu trennen, um die gewünschten Ziele zu erreichen.

  2. Die theoretische Begründung war die „Mäßigung des Konstruktivismus“ durch die instruktionistische Komponente, anders wäre der Prozess zu diffus – könnte auch klappen, der Erfolg sei aber so wahrscheinlicher.

    Einige Dinge fand ich wirklich interessant, beispielsweise ein erst zu strukturierendes Problem als „Trigger“, das schließlich zu selbst aufgestellten Lernzielen führt, die nicht unbedingt 1:1 das sind, was der Lehrende im Hinterkopf hatte. Dieses strenge Vorgehen, für dessen Einhalten man als „Coach“ verantwortlich ist, gehörte nicht dazu. Vielleicht gibt es aber auch verschiedene POL-Schulen, weiß ich nicht. War lediglich eine Einführung.

    Ich werde es mit Bruce Lee halten: „Absorb what is useful, reject what is useless, and add what is specifically your own.“

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