Start me up!

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Wissenschaftliche Projekte kosten Geld. Mal mehr, mal weniger. Während beispielsweise ein theoretischer Mathematiker oft nur seinen Kopf und freien Zugang zu Kaffee benötigt, können in anderen Bereichen Millionenbeträge fällig werden. Das Kernforschungszentrum CERN etwa verfügte 2010 über rund 850 Mio. Euro – und vermutlich reichte selbst diese Summe kaum.

Neben dem regulären Etat, den eine wissenschaftliche Einrichtung zugewiesen bekommt, können Drittmittel eingeworben werden. Als Geldgeber können etwa Unternehmen in Frage kommen, aber auch Stiftungen oder öffentliche Träger wie beispielsweise das Bundesministerium für Bildung und Forschung. In der Regel müssen dafür umfangreiche Anträge geschrieben werden, in denen die angedachten Projekte haarklein skizziert werden. Hat dieses Unterfangen Erfolg, wird Geld bereitgestellt.

Das klingt erst einmal erfreulich, kann aber auch ganz und gar unerfreuliche Pferdefüße nach sich ziehen. Es ist bei öffentlich geförderten Projekten nämlich so, dass größere Summen nicht einfach das Konto wechseln, sondern nach und nach angefordert werden müssen. Dafür müssen dann wieder Pläne erstellt werden, Geld wird hin- und hergebucht – und im schlimmsten Fall sogar mit Zinsen zurückgezahlt, wenn man sich einmal verkalkuliert hat. Oben drauf kommen mitunter bürokratische Vorgaben, wie gearbeitet werden muss. Dazu vielleicht sogar noch Vorschriften, wo mit welchen Millimeterabständen Logos auf geförderte Schriften zu platzieren sind…

Spendenhut

Geldspenden gesucht

Spannend finde ich es daher, dass vor wenigen Wochen in Deutschland die Plattform Science Starter ihre Pforten geöffnet hat. Sie funktioniert nach dem Prinzip des Crowdfunding. Wissenschaftler können dort für eine gewisse Zeit ihre Projekte vorstellen und die Geldsumme nennen, die sie benötigen. Jeder Interessierte kann Beträge zur Verfügung stellen, kleine wie große, und erhält je nach Höhe sogar ein wie auch immer geartetes Dankeschön. Und sollte die benötigte Geldsumme nach Ablauf einer bestimmten Frist nicht erreicht werden, wird das eingesetzte Kapital übrigens zurücküberwiesen.

In der Privatwirtschaft funktioniert dieses Prinzip teilweise ganz ausgezeichnet. Gerade dann, wenn man eine gewisse Popularität bereits mitbringt, können sehr große Beträge eingeworben werden. Tim Schafer, in Computerspielekreisen bekannt für legendäre Titel wie The Secret of Monkey Island oder Day of the Tentacle, sammelte schlappe drei Millionen Dollar für ein Spieleprojekt ein – obwohl er “nur” 400.000 Dollar als Wunsch angegeben hatte.

Ob es vergleichbare Erfolge auch in der Wissenschaftswelt geben wird, darauf bin ich sehr gespannt. Untersucht wird dieses Phänomen beispielsweise vom Institut für Kommunikation in sozialen Medien. Dort erhält man auch gleich praktische Tipps für eigene Projekte:

Ein Crowdfunding-Projekt sollte authentisch sein: es muss erkennbar sein, wer hinter dem Projekt steht. Man sollte erstmal mit einem kleinen Budget anfangen, um sich eine Community aufzubauen.

Speziell den letzten Punkt finde ich wichtig! Im Gegensatz zu Drittmitteln von öffentlichen Einrichtungen erhält man keine strikten Vorgaben, die es einzuhalten gilt, aber natürlich sollte man seine Geldgeber nicht als Melkkühe betrachten! Wer einfach nur die Hand aufhält, dem dürfte wenig gelingen. Wissenschaftler müssen raus aus dem Elfenbeinturm und sich und ihre Forschung öffnen! Es geht, wie so oft im Social Web, um den Aufbau und die Pflege von echten Beziehungen.

Werfen wir abschließend noch einen kurzen Blick auf die Projekte bei Science Starter. Tatsächlich stammen drei der bisher acht Vorhaben aus Braunschweig, und das nehme ich einfach als Auswahlkriterium.

Mit One World One Lab möchte Christian Stern vor Ort dokumentieren, wie unterschiedlich die Arbeit von Wissenschaftlern weltweit aussehen kann. Die dabei entstehenden Videos werden frei zugänglich bei YouTube zu finden sein. Bei UUmed geht es darum, einen drahtlosen medizinischen Sensorknoten zu entwickeln (Open Source!). Dadurch soll es einfacher und kostengünstiger werden, die Entwicklung und den Einsatz von medizinischen Geräten zu erforschen, die den Alltag speziell von älteren Menschen verbessern können. Und schließlich gibt es home – Social Media für alle. Es soll daran gearbeitet werden, auch behinderten Menschen einen sicheren Zugang zu Social Media zu ermöglichen, der aktuell recht problematisch sein kann.

Schaut doch einfach mal bei Science Starter vorbei!

“Und die Verworrenen werden die verwirren, die nicht schon vorher verworren waren.”

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Diese Woche berichtete mir jemand voller Ehrfurcht von einem wissenschaftlichen Artikel. Eine Passage daraus:

Vor diesem Hintergrund, dem Hintergrund des historischen Verblassens von Feminismus und der subtilen und oft nicht-so-subtilen Umschriften seiner Geschichte sowie der aktiven Entnennung antiimperialistischen, globalen feministischen Aktivismus, aber auch vor dem Hintergrund untereinander konkurrierender, allerdings mit ungleichem Verhandlungskapital ausgestatteter Landnahmen auf dem Territorium feministischen Wissens und nicht zuletzt im Verbund mit aktuellen institutionalisierten politischen Praxen wie Gender Mainstreaming und Managing Diversity ist der gegenwärtige Moment daher von besonderer Bedeutung für das Unterfangen, kritisches feministisches Wissen innerhalb des akademischen Universums – und um solches geht es mir im Folgenden – zu produzieren. (Hark, Sabine (2009): Was ist und wozu Kritik? Über Möglichkeiten und Grenzen feministischer Kritik heute, in: Feministische Studien, 28. Jg., Nr. 1, S. 22-35, hier S. 25.)

Was war euer erster Gedanke? “Hä?” Genau. Der Text beherbergt viele solcher Ungetüme, und dabei ist er sogar noch vergleichsweise harmlos. Es gibt noch härteren Stoff. Mir wurde dazu gesagt, komplexe Gedanken brächten nunmal eine komplexe Sprache mit sich. Die Vielschichtigkeit der Ideen spiegelte sich in der verwinkelten Satzkonstruktion wider. Das sei doch schön.

Unverständlichkeit ist noch lange kein Beweis für tiefe Gedanken. (Marcel Reich-Ranicki)

Komplizierte Sprachgerüste zeigen nicht automatisch an, dass auch tatsächlich gedankliche Tiefe vorhanden ist. Und wenn es sie doch gibt, lässt sie sich nicht klar und verständlich wiedergeben? Die Nützlichkeit von vielen Dingen ergibt sich doch gerade durch eine angemessene Vereinfachung. Nehmen wir als Beispiel einen Stadtplan im Maßstab 1:1, was könnten wir damit anfangen? Er würde zwar die reale Straße ziemlich genau abbilden, aber helfen würde er uns wenig. Ließe sich das Wortknäuel oben nicht doch ein bisschen entwirren?

Warum schreiben manche Wissenschaftler solche Texte? Sicher nicht mit böser Absicht. Besteht vielleicht die in meinen Augen irrige Annahme, wissenschaftliche Texte müssten vor Fremdworten nur so strotzen? Wurde irgendwo die Vorstellung anerzogen, Substantivierungen, Passivsätze und lateinische Begriffe seien Merkmale für Qualität? Nicht falsch verstehen, ich verteufele hier keineswegs Fachbegriffe, und Wissenschaft gibt es nicht als Tütensuppe. Fachbegriffe haben durchaus ihre Berechtigung, aber sie werten durch ihre bloße Anhäufung einen Text nicht auf.

Viele Wissenschaftler finden nicht einmal, dass sie verpflichtet wären, die Wahrheit den Menschen zu zeigen. Sie zeigen sie sich nur gegenseitig. (Gunter Dueck)

Ist der Grund für Verbalnebel vielleicht doch der unterbewusste Wunsch, sich von niederen Texten abzugrenzen und sich selbst auf einen höheren Sockel zu heben? Wichtigtuerei mit Worten? Oder geht es darum, zu einer abgehobenen Gruppe zu gehören und sich von anderen abzugrenzen? Ja, für wen schreiben Autoren solch verklausulierte Texte? Für sich selbst? “Sehr her und bewundert mich. Ich kenne so viele Wörter und kann sie in eine grammatisch komplizierte, aber korrekte Reihenfolge bringen!” Oder doch für andere? In diesem Fall möchte ein Autor sicher auch verstanden werden. Dann frage ich mich, weshalb nicht leserorientiert gedacht wird: “Bemühe ich mich wirklich so zu schreiben, dass ich verstanden werde?” Es kann mir niemand erzählen, dass jemand mit Satzlabyrinthen besser zurecht kommt als mit klaren Worten – auch die klügsten Wissenschaftler nicht.

Doch was ist aller wissenschaftlicher Fortschritt wert, wenn man ihn nicht vermitteln kann? (Martin Bojowald)

Letzter Punkt: Aber solche Texte sind doch schön!? Klar. Schönheit liegt im Auge des Betrachters, und vielleicht sind solche Werke sogar künstlerisch wertvoll. Ich finde die Formel e^{i\pi}=-1 auch ästhetisch. Ich würde sie aber nicht einfach aufschreiben und erwarten, dass sie für sich spricht, und sich halt jeder selbst zusammenreimen muss, was sie bedeutet. Schwer verdauliche Texte wie der eingangs erwähnte mögen Kunst sein, bloß hätten die Autoren dann möglicherweise einen anderen Beruf wählen sollen.

Soweit mein Senf. Gehe ich zu hart ins Gericht?

Öffentliche Wissenschaft auf der re:publica 2012

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Gestern durfte ich auf der re:publica 2012 zusammen mit Matthias Fromm, Monika E. König und Volkmar Langer eine Session mit dem Titel Raus aus dem Elfenbeinturm – Forschung und Lehre zum Mitmachen anbieten. Da ich vorher noch nie auf der re:publica war und das Publikum nicht einschätzen konnte, war ich doch ein wenig nervös – allerdings vollkommen unbegründet, endlich mal ganz normale Menschen :-)

Die Session hat mir wirklich Spaß gemacht, besonders unsere fishbowl-artige Diskussionrunde. Vielleicht kommt ja nun ein wenig mehr Act!on in die Wissenschaftwelt. Wer mag, kann beispielsweise auf unserer Dokumentationsseite seine Gedanken verlinken oder direkt dort verewigen.

Und, was macht die Diss?

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Diese Frage kennt sicherlich jeder Doktorand: “Und, was macht die Diss?” Ich bin allerdings noch nie gefragt worden: “Hey, wie läuft dein Seminar?” oder “Läuft die Lehre gut?”. Für Außenstehende scheint eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter offenbar wesentlich dafür gedacht zu sein, seine Doktorarbeit zu schreiben und das möglichst schnell. Der Job umfasst allerdings typischerweise zunächst einmal die Unterstützung von Forschung und Lehre, und es wird allenfalls in einem bestimmten Umfang Zeit dafür eingeräumt, an seiner Dissertation zu arbeiten.

Diese Fehlannahme finde ich zunächst einmal nicht verwunderlich und sehe meine These weiter bestätigt, dass die Öffentlichkeit viel zu wenig darüber weiß, was im Wissenschaftsbetrieb geschieht. Wie sieht es aber drinnen aus? Wie sehen die Leute in den Hochschulen ihre Stellen? Nehmen wir einfach ein Gespräch mit einem anderen Doktoranden, dass ich diese Woche geführt habe und welches das fehlende Tröpfchen war, um mein Blogbeitragverfassen-Fässchen zum Überlaufen zu bringen.

Nachdem ziemlich deutlich wurde, dass in die Lehre möglichst wenig Zeit gesteckt werden sollte, fragte ich sehr direkt, warum derjenige denn an der Uni sei. Antwort: “Weil ich den Doktor haben will.” Ehrlich, aber in meinen Augen eine traurige Antwort. Weder, “weil mir Frage XY unter den Nägeln brennt und ich nach Antworten forschen will”, noch etwas wie “weil ich den Sinn von Erkenntnissuche vermitteln will”. Es geht offenbar bloß darum, selbst voranzukommen, die sogenannte Karriere voranzutreiben. Was außerhalb der eigenen Büromauern geschieht, interessiert nur am Rande. Derselbe Doktorand meinte auch, Studierende würden bloß möglichst schnell möglichst einfach durchs Studium kommen wollen, sich aber nicht für echtes Lernen interessieren. Abgesehen davon, dass es solche Studierenden auch gibt, scheint er möglichst schnell möglichst einfach seine Promotion abschließen zu wollen, sich aber nicht für gute Lehre zu interessieren. Es geht lediglich darum, ohne störende Ablenkung die Doktorurkunde einzusammeln – und dann nichts wie weg. So kommt der Geist der Hochschulwelt bei mir an und nicht das, was in Hochglanzprospekten steht oder fassadenhaft aufgebaute Leitbilder weismachen wollen. Den schönen Schein nach außen zu wahren zählt oft mehr als tatsächlich hinter etwas zu stehen.

Bausche ich das alles auf? Einzelfall? Schauen wir doch einfach mal weiter. Ich mache mich jetzt sicher ziemlich unbeliebt und wirke wie der Oberlehrer oder Moralapostel schlechthin. Ich schildere aber schlicht meine Wahrnehmung und eine Darstellung dessen, was dadurch in mir ausgelöst wird.

Es gibt an der TU Braunschweig das schöne Projekt Sag’s Uns, eine öffentlich zugängliche Online-Plattform, auf der Studierende Ideen, Lob und Probleme zum gesamten Unileben loswerden können, auf der jeder mitdiskutieren und gemeinsam mit anderen Lösungsvorschläge entwickeln kann. Könnte ein prima Instrument sein, um gegenseitiges Verständnis aller Beteiligten am Unileben zu fördern statt weiter Stellungskriege zu führen (“Professoren wollen uns doch nur rausprüfen”, “Studierende sind dumm und faul”, “Die in der Verwaltung bekommen nichts gebacken”, …). Es passiert bei Sag’s Uns aber gar nicht so viel. Studierende benennen Probleme aus ihrer Sicht, kaum jemand außer der Betreiber der Plattform scheint ihnen zuzuhören – geschweige denn mitzudiskutieren. Klar, dass sie gefrustet sind und keine Lust mehr haben, sich einzubringen. Eine eigentlich großartige Chance für die Hochschulentwicklung wird nicht genutzt.

Wissenschaftliche Mitarbeiter wurden dann im Rahmen einer Forschungsarbeit befragt, um mögliche Ursachen für die geringe Beteiligung zu ermitteln: Unkenntnis der Plattform, Unsicherheit, … Yvonne, falls du das liest, soll ich dir meine persönliche Vermutung nennen? Es ist den meisten Doktoranden schlicht scheißegal. Warum sollten sie sich denn um die Uni kümmern? Arbeiten am System? Dafür fühlen sie sich nicht zuständig. Kostet bloß Zeit bei der Promotion, und wenn die vorüber ist, ergreifen doch die meisten gleich wieder die Flucht. “Nach mir die Sintflut.” Das ist wohl im Sinn der Direkt-Karriere das beste Vorgehen, ich finde es jedoch traurig.

Anderes Beispiel gefällig? Als die Geschichte um das Guttenbergsche Plagiat gerade losging und der Präsident der TU Braunschweig zunächst in der Presse relativierte, bei über 700 Fußnoten seien 14 falsche Zitationen keine sehr hohe Fehlerquote und solch unsauberes Arbeiten sei ein Einzelfall, wurde in der hiesigen Fakultät 1 in Windeseile ein Schreiben an ihn verfasst. Er möge bitte das klares Signal aussenden, dass Plagiate in der Wissenschaft mehr sind als eine kleine Schummelei. Von den Informatikern wurden sehr schnell viele Unterschriften gesammelt – bei den Wirtschaftswissenschaftlern wurde wohl erst einmal diskutiert, ob es denn opportun wäre, sich daran zu beteiligen…

Es gäbe da noch mehr große und kleine Dinge, aber die betreffen dann die Professorenschaft und das ist eine andere Geschichte – eine weitaus längere und gruseligere.

Ich weiß, dass die Situation nicht überall so aussieht. Ich kenne auch sehr engagierte Leute in Rufreichweite, die auch mal links und rechts des Weges schauen. Ich bin mir bewusst, dass wissenschaftliche Mitarbeiter nicht Zeit ohne Ende für alles haben. Und ich weiß vor allem, dass auch ich meine Fehler habe und mir gar kein Urteil zusteht. Ich kann aber sehr wohl festhalten, dass ich mir unter der Arbeit in der Wissenschaftswelt etwas deutlich anderes vorgestellt habe, dass ich enttäuscht bin ich und mich überaus unwohl fühle. Vielleicht bin auch einfach ich das Problem und falsch für so eine Stelle? So oder so: Gut, dass ich hier bald verschwunden bin.

Ach so, und was die Diss macht? Schauen wir mal, ich muss mich auch noch um andere Dinge kümmern.

Aktualisierung am 24.04.2012
Unverhofft kommt oft – gerade heute wurde ich dann doch positiv überrascht.

Wie sieht ein wissenschaftliches Gutachten aus?

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Im August wird in Düsseldorf die Conference on Science and the Internet 2012 stattfinden, zu der Christian Spannagel und ich im Januar einen Vorschlag für einen Vortrag/Artikel eingereicht haben. Heute haben wir Rückmeldung dazu bekommen.

Wenn man Beiträge zu wissenschaftlichen Konferenzen (oder auch bei wissenschaftlichen Zeitschriften) einreicht, werden sie häufig erst einmal von anderen Wissenschaftlern begutachtet. Sie entscheiden, ob der Beitrag angenommen oder abgelehnt wird und geben den Autoren Rückmeldung und Hinweise auf Dinge, die noch beachtet werden sollten. Diese Beurteilungen bekommen Außenstehende normalerweise gar nicht zu Gesicht, und dadurch geht natürlich ein Einblick in die Wissenschaftswelt verloren. Damit man einen Eindruck davon bekommt, wie so etwas aussehen kann, veröffentlichen wir einfach einmal die Kommentare.

Review 1

  • OVERALL RATING: 1 (weak accept)
  • REVIEWER’S CONFIDENCE: 3 (high)
  • Relevance: 4 (good)

Der Vortrag wird höchstwahrscheinlich dem in unserem Doktorandenseminar gehaltenen Vortrag des ersten Autors sehr ähneln, was a priori nicht schlecht sein muss. Ich bin dafür, den Beitrag anzunehmen, möchte aber die Autoren um mehr ‘Wissenschaftlichkeit’ in ihrem Abstract und in ihrem Vortrag bitten, d.h. um kritische Auseinandersetzung mit z.B. dem Konzept “Open Science”. Es reicht definitv nicht aus, nur über ihre eigenen Erfahrungen mit Wikis, Blogs, Twitter, usw. zu erzählen. Auch wichtig: der Abstrakt muss mindestens 2-3 bereits vorhandene Studien nennen! Fazit: die Autoren biiten, die Submission entsprechend zu überarbeiten bzw. dies bei der Vorbereitung des Volltextes des Artikels zu berücksichtigen.

Review 2

  • OVERALL RATING: 3 (strong accept)
  • REVIEWER’S CONFIDENCE: 4 (expert)
  • Relevance: 5 (excellent)

This promises to spark interesting discussions during the conference. Some thoughts and questions that came to my mind: When scholars open up their work spaces for others to see “research/teaching in the making” who actually listens to this, watches or reads it? From the point of view of the researcher, permitting access to what would otherwise happen behind closed doors offers opportunities for the general public to further develop their understanding of science. But I wonder how many people (that are not from within the same field) actually seize these opportunities. I think the paper could benefit from a discussion of an “audience” perspective.

Review 3

  • OVERALL RATING: 2 (accept)
  • REVIEWER’S CONFIDENCE: 2 (medium)
  • Relevance: 4 (good)

The authors describe the concept of “Open Science”, which they frame as a participatory process that brings together institutionalized science and civil society. They begin by criticizing current approaches to science communication in the mass media, which they see as unidirectional and too narrowly focused on explaining the outcomes of scientific research to lay audiences, rather than involving the general public in the framing of research agendas. I agree strongly with the authors’ suggestion to describe failure as a natural part of the scientific process — this may indeed further public understanding of science in a considerable way.

In its current form the paper could do more to a) systematically define Open Science and contrast it with the current, “closed” scientific paradigm and b) critically reflect what the shortcomings of the proposed and rather idealized new direction of science could be (e.g. What happens to those citizens who aren’t digitally literate? Will research agendas be subjected to (digital) mob rule? Etc). Finally, a discussion of the broader policy dimension of Open Science would be greatly appreciated (How could Open Science be incentivized?).

Der Vorschlag wurde in Summe angenommen :-) Klar, so etwas veröffentlicht man lieber als negative Botschaften, aber man erhält natürlich auch Absagen! Davon bekommt man dann als Außenstehender gar nichts mit, man sieht immer nur die schönen Ergebnisse. Das verzerrt das Bild von der Wissenschaft und von Wissenschaftlern. Vor zwei Jahren habe ich beispielsweise einen Beitrag verfasst, der abgelehnt wurde. Die Rückmeldung sah da so aus:

Review 1

  • Overall rating: -1 (weak reject)
  • Originalität des Themas (Stellt der Beitrag etwas Neues dar?) 2 (gering)
  • Technische Qualität (Genügen der Ansatz und die Methode wissenschaftlichen Ansprüchen?) 2 (gering)
  • Lesbarkeit des Beitrags (Wie verständlich ist die Darstellung?) 3 (durchschnittlich)

Das Paper beschreibt ein Verfahren zur schrittweisen Einführung eines Wikis in Hochschulseminaren, basierend auf Erfahrungen im Einsatz mit Wikis an der TU Braunschweig.

Der Beitrag ist solide formluiert und theoretisch gut mit entsprechenden Referenzen begründet.

Er soll eine Anleitung zur Einführung von Wikis in Seminaren an der Hochschule bieten.
Aus technischer wie auch wissenschaftlicher Sicht bietet der Beitrag wenig Neues und auch die Schritte zur Einführung eines technischen Hilfsmittels, wie es ein Wiki ist, wirken eher intuitiv, weshalb der Beitrag hier keine große Relevanz besitzt. Dies betrifft zumindest die ersten der beiden beschriebenen Schritte. Der dritte Schritt, das Wiki nach außen zu öffnen und so “transdisziplinäre Wissensentstehung zu fördern” erscheint zwar weniger intuitiv, ist jedoch auch laut Aussage des Papers wenig erfolgversprechend. Verwirrend ist hier vor allem, dass die Autoren im Paper zunächst davon ausgehen, dass das Problem in diesem Szenario die Gefahr ist, dass die eigenständige Leistung der Seminarteilnehmer verloren geht.
Ich würde intuitiv erwarten, dass die Gefahr keine Außenstehenden für das Seminar zu gewinnen zu können weitaus größer ist. Zumal ein Wiki rein technisch die Möglichkeit bietet, die Beiträge der einzelnen Studenten zu kontrollieren.

Andere Ergebnisse aus dem Einstz des Wikis neben dem beschriebenen schrittweisen Verfahren, z.B. was die Akzeptanz des Wikis oder einen Effekt auf das Seminar oder die Arbeiten der Studenten selbst betrifft, fehlen.

Eine Betrachtung verwandter Arbeiten aus dem Bereich des Einsatzes von Wikis in e-Learning orientierten Szenarien findet ebensowebig statt, obwohl hier zahlreiche Arbeiten und Erfahrungen existieren.

Kritisch sehe ich zudem, dass der Begriff Wiki stellenweise mit “Web2.0″ gleichgesetzt wird. In Abschnitt 1 wird bspw. der Einsatz eines Wikis unter anderem damit begründet, dass die Studierenden sich bei Verwendung eines Wikis (welches im gegebenen Szenario einen sehr kleinen Nutzerkreis hat) mit den Gefahren und Potenzialen des “Web2.0″ auseinandersetzen und entsprechende Kompetenzen erwerben können. Diese Aussage sollte ggf. entsprechend relativiert werden.

Review 2

  • Overall rating: 0 (borderline paper)
  • Originalität des Themas (Stellt der Beitrag etwas Neues dar?) 2 (gering)
  • Technische Qualität (Genügen der Ansatz und die Methode wissenschaftlichen Ansprüchen?) 2 (gering)
  • Lesbarkeit des Beitrags (Wie verständlich ist die Darstellung?) 4 (hoch)

Das Beitrag motiviert den Einsatz von Wikis in Seminaren mit der Notwendigkeit innerhalb des Studiums Teamfähigkeit und die Fähigkeit zur kooperativen Erstellung von Wissensdokumenten zu vermitteln. Als geeignete Mittel werden Wikis angesehen. Der Beitrag beschreibt drei unterschiedliche Stufen des Einsatzes von Wikis, die allerdings zumindest in Stufe 1 und 2 naheliegend sind. Die Stufe 3, die Öffnung des Wikis für die Öffentlichkeit ausserhalb des Seminars, erscheint innovativ basiert aber ganz wesentlich auf Arbeiten u.a. von Spannagel.

Die Schwächen des Beitrags sehe ich im Wesentlichen in drei Punkten:

  1. Alternative Ansätze zum Training der kooperativen Texterstellung werden nur unzureichend betrachtet und nicht mit dem eigenen Ansatz verglichen.
  2. Eine belastbare vergleichend Evaluation der Ansätze bzw. Beschreibung der Erfahrungen und Aussagen zur Akzeptanz durch die Studierenden fehlt.
  3. Erfahrungen aus anderen Projekten/Veröffentlichungen die Wikis in der Lehre einsetzen werden nicht dargestellt und in die Diskussion einbezogen.

Der Beitrag ist gut lesbar, gut struktuiert und theoretisch gut begründet. Der Titel gibt den Inhalt des Beitrages nicht vollständig wieder. Meines Erachtens sollte der Aspekt des Trainings der Teamfähigkeit oder kooperativen Texterstellung berücksichtigt werden.

Review 3

  • Overall rating: -1 (weak reject)
  • Originalität des Themas (Stellt der Beitrag etwas Neues dar?) 2 (gering)
  • Technische Qualität (Genügen der Ansatz und die Methode wissenschaftlichen Ansprüchen?) 2 (gering)
  • Lesbarkeit des Beitrags (Wie verständlich ist die Darstellung?) 3 (durchschnittlich)

Der Artikel behandelt den Einsatz von öffentlichen Wikis in der Lehre unter der Fragestellung, ob hierdurch Teamarbeit und das Erstellen gemeinsamer Arbeiten geschult und bewertet werden kann. Ferne wird die Öffnung für Mitarbeit von externen Quellen betrachtet. Mangels aktiver Teilnehmer musste diese Fragestellung ausgeklammert werden.
Insgesamt bleiben leider die Fragestellungen und deren Beantwortungen an vielen Stellen nur an der Oberfläche
und betrachtet beispielsweise die Bewertung von Arbeiten anhand des Entsteheungsprozesses, wofür Wikis durchausgeeignet wären, nicht ausreichend. Auch eine gezielte Befragung der Teilnehmer
der Studie wird nicht angeführt. Diese Evaluation wäre für eine eigene Bewertung zum Einsatz von Wikis sehr hilfreich
gewesen.

Review 4

  • Overall rating: 1 (weak accept)
  • Originalität des Themas (Stellt der Beitrag etwas Neues dar?) 3 (durchschnittlich)
  • Technische Qualität (Genügen der Ansatz und die Methode wissenschaftlichen Ansprüchen?) 3 (durchschnittlich)
  • Lesbarkeit des Beitrags (Wie verständlich ist die Darstellung?) 4 (hoch)

Der Beitrag beschreibt den Einsatz von Wikis in Seminaren. Er ist gut geschrieben, gut aufgebaut und nethält einige innovativen Bezüge, auch wenn die Umsetzung heutzutage nicht mehr absolut neu ist und es dafür viele Beispiele an Hochschulen gibt und Publikationen vorliegen, die der Autor leider zum Teil an einigen zentralen Fragestellungen zur Wikinutzung in Seminaren nicht aufnimmt (s.u.). Auch wenn die Fundierungen gut sind und wissenschaftlichen Bezüge, so bleiben daher einige Fragen zur Umsetzung offen. Schnell behebbar ist die Frage: Was ist mit Gruppe gemeint im ersten Satz in 2.1, die gesamte Teilnehmergruppe eines Seminars oder eine Kleingruppe im Seminar, vielleicht hier das soziale Setting noch genauer spezifizieren, denn beides ist möglich.

Gut herausgearbeitet wurden die Vor- und Nachteile im den Abschnitten 2.1 und 2.2, doch werden aktuelle Publikationen zur Wiki Nutzung in Seminaren nicht oder kaum aufgegriffen. Daher wird auf einzelne Aspekte nicht eingegangen, die in anderen Publikationen zur Sprache kommen. Beispielsweise schreiben Studierende nicht unbedingt in ein Wiki, sondern stellen oftmals nur fertige Werke ins Netz. Der Prozess „Als zweite Stufe kann der Lehrende daher dazu übergehen, nicht bloß die Endfassung der Arbeit zu beurteilen. Ein Wiki erlaubt es ihm vielmehr, den gesamten Entstehungsprozess zu begleiten, jederzeit einen Blick auf die Arbeit zu werfen und so Probleme frühzeitig zu erkennen und bei Bedarf einzugreifen.“, auf dessen Vorteile eingegangen wird, findet eben genau oftmals nicht statt und muss über Abgabetermine und Meilensteine initiiert werden. Schön wäre, wenn der Autor hier über konkrete Erfahrungen und Evaluationsergebnisse oder Beobachtungen in seinen Seminaren berichten würde, wie wurde das in Braunschweig gelöst? Trat das Phänomen nicht auf? Ebenso Phänomene, dass Teilnehmende sich nicht gegenseitig einfach so Texte überschreiben, wie die Wikipedia-Forschung und Erfahrungen aus der Praxis zeigen (Vgl. Untersuchungen von Christian Stegbauer zu Wikipedia, die in eLearning-Seminaren bestätigt wurden. Auch die Gutachterin beobachtet dies regelmäßig in Seminaren, in denen Wikis zum Einsatz kommen – wie wird damit umgegangen, tritt dieses Phänomen auf? Hier fehlen leider Evaluationsergebnisse oder Beobachtungen der Autor berichtet hier nur wenig zum konkreten Verlauf in der Praxis. Der Anfang des Papiers ist wirklich gut und fundiert, hinten lässt es den erwarteten Praxis-/Evaluationsteil vermissen. Gut ist jedoch das Abwägen der Vor- und Nachteile, die kritische Debatte, ob Studierende es tatsächlich auch nutzen, unter welchen Bedingungen und ob es – um das Fazit mit dem Beginn des Papers zu verknüpfen – auch die Teamkompetenz steigert, bleibt jedoch offen.

Was mir speziell bei diesen Gutachten auffiel, war die durchaus konstruktive und für mich vollkommen nachvollziehbare Kritik – und als jemand, der sich damals nur nebenbei mit dem Thema E-Learning beschäftigt hatte, war ich schon stolz, keinen kompletten Verriss bekommen zu haben.

Ich selbst habe also eher positive Erfahrungen mit Gutachten gemacht, aber von Kollegen weiß ich, dass das ganz anders aussehen kann. Sie klagen mitunter über widersprüchliche Gutachten (der eine findet einen Teil grausig, der andere lobt ihn), Pauschalkritik, Antwort in zwei, drei knappen Sätzen oder irgendwie unvereinbare Hinweise (“Gehen Sie ausführlicher auf diesen und jenen Aspekt ein, aber überschreiten Sie auf keinen Fall die vorgegebene Zeichenzahl”).

Wie sieht eure Erfahrung damit aus?

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