Den Begriff „Work-Life-Balance“ finde ich ekelhaft – oder warum ich Stunden-Zählen für blöd halte

Ruhig Blut! Lest die Überschrift bitte genau. Ich sage nicht, dass Arbeitnehmer zu faul wären. Ich sage nicht, dass sich Selbständige totarbeiten sollten. Ich sage bloß, dass ich den Begriff Work-Life-Balance nicht mag. Ekelhaft klingt ein wenig heftig, aber die Worte habe ich nicht ganz zufällig so gewählt.

Warum ich den Begriff nicht mag? Ich lege etwas in Waagschalen und versuche, ein Gleichgewicht herzustellen. Dann habe ich voneinander trennbare Dinge vor mir – vielleicht drei rote Äpfel und eine Tüte voll Snickers. Der Begriff Work-Life-Balance unterstellt daher, Leben und Arbeit ließen sich voneinander abkoppeln. Arbeit ist aber ein Bestandteil des Lebens. Es käme auch niemand auf die Idee, eine Gehirn-Mensch-Balance aufzustellen oder eine Reifen-Auto-Balance. Oh je, das klingt jetzt wohl eher wie eine bloße formale Spitzfindigkeit. Ich versuche es anders.

Was ist das Gegenstück von Arbeit?

Wir könnten auf die Idee kommen, das Gegenteil von Arbeit zu suchen. Wir könnten Arbeit von Nicht-Arbeit unterscheiden, dann landen wir gedanklich schnell beim Begriff der Freizeit. Der suggeriert im Gegenzug aber für die Arbeit, sie sei unfreie Zeit; Zeit, in der wir Sklaven von anderen wären. Ich finde diese Interpretation deshalb kritisch, weil sie Arbeit in eine negative Ecke rückt und letztlich ein ausschließlich negatives Menschenbild zementiert:

Without […] active intervention by management, people would be passive – even resistant – to organizational needs. They must therefore be persuaded, rewarded, punished, controlled – their activities must be directed. […] The average man is by nature indolent – he works as little as possible. […] He lacks ambition, dislikes responsibility, prefers to be led. […] He is gullible, not very bright, the ready dupe of the charlatan and the demagogue.

(bekannt als Theorie X aus Douglas McGregor (1960): The human side of Enterprise, New York)

Schon mal daran gedacht, dass manche Leute in ihrer Arbeit aufgehen, weil sie ihnen wirklich Spaß macht? Also wirklich wahrhaftig! Dass sie deshalb gar nicht klar zwischen so etwas wie Arbeitszeit und Nicht-Arbeitszeit unterscheiden, weil sich das für sie nicht voneinander trennen lässt? Sie haben wohl so etwas wie ihr Element gefunden, wie es Ken Robinson in einem seiner Bücher beschreibt. Ist es nicht eigentlich traurig, wenn jemand sein Leben lang freiwillig einer Tätigkeit nachgeht, aber dann die Stunden zählt, bis er sich davon befreien kann?

Stunden zählen ist blöd

Um es klarzustellen: Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn jemand seine Arbeitsstunden erfasst, um sich als Angestellter vor Ausbeutung zu schützen. Ich wundere mich aber, ob der- oder diejenige für sich den richtigen Job gefunden hat. Wenn der Spaß macht, kommt es dann auf zwei Stunden mehr die Woche an? Extrem schräg finde ich es andersherum, wenn jemand mit Freude an seiner Arbeit gezwungen wird, seine Zeit zu erfassen; womöglich noch per Stempeluhr. Das drückt nicht nur Misstrauen aus – „Ohne Kontrolle kommst du doch nicht arbeiten!“ – das ist vor allem bei Wissensarbeit komplett unsinnig. Das ist Arbeit, deren Hauptbestandteil das Nachdenken und Lösen von Problemen umfasst, die nicht zur Routine gehören und dadurch ganz neue Wege erfordern können: Wissenschaftler, Architekten, Ingenieure, Software-Entwickler, …

Es kommt aber wohl gar nicht so selten zu Szenen wie dieser: Der Chef ruft zu einer Besprechung und schildert ein Problem: „Wir haben eine Stunde, dann muss ich zu meinem nächsten Termin. Bis dahin brauchen wir eine gute Lösung!“ Wer kann denn auf Kommando kreativ sein? Und was passiert, wenn ich das auf Knopfdruck nicht bin, mir nichts einfällt, der Tag unproduktiv verläuft? Werde ich dann am Wochenende zum Nachsitzen einbestellt? Nein, das ist wohl nicht so schlimm, solange ich ordentlich acht Stunden täglich am Schreibtisch sitze. Bezahlt wird meine Anwesenheit. Hauptsache, in irgendeiner Statistik wird irgendetwas ausgewiesen.

Blicken wir aus der anderen Richtung auf die Sache: Was passiert, wenn ich zu Hause eine Idee habe – außerhalb der gesetzlich festgelegten Arbeitszeit? Muss ich mir drei Minuten Arbeitszeit aufschreiben, wenn ich unter der Dusche einen guten Einfall für mein Projekt hatte? Zehn Minuten für eine fachliche Kurzdiskussion auf Twitter auf dem Heimweg? Für solche Fälle erfinden Controller bestimmt bald Anrechnungstabellen. Und was ist, wenn ich unterwegs arbeite? Bekomme ich dann eine mobile Stempeluhr als App? Diese Fragen könnte ich mal an unsere Projekt-KontrolleurInnen in den oberen Etagen der Republik richten, denn uns droht demnächst eine Arbeitserfassung – im schlimmsten Fall gar mit Zwang zum Stempeln.

Ach, ihr richtigen Menschen, lasst mich doch einfach arbeiten, sonst gerät nämlich meine Balance aus dem Tritt.

7 Gedanken zu „Den Begriff „Work-Life-Balance“ finde ich ekelhaft – oder warum ich Stunden-Zählen für blöd halte

  1. Spannend, spannend 🙂 Hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Mein Eindruck ist auch, dass sich eine Trennung zwischen Arbeit und anderen Lebensbereichen zunehmend auflöst. Ich finde das allerdings eher problematisch.

    Zunächst jedoch: Wie könnte man Arbeit überhaupt von anderen Lebensbereichen abgrenzen? Ich würde das vor allem am sozialen Kontext der verschiedenen Situationen festmachen. Natürlich kann/soll/muss Arbeit auch Spaß machen. Im besten Fall beschäftigt man sich daher mit den Themen, die einen auch in seiner „Freizeit“ interessieren. Das Setting „Arbeit“ beinhaltet jedoch neben den Themen auch eine spezifische soziale Konstellation, die es von anderen Bereichen unterscheidet. Da gibt es beispielsweise Hierarchien mit Kollegen und Vorgesetzten, Arbeitsverträge, Arbeitszeiten, Zielvereinbarungen, Gehalt, Boni, Dienstanweisungen, Abmahnungen usw.

    Ich würde daher schon sage, dass man auf Arbeit zu einem gewissen Teil „unfrei“ ist. Auch wenn es im Arbeitsalltag nicht beständig auftritt: Deine Vorgesetzte ist rechtlich jederzeit in der Lage Dir eine dienstliche Anweisung zu geben, der Du Folge zu leisten hast. Du musst einen Urlaubsantrag stellen, um wegfahren zu dürfen, die E-Mail an die andere Abteilung muss mit der Chefin abgestimmt werden, um Ärger zu vermeiden, und an manchen Meetings muss man teilnehmen, obwohl sie einem wirklich nichts bringen 😉 Eine Stempelkarte ist dabei nur eine sehr sichtbare Form dieser externen Kontrolle. Über die kann man sich sehr einfach und sehr schön aufregen. Wenn sie wegfällt, heißt das aber noch lange nicht, dass die Kontrolle damit ebenfalls aufhört. Ersetzt wird sie einfach zunehmend durch weniger sichtbare, subtilere Formen der inneren Selbstkontrolle. Statt Dienstanweisungen gibt es dann schlicht Eigenverantwortung (siehe hierzu ausführlich „Das unternehmerische Selbst“ von Ulrich Bröckling).

    Dass dieses Moment der Kontrolle bzw. Selbstdisziplinierung Arbeit dann automatisch in eine „negative Ecke“ rückt, würde ich so aber nicht sehen. Es ist schlichtweg ein spezifisches soziales Setting mit spezifischen Regeln, Konzepten und Hierarchien. Und dieses Setting beinhaltet ja Rechte und Pflichten sowohl für Vorgesetzte als auch für die Mitarbeiter. Der Bezug zur Sklaverei ist daher völlig unpassend. Genauso gibt es auch keinen zwingenden Bezug zwischen Arbeit als „unfreier“ Tätigkeit und einem rein negativen Menschenbild. Das sind Ableitungen, die ich so nicht nachvollziehen kann.

    Charakterisierend für Arbeit ist dabei auch eine ökonomische Logik. Diese mag gerade im öffentlichen Dienst bisweilen sehr in den Hintergrund treten, die Fragen „was das bringt“, „was das kostet“ etc. finden sich aber auch hier. Bei Arbeit geht es also auch um Ziele, Optimierungen, Ressourcen, Kosten und Ähnliches. „Frei-Zeit“ wären für mich in diesem Sinne Aktivitäten und Zeiträume, die ‚frei‘ sind von solch einer ökonomischen Verwertungslogik. Ich kann in meiner Frei-Zeit Zeit vergeuden, ohne dass dies einen „Verlust“ darstellt. Ich kann meinen Garten bepflanzen, ohne den Ablauf vorher in „Arbeitspakete“ strukturieren zu müssen. Ich kann selbst entscheiden, was ich wann mache, ohne dies später vor einer höher gestellten Person mit einer PowerPoint-Präsentation rechtfertigen zu müssen. 😉

    In dieser Perspektive gibt es meiner Einschätzung nach schon eine Trennung zwischen Arbeit und, nennen wir es mal, „privaten Lebensbereichen“. Ich würde einfach mal unterstellen, dass auch die Personen, die von sich sagen, nicht zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit zu unterscheiden, dies sehr wohl tun. Vielleicht nicht in Bezug auf Themen und Uhrzeiten, aber vermutlich schon in Bezug auf Verhalten (gegenüber Freunden im Vergleich zum Chef) und Erwartungen (ein warmer Händedruck gegenüber einem Gehalt) usw.

    Den Begriff „Work-Life-Balance“ finde ich dabei aber ebenfalls unpassend. Er scheint zwar vordergründig ein Gleichgewicht anzustreben, sucht letztlich aber doch ökonomische Praktiken in den privaten Bereich zu transferieren. Da geht es dann eben nicht um Frei-Zeit, sondern ums richtige und effektive Zeitmanagement, um die Selbstoptimierung der eigenen Bedürfnisse usw. Soviel meine Gedanken zum „Gegenstück von Arbeit“, wobei ich hier keine Zweiteilung sehe, sondern eine Vielfalt an unterschiedlichen sozialen Lebensbereichen.

    Dann zur Frage nach der Stempeluhr/Stempelapp: Zeiterfassung von Arbeits-Zeit hat für mich dabei wenig mit (vorhandenem oder fehlendem) Spaß an der Arbeit zu tun. Zur Arbeit gehören immer Tätigkeiten und Umstände, die keinen Spaß machen. Ich denke nicht, dass das ein Problem ist, so lange die Arbeit insgesamt als sinn- und anspruchsvoll empfunden wird. Dafür sind verschiedene Elemente wichtig. Hier ist es, denke ich, angebracht, „Arbeit“ weiter aufzugliedern. Teil von Arbeit sind beispielsweise die Themen, in denen man sich bewegt, genauso auch die Hierarchien, deren Teil man ist, das Gehalt, das man für seine Tätigkeiten bekommt usw. Der „richtige“ Job ist dabei dann eine individuelle Kombination aus diesen Elementen. Von daher kann es schon sein, dass jemand Spaß an den Themen hat, seine Stunden aber dennoch erfasst, da die Ansprüche der Vorgesetzten an Verfügbarkeit und Umfang der Ergebnisse nicht zu den eigenen Vorstellungen passen. Hier muss man stärker differenzieren als einfach pauschal zu unterstellen, dass alle, die keinen Spaß an ihrer Arbeit haben, schlichtweg dem falschen Job nachgehen. Zudem ist es ja auch zeitlich sehr variabel, in manchen Monaten füllt einen die Arbeit vielleicht vollkommen aus, zu anderen Zeiten könnte man sich vielleicht besseres vorstellen, als zur Arbeit zu gehen 😉

    Dabei machen natürlich zwei Stunden Mehrarbeit pro Woche sicherlich keine Schwierigkeiten. Wie sieht es allerdings mit 20 Stunden Mehrarbeit aus? Oder mit 30 Stunden? Das 2-Stunden-Beispiel finde ich hier eher schwierig. Es konstruiert eine Situation, die natürlich kein Problem ist, um dann darauf zu verweisen, dass dies kein Problem sein sollte. Das ist ja irgendwie logisch 😉 Ähnlich auch die 3 Minuten Nachdenken unter der Dusche oder die 10 Minuten Fachdiskussion auf dem Heimweg. In dieser Größenordnung ist das alles natürlich kein Problem und der Erfassung sicherlich nicht wert. Eine Zeiterfassung macht man ja aber auch nicht wegen 3 Minuten oder 2 Stunden, sondern wegen größerer Beträge. Ich hatte an der Uni schon durchaus Kolleginnen mit 500 Überstunden auf ihrem Zeit-Konto. Da hat also auch die Zeit-Erfassung mit Stempeluhr niemanden an der „freiwilligen“ Mehrarbeit gehindert. (Insofern verstehe ich die Aufregung über Zeiterfassung ohnehin nicht. Schließlich kann man dieses wie viele Regularien an der Uni problemlos umgehen und/oder ignorieren). Viele von diesen 500 Überstunden haben sicherlich Spaß gemacht. Manche nicht. Aber ganz unabhängig davon, wieso sollten diese jetzt einfach verfallen? Nur weil Arbeit Spaß macht, heißt das ja nicht, dass man nicht dafür bezahlt werden sollte. (Dann wäre es tatsächlich ähnlicher zur Frei-Zeit.) Und die Abrechnungs-Einheit sind nun mal Arbeits-Stunden.

    In vielen Fällen, hat die Erfassung von Arbeits-Zeit daher auch eine rein pragmatische Funktion. Wie lange habe ich an einer bestimmten Aufgabe gearbeitet? Und wie lange werden dann die kommenden Aufgaben wohl dauern? Schaffen wir die Deadline noch, wenn wir wie bisher weitermachen? Wie viele Mitarbeiter brauchen wir für eine bestimmte Aufgabe? Wie viele Stunden stelle ich dem Kunden für einen Auftrag in Rechnung? Zeit ist in diesem Sinne auch schlicht eine Mess- und Recheneinheit, die in Form der Zeit-Erfassung Planung und Projektmanagement unterstützt. Zeit-Erfassung ist damit auch nicht automatisch ein Misstrauensvotum seitens des Arbeitgebers. Das kommt schlicht auf den spezifischen Kontext an. Natürlich kann Zeit-Erfassung nervig, aufwändig, unschön sein. Es muss es aber nicht. Das hängt ja aber doch nicht zuletzt auch von der konkreten Durchführung von dieser ab. Hier sollte in der Kritik der Zeit-Erfassung zwischen grundlegenden Problemen und konkreten Hindernissen bei der Durchführung unterschieden werden. Erstere sehe ich eher in einer ökonomischen Verwertungslogik, die aber Arbeit generell inne ist, letztere kann man ja in vielen Fällen beheben.

    Dass man als Angestellter auf Stundenbasis bezahlt wird und nicht nach Arbeitsergebnissen, hängt dabei ja nicht von der Erfassung dieser Stunden ab. Schließlich verdienst Du an der Uni auch ohne Stempeluhr nicht mehr, wenn Du tollere Ideen hast 😉 Warum speziell eine Zeiterfassung von Wissensarbeit unsinnig sein soll, erschließt sich mir aus den Ausführungen dabei nicht. Wenn ich mich abends zu Hause nochmal eine Stunde hinsetze, schreibe ich es halt kurz auf. Es gibt dafür auch zahlreiche Tools, die das zusätzlich vereinfachen. Wenn ich unter der Dusche kurz mal über ein Problem nachdenke, schreibe ich es halt nicht auf, weil der zu erfassende Zeitraum schlicht zu vernachlässigen ist.

    Ein Widerspruch scheint mir hier weniger aus konkreten Problemen bei der praktischen Durchführung zu kommen, als aus dem Gefühl heraus „kontrolliert zu werden“ gepaart mit der Einschätzung, dass Zeiterfassung eher zu monotonen, manuellen Tätigkeiten passt, zu Jobs, die man absitzt, aber nicht zu den kreativen, nebulösen Sphären der Wissensarbeit, in denen man in seinem Job aufgeht und diesen wirklich und wahrhaftig lebt; um das mal absichtlich überspitzt darzustellen. Wissenschaft nicht als Beruf, sondern als Berufung. Und dann kommt irgendwer mit so banalen administrativen Dingen wie Stempeluhren daher 😉

    Du schreibst: „Ach, ihr richtigen Menschen, lasst mich doch einfach arbeiten, sonst gerät nämlich meine Balance aus dem Tritt.“ Damit verweist Du ja letztlich auch auf die unfreien Momente von Arbeit, in denen jemand Übergeordnetes/Externes einem das Arbeits-Leben schwer macht. Genau aus diesem Grund braucht man Frei-Zeit, Zeit in der man frei von solchen Zwängen ist. Ob man diese Zeit dann weiter für hochschuldidaktische Themen verwendet oder einfach ins Kino geht, ist einem dann ja freigestellt. Zeiterfassung kann hier bisweilen einfach nützlich sein, als Planungstools, als Recheneinheit, als Diskussionsgrundlage gegenüber dem Chef. Zuviele Regeln machen genauso unfrei wie zuwenige Regeln. Ersteres ist Bürokratie, letzteres ist Willkür.

    1. Spannend, in der Tat! Dein Kommentar hat mich auch zum Nachdenken gebracht. Der Beitrag war gar nicht als so etwas wie Wahrheitsfindung gedacht, als vielmehr die Darstellung meiner ganz eigenen persönlichen Wahrnehmung. Das drückt einerseits der Titel aus – zweimal ich und etwas versteckter der letzte Satz. Der bezieht sich auf das Buch Omnisophie von Gunter Dueck, in dem er von richtigen, wahren und natürlichen Menschen spricht. Von denen ist keiner besser oder schlechter als der andere, ihre Sichtweisen aber (mitunter sehr) unterschiedlich und Quell von genau solchen Diskussionen.

      Mir ist ja zum Beispiel klar, mit welcher Absicht Zeiterfassung eingeführt wird – etwa aus Gründen des Projektmanagements. Die „Vermessung der Arbeitswelt“ hat jedoch in meinen Augen ein ungesundes Maß angenommen, und ich denke es ist schwierig, dadurch für nicht zwangsläufig wiederkehrende Nicht-Routinearbeiten wirkliche Erkenntnisse für die Steuerung zu erlangen. Das mag auf dem Papier wie eine Optimierung der Ressourcennutzung aussehen (Ökonomisierung, Wirtschaftlichkeit, „you name it“) – für Menschen bedeutet das aber unter Umständen ordentlich Stress. Und wenn das sowieso so einfach zu unterwandern ist, wie du sagst, wie aussagekräftig sind dann die Ergebnisse?

      Was das terminliche Erfassen der eigenen Arbeitszeit angeht, habe ich extra betont, dass ich das für vollkommen legitim halte, um sich vor so etwas wie Ausbeutung zu schützen. Ob die bei ein paar Stunden über der vertraglich geregelten Arbeitszeit aber vorliegt, das frage ich mich. Wenn ich das „Mehr“ tatsächlich als schlimm empfände, dann würde ich mich halt fragen, ob der Job vielleicht falsch für mich sein könnte. Das hat nichts mit Pauschalisierung zu tun oder damit, dass einem alles, aber auch wirklich alles an einer Stelle gefallen müsste.

      Das Stunden-Zählen birgt in meinen Augen darüber hinaus noch einen anderen Aspekt: Ebenso, wie Stempeluhren Mitarbeitern suggerieren, ihnen würde misstraut, kann das in Gegenrichtung funktionieren. Wenn Arbeitnehmer penibel ihre Arbeitszeit erfassen, dann kann das auch wahrgenommen werden als Furcht vor Ausbeutung. Und aus diesem Wechselspiel speist sich letztlich die zugegebenermaßen verkürzte Einbindung der „Theorie X“. Wenn jemand seine Mitarbeiter nach diesem Menschenbild behandelt, muss er sich nicht wundern, wenn sie sich dann früher oder später auch genau so verhalten. Wenn Mitarbeiter ständig nur das schlechteste vom Arbeitgeber denken, muss es nicht unbedingt überraschen, wenn genau das erst zum negativen Bild führt. Es gibt ja nicht nur die Firmen Semco (Ricardo Semler (2004): The Seven-Day Weekend) oder Morning Star (Gary Hamel (2011): First, let’s fire all the managers, in: Harvard Business Review, Bd. 89, Nr. 12, S. 48-60), bei denen so stark auf gegenseitiges Vertrauen – vertikal wie horizontal – gesetzt wird, dass viele gar nicht glauben, dass so eine Organisation überhaupt funktionieren kann. Und es geht doch.

      Nur weil Arbeit Spaß macht, heißt das tatsächlich nicht, dass man nicht dafür bezahlt werden sollte. Ich (hier ist wieder das ganz persönliche ich) fühle mich aber ausreichend bezahlt und will gar nicht jeden zusätzlichen Handschlag irgendwie in Geld umrechnen müssen. Das wäre mir viel zu nervig. Ich wüsste auch gar nicht, wie ich die Idee unter der Dusche, das zerstückelte Grübeln darüber im Zug, die Diskussion darüber auf einem EduCamp (denk dir ähnliche Sachen dazu, die eben nicht klar abzugrenzen sind wie „Ich beantworte jetzt abends innerhalb von 20 Minuten eine berufliche E-Mail.“) irgendwie fassen sollte.

      So. Unabhängig davon fand ich deine Abgrenzung von „Arbeit“ und „Nicht-Arbeit“ anregend. Danke dafür. Und jetzt werde ich ganz frei-unfrei tatsächlich noch arbeiten, ohne das irgendwie zu erfassen – aber auch ohne anderen das Recht dazu absprechen zu wollen.

  2. Da ich eben eh schon auf deiner Seite war, habe ich grad in der „Worklife-Balance-Diskussion“ verloren. Um das Fazit vorwegzunehmen: Du hast meine volle Zustimmung!! Und die analoge Formulierung „Gehirn-Mensch-Balance“ ist aus meiner Sicht nicht spitzfindig, sondern bringt es anschaulich auf den Punkt – wohl gemerkt für Tätigkeiten, die man inzwischen gemeinhin als Wissensarbeit bezeichnet. Mein Kommentar bezieht sich also auch nur auf einen sehr begrenzten Kontext, den ich meine, beurteilen zu können (z.B. Hochschule).

    Sicher ist die Zeit, in der man bestimmte Arbeiten (z.B. Korrekturarbeiten) tun kann, begrenzt. Zudem kann ich mir auch nicht vorstellen, dass Leute, die um 8.00 ins Büro gehen und erst um 21.00 Uhr wieder heimkommen, wirklich diesen ganzen Zeitraum konzentriert gearbeitet haben. Und wenn, dann hält man das nicht lange durch. Ebenso wenig kann ich mir vorstellen, dass man wirklich gute Arbeit leisten kann, wenn man dauernd unterwegs (also auf Dienstreisen) ist und sich vor Meetings nicht mehr retten kann. Das erschöpft die Menschen und raubt auch die Freude an der Arbeit. Meetings übrigens sollte man z.B. aus meiner Sicht rigoros zeitlich erfassen und begrenzen. da wäre das sinnvoll!

    Wenn es von der Sache und organisatorisch betrachtet irgendwie geht, sollte man „Wissensarbeitern“ ein Maximum an freier Zeiteinteilung geben; „Zeiterfassung“, eventuell noch an einem bestimmten Ort, ist dagegen kontraproduktiv. Natürlich muss man dann die eigenen Zeit selbst einteilen können. Schwierig wird es dann, wenn Partner oder Familie einen anderen Arbeitsbegriff haben und dann bereits das laute Nachdenken über ein fachliches Problem mit einem empörten „Schalt doch mal ab … Musst du immer arbeiten?“ quittiert wird. Ich habe das Problem Gott sei dank nicht (Wir arbeiten dann so gesehen immer ;-)), aber ich weiß, dass es vielen so geht.

    Also: Interessantes, aber natürlich auch vielschichtiges Thema! 🙂

    Gabi

    1. Danke für deinen Beitrag! Ich entdecke mit Blick darauf nach und nach das Chairperson-Postulat der Themenzentrierten Interaktion für mich:

      Sei dir deiner inneren und äußeren Gegebenheiten bewußt und entscheide in der Verant­wortung gegenüber dir und anderen; kurz: „Sei deine eigene ‚Chairperson'“!

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