Ruhig Blut! Lest die Überschrift bitte genau. Ich sage nicht, dass Arbeitnehmer zu faul wären. Ich sage nicht, dass sich Selbständige totarbeiten sollten. Ich sage bloß, dass ich den Begriff Work-Life-Balance nicht mag. Ekelhaft klingt ein wenig heftig, aber die Worte habe ich nicht ganz zufällig so gewählt.
Warum ich den Begriff nicht mag? Ich lege etwas in Waagschalen und versuche, ein Gleichgewicht herzustellen. Dann habe ich voneinander trennbare Dinge vor mir – vielleicht drei rote Äpfel und eine Tüte voll Snickers. Der Begriff Work-Life-Balance unterstellt daher, Leben und Arbeit ließen sich voneinander abkoppeln. Arbeit ist aber ein Bestandteil des Lebens. Es käme auch niemand auf die Idee, eine Gehirn-Mensch-Balance aufzustellen oder eine Reifen-Auto-Balance. Oh je, das klingt jetzt wohl eher wie eine bloße formale Spitzfindigkeit. Ich versuche es anders.
Was ist das Gegenstück von Arbeit?
Wir könnten auf die Idee kommen, das Gegenteil von Arbeit zu suchen. Wir könnten Arbeit von Nicht-Arbeit unterscheiden, dann landen wir gedanklich schnell beim Begriff der Freizeit. Der suggeriert im Gegenzug aber für die Arbeit, sie sei unfreie Zeit; Zeit, in der wir Sklaven von anderen wären. Ich finde diese Interpretation deshalb kritisch, weil sie Arbeit in eine negative Ecke rückt und letztlich ein ausschließlich negatives Menschenbild zementiert:
Without […] active intervention by management, people would be passive – even resistant – to organizational needs. They must therefore be persuaded, rewarded, punished, controlled – their activities must be directed. […] The average man is by nature indolent – he works as little as possible. […] He lacks ambition, dislikes responsibility, prefers to be led. […] He is gullible, not very bright, the ready dupe of the charlatan and the demagogue.
(bekannt als Theorie X aus Douglas McGregor (1960): The human side of Enterprise, New York)
Schon mal daran gedacht, dass manche Leute in ihrer Arbeit aufgehen, weil sie ihnen wirklich Spaß macht? Also wirklich wahrhaftig! Dass sie deshalb gar nicht klar zwischen so etwas wie Arbeitszeit und Nicht-Arbeitszeit unterscheiden, weil sich das für sie nicht voneinander trennen lässt? Sie haben wohl so etwas wie ihr Element gefunden, wie es Ken Robinson in einem seiner Bücher beschreibt. Ist es nicht eigentlich traurig, wenn jemand sein Leben lang freiwillig einer Tätigkeit nachgeht, aber dann die Stunden zählt, bis er sich davon befreien kann?
Stunden zählen ist blöd
Um es klarzustellen: Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn jemand seine Arbeitsstunden erfasst, um sich als Angestellter vor Ausbeutung zu schützen. Ich wundere mich aber, ob der- oder diejenige für sich den richtigen Job gefunden hat. Wenn der Spaß macht, kommt es dann auf zwei Stunden mehr die Woche an? Extrem schräg finde ich es andersherum, wenn jemand mit Freude an seiner Arbeit gezwungen wird, seine Zeit zu erfassen; womöglich noch per Stempeluhr. Das drückt nicht nur Misstrauen aus – „Ohne Kontrolle kommst du doch nicht arbeiten!“ – das ist vor allem bei Wissensarbeit komplett unsinnig. Das ist Arbeit, deren Hauptbestandteil das Nachdenken und Lösen von Problemen umfasst, die nicht zur Routine gehören und dadurch ganz neue Wege erfordern können: Wissenschaftler, Architekten, Ingenieure, Software-Entwickler, …
Es kommt aber wohl gar nicht so selten zu Szenen wie dieser: Der Chef ruft zu einer Besprechung und schildert ein Problem: „Wir haben eine Stunde, dann muss ich zu meinem nächsten Termin. Bis dahin brauchen wir eine gute Lösung!“ Wer kann denn auf Kommando kreativ sein? Und was passiert, wenn ich das auf Knopfdruck nicht bin, mir nichts einfällt, der Tag unproduktiv verläuft? Werde ich dann am Wochenende zum Nachsitzen einbestellt? Nein, das ist wohl nicht so schlimm, solange ich ordentlich acht Stunden täglich am Schreibtisch sitze. Bezahlt wird meine Anwesenheit. Hauptsache, in irgendeiner Statistik wird irgendetwas ausgewiesen.
Blicken wir aus der anderen Richtung auf die Sache: Was passiert, wenn ich zu Hause eine Idee habe – außerhalb der gesetzlich festgelegten Arbeitszeit? Muss ich mir drei Minuten Arbeitszeit aufschreiben, wenn ich unter der Dusche einen guten Einfall für mein Projekt hatte? Zehn Minuten für eine fachliche Kurzdiskussion auf Twitter auf dem Heimweg? Für solche Fälle erfinden Controller bestimmt bald Anrechnungstabellen. Und was ist, wenn ich unterwegs arbeite? Bekomme ich dann eine mobile Stempeluhr als App? Diese Fragen könnte ich mal an unsere Projekt-KontrolleurInnen in den oberen Etagen der Republik richten, denn uns droht demnächst eine Arbeitserfassung – im schlimmsten Fall gar mit Zwang zum Stempeln.
Ach, ihr richtigen Menschen, lasst mich doch einfach arbeiten, sonst gerät nämlich meine Balance aus dem Tritt.