Archiv der Kategorie: Allgemein

In „Allgemein“ wird alles gesammelt, was ich noch nicht zuordnen kann.

Abstellgleis Hochschuldidaktik

Gleise auf einem BahnhofSeit über einem Jahr suche ich nun schon nach einem neuen Job, seit einem Dreivierteljahr intensiv. Erfolglos. Kürzlich habe ich die Absage für eine Stelle bekommen, deren Beschreibung ich auch selbst hätte verfasst haben können. Sie passte einfach zu gut zu dem, was ich kann, tue und möchte. Nicht mal das scheint etwas zu bringen. Vor ein paar Tagen erhielt ich dann noch eine spezielle Jobempfehlung auf indeed: Kellner.

So wie ich es wahrnehme, habe ich mich mit meinem Wechsel in die Hochschuldidaktik auf ein Abstellgleis begeben. Dass ich eigentlich aus der IT-/Beratungs-Welt komme und einen Projektmanagementhintergrund habe, scheint komplett ausradiert worden zu sein. Dass ich mich auch in meinem jetzigen Job immer noch auf diesen Feldern bewege, wenngleich tatsächlich weniger, ist egal. Dass ich genau deshalb neben meiner Arbeit und auf eigene Kosten diverse Fortbildungen besuche, spielt offenbar keine Rolle. Dass ich mich selbst in neue Themenfelder einarbeiten kann − das zu lernen soll doch angeblich losgelöst vom Fach ein Ziel des Studiums sein: anscheinend irrelevant. Dass ich mich mit Begeisterung bestimmten Themen widmen kann, na und? Auch für Stellen für Berufseinsteiger und entsprechende Gehaltsvorstellungen reicht das nicht.

Erschreckend finde ich, was das mit mir macht. Mein Selbstvertrauen ist komplett im Keller. Dabei helfen mir auch keine tollen Floskeln wie „sehen Sie das nicht als Bewertung Ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten“ oder „das Profil von jemand anderem passt noch besser“. Inzwischen nur noch nervig finde ich Durchhalteparolen wie „Nicht den Kopf in den Sand stecken“. Meine Laune ist auf einem Tiefpunkt, auch wenn ich das nicht zeige. Und wenn ich dann bedenke, dass es mir im Vergleich zu anderen noch gut geht… Ich wage mir kaum auszumalen, wie sich erst jemand fühlen muss, der vielleicht von Hartz 4 lebt und noch länger erfolglos sucht als ich.

Ich will raus aus dem behäbigen und bürokratischen Öffentlichen Dienst. Ich will raus aus dem Hierarchiefetischismus und der Mutlosigkeit des Biotops Universität. Und ich will raus aus teach4TU, wo ich mich allein und deplatziert fühle. Wie das gehen soll, weiß ich langsam nicht mehr.

Das Internet kann zwar ein Haifischbecken sein, muss es aber nicht.

Das Schreiben in Blogs finde ich einfach, sei es bei Beiträgen oder Kommentaren. Ich habe überhaupt kein Problem damit, meine Gedanken öffentlich zu äußern, mit einigen Ansichten anzuecken und sicher mit manchen Dingen auch falsch zu liegen. Fehler passieren. Für andere ist das aber nicht so einfach. Ich habe den Eindruck, oft steckt so etwas wie Furch davor, sich eine fatale Blöße zu geben: „Was mögen bloß andere über mich denken?“ Oder gar: „Alles was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden.“

Interessanterweise spüre ich gerade selbst etwas in der Richtung, wenngleich weniger stark ausgeprägt. Ich produziere aktuell Minecraft-Videos auf Englisch, unter anderem um meine Sprachfertigkeiten zu verbessern. Das ist quasi komplett selbstgesteuertes Lernen, alles frei zugänglich auf YouTube. Mein Englisch ist wahrlich nicht perfekt. Das ist auch weder ein Drama noch ein Geheimnis. Trotzdem musste ich anfangs ein wenig Überwindung aufbringen, um das mit den Videos durchzuziehen. Fand ich die ersten beiden noch okay, finde ich das letzte wirklich schrecklich; nicht nur wegen der Sprache, sondern weil es komplett „verplant“ und wirr ist. Wer reinschauen möchte:

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Online gestellt habe ich es trotzdem. Ich fand das bereits nicht mehr schwierig. Die Erfahrung mit den ersten beiden Videos hat mir offenbar gereicht, um meine Bauchschmerzen zu vertreiben: niemand, der mich für meine Patzer ausgelacht, hämisch kommentiert oder sonstwie runtergeputzt hätte. Mag noch kommen. Aber bisher habe ich sogar positive Rückmeldungen bekommen, wenngleich eher zum Format und dem gezeigten Bauwerk denn zur Sprache ;-)

Zurück zum Bloggen: Mit dieser neuen Erfahrung kann ich nun erst recht anderen raten, es einfach mal auszuprobieren. Das Internet kann zwar ein Haifischbecken sein, muss es aber nicht. Und Haien kann man notfalls auch ausweichen oder ihnen eins auf die Nase geben.

Ich blicke in die Augen eines traurigen Mannes

Ich blicke in die Augen eines traurigen Mannes. Anders sieht er aus. Anders, als ich ihn in Erinnerung habe. Ich erinnere mich an das verschmitzte Lächeln, das mich an einen kleinen Jungen erinnerte, dem gerade ein Streich durch den Kopf ging. An die Augen, die aufblitzten, wenn etwas seine Neugier weckte. Nichts mehr entdecke ich davon. Ich blicke in die Augen eines traurigen Mannes. Sie erzählen mir seine Geschichte.

Es ist 1872 im Wilden Westen der USA und noch nicht lange her, da traf der Mann eine Entscheidung, deren Tragweite er nicht einmal erahnen konnte. Wie sollte es anders sein: Sie hatte mit einer Frau zu tun. Er liebte sie. Er liebte sie so sehr, dass er freudig für sie große Strapazen auf sich nahm. Jeden Tag. Sein Lohn dafür war groß. Er durfte mit ihr zusammen sein, mit ihr lachen, mit ihr sinnlose Gedanken spinnen und sich in ihren Armen zur Ruhe begeben. Bis die Strapazen aufs neue begannen. Jeden Tag. Jeden Tag fuhr der Mann von Ort zu Ort, hin- und hergerissen zwischen der Frau und der Stadt, in der er arbeitete. Jeden Tag vier Stunden und mehr, in denen er sich gegen die Widrigkeiten der Postkutschen und all die Menschen zur Wehr setzte, die seinen Weg kreuzten. Gegen Menschen? Es war nicht so, dass er sie nicht mochte. Im Gegenteil. Er verdiente gar sein Geld damit, anderen zu helfen, und es gefiel ihm. Aber es war für ihn auch anstrengend. Immer auf andere Rücksicht nehmen. Immer gute Laune verstrahlen, ob ihm danach zumute war oder nicht. Es zehrte an seinen Kräften. Er wollte nicht mehr ständig von Menschen umgeben sein, floh bei seinen Fahrten aus dem Innenraum der Postkutsche und zog sich auf’s Dach zurück. Hitze im Sommer, Kälte im Winter. Aber dort fand er den einzigen Rückzugsraum, in dem er für einige Minuten des Tages ganz für sich sein durfte.

Ich blicke in die Augen eines traurigen Mannes. Sie erzählen davon, wie er abends seiner Frau mit den ihm verbleibenden Kräften Aufmerksamkeit schenkte. Und sie ihm. Sie gab ihm den Halt, den er benötigte. Doch das Leben, es nimmt wenig Rücksicht auf Menschen. Es spielt mit ihnen. Die Arbeit des Mannes wurde zusehens anders und erfüllte ihn nicht mehr. Jeden Tag nahm er die Strapazen der Reise auf sich und fuhr morgens an den Ort, der mehr und mehr an ihm nagte. Doch er hatte noch seine Frau. Sie machte all das Leid immer noch erträglich für ihn, in der wenigen Zeit, die beide füreinander hatten. Und er ertrug es für sie. Doch das Leben hatte seine letzte Karte noch nicht ausgespielt. Die Frau hatte ihr eigenes Arbeitsleben, musste selbst häufiger unterwegs sein, war bis spät abends beschäftigt. Der Mann spürte, dass ihm die Kräfte schwanden. Aber hatte man ihn nicht gelehrt, dass man als Mann stark zu sein habe? Wurde es nicht erwartet, Widrigkeiten standhaft zu trotzen? Also hielt er aus. Das Leben zehrte weiter an ihm, und nahm ihm sein Wesen. Stück für Stück nur, immer ein wenig, doch mehr und mehr. Und dann holte das Leben zum finalen Schlag aus. Die Frau musste umziehen.

Ich blicke in die Augen eines traurigen Mannes. Sie erinnern sich daran, wie es war für ihn. Morgens allein aufwachen. In der Kutsche all die Menschen, deren Nähe er mied. Die Arbeit, die ihn nicht erfüllte. Wieder die Kutsche mit noch mehr Menschen. Um abends zurückzukommen in ein Haus, in dem niemand ihn erwartete. Jeden Tag. Er suchte Zuflucht bei der Frau, so oft es ging. Dafür nahm er noch mehr Reisen auf sich, längere gar. Immer wieder. Er verzweifelte, er konnte nicht mehr schlafen, er weinte heimlich, aber er musste doch stark sein. Er zeigte nichts. Bis er eines Tages nichts mehr fühlte als Leere. Ohne Freude. Ohne Sinn. Verzweifelt sucht er die Liebe, die ihn erfüllt hatte. Er sucht. Er sucht. Er findet sie nicht. Er bricht in Tränen aus.

Ich blicke in die Augen eines traurigen Mannes, der sich nicht anders zu helfen wusste, als die Frau zu verlassen, um ihr nichts mehr vorzuspielen zu müssen. Ich blicke in die Augen eines traurigen Mannes, der alsbald allein in die Stadt zog, in der er arbeitete. Ich blicke in die Augen eines traurigen Mannes, dessen Gefühle ohne die Strapazen zurückkehrten und ihn zerbrechen ließen an dem, was ihm gewahr wurde. Zu spät. Die Frau, tief verletzt, hatte sich einen anderen Weg ohne ihn suchen müssen. Der Mann ist allein. Wie es weitergeht, weiß er nicht. Er wartet auf Antwort, die ihn nicht erreichen wird. Er wartet. Er weint. Er wartet.

Es ist 2014 in Deutschland. Postkutschen sind längst durch die Bahn ersetzt worden. Ich blicke in die Augen eines traurigen Mannes im Spiegel.