Manchmal steckt das Wichtige im Interludium

In Deutschland ist vielerorts die allgemeine Anwesenheitspflicht bei Hochschullehrveranstaltungen abgeschafft worden. In Nordrhein-Westfalen muss man etwa nur physisch vor Ort sein, wenn man das Lernziel sonst nicht erreichen kann. Exkursionen, Sprachkurse, Praktika, praktische Übungen oder vergleichbare Lehrveranstaltungen müssen also weiterhin besucht werden. Etwas anders ist das offenbar an der Coventry University.

Dort müssen sich Studierende bei Lehrveranstaltungen vor Ort per Karte an einem Terminal an- und abmelden. Das dient nicht nur der Statistik, sondern kann handfeste Konsequenzen haben. Wer zu oft nicht anwesend ist, muss sich rechtfertigen und kann auch der Hochschule verwiesen werden. Hätte es das zu meiner Studienzeit in Braunschweig gegeben, hätte ich heute definitiv keinen Abschluss in der Tasche.

Interludium

Den letzten Satz hatte ich neulich sinngemäß getwittert, und daraufhin entspann sich ein kleines Missverständnis. Das habe ich heute dem Feierabendbier Open Education, Episode 26 (25:17) entnommen. Bei meinem (nicht gelöschten) Tweet fehlen wohl Anführungszeichen oder andere Indikatoren, dass das keine Antwort auf den vorangegangenen Tweet von Christian Friedrich war, sondern bloß ein neckischer und sachlich verkürzter Kommentar zu der von ihm zitierten Begründung: „Wir sorgen uns um dich“.

Was meinte ich damit? Im Jahr 1513 erschien das Buch „Der Fürst“ von Niccolò Machiavelli. Er geht darin von einem sehr pessimistischen Menschenbild aus, das er durch Beobachtung seines Umfelds gewann. Alle verdorben. Ein Herrscher könne mit passenden Regeln dennoch seine Macht erhalten und „gute“ Menschen hervorbringen. Der „gute“ Zweck heilige dabei die Mittel, da die Gesellschaft ja auch schon verkommen sei.

In meinem verworrenen Kopf formte sich aus der Situation in Coventry und dem Satz von Christian daher die Szene in einer Bar, in der mir wohlwollend ein Studium nach oben beschriebenen Muster serviert wurde und ich dem Kellner wie im Tweet antworte.

Okay, der Bogen erklärt sich nicht von alleine. Aber was hast du denn bloß gedacht, Christian? 🙂

Und wieder zum Thema

Wenn ich schon einmal beim Thema bin, hänge ich doch noch etwas dran. Vergangene Woche habe ich mir einen Vortrag von Rolf Schulmeister angesehen. Er beschreibt dadurch Effekte der physischen Anwesenheit in Lehrveranstaltung, der er empirisch erhoben hat. Zusammengedampft: „Wer in den Hörsaal geht, bekommt bessere Noten als jemand, der das nicht tut oder nur online lernt.“

Na, wenn das so ist!? Ist dann Anwesenheitspflicht wie in Coventry doch eine runde Sache? Sind die Überwachungsmaßnahmen völlig in Ordnung, weil ja etwas Gutes für die Studierenden dabei herauskommen soll? Oder ist das doch etwas zu viel der Fremdbestimmung und Freiheitsbeschneidung? Was meint ihr?

3 Gedanken zu „Manchmal steckt das Wichtige im Interludium

  1. Klingt wie ein klassisches Twitter Missverständnis, danke für die Ausführungen. Machiavelli habe ich zwar auch mal gelesen, die Brücke habe ich aber in dem Moment nicht bauen können.

    Vielleicht noch kurz zu Deiner Frage danach was ich mir gedacht habe, damit wir einen Deckel draufmachen können: mir fällt der Sprung in das „deutsche twitter“ inzwischen zusehends schwerer. Mag an meinem Netzwerk liegen, aber ich nehme das was hier bei twitter im Bereich Digitalisierung (allein das Wort schon), Bildung und Technologie etc. stattfindet als im besten Fall selbst beweihräuchernd, unkritisch und oft recht eindirektional wahr (also kein Unterschied zu den landläufigen Vorurteilen gegenüber twitter). Kein konstruktiver Austausch von Argumenten, sondern abwiegeln und eine Unterhaltung „gewinnen“ sind das Ziel. Wie schon angedeutet, das deckt sich im besonderen Maß mit den Bedrohungsszenarien derer, die gegen den Einsatz jeder Technologie im Bildungsbereich wettern. Und dass dieses Phänomen dann wiederum u.a. auch durch diejenigen, die sich für einen bewussten Einsatz von Technologie in Bildung stark machen, Verbreitung findet, ist letztendlich enttäuschend und auch irgendwie bezeichnend.

    Um meine Kurve nun noch zu bekommen: Dein tweet hat vermutlich unbewusst eben „diesen Knopf“ bei mir gedrückt, was – insbesondere vor dem Hintergrund Deiner Erklärungen hier – zu Unrecht geschehen ist. Inzwischen mache ich mir in solchen Fällen dann aber auch bei twitter nicht mehr die Mühe nachzufragen, my bad. Das schiebe ich ganz selbstgerecht auf die in mir durch twitter-Nutzung ausgelöste Frustration. Dass ich Deinen tweet im Verlauf der Aufzeichnung nicht finden konnte, schiebe ich wiederum auf das reply-redesign und meine eigene Unfähigkeit, zu je 50 Prozent.

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