Wolken am Wissenschaftshimmel

Ich habe ja schon öfter über die weniger glamourösen Aspekte berichtet, die in der Wissenschaftswelt immer wieder vorkommen und die manch einer vielleicht lieber unter dem Mantel des Schweigens verbirgt. Da gab es beispielsweise abgelehnte Beiträge, schlechte Vorträge oder einfach gefühlte Rückschläge in der Forschung. Es herrscht nicht immer Sonnenschein. Heute kommt ein weiteres Kapitel hinzu.

Christian Spannagel und ich haben einen Beitragsvorschlag für die International Conference on Science and the Internet 2012 (#cosci12) eingereicht, der auch angenommen wurde. Wir hatten dann gut und gerne vier Monate Zeit, um den Beitrag zu verfassen. Was haben wir gemacht? Erst einmal gar nichts. Prokrastination vom Feinsten. Etwa vier Wochen vor Abgabeschluss ging es dann erst los. Kurz darauf musste Christian dann leider schon wieder aussteigen, weil er wegen anderer Aufgaben schlicht und ergreifend keine Zeit mehr für den Artikel abzweigen konnte. Ich fand das überhaupt nicht schlimm, denn ich weiß selbst, wie ich mich zeitlich ab und an verplane. Das hieß allerdings, ich würde einen ganz schönen Zahn zulegen müssen, um die Zeitvorgabe einhalten zu können. Dass ich fast zeitgleich eine neue Stelle angetreten hatte und wir Englisch als Sprache für den Text gewählt hatten, machte die Sache nicht gerade einfacher. Der Bearbeitungsverlauf lässt sich in der Versionshistorie der zugehörigen Wiki-Seite verfolgen.

Immerhin, ich kam voran. Kurz vor Abgabeschluss machte ich die Veranstalter der Konferenz allerdings darauf aufmerksam, dass ich den Termin nicht einhalten können würde. Nach einer weiteren Woche ergab sich dann ein ganz anderes Problem: Der Text war inzwischen zu lang. Für die Einreichungen gab es eine Begrenzung auf etwa 3.000 Worte, meine Ausarbeitung hatte bereits mehr als doppelt so viele, und diverse Stichpunkte wollten noch abgearbeitet werden. Mehr als zwölf Seiten wurden aber auch auf Anfrage nicht zugelassen. Das ist vollkommen verständlich, wenn man weiß, dass typischerweise mit Verlagen vorab ein Gesamtseitenumfang für einen Sammelband ausgehandelt wird. Aus Kostengründen kann man da nicht einfach ein paar Seiten mehr einreichen. Bliebe die Frage, weshalb man nicht schlicht die Beiträge online etwa als PDF-Dokumente zur Verfügung stellt und eine Print-On-Demand-Version für diejenigen anbietet, die gerne einen gedruckten Sammelband wünschen.

Mein ursprünglicher Gedanke, einfach eine kürzere Fassung für den Druck zu erstellen und darin auf die frei zugängliche Langfassung im Internet zu verweisen, schien mir inzwischen nicht mehr praktikabel. Ich hatte damit gerechnet, am Ende vielleicht ein oder zwei Seiten über dem Limit zu liegen, aber das erwies sich ganz offensichtlich als Irrtum. Das Thema, das Christian und ich behandeln wollten, ließ sich offenbar nicht im gewünschten Umfang unterbringen – zumindest für mich nicht zufriedenstellend. Auf einige Passagen hätte ich sicher verzichten können, aber über die Hälfte des Inhalts zu streichen, wäre mir wie eine Kastration vorgekommen, wie eine least publishable unit. Damit wird eigentlich das Aufteilen eines großen Beitrags in gerade noch publizierbare Häppchen bezeichnet, um sie in in möglichst vielen verschiedenen Zeitschriften oder Büchern veröffentlichen zu können und so die eigene Liste der Veröffentlichungen anschwellen zu lassen. Die gilt in der Wissenschaft nämlich mitunter als Maß des Erfolgs.

Da ich an dieser Praktik kein Interesse habe, sagte ich die Teilnahme an der Konferenz zunächst ab. Ich konnte bzw. wollte keine Zwölf-Seiten-Kurzfassung liefern, was ich natürlich keinesfalls den Veranstaltern anlasten kann. Es gab die Vorgaben, ich wusste davon. Meinem Mangel an diplomatischem Geschick ist es aber wohl zu verdanken, dass das ganz anders ankam. Es scheint so, als habe ich rübergebracht, Print sei grundsätzlich überflüssig und Konferenzen sowieso Unsinn. Zur Antwort bekam ich, gerade Kritiker außerhalb des Netzes müsse man ja über andere Wege erreichen, da sie im Web nicht zu finden seien. Und das stimmt! Aus dem Grund hatte ich auch zugesagt, als man mir anbot, einen Vortrag auch ohne einen Artikel nach Vorgabe zu halten. Das wird am kommenden Donnerstag sein.

Was bleibt, sind meine Zweifel, was das bringen wird. Auch diese Zweifel beziehen sich nicht speziell auf die #cosci12, sondern ganz allgemein auf das Format, das bei Konferenzen häufig anzutreffen ist: 20 Minuten Frontalvortrag, 10 Minuten Diskussion, nächster bitte. Ohne die konkreten Inhalte zu kennen, soll ich dem Redner zuhören, gleichzeitig die Inhalte durchdenken, direkt im Anschluss offene Fragen klären und schließlich in der verbleibenden Zeit auch noch diskutieren? Selbst von einem „Verfechter klassischer Wissenschaft“ vernahm ich vor einiger Zeit die Frage, was man denn von solchen Konferenzen mitnimmt, was nicht sowieso im Artikel nachzulesen ist. Die gegebene Zeit dort reiche seiner Wahrnehmung nach jedenfalls nicht aus, um die Inhalte zu durchdringen und sich dann angemessen dazu austauschen zu können. Wir werden sehen…

Der besagte Artikel ist übrigens immer noch nicht fertig, aber es steht nun fast eine komplette Rohfassung, der dann noch der Überarbeitung bedarf.

24 Gedanken zu „Wolken am Wissenschaftshimmel

  1. Dein Blogpost ist sehr ehrlich und ich meine fast den eigenen Frust herauszuhören, wenn man an seinen eigenen Anforderungen scheitert. Ich selbst finde kürzen auch immer unbefriedigend, zumal wenn man aufbauende Artikel genau für diesen Fall die „Langversionen“ wieder herausholt. Und mir reicht es oft auch nicht, für einige Inhalte lediglich auf weitere Quellen zu verweisen, denn das tun die Leser ja doch nur seltenst. Wahrscheinlich würde ich mir als Leser auch etwas seltsam vorkommen, wenn ich mal einen Artikel von 3, dann einen mit 20 Seiten finde. Damit wäre der 3seitige für mich immer der „ach, hier hatte wohl jemad keine Lust“-Artikel. Gleichermaßen sind die Seitenzahlbegrenzungen nicht unwichtig, um einerseits eine Vergleichbarkeit der Beiträge im Review zu erreichen (auch, wenn es Äpfel und Birnen sind) als auch hinsichtlich der Tagungsband-Print-Version.

    Für letztere bin ich aber ganz Deiner Meinung: Die muss eigentlich nicht mehr sein. Erstens staubt sie im Schrank nur ein, weil sie nicht automatisch durchsucht werden kann und dann ist ohnehin nur ein kleiner Teil der Beiträge für den einzelnen relevant. Umso interessanter fand ich die L3T-Personal-Edition-Umsetzung http://www.youtube.com/watch?v=7_SoxZ27wlg was durchaus auch für Tagungsbände interessant wäre: diejenigen, die sich eine gedruckte Variante wünschen, können sie selbst zusammenstellen.

    1. Ja, da schwingt Frust mit. Wir haben ja gewissermaßen einen Artikel zu den genannten Konditionen zugesagt, dann aber nicht geliefert. Das wurmt mich in der Tat.

      Andererseits war ich auch – wie soll ich sagen – verdattert über die Reaktion auf meine Frage nach einer möglichen Lösung. Die Antwort lautete nämlich bloß, dass der
      „Artikel NICHT LÄNGER ALS 12 SEITEN“ sein dürfe, und ich solle mich an die Termine halten, schließlich müsse man da noch reinschauen. Die Autoren, die die Inhalte liefern und sie „camera ready“ formatieren, die für die Konferenzteilnahme bezahlen, die sollen sich doch bitteschön auch an die Regeln halten, die ihnen vorgegeben werden. Und das mit dem vorab Reinschauen habe ich auch nicht verstanden, schließlich war der Text seit jeher online zugänglich, auch wenn einige Teile noch stichwortartig aufgeführt waren. Wie dem auch sei, das spielt ja nun keine Rolle mehr.

      Allgemein mag das Seitenlimit der vermeintlichen Vergleichbarkeit beim Begutachten dienen, in diesem speziellen Fall wurde aber bereits über die eingereichten Abstracts entschieden. Aber auch sonst hielte ich das für kein sonderlich gutes Argument.

  2. 1. Als Disclaimer: Ich bin Mitveranstalter der Konferenz und insoweit (bedingt) befangen. Ich habe aber weder die besagten Emails verfasst noch bin ich für die Organisation des Tagungsbandes und der Vorträge zuständig.

    2. Zum Konferenzformat habe ich folgendes Verständnis: Das ist so ähnlich wie die „Trailer“ im Kino. Man wird auf Dinge aufmerksam gemacht und wenn sie einen interessieren informiert man sich persönlich / online / etc. Die Referenten kommen ja nicht nur für ihren 20 Minuten Vortrag, sondern sind auch den Rest der Tagung vor Ort; man kann sie in Kaffeepausen etc. ansprechen. Auch die öffentliche Diskussion dient weniger dem individuellen Verständnis sondern eher der Kundgabe von Kritik (bzw. dem „Outen“, dass man auch Ahnung zu haben glaubt).

    3. An Seitenlimits halte ich mich prinzipiell nicht; mein Beitrag zu cosci hat 15 Seiten und soll halt von den Herausgebern gekürzt werden. Online wird es ohnehin alle Beiträge als PDF geben.

    4. Der Grund für die kurzen Fristen etc. war eigentlich, dass man allen Teilnehmerinnen vorab schon die kompletten PDF-Papers als Lektüre bieten wollte (damit sich jeder schon vorbereiten kann). Das hat (natürlich) nicht geklappt; das letzte Paper kam heute.

    5. Individualkommunikation vor Ort hat schon einen ganz anderen Wert als Fernkommunikation (wie uns auch die hier diskutierte Email zeigt ;-))

    6. Auch Tagungsbände haben ihre Existenzberechtigung – vor allem wegen des „Browsing“-Effekt, den ich bislang noch in keiner Onlinepublikation erlebt habe. Wenn ich ein Papierbuch in der Hand habe, entdecke ich oft auch Themen, nach denen ich nie gesucht habe, die ich aber doch interessant finde. Das habe ich beim gezielten Zugriff mit Google (leider) nicht. Zudem: Für viele Personen ist „Print“ identisch mit „Qualität“ (und „zitierwürdig“), dazu auch mein Vortrag ;-)

    7. Am Rande (und auch selbstkritisch): Ein guter Bekannter meinte einmal, wer seine wissenschaftliche These nicht in zwei Sätzen darlegen könne, habe sie selbst noch nicht verstanden. Bei 12 Seiten sollte man in der Tat zu einem klaren Ergebnis kommen können (zu einer „runden Sache“) – ich hasse diese Laberarbeiten mit 500 Seiten (z.B. http://www.amazon.de/Haftung-entt%C3%A4uschtes-Aktion%C3%A4rsvertrauen-Michael-Beurskens/dp/3452269299/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1343638151&sr=8-1 ;-)). In einer „vernetzten Welt“ sollte man doch mit einem Nachweis zurechtkommen.

    8. Ich bin auch kein Freund von Formalismen (Seitenlimits etc.), warum das gemacht wird („12 Seiten und Ruhe!“) sollte aber auch jedem klar sein: Es macht viel weniger Arbeit, als individuell zu verhandeln. Aus meiner Sicht kann es durchaus auch Beiträge mit mehr Seiten geben (bei einer Tagung im vergangenen Jahr habe ich mir rausgenommen 60 Seiten zu schreiben, das hat auch geklappt).

    9. Zum Thema „Online reinschauen“: Nicht jeder, der das Internet erforscht, nutzt es auch bzw. will es auch nutzen. Davon kann man halten was man will (und sich sein eigenes dazu denken ;-) Als Jurist kann ich immerhin sagen: Nicht jeder Strafrechtler muss auch mal ein Verbrechen im Gefängnis abgesessen haben.

    10. Was ich nicht ausschließen kann ist schließlich, dass da generelle Vorbehalte gegen das Konzept von Open Science reingespielt haben. Auch hierzu kann ich als konsequenter Vertreter von Mindermeinungen nur sagen: Man wächst an seinen Herausforderungen (freilich nur, wenn man nicht sofort aufgibt oder sich zwingend anpasst ;-))

    Gruß aus Düsseldorf

    Michael Beurskens

    1. Ich gehe lieber für den Film ins Kino, Trailer kann ich auch zu Hause schauen :-)

      Aufgeblähte Werke sind auch nicht mein Fall, dafür ist wohl der Informatiker-Anteil verantwortlich. Aber ich meine auch, normalerweise nicht zuuu viel Beiwerk einzubauen. Von einer Probeleserin kam eher der Einwand, dass gerade die Beispiele doch sehr knapp gehalten seien und die Ausführungen noch nicht klar verdeutlichen. Ich habe jedenfalls keine Bauchschmerzen, dass der Artikel nicht gedruckt wird. Wenn ihn deshalb jemand schlechter findet, kann ich damit auch leben. Und wer ihn nicht online lesen will, könnte sich den Text ja auch ausdrucken oder bei entsprechender Aufbereitung einen gedruckten Band bestellen… So funktioniert etwa auch die juristische (mal den Fächerbogen schlagen) Open-Access-Zeitschrift GoJIL, die auch schon eine internationale Konferenz organisiert hat: http://www.olivertacke.de/2011/09/27/open-access-passt-zu-unserer-philosophie/

      Wie auch immer, ich weiß auch, dass ich manchmal „strong opinions“ habe. Und wenn die auf einen Gegenpol treffen, dann funkt es. Lassen wir uns überraschen, wie Open Science 2.0 ankommt.

  3. Ich fand deinen Beitrag auch sehr interessant. Aus meinen Erfahrungen bei der Beratung der Verlagsindustrie weiß ich, dass dort die Planke für das Druckwerk bereits ausgefahren ist: die Frage ist nur mehr, wann das Druckwerk springt. Ein Spiegeljournalist erzählte mir vor einigen Wochen, dass in der Schule in Südkorea sämtliche gedruckten Schulbücher bis Ende 2015 (!) verschwinden sollen. Bewerten will ich das gar nicht. Als Physiker empfinde ich die Debatte als verspätet: schon in meinem eigenen Postgraduierten Studium vor 20 Jahren gab es außer online nichts. Aber ohne Nostalgie gehts auch: als publizierender Wissenschaftler der Jetztzeit haben meine Daumen schon lange keinen gedruckten Artikel mehr berührt. Das mag an meiner Wissenschaft, meinen Themen, und meiner Arbeitsweise liegen. In jedem Fall sehe ich an mir und an Kollegen aus aller Welt, dass diejenigen Konferenzen, die dem Inhalt und dem Vortragenden/Kreativen, in welcher Form auch immer, maximal entgegenkommen stark bevorzugt werden. Ein Trend, der sich sicher noch verstärken wird. Und natürlich viel Glück bei deinem Vortrag! – Schleichwerbung: nicht unsere Berliner Tagung vergessen, Link zur Anmeldung: http://elearning.hwr-berlin.de/tagung

  4. 1. Wie viele Kinofilme erscheinen jedes Jahr auf deutschen Leinwänden (inkl. Programmkinos)? 200? 500?

    Zum Vergleich: Wie viele interessante wissenschaftliche Themen kommen jedes Jahr auf? 5 Millionen? 100 Millionen?

    Insoweit mag man sich die 100 Trailer fürs Kino zu Hause ansehen, aber nicht die 5 Millionen brillanten Ideen. Um mitzubekommen, „was sich so tut“ sind Tagungen unverzichtbar.

    2. Das Göttinger Beispiel zeigt das Problem vieler Open Access Publikationen – es gibt zu viele (vielleicht auch zu viele gute). Wer liest die denn alle? Und auch die Göttinger meinten ja offenbar, eine Konferenz mit echten Menschen zu brauchen… ;-)

    Online-Zeitschriften wie die ZJS (http://www.zjs-online.com/) oder JurPC (http://www.jurpc.de/), die sich lizenzvertraglich bedeckt halten (also kein „Open Access“ im Sinne der Definition sind) tun sich sehr schwer, gute Beiträge zu kriegen (und nicht bloß Zweit- und Drittverwertungsmedien zu sein). Der Grund für diese Wettbewerbsverzerrung: „Auf dem juristischen Publikationsmarkt in Deutschland sind zahlreiche Wettbewerber aktiv und bei renommierten Journalen mit hohen Auflagen ist es für Autor/innen nicht unüblich, dass sie für ihre Veröffentlichung auch ein kleines Honorar erhalten.“ (Verch, http://open-access.net/de/oa_in_verschiedenen_faechern/rechtswissenschaft/#ixzz227cfsvpu). Außerdem ist die Google-Recherche jedenfalls in der Rechtswissenschaft völlig unüblich. Und das bringt mich sofort zu…

    3. Meines Wissens gibt es nur wenige Menschen die einfach mal in Google (von mir aus auch Google Scholar) „Wissenschaft“ als Schlagwort eingeben und gucken was da kommt. Einen Tagungsband greift man sich da schon eher aus dem Regal und liest auch mal das Inhaltsverzeichnis, auch wenn man „eigentlich“ nur einen Beitrag wollte (oder gar nur das Oberthema Interesse weckte). Natürlich sind 12 Seiten maximal ein Abstract (man kann zu jedem Thema Bücher schreiben – aber erwartet man auch, dass die auch gelesen werden? Ich kenne außer den armen Betreuern meiner Dissertation niemanden, der jemals mehr als 10 Seiten daraus gelesen hat). Aber derjenige, der sich davon angesprochen fühlt, liest auch weiter. Und darauf kommt es an.

    4. Klarheit und Beispiele müssen auch nicht immer „Masse“ bedeuten – denn man kann zum Teil auch an Wiederholungen sparen (oder bei bekannten Grundlagen schlicht verweisen). Gerade bei juristischen Arbeiten liest man ständig, wie das Internet entstand und wie Google gegründet wurde – liebe Jura-Doktoranden: Das weiß man inzwischen und das schreiben andere spannender, verständlicher und kompakter als ihr. Aus meiner Sicht sollten Arbeiten nur aus dem „neuen“ bestehen und hinsichtlich der Darstellung soweit irgend möglich verweisen – aber da bin ich wohl meiner Zeit um 150 Jahre hinterher (oder um 100 Jahre voraus ;-)).

    Das gilt aber nicht nur für Juristen – auch Informatiker können enorm rumlabern (dafür habe ich genug Informatik-Publikationen gelesen).

    5. Ausdrucken bringt zwar das Dokument aufs Papier – aber ändert weder die Zugänglichkeit (bis es eine ideale Suchmaschine gibt, die insbesondere auch institutionelle Repositories erfasst, vernünftige Bewertungsmechanismen ex post anbietet und vor allem hervorragende Filteralgorithmen unterstützt wird sich daran nichts ändern; eine echte „Related Links“-Funktionalität funktioniert erst bei hinreichender Datenmenge und guter Auswertungssoftware) noch erreicht es die potentielle Zielgruppe (Menschen, die mit Open Science nichts anfangen können).

    6. Vielleicht setzen sich die Vertreter von Open Science aber auch in ihren eigenen (gläsernen) Elfenbeinturm (gibt es gläsernes Elfenbein? Von durchsichtigen Elefanten?). Zwar könnte sie jeder sehen, aber letztlich schaut man sich nur gegenseitig an (oder wird von einem naiven Publikum angegafft). Dieser Gefahr gilt es frühzeitig entgegenzuwirken – sonst heißt es schnell „Die Vertreter Open Science bemühen sich nur, ihre Faulheit zu verstecken – sie publizieren keine richtigen wissenschaftlichen Aufsätze, sondern schreiben nur irgendwas im Internet, und behaupten dann, dass dies die neue Wissenschaft ist.“ (leicht modifiziertes Wortzitat eines Kollegen).

    7. Und noch mal ganz deutlich: Ich befürworte Open Science (insbesondere in den Geisteswissenschaften; bei den Naturwissenschaften gibt es oft Probleme wegen Betriebsgeheimnissen und Patenten). Ich fürchte nur, dass das Marketing nur eine sehr kleine Zielgruppe erreicht (nämlich diejenigen, die sich nicht an ihren klassischen Publikationen messen lassen müssen). Klassisches Henne-Ei-Problem: Wenn die Leser online sind, kommen auch die Autoren – online recherchieren lohnt sich aber erst, wenn gute Inhalte da sind. Bislang wird vor allem bei der Inhaltsproduktion „Druck gemacht“ (durch Geld für Open Access, wie auch sonst ;-)) – aber die „Nachfrage“ wird kaum unterstützt. Und da bieten klassische Tagungen recht gute Streumöglichkeiten.

    8. Wen’s interessiert: Aus juristischer Sicht sehr lehrreich (und retrospektiv wohl überoptimistisch Wolfram Timm, Das Gesellschaftsrecht im Cyberspace in: FS Lutter, Köln (o. Schmidt), 2000, S. 157). Dort u.a. Aussagen wie „Gerade im Vergleich zur „verkrusteten“ Diskussion in juristischen Zeitschriften (bei der man gewisse sprachliche Rücksichtsnahmen übt), fällt der weitaus lockere, vielfach frische Stil auf, mit dem im Internet juristische Themen angefaßt werden“ (S. 165 in Bezug auf Foren etc.), „Die Zukunft gehört dem virtuellen Buch im Internet!“ (S. 164 in Bezug auf eBooks), „Ein derartiges Angebot sollte zum Pflichtangebot einer jeden Universität gehören“ (S. 163 in Bezug auf Zugänglichmachung von Urteilen), „Wer im Netz publiziert, sollte auf Sperren ganz verzichten“ (S. 161 in Bezug auf Vorlesungsmaterialien).

    Freilich ist der Beitrag auch ein Beweis für das Scheitern – denn das Gegenteil ist eingetreten – Lehre erfolgt zunehmend in geschlossenen Systemen, Datenschutz verhindert einen sinnvollen Austausch mit den Studierenden und das Urheberrecht entwickelt sich in seltsame und kaum praktikable Richtungen. Und als Anekdote am Rande: Auf S. 165 wird eine kurze Stellungnahme eins Düsseldorfer Assistenten zum Aufsatz in der ZIP gelobt, „wobei es jeder Leser dieses Beitrages nur bedauern kann, daß die Stellungnahme sich (leider nur!) im Internet findet, nicht aber als Replik auch Eingang in die ZIP gefunden hat“. Der Beitrag stammte von mir – nur war ich damals (1998/1999!) noch Student und rund ein Jahr von meinem Abschluss entfernt…

    Gruß aus Düsseldorf

    Michael Beurskens

  5. Hallo zusammen,

    jetzt adde ich auch mal meinen Blick auf die Tagung: Zu Anfang hatte ich total Lust, auf eine Tagung zum Thema Wissenschaft und Internet zu gehen (vielleicht weil ich auch fälschlicherweise mein Bild der Internet-Nutzung auf die Tagung projiziert hatte). Die Idee, mit Oli zusammen den zugehörigen Artikel in einem Wiki entstehen zu lassen, fand ich total reizvoll.

    In den Wochen vor der Tagung wurde meine Zeit allerdings leider extrem knapp. Es gab viele Dinge zu tun, denen ich eine höhere Priorität einräumen musste. Mit ziemlich schlechten Gewissen habe ich Oli angeschrieben und ihm mitgeteilt, dass ich aussteigen muss (mit der Möglichkeit, dass wir beide gemeinsam aussteigen, was er aber tapfer und mutig ausgeschlagen hat :-)). Das ist zwar nicht die feine englische Art, aber auch bei mir Teil eines Lernprozesses (nicht so oft „ja“ sagen) und letztlich auch besser als die Alternative, mit auf dem Beitrag draufzustehen, aber nichts dafür getan zu haben. Also fand ich den besseren Weg: aussteigen, Oli das Feld überlassen, trotzdem zur Tagung kommen und als Zuhörer mit dabei sein.

    Zum tieferen Nachsinnen haben mich dann aber weitere Einsichten über die Tagung gebracht, und ich war mir auf einmal nicht mehr sicher, ob das überhaupt eine passende Tagung für mich ist. Es ist irgendwie seltsam, wenn die Veranstalter den Text mit der Begründung einfordern, der Diskussionsleiter muss die Möglichkeit haben, vorher drüber zu schauen. Nicht falsch verstehen: Es ist völlig in Ordnung, dass man auf die Einhaltung der Deadlines besteht. Aber es ist komisch, wenn man im Rahmen einer Tagung zum Thema „Wissenschaft und Internet“ und mit dem Wissen, dass dieser Artikel online entsteht, eben dieses Argument hervorbringt (so als würde man „Print“ dem Text im Internet vorziehen).

    Außerdem fand ich es interessant, dass es keinerlei Austauschmöglichkeit im Vorfeld zur Tagung gab. Also: Weshalb gibt’s eigentlich keine Community-Plattform, oder nicht mal ein Forum, über das man mit den anderen Tagungsteilnehmern in Austausch treten könnte? Bei einer Tagung zum Thema „Wissenschaft und Internet“? Hallo? :-) Mich beschlich immer mehr der Verdacht, dass hier über Wissenschaft und Internet gesprochen wird, es aber nicht praktiziert wird. Ich mag mich irren, es mögen zu große Vorbehalte sein, aber schließlich hatte ich keine Lust mehr hinzugehen und habe komplett abgesagt.

    @Michael „Nicht jeder, der das Internet erforscht, nutzt es auch bzw. will es auch nutzen.“ Das mag sein und dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Von einer Tagung zum Thema hätte ich aber erwartet, dass ein Kontext geboten wird, in dem man mal etwas gemeinsam ausprobiert (z.B.: Warum nicht die Vorträge „flipped classroom“ mäßig vorher online stellen und dann zum Diskutieren zusammen kommen, wie es gerade Karlheinz Pape beim nächste colearn camp angeht? oder: Warum nicht die Beiträge vorher online stellen, damit man schon mal reinschauen kann und vielleicht sogar darüber diskutieren kann?). Wie gesagt, es mag sein, dass die Teilnehmer das nicht annehmen – dann kann man im Rahmen einer solchen Tagung darüber gemeinsam reflektieren. Aber dass so etwas angeboten wird, hätte ich schon irgendwie erwartet.

    Es ist nichts gegen klassische Tagungen einzuwenden. Aber ich glaube, hier wird die Gelegenheit verspielt, neue webbasierte Elemente im Rahmen einer klassischen Tagung auszuprobieren. Und das wundert mich bei diesem Tagungsthema – und lässt mich fern bleiben.

  6. @Christian
    Natürlich konnte man sich vorher austauschen, die ganze Internetseite der NFGWin ist ja ein einziges Forum (http://nfgwin.uni-duesseldorf.de/de/cosci12) – und wir blenden rechts auch alle Tweets mit dem Hashtag „#cosci12“ ein; es gibt eine Facebook-Gruppe (http://www.facebook.com/groups/nfgwin/) und natürlich haben wir weder was gegen WikiVersity noch gegen Blogs u.ä.

    Dass wir keine Papers vorab veröffentlichen liegt daran, dass wir diese zum großen Teil erst sehr spät bekommen haben (das letzte heute vormittag). Wir hatten überlegt die Abstracts online zu stellen, aber damit waren wiederum viele nicht einverstanden. Meine Vorabthese dazu: Wissenschaft tendiert zur Geheimhaltung (und zwar sowohl hinsichtlich der Lehre als auch der Forschung). Habe ich auch mal was zu geschrieben, hat aber keinen Einfluss auf die Welt hinterlassen ;-)

    Wie bei jeder Tagung gilt: Jeder Dozent kann seine Zeit gestalten wie er/sie will (einer zeigt offenbar die ganze Zeit Videos und gibt eine Einleitung von 1-2 Minuten). Wer will kann natürlich auch eine Schweigephase bieten („Denkt mal über eure Sünden in der Internetnutzung nach!“) oder von mir aus auch ein Streitgespräch (idealerweise mit mindestens zwei Personen oder einem schizophrenen Referenten).

    Die Veranstaltung versucht einen Mittelweg zwischen „Old School“ und „New School“ zu finden – auch wenn das Ganze aus meiner Sicht leider sehr stark in erstere Richtung geht, konnten so auch ein paar Leute gewonnen werden, die man sonst nicht auf Tagungen sieht…

    Und man sollte nicht übersehen: Design by Committee bereitet schon in kleinen Gruppen Schwierigkeiten – die Skaleneffekte bei einer weltweiten Diskussion sollte man nicht unterschätzen.

    Gruß aus Düsseldorf

    Michael Beurskens

  7. Dann mach ich noch schnell, wenn Oliver nicht will ;)

    Was ich bei der ganzen Diskussion interessant finde ist, dass Ihr hier etwas einfordert, was sehr wenige zu wollen scheinen, auch wenn es noch so plausibel klingt. Auch oder gerade wenn man den Veranstaltungen mehr als 0815 bietet, so wie Ihr das mit Eurem R.I.P-Artikel als Wikiseite macht (= Research in Progress, auch wenn andere Assoziationen durchaus passend sein könnten ^^), sind die Herausgeber skeptisch und wollen das nicht. Für den Workshop on E-Learning in Görlitz (keine Veranstaltung mit Rang und Namen, bringt aber hier in Sachsen die Community zusammen und hat dadurch ein wenig Klassentreffenstimmung) hatten Sandra, Martin und ich eine Art L3T’s Bet Again vorgesehen, also eine Neuauflage der Wetten auf Zukunftsthesen wie in Bad Reichenhall http://l3t.eu/zukunft/?page_id=519. Sandra hätte das Wettuch und die Jetons geschickt und wir hätten einen kleinen Event veranstalten können. Die Wetteinschätzungen hätte man super mit den der L3T’s-Work-Teilnehmer vergleichen und so die Wett-Methode validieren können. Nee, bitte 9 Seiten Artikel + Vortrag. „Konnte unter der Vielzahl von Einreichungen…“ Ihr wisst schon. Meine Quellen sagen, dass die Entscheider auch streng gegen Postersession/Postermadness/etc. waren.

    Aber auch als Veranstalter wird eine Öffnung eher sketisch gesehen. Bei unserem FIfF-Workshop (
    http://socialwebpathologies.wordpress.com/2012/06/20/fiff-cfc_neue-lebensweltkrisen/ ) versuche ich ja, die Publikationsprozesse zu öffnen. Einerseits hat das pragmatische Gründe: Ich habe mir ein wenig Unterstützung von der Crowd gewünscht. Wenn auch nur bei der Entscheidung (ich bin mir durchaus bewusst, dass Croudsourcing != weniger Arbeit bedeutet). Andererseits wollte ich das einfach mal ausprobieren. Hier hätte ich gesagt: Wow, cool, Ihr schreibt in Wikiversity, dann machen wir das Review doch gleich auf der Diskussionsseite etc. Ich hab das komplett geöffnet. Und was ist? Die Rückmeldungen sind… leider verschwindend gering.

    Das kann nun an verschiedenen Gründen liegen. Erstmal spricht das Thema Social Web Pathologien auf Konferenzen irgendwie immer die Internetverächter an, die 2.0er fühlen sich angegriffen – wobei ich jedes jedes JEDESMAL betone, dass mMn kein Widerspruch darin besteht, im Social Web unterwegs zu sein und sich dennoch mit potentiell negativen Aspekten zu befassen. Look at me.
    Ich denke aber, dass der größere Teil der nicht-Beteiligung in der ungezielten Ansprache „alle können mitmachen“ und der Unsicherheit, wer gemeint ist, liegt. Das ist wie „kann mal jemand den Müll runterbringen“ in einer WG mit >2 Bewohnern zu sagen…

  8. Hmm, der Blog hat den werbung-tag vor und nach dem FIfF-Call gefressen. Fühlt Euch bitte auch so dreist umworben.

    @dunkelmunkel @otacke: Amateurisierung der Wissenschaft wäre doch ein Thema für Euch *zwinkerzwinker* Dürft ach einen Wiki-Artikel einreichen, müsst aber ggf. damit rechnen, dass ihn das FIfF noch in seine Fachzeitschrifft drucken will ^^

  9. @Anja: Den 2er-WG-Vergleich fand ich sehr passend ;-)
    Vielleicht wäre ein Mixed-Model wünschenswert, bei dem die Mitarbeit von bestimmten Dritten angefordert wird, interne Bewertungsmechanismen offengelegt werden und die „große Masse“ mitwirken kann, aber nicht muss.

  10. @Michael Ja klar, es gibt ein Hashtag und Facebook und die Webseite hat eine Kommentarfunktion. Aber das wirkt eher wie ein „add-on“, es ist kein echter Bestandteil des Tagungskonzepts und wird nicht konzeptionell aufgegriffen. Das ist einfach schade bei einer Tagung mit einem solchen Thema. Wie gesagt: Das ist ja auch vollkommen in Ordnung, ich habe nix gegen traditionelle Tagungen. Mein Problem war eher die Diskrepanz meiner eigenen Erwartung an die Tagung und dem tatsächlichen Konzept. Es ist also letztlich „meine Schuld“.

  11. Ich denke eher „Spaß ist das, was Du daraus machst“ (wie uns die Coca Cola Company suggeriert). Irgendwie wird immer vom Veranstalter einer Tagung erwartet, dass er etwas „öffnet“. Nun sind die Türen sicher nicht „zu“ – nur wenn keiner klopft, wird auch keiner reingelassen… Im Prinzip sehe ich das in der Verantwortung der Autoren, Teilnehmer etc. Wer will, kann offen diskutieren, vorbereiten und auch präsentieren (wir haben Equipment zum Videoaufzeichnen da). Nun kann man das aber den Leuten nicht aufzwingen (siehe Anjas zutreffenden Beitrag) – das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Insoweit sind wir den Referenten „hilflos“ ausgeliefert.

    Außer Spambeiträgen hat es bislang exakt keinen Kommentar zur Tagung gegeben. Und spannende Ideen kommen per Twitter auch nicht rein.

    Vielleicht existiert der „gläserne Elfenbeinturm“ existiert auch innerhalb der Wissenschaft und grenzt auch verschiedene Disziplinen und sogar Individuen selbst im Internetzeitalter wirksam voneinander ab.

  12. @Michael Ich glaube tatsächlich, dass das ein kompletter Trugschluss ist. Das kennt man aus der Lehre. Es genügt nicht, ein Wiki in einer Lehrveranstaltung bereit zu stellen und zu sagen: „Hey, ihr habt ein Wiki, macht was draus“, und anschließend zu beklagen, dass niemand was tut und man der Motivation der Lernenden „hilflos ausgeliefert“ war.

    Wenn man als Veranstalter Interaktion vorher wirklich möchte, dann muss man sie anregen, man muss Formate bereit stellen, die eine solche Interaktion provozieren, immer wieder dazu anregen, ansonsten passiert nichts.

    Man ist der Motivation der Teilnehmer nicht hilflos ausgeliefert, man kann auch motivieren. Insofern entsteht tatsächlich der Eindruck, dass die Veranstalter dies nicht wirklich im Vorfeld aktiv verfolgt haben. Wie gesagt: Das ist ja auch okay, es ist nur nicht das, was ich erwartet hatte.

  13. @Christian: In gewisser Weise ist man bei einer Tagung stärker dem „Goodwill“ der Beteiligten ausgeliefert als in der Lehre. Zwei wesentliche Unterschiede: Bis kurz vorher ist der Teilnehmerkreis extrem offen (in der Lehre bleibt er weitgehend konstant), ein persönlicher Kontakt kommt erst ganz am Ende (also ein „Online-Online-Online-Präsenz“-Konzept) zustande, die Vorkenntnisse und Erwartungen aller Beteiligten sind extrem inhomogen (in der Lehre studieren wenigstens alle irgend etwas) und vor allem: Es gibt keine „Scheine“ – das heißt, wer nicht will, macht auch nichts. Das ist meiner Ansicht nach ein großes Problem: Es gibt keine Sanktion, wenn man sich nicht an die Regeln hält (im schlimmsten Fall darf man nicht vortragen oder veröffentlicht seinen Beitrag halt nicht in einem Tagungsband sondern irgendwo anders – aber daran stirbt wohl kaum jemand).

    Schon jetzt gibt es extreme Erwartungsunterschiede der Referenten (und auch der Veranstalter ;-)). Wenn wir versucht hätten, alle Beteiligten auf ein einheitliches Konzept „einzunorden“ (weltweit – d.h. per Email), hätten wir die Probleme, die wir mit der Abgabe hatten um den Faktor 10 potenziert.

    Ab einem gewissen Kompetenzgrad (nach Studienabschluss? nach Promotion?) muss die Motivation intrinsisch sein. Und daran ändern auch tägliche Erinnerungsmails nichts (habe seit heute morgen 42 Emails erhalten – wenn da irgendwelche Tagungsreminder bei waren, sind die untergegangen; ich denke, das wird bei vielen genau so sein). Wer als Tagungsveranstalter erwartet, dass die Tagung für alle Beteiligten das Zentrum ihres Lebens ist (ich weiß, dass einige Kollegen so denken ;-)) fällt auf die Nase. Für viele ist das ein reines Begleit- bzw. Nebenprodukt ihrer sonstigen Tätigkeit. Das ist zwar schade, aber sicher auch rational.

    Und zum Thema „Gängeln von Referenten“: Bei einer Tagung in Berlin, zu der ich demnächst fahre wird sogar ein Redemanuskript erwartet – soll ich das etwa ablesen?

  14. Den einfachen Teil zuerst…

    @AnjaLorenz
    Nein, ich fordere eigentlich nichts ein. Ich habe andere Vorstellungen und mache die deutlich. Schau mal in den letzten Teil meines Artikels – ich fände es gerade nicht richtig, andere mit Druck zu etwas zu bewegen, was sie nicht wollen. Dass mir das nicht schmeckt, was ich nun sehe, ist mein Problem. Mich hat niemand dazu gedrängt, den Artikel einzureichen.

    Und was die von dir geringe Rückmeldung angeht, kann ich dir auch beipflichten. Darum geht es ebenfalls im Artikel. Es ist eben noch nicht klar, welche Rahmenbedingungen _maßgeblich_ förderlich oder hinderlich sind, welche Charakteristika die Betroffenen mitbringen müssen, wie die Interaktion zu gestalten ist oder welchen Einfluss Thema und Aufgabe haben. Vielleicht schlagen wir gerade mit einem Bandschleifer eine Schraube in die Wand und wundern uns, dass das nicht so richtig klappt. Daraus zu schließen, die Schraube ließe sich nicht vernünftig in die Wand bringen, wäre allerdings komisch. Und ja, wer mag, darf auch gerne einen Nagel benutzen.

    @MichaelBeurskens
    1) Wenn ich sage, ich gehe lieber für den Film ins Kino statt für die Trailer, meine ich genau das, was Christian Spannagel angesprochen hat: Artikel kann ich auch vor einer Konferenz lesen, von mir aus auch Video-Vorträge dazu anschauen oder Podcasts hören oder was ganz anderes. Die gemeinsame Zeit auf der Konferenz, das ist für mich der Film. Und die ist kostbar und sollte aus meiner Sicht einfach sinnvoller genutzt werden als zu erzählen, was man vorher aufgeschrieben hat.

    2) Ähm, ja. Siehe oben. Ich habe nicht gesagt, Tagungen oder Kontakt zu „echten“ Menschen seien überflüssig. Aber wenn ich den habe, dann möchte ich den auch für „echten“ Austausch nutzen. Es gibt grundsätzlich zu viele Publikationen, die niemand alle lesen kann. Das sehe ich nicht als spezielles Problem von Open Access.

    3) Ja. Und ich habe geschrieben, wer den komplett haben will, soll sich den etwa per Print-On-Demand besorgen können.

    4) Auch Informatiker können rumlabern, ich habe nichts Gegenteiliges behauptet. Ich habe sogar mit dem „zuuu viel“ angemerkt, dass ich davon sicher auch betroffen bin. Informatiker sind aber eher für ihre Wortkargheit bekannt als andere Gruppen.

    5) Ich zeige an dieser Stelle einmal kurz den Pfad der Argumente auf, weil ich ehrlich gesagt nicht weiß, wo das Thema Zugänglichkeit nun herkommt und was es mit meinem Punkt zu tun hat: „Zügig einreichen, weil vorher reingeschaut werden muss“ -> „Online im Wiki jederzeit einsehbar“ -> „Nicht jeder, der das Internet erforscht, nutzt es auch bzw. will es auch nutzen.“ -> „Wer nicht online lesen will, könnte sich den Text ja auch ausdrucken.“ -> „Zugänglichkeit“ Wenn Sie denjenigen, die den Text vorab lesen solle, die so oder so zukommen lassen, wo gibt es da ein Zugänglichkeitsproblem? Ich habe überhaupt nicht allgemein argumentiert.

    6) Ja, das könnte in der Tat sein. Vielleicht sitzen wir in gläsernen Elfenbeintürmen. Den Gedanken finde ich durchdenkenswert. Und vielleicht bin ich sowieso gar kein Wissenschaftler. Auch das kann sein. Ich frage mich das nämlich durchaus selbst(kritisch): http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:O.tacke/Der_Wissenschaft_auf_der_Spur

    7) Habe nichts hinzuzufügen.

    8) Interessiert. Und ich empfehle zum Aufdröseln Gunter Dueck zum Thema Innovation.

    Nun wird es schwieriger…

    Mir geht es nicht gut. Seit nunmehr vier Wochen sitze ich an dem Artikel, opfere dafür meine Freizeit. Dafür erwarte ich überhaupt keine Bewunderung oder Mitgefühl, das ist eher der Normalfall in der Wissenschaftswelt. Obwohl ich ab einem gewissen Punkt keine große Lust mehr verspürt habe, genau wie Christian, habe ich weiter daran gearbeitet. Irgendwie aus Pflichtgefühl. Das Angebot, den Vortrag auch ohne Zwölf-Seiten-Artikel zu halten, habe ich auch angenommen. Ich habe mir nicht viel davon versprochen, aber meine eigenen Worte dazu waren zu jemandem: „vielleicht lässt sich ja wenigstens ein Funke Begeisterung für die Sache verbreiten“. Selbst das glaube ich nicht mehr. Ich bin kein begnadeter Redner, das Format nicht meine Welt. Für mich sollte eine Tagung eine Umgebung für gemeinsames, lebendiges Lernen sein. Darunter verstehe ich nunmal nicht die vielleicht nicht zwingend geforderten, aber doch meist praktizierten Monologe mit kurzem Diskussionsanhängsel. Ich finde solche Veranstaltungen furchtbar langweilig. Wenn dann auch noch eine Konfrontationsstimmung zu erwarten ist… Wie oben bereits erwähnt, das ist MEIN Problem.

    Gestern saß ich im Kino, habe den neuen Batman-Film gesehen, und nicht einmal darauf konnte ich mich einlassen, weil mir ständig dieser %6*#_§/! Artikel und der =5&%*@e Vortrag durch den Kopf schwirrten. In der letzten Zeit muss ich meinem Umfeld schwer auf den Wecker gefallen sein, weil die Sache auf mein Gemüt geschlagen hat. Und das geht mir nun seit Tagen so. Darauf habe ich keine Lust mehr. Ich sehe einfach für mich keinen Sinn darin. Ich muss das aber auch nicht machen. Auch wenn es extrem dämlich, übertrieben, $hier passende Vokabel einfügen$ aussieht: Ich sage hiermit ganz öffentlich meine Teilnahme an der Konferenz ab. Ich füge auch ganz öffentlich hinzu, dass ich den Organisatoren keinerlei Vorwurf mache. Das Format und ich passen einfach nicht zusammen. Ich sehe nicht, warum ich mir freiwillig eine Veranstaltung antun sollte, an der ich keinerlei Spaß haben werde, sondern die mir schlechten Schlaf bereitet. Nochmals: MEIN Problem, nicht den Organisatoren anzulasten. Ich bitte um Entschuldigung für meine Unprofessionalität. Ich möchte aber einfach heute mal wieder in Ruhe schlafen.

    Ihr dürft hier natürlich gerne weiter diskutieren, aber ich klinke mich erst einmal aus.

  15. Ich finde die Absage extrem schade. Freilich kann ich die Bedenken und Probleme des Formats nachvollziehen. Es entsteht so eine (inhaltliche) Lücke und es entfällt die aus meiner Sicht bei Tagungen stets im Vordergrund stehende Diskussionsmöglichkeit in Pausen etc. Nicht umsonst besteht eine Tagung ja nicht nur aus pausenlosen Vorträgen.

    Gruß

    Michael Beurskens

  16. Lieber Oliver, tut mir leid, dass Dir diese Geschichte so sehr aufs Gemüt geschlagen ist. Auf die Gefahr hin als „alter Sack“ verunglimpft zu werden, muss ich aber sagen, dass mir der Zustand vertraut ist, insbesondere dein Unmut mit einer Veranstaltung, an der du die Lust verloren hast – aus welchen Gründen auch immer.
    Persönlich finde ich den Austausch über dieses Blog extrem spannend: ich würde mir wünschen, dass mehr Veranstaltungen, Beiträge und Vortragende so offen diskutiert werden.

    Unsere eigene kleine Tagung in Berlin ist ein echtes Hybrid. Man könnte sagen weder Fisch noch Fleisch: die Tagung haben wir uns selber vor mehreren Jahren in ein Drittmittelprojekt geschrieben, und seitdem sind viele Projekte und viele Entwicklungen über uns hinübergerollt. Wir haben glücklicherweise ein extrem erfolgreiches (innerhalb und außerhalb der Hochschule) Blog, auf dem wir mal probieren konnten, Dinge anders zu organisieren. Wie das geklappt hat, sehen wir dann im September. Aber aus meiner eigenen Erfahrung als tendenziell eher unwilliger Konferenzteilnehmer (EduCamps mal ausgenommen) weiß ich, dass es mir am wichtigsten ist, die Organisation inhaltlich und formal so einfach zu gestalten wie möglich und dadurch einfach die Leute anzuziehen, die am liebsten diskutieren und gemeinsam arbeiten. Denn wie beim Treffen im Klassenraum (deshalb lieber ‚flipped‘) ist die Zeit in der man sich mal trifft und endlich beriechen kann viel zu kostbar, um große Reden zu schwingen. Trotzdem, da wir die Tagung nicht selber bezahlen, hatten wir natürlich einen Rahmen, den wir ausfüllen mussten. Darauf ist die verbleibende Bürokratie zurückzuführen. Außerdem bleibt natürlich der Kontext einer Hochschule, die sich als ganze zwar in Richtung Zukunft aufgemacht hat, aber als Ganzes keineswegs dort angekommen ist (und das erwarte ich auch gar nicht).

    Noch mal zu dir: das Attribut „professionell“ war mir im Zusammenhang mit dieser kleinen Geschichte gar nicht in den Sinn gekommen. Forschung, Dialog, Tagungen, Veröffentlichungen usw. sind doch alles Prozesse die von und idealerweise für Menschen gemacht werden, und deshalb denselben Stimmungen und Nebenbedingungen ausgeliefert sind wie alles andere Menschliche. Und das ist gut so.

  17. Nun noch was länger (PC ist doch Smartphone überlegen ;-)

    ad 1) [Trailer Konferenz ]

    Da scheint es einen erheblichen Unterschied in der Erwartung zu geben. Aus meiner Sicht wird eine Tagung gerade durch die Mischung von Sachen die ich hören „will“ und Sachen, die halt „dabei sind“ ausgezeichnet (und ebenso der Tagungsband). Bei dem von Dir präferierten „Workshopformat“ würde letztlich der erste Teil überwiegen oder gar ausschließlich im Vordergrund stehen. Das kann man so machen – nur fehlt dann oft der „Blick über den Tellerrand“ der das ganze sinnvoll macht.

    Um im Bild zu bleiben: Die Vorträge und die Diskussion sind nicht mehr als die Trailer, die einem „zwangsvorgesetzt“ werden (möglichst vielfältig aber nicht zu weit vom Kernthema entfernt) – also wie im Kino oder auch in der Werbepause im Fernsehen. Wie im Kino oder Fernsehen gibt es auch immer Leute, die dabei fernbleiben. Der „Hauptfilm“ findet in den Pausen, beim Grillen (1. Abend) oder in der Altstadt (2. Abend) statt.

    Der Vorteil ist also die „captive audience“, die nur begrenzte Fluchtmöglichkeiten hat. Im Internet schaltet man schneller um – und verpasst so möglicherweise wichtiges/nützliches, weil es einfach nur schlecht eingeleitet wurde (oder wie man in englisch sagen würde: „Don’t judge a book by its cover…“).

    Ein „besseres Format“ sehe ich bei einem inhomogenen und zu großen Teilen desinteressierten Publikum nicht (und das meine ich weder verbittert noch ironisch noch irgendwie faul – man muss sich nicht für jeden Vortrag interessieren, um an einer Tagung teilzunehmen, es reichen knapp über 50%) . Man könnte maximal die Vorträge noch weiter kürzen ;-)

    Und im Ernst: Niemand kann 12 Seiten mündlich in der Zeit vortragen.

    ad 2)
    Der Punkt ist eigentlich weniger die Zahl der Publikationen, sondern die Zahl der Themen. Querbezüge sieht man oft erst (zu) spät. Und das kann einem keine Recherche abnehmen, sondern nur der „Überraschungsmoment“ – eben der „Trailer“ auf der Tagung.

    ad 3)
    Noch mal: Es geht nicht um Papier oder Bildschirm (man kann ja auch Printpublikationen online lesen oder eben das was auf dem Bildschirm steht ausdrucken).
    Es geht vielmehr darum, dass man von einem Kontext A auf einmal zu einem Beitrag X kommt. Und die spannende Frage bleibt: Wie finde ich Beiträge? Tagungen und Tagungsbände erleichtern das (wie eine Speisekarte im Restaurant, wo man vielleicht beim Griechen etwas leckeres entdeckt, selbst wenn man eigentlich nur ein „Standard-Gyros“ wollte). Dieses Verknüpfen von nicht algorithmisch erfassbaren Beziehungen macht aus meiner Sicht den Mehrwert aus.

    ad 5) Gleiches Problem: Nicht das Medium ist relevant, sondern der Zugangsweg (daher auch Zugänglichkeit).
    Ich bin nicht derjenige, der die Diskussion leiten soll. Aber offenbar hat der-/diejenige keine Lust, jeden Tag einen sich entwickelnden Beitrag in einem Wiki zu beobachten (zumal: wenige Tage vor der Tagung) um sich eine eigene Meinung zu überlegen. Daher besteht der Wunsch nach einer fixen (=inhaltlich verbindlichen) Rahmenangabe, an der man sich orientieren kann. Es geht ja nicht um eine 1:1 Zuordnung an eine zufällige Person, sondern um zentrale Anmerkungen zu mehreren Vorträgen. Diejenigen, die sich hierzu bereiterklären, sollten nicht mit zu viel Aufwand überfordert werden (sie reden nicht über ihr Thema, sondern über fremde Themen!). Hier ist Individualkommunikation (=eine Email mit einem fixen, überschaubaren Text) gewünscht. Das sind Präferenzen, die man zwar als unsinnig einschätzen mag, die aber jedenfalls nachvollziehbar sind.

    Und noch mal zur Verdeutlichung: Ich habe gegen niemanden hier irgend etwas und mache niemandem Vorwürfe. Aber ich habe hier durchaus prinzipielle Bedenken, ob die Beschränkung einer Diskussion über Open Science 2.0 auf Personen, die sich mit neuen Formaten identifizieren oder zumindest abfinden können, dem Austausch und der Weiterentwicklung dienen kann.

  18. @Michael Die Schwierigkeiten, die du in Reaktion auf meinen Beitrag beschreibst, gibt es sicher. Meine Vorstellung/Erwartung wäre gewesen: Man probiert es trotzdem. Wenn es nicht klappt, hat man gleich die Realerfahrung im Rahmen der Konferenz, die man gemeinsam reflektieren kann. Wie gesagt, nochmals (zur Sicherheit): Es ist meine zunächst falsche Erwartung gewesen, die mich „ernüchtert“ hat, und weshalb ich die Lust an der Teilnahme verloren habe.

    Klaro wäre ein Argument, dort hinzugehen und für Open Science 2.0 zu kämpfen. Aber Lust habe ich dazu vor einem „zu großen Teilen desinteressierten“ Publikum nicht. ;-)

    Letztlich arbeite ich gerade auch total widersprüchlich, wie mir in den letzten Tagen auffällt: Als Co-Program-Chair einer E-Learning-Tagung vertrete ich gerade ebenso in anderer Ecke die traditionelle Variante. Eieiei, viel Stoff für mich zum Drübernachdenken. Ich glaube, es ist das letzte Mal, das ich das mache. Wie gesagt. Nicht, dass das nicht auch irgendwie sinnvoll ist. Aber, wie Oli sagt: Dieses traditionelle Format und ich passen einfach nicht zusammen. Um genauer zu sein: Ich finde all das langweilig. Und auf eine Tagung fahren wegen der Kaffeepausen will ich eigentlich auch nicht.

    @Oli Es tut mir auch leid, dass dich die Sache so mitgenommen hat. Vielleicht lernen wir beide jetzt gerade, die Dinge genau zu prüfen, für die wir Zeit investieren möchten…. :-)

  19. @MichaelBeurskens
    Ich finde es ehrlich gesagt etwas müßig, hier allgemein das Für und Wider von Veranstaltungsformaten zu diskutieren, wenn es um meine persönlichen Vorlieben geht. Ich weiß auch nicht, wo ich den Nutzen von Textsammlungen (ob nun offline oder online) hinterfragt haben soll. Und ich verstehe auch nicht, wieso sich jemand nicht zu einem späten Zeitpunkt den Stand im Wiki anschauen sollte. Ist ja nun nicht so, als hätte ich alles dreimal komplett umgeschrieben.

    @MarcusBirkenkrahe
    Nein, zu Professionalität gehört für mich der Faktor Mensch sogar dazu. Aber dennoch ist in meinen Augen unprofessionell, wenn ich zwei Tage vor der Vorstellung des Beitrags absage, wenn mir das Format eigentlich auch vorher schon nicht geschmeckt hat.

    @ChristianSpannagel
    Loooift. Ich habe heute tatsächlich mal wieder durchgeschlafen, ohne ständig zwischendurch aufzuwachen. Ich bin sogar mal von meinem Wecker geweckt und nicht nur von ihm daran erinnert worden, dass ich aufstehen muss. Und ja, das war lehrreich.

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