Was soll ich nun davon halten?

Wissenschaftler freuen sich, wenn sie von anderen zitiert werden. Das zeigt ihnen, dass ihre Ideen Anklang finden. Wenn man dann auch noch bekannten Größen zitiert wird, freut man sich vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Und genau das ist mir gerade passiert. Ich fand in einem Aufsatz von Oliver Gassmann (recht bekannter Professor in St. Gallen) einen Verweis auf einen meiner Artikel:

For example in sociology science, the percentage of coauthored articles almost quintupled in the last 70 years (Hunter and Leahey 2008). Comparable trends were observed in political science (Fischer et al. 1998), physics (Braun et al. 1992), and economics (Maske et al. 2003). Studies even show that authors with a high impact factor are those who collaborate widely with others, form strong alliances, and are less likely to be bonded to a certain in-group (Pike 2010, Tacke 2010).

(Gassmann et al. 2011, S. 7-8)

Toll. Aber sehen wir uns mal meinen eigenen Text an (die Quellenformatierung habe ich dem obigen Beispiel angepasst, damit der Vergleich einfacher wird):

In fact, within the last decades, collaboration in science has become more common in various disciplines and has been explored empirically. Hunter and Leahey examined trends in collaboration over a 70 year period, using a random sample of articles that were published in two top sociology journals (Hunter and Leahey 2008). They discovered that between 1935 and 1940 only 11% of the observed articles were coauthored, whereas between 2000 and 2005 this was true for almost 50%. This increase in collaborative research is consistent with previous findings from sociology (Moody 2004), economics (Maske et al. 2003), political science (Fisher et al. 1998), physics (Braun et al. 1992) and behavioral ecology (Pike 2010). Within the latter field, using Hirsch’s h-index for quantifying scientific research output, Pike examined connections between collaboration and impact (Pike 2010, Hirsch 2005). Results show that authors with a high scientific impact are those who tend to collaborate widely with others, those who form strong bonds with collaborators, and those who are less likely to be part of a clique.

(Tacke 2010, S. 37-38)

Erstaunliche Ähnlichkeit, oder? Wäre das eine studentische Arbeit, die ich zu prüfen hätte, würde ich wohl mutmaßen: Da hat vermutlich jemand die Originalquellen gar nicht zur Hand gehabt, sich der Ausarbeitung eines anderen bedient und das dann ein bisschen umgeschrieben.

Doch schauen wir weiter, ich werde nochmals zitiert:

Many universities started to offer public lectures or courses with the goal in mind to bring science and research closer to society and to market scientific findings. Most of the public lectures are streamed online and thus are globally available (Tacke 2010).

(Gassmann et al. 2011, S. 10)

Während man den ersten Satz durchaus vergleichend meinen Text gegenüberstellen kann, passt der zweite nicht so richtig. Ich habe in meinem Aufsatz von öffentlichen Seminaren gesprochen, aber nicht von Vorlesungen (im engeren Sinne) und schon gar nicht vom Streaming derselben.

Es könnt nun jemand auf die Idee kommen, mich zum Streamen von Vorlesungen zu zitieren – immerhin ist das ein schönes Beispiel, anhand dessen ich Studierenden zeigen kann, warum man nicht einfach fremde Zitate übernehmen sollte, sondern besser in die Originalquellen schaut.

Was soll ich nun davon halten?

5 Gedanken zu „Was soll ich nun davon halten?

  1. Mir ist das häufig aufgefallen, wenn Jay Cross zum informellen Lernen zitiert wird: 80%. Schreibt er wirklich in seinem Buch. Aber danach gibt er zu, die Zahl sei aus der Luft gegriffen. Das nimmt dann keiner mehr in seine Zitation auf. Zumal er auch noch eine nette 80-20-Grafik danebengemalt hat. Ich hoffe nur selbst nie den zweiten Satz zu übersehen, auch wenn ich stets versuche, die Primärliteratur aufzutreiben.

  2. @Anja#1
    Tja, wie fühlt man sich da? Beim zweiten Zitat wundere ich mich ein wenig, aber das macht mir nichts aus. Beim ersten (vermeintlichen?) Zitat ärgert man sich schon ein wenig.

    @Anja#2
    Hach, ist alles nicht so einfach.

  3. @Jörg
    Na, „mitgenommen“ hat mich das jedenfalls nicht. Das ist ja nur eines von vielen Puzzleteilen, das die ach so heile und hehre Welt der Wissenschaft entzaubert. Davon habe ich schon zu viele entdeckt.

    Kontakt habe ich nicht gesucht – am Ende wird ja doch irgendwo ein Sündenbock ausgegraben. Mein Blogbeitrag scheint aber auch nicht nach St. Gallen vorgedrungen zu sein; zumindest kam von dort nichts.

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