Vorlesungen – überholt? (revisited)

Vor nun bald zwei Jahren habe ich mich schon einmal mit der Frage beschäftigt, ob Vorlesungen überholt sind. Inzwischen ist einiges Wasser die Oker vor meinem Büro entlanggeflossen, ich habe ein Hochschuldidaktik-Programm beinahe komplett absolviert und auch Praxiserfahrung gesammelt. Nun zaudere ich ein wenig, dieses große Fass anzustechen, denn es ist schon so viel dazu gesagt und geschrieben worden – und diskutieren kann man sicher endlos. Da aber gerade im Blog von Christian Spannagel das Thema erneut aufkam und ich außerdem über einen brandaktuellen Artikel von Louis Deslauriers, Ellen Schelew und Carl Wiemann gestolpert bin, schneide ich das Thema noch einmal an – wohl wissend, dass ich dabei einige Punkte offen lasse.

Begeben wir uns in die Mitte des 15. Jahrhunderts: Bücher kosten ein kleines Vermögen, weil sie entweder per Hand abgeschrieben werden oder über umständliche Verfahren in Druck gehen. Universitäten hüten die Schätze in ihren Bibliotheken, Professoren lesen in Vorlesungen aus diesen Büchern vor (daher der Name) und ergänzen die Texte durch eigene Kommentare. Die Studierenden schreiben stumm aber fleißig mit, und zur damaligen Zeit war das sicher eine effiziente Form, das geschriebene Wort zu Lernzwecken zu verbreiten.

Seit damals gab es allerdings ein paar Erfindungen, etwa den Buchdruck mit beweglichen Lettern, der Bücher für praktisch Jedermann erschwinglich machte, Kopierer oder das Internet. Allein um Inhalte zu verbreiten, bedarf es einer Vorlesung (hier im wahrsten Sinne des Wortes) also eigentlich nicht mehr. Den Stoff kann jeder selbst nachlesen oder mitunter auch in Hörbuch- oder Videoform genießen und dann sogar selbst festlegen, wo, wann und in welchen Häppchen er sie sich zu Gemüte führt. Zum Glück ist reines Vorlesen inzwischen wohl die Ausnahme, obwohl ich auch davon gehört, dass das noch mancherorts praktiziert wird. Heute dominiert an Universitäten mit Abstand der freie Vortrag der Dozenten (und in Seminaren setzt sich das oft bei den Studierenden fort). Inzwischen habe ich auch solche Frontalbeschallung in Grenzen schätzen gelernt, aber, großes Aber, nicht permanent und als einziges Mittel. Als Phase von etwa 20 Minuten mit klarem Lernziel, einverstanden. Bitte im Wechsel mit wirklichen Gesprächen, die zum Denken anregen, nicht nur Pseudozwischenfragen. Bitte im Wechsel mit Phasen, in denen man auch selbst etwas machen kann. Bitte…

Also, wenn Vorträge gut gemacht sind (sind sie leider selten, ich kann das auch nicht sonderlich gut), dann hält man sie auch mal 90 Minuten lang aus. Den Vortrag aber generell als DIE Methode zu benutzen, immer und überall, das stelle ich infrage. Bitte, liebe Dozenten, nutzt die knappe und wertvolle Präsenzzeit doch nicht nur für Monologe.

Wenn ihr meint, dann käme „hinten doch nichts mehr raus“, schaut euch vielleicht den Artikel von Deslauriers, Schelew und Wieman an (Improved Learning in a Large-Enrollment Physics Class). Das ist auch nur eine einzige Fallstudie, sicher nicht verallgemeinerbar, aber schaut sie euch doch bitte an. Was haben die drei gemacht?

Ein Kurs zur Quantenmechanik wurde in zwei fast gleich große Gruppen eingeteilt (jeweils etwa 270 Studierende) und beide zu je drei Stunden die Woche in einem Hörsaal mit fester Bestuhlung unterrichtet. Es gab in beiden Gruppen dieselben Hausaufgaben, Übungen usw. Beide Gruppen nahmen an denselben Prüfungen teil, zwei semesterbegleitend und eine abschließend. Beide Gruppen wurden elf Wochen lang von erfahrenen Dozenten mit guten Evaluationen im bekannten Vorlesungsmodus mit PowerPoint inklusive Beispielproblemen und Demonstrationen bearbeitet. Beide Gruppen unterschieden sich im Mittel bis zum Ende dieses Zeitraums kaum, was Leistung, Anwesenheit oder Engagement anging. Das überraschte die Autoren des Artikels, denn die Dozenten hatten recht unterschiedliche Persönlichkeiten gehabt.

Nun aber zum spannenden Teil: In Woche zwölf blieb in der Kontrollgruppe fast alles beim Alten. Der Dozent machte weiter wie gehabt, allerdings sollten nun die Unterrichtseinheiten durch Lesen relevanter Texte vorbereitet werden. In der Experimentalgruppe wechselte der Dozent. Der neue hatte weniger Lehrerfahrung vorzuweisen, gestaltete die Veranstaltungen aber abwechslungsreicher, beispielweise mit verschiedenen Aufgaben zur Vorbereitung auf die Sitzung, mit Kleingruppenarbeiten und Diskussionen. Es wurde zu Beginn auch kurz Zeit dafür verwendet zu erläutern, warum man die jeweils gewählte Methode nutzte.

In der Folgeveranstaltung wurde in beiden Gruppen derselbe Test geschrieben, der zuvor entworfen worden war und zwölf Fragen enthielt. Die Kontrollgruppe hatte in den drei Stunden den Stoff für alle zwölf Fragen behandelt, in der Experimentalgruppe konnten aus Zeitgründen nur die Inhalte für elf Fragen abgedeckt werden. Ergebnis: Die Kontrollgruppe erreichte im Mittel 41% der möglichen Punkte, die Experimentiergruppe 74% (durch bloßes Raten hätte man im Mittel 23% erhalten). Das Fragebogen-Feedback, das nach dem Kurs von den Studierenden eingeholt wurde, fiel ebenfalls sehr positiv aus.

Wie bereits angedeutet, diese einzelne Fallstudie beweist gar nichts. Ich hätte da auch verschiedene Ansatzpunkte für Kritik: War der Wechsel des Dozenten für den Unterschied verantwortlich (obwohl er eigentlich weniger praktische Lehrerfahrung besaß)? Hat allein die Beschäftigung mit den Studierenden dafür gesorgt, dass die Ergebnisse besser ausgefallen sind? Warum wurde die Experimentalgruppe nur eine einzige Woche lang anders unterrichtet? Wieso wurde das Experiment noch nicht wiederholt? Was sagen die verwendeten Multiple-Choice-Tests schon aus? Und so weiter, und so fort. Aber vielleicht ist doch wenigstens ein bisschen was dran…

Update: Wer die obigen Ausführungen gelesen hat, wird an dem zweifeln, was in DIE ZEIT dazu geschrieben wurde: Hier rein, da raus.

Update 2: Ein Kommentar von Philip Aschermann, Student an der TU Braunschweig: Universitäten sollten endlich die Vorlesung abschaffen – ein Kommentar.

7 Gedanken zu „Vorlesungen – überholt? (revisited)

  1. Vielen Dank für den Hinweis auf den Artikel. In der Tat ist das sehr kritisch zu sehen (ohne den Artikel jetzt gelesen zu haben). Ich würde mal vermuten, dass der Dozentenwechsel schon sehr viel ausmacht. Also könnten wir ja schlussfolgern, jede Woche den Dozenten zu wechseln… ;-)

    Ich frage mich, weshalb sie nicht den Dozenten „konstant“ gehalten haben?

    1. @Christian
      Im Text wird davon gesprochen, dass der neue „Dozent“ fachdidaktische Vorbildung hatte, beim ersten ist nur von Lehrerfahrung die Rede. Warum sie den nicht „konstant“ gehalten haben, kann man wohl nur mutmaßen; vielleicht konnte er mit einem Nicht-Vorlesungsmodus nichts anfangen.
      Falls du den Artikel haben möchtest…

  2. Hallo Oliver,

    danke für diesen Beitrag und Deiner Reflexion über Vorlesungen. Ich finde ja, dass es noch einen Punkt gibt, der mir persönlich an Vorlesungen immer gut gefallen hat: Ich habe einige Vorlesungen bei wirklich tollen Persönlichkeiten gehört – Persönlichkeiten, die ihr Leben lang Mathematik gemacht hatten und eine wunderbare Sicht auf diese Disziplin hatten, die mich mitriss. Dafür lohnt sich das Format VL ganz bestimmt.

    Dennoch: Ich stimme überein, dass die Präsenzzeit viel besser genutzt werden könnte. Da sitzen bis zu 300 Leuten (meine größte Veranstaltung bestand gar einmal aus 1000 Leuten……) und man hat es in der Hand, das gut zu gestalten, abwechslungsreich, begeisternd, ansprechend ……

    Ich habe den Artikel gelesen (ja, tatsächlich, Christian ;-)). Sehr gut gefallen hat mir, dass die Autoren nach eigener Aussage darauf geachtet haben, jede Methode und jedes Vorgehen im Vorhinein zu begründen. Ich denke, dass dies Respekt und Klarheit schafft und oft vernachlässigt wird.

    Schwierigkeiten habe ich mit dieser ‚Clicker‘-Sache, für die man alles in Multiple-Choice- Fragen kleiden muss. Multiple-Choice mach ich auch manchmal, aber wenn es JEDE Veranstaltung macht – ich weiss noch nicht so recht, denn es eignet sich nicht für alle Themen, würde ich meinen. Und die ‚Clicker‘-Technik steht auch nicht jedem zur Verfügung.

    Dennoch ist das grundsätzliche Vorgehen durchaus übertragbar und es freut mich, dass die Studierenden es gut fanden, selbst aktiv zu sein!

    Nun noch eine Frage: Olive, Du schreibst, Du hättest einige Hochschuldidaktik-Kurse absolviert. Was wären deine Vorschläge zur Aktivierung der Studierenden in großen Veranstaltungen? Wie wechselst du Methoden und Sozialformen? Ich glaube ja inzwischen, dass es gar nicht nötig ist, tolle neue Methoden zu erfinden. Ich denke, es ist alles da, und es geht um eine Grundhaltung, die man für sich persönlich entwickeln und etablieren muss (und das mit viel Klarheit für sich und die Studierenden).

    Viele Grüße
    Andrea

    Ich habe den Artikel gelesen (ja, tatsächlich, Christian ;-)).

  3. Einigkeit besteht wohl darin, dass Vorlesungen, die begeistern, Ausnahmen darstellen (dann wundert allerdings, wieviele davon ins Netz gestellt werden, also ausgerechnet diese Vermittlungsform elektronisch perpetuiert wird). Was die Studie betrifft, da durchschaue ich das Experimentalsetting nicht ganz. Warum zwischendrin Wechsel und nicht ganz getrennte Gruppen? Es wird dort meiner Erinnerung nach auch nicht ausgeführt, was „erfahrener“ Dozent heißt. Mehr Vorlesungserfahrung? mehr Lehrerfahrung allgemein? (Leider ist der Volltext nicht mehr frei zugänglich)
    Gruß, Joachim

  4. @Andrea
    Ja, das mit den Clickern finde ich auch ein wenig komisch – eben genau deshalb, weil es auf Multiple Choice hinausläuft (passt allerdings gut ins US-System). Dabei könnte man doch per Microblogging (Twitter oder speziell angepasste Systeme) dieselben Funktionen abbilden, hat aber mehr Möglichkeiten (nicht nur A, B, C oder D; Vernetzung untereinander nicht nur nach „vorne“ zum Dozenten) und die Zugangsmöglichkeiten sind auch vielfältiger (Smartphone, Laptop, …). Dazu könntest du dich mit Mostafa Akbari oder Alexander Perl kurzschließen, vgl. auch http://www.olivertacke.de/2009/12/03/brauchen-wir-eine-manuel-andrack-didaktik/

    Genau bei großen Veranstaltungen stoßen die vorgestellten Methoden oft an organisatorische Grenzen. Was mit 20 oder 30 Leuten gut funktioniert, scheitert bei n-hundert Teilnehmern. Allein fest installierte Sitze machen Gruppenarbeit schwierig, Frontalbestuhlung erschwert Diskussionen untereinander, usw. Daher kamen auch in mehreren Veranstaltungen Fragen nach „richtigen“ Methoden für große Kurse auf, die leider auch nicht wirklich beantwortet werden konnten. An diesen Stellen habe ich dann das aktive Plenum ins Spiel gebracht. Microblogging ist auch in der Diskussion, um auch bei Massenveranstaltungen einen Rückkanal (samt Vernetzung und Austausch untereinander) zu bieten.
    Ich habe selbst meist Seminare mit maximal rund 15 Teilnehmern, da kann man prima zwischen Sozialformen und Methoden wechseln. Die benutze ich je nach Lehr/-Lernziel. Die größte Veranstaltung, die ich bisher hatte, war eine Vorlesung mit etwa 50 Teilnehmern. Da habe ich neben Frontalphasen auch interaktiv an der Tafel schrittweise Dinge erarbeitet, auch das aktive Plenum ausprobiert. Nein, aktiviert habe ich damit auch nicht alle, aber die Beteiligung war fühlbar besser und auch die Rückmeldung der Studierenden war positiv.
    Denke auch, dass viel an der Grundeinstellung hängt. Die Teilnehmer spüren ja auch, ob jemand Lust darauf hat oder nur widerwillig Stoff durchzieht.

    @Joachim
    Interaktion kann man schlecht ins Netz stellen, oder? Die zeitweise Gleichbehandlung der Gruppen kann ich schon verstehen, um erst einmal zu prüfen, ob es grundsätzlich bedeutsame Unterschiede zwischen den Gruppen gab. Aber warum dann nur eine Woche anders gelehrt wurde, bleibt offen.
    Zu den „klassisch“ Lehrenden heißt es einmal „[…] both with above average student teaching evaluations and many years of experience teaching this course and many others.“ Beim „Alternativen“ heißt es dann „[…] had received training in physics education and learning research and methods of effective pedagogy while assisting with the teaching of six courses.“

  5. @Oliver: Danke für die Antwort. Ich befürchte, dass die meisten Lehrenden vor so etwas wie Microblogging zurückschrecken. Man muss sich an Dinge wie Twitter doch erst gewöhnen. Aber vielleicht ist es auch ohne Twitter möglich, nur anders. Ich frage mich, ob man nicht in eine Art Dialog treten kann mit Studierenden. Am Ende jeder Veranstaltung gibt man eine ‚aufwühlende‘ oder ‚merkwürdige‘ Sache rein und bestimmt 10 Studierende, die etwas dazu schreiben sollen. Diese Aufschriebe kommen in ein WIKI oder werden per Email geschickt und der Dozent schaut sich das an, schaut sich die Ideen an, und nimmt etwas davon mit in die nächste Veranstaltung. Das könnte eine Form ‚Dialogischen Lernens‘ werden (http://wiki.zum.de/Dialogisches_Lernen). Ich glaube das funktioniert. Was meinst du? Vielleicht interessiert dich das ja. Unter dem Link findest du auch noch mehr Grundideen des Ansatzes, die ich hier nicht beschrieben habe!

    Nun, und nun zur Frage, warum VL-Videos im Netz sind! Videos haben bei der Wissenaneignung Vorteile gegenüber Lehrbüchern beispielsweise. Sie entschleunigen und die zeigen die Entwicklung von Theorien/Themen auf. Aber noch was (das habe ich schon in Christians blog gepostet): Es gibt so unglaubliche Persönlichkeiten und ich war ganz begeistert jemanden wie Gilbert Stran vom MIT im Video in seine VL Lineare Algebra I zu sehen und seine Welt von Mathematik zu ergründen. Einfach toll, das will man doch erhalten für die Nachwelt, oder?

  6. @Andrea
    Nein, Microblogging ist sicher nicht für Jedermann geeignet und es geht ja auch ohne Technik, war nur eine Option, die halt hier „nebenan“ erprobt wird.

    Denke, es lohnt sich auf jeden Fall, das mit den „aufwühlenden“ Sachen mal auszuprobieren. Ob es funktionieren kann, kann ich als Laie vermutlich nicht wirklich beurteilen. Aber ich würde sagen: Warum nicht?
    Unbewusst wurde das dann von der Professorin, die Twitter in ihrer Vorlesung benutzt, auch schon angewendet: Die Tweets, die während und nach der Veranstaltung mit dem zugehörigen Hashtag verschickt wurden, wurden auch gesammelt, gruppiert, usw. und zu Beginn der nächsten Veranstaltung aufgegriffen.

    Zu den Vorlesungsvideos hatte ich deine Frage falsch verstanden: Ich dachte, es war gefragt, weshalb so viele Vorlesungsvideos im Vergleich zu anderen Formaten zu finden sind. Natürlich sind Videos auch praktisch, das habe ich ja auch im Blogbeitrag geschrieben (Häppchen und Co.). Hat vor über beinahe 10 Jahren ein Prof. an der TU Braunschweig bereits benutzt – allerdings keine bloßen Vorlesungsaufzeichnungen, sondern extra angefertigte Erzählungen, mal am Schreibtisch sitzend, mal ein Videoeinspieler vom Besuch beim MIT, … – und das fand ich überaus praktisch. Und ja, es ist klasse, dass man dadurch Persönlichkeiten für die Nachwelt festhalten kann. Meint beispielsweise auch Gunter Dueck: http://www.youtube.com/watch?v=Optk-gYgFo8

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