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Niemand sagt etwas (in großen Gruppen)… Teil 4

Solltet ihr direkt hier gelandet sein und den Kontext brauchen: Dies ist Teil 4 zum Thema „Niemand sagt etwas (in großen Gruppen)…“. Startet doch im Zweifel mit Teil 1Teil 2 oder Teil 3.

Inhalt (ES)

In die Kategorie Inhalt habe ich einsortiert, was mir eng verbunden mit dem Stoff und seiner Darbietung erschien.

Fragen haben keinen Lebensweltbezug

Wenn ihr keinen echten Bezug zu Inhalten habt, könntet ihr Probleme bekommen, sie interessant vorzustellen. Das haben wir gerade eben gesehen. Für Studierende ist aber nicht nur das Fachliche, sie wissen womöglich auch gar nicht, wie der Stoff in ihr Leben passt.

Wenn ihr mit euren Fragen Anknüpfungspunkte an die Lebenswelt der Studierenden findet, sei es popkulturell, berufsperspektivisch oder anderswie, dann ist das durchaus von Vorteil. Die Lebensgeschichte von jedem müsst ihr nicht dafür kennen, aber ihr solltet euch durchaus für eure Studierenden interessieren und nicht ganz so abseits dessen liegen, womit sie sich beschäftigen.

Helfen kann es außerdem, wenn die Studierenden sich selbst über ihren persönlichen Bezug zu einem Thema klarwerden sollen und diese Information womöglich mit jemandem teilen. Manch einer berichtet womöglich gerne von seinem Hobby, für das er nun noch etwas dazulernen möchte — ein super Einstieg in ein Thema!

Fragen zum Stoff sind zu komplex oder zu einfach

Sind Fragen zu einfach, denkt man im Zweifel wohl eher an eine Fangfrage und schweigt. Sind die zu komplex (gestellt), findet man keinen Einstiegspunkt. Kaum pauschal für eine Gruppe Studierender abschätzbar, aber das Problem des fehlenden Wissens um das Wissen habe ich oben ja bereits angesprochen.

Stoff und Fragen dazu werden in einer Fremdsprache dargeboten

Eigentlich finde ich diesen Punkt trivial, aber er kann natürlich eine Ursache für Schweigen sein oder den oben erwähnten Punkt der Unsicherheit verstärken.

Interaktion (WIR)

In den Bereich Interaktion fällt für mich, was ein Gruppengefüge als Ganzes betrifft. Dazu zählen zum Beispiel Kommunikation und Beziehungsaskepte zwischen Personen.

Lernende kennen sich untereinander kaum

Wenn sich Lernende untereinander kaum kennen, kann das die Unsicherheit erhöhen. Ich scheue mich sicher mehr, mich frei zu äußern, wenn ich die anderen nicht kenne und ihre Reaktion darauf gar nicht einschätzen kann. Vorteilhaft kann es für das Arbeiten mit Gruppen daher sein, dem Kennenlernen zu Beginn bewusst Raum einzuräumen und auch später immer wieder Phasen jenseits des Fachlichen einzubauen.

Bei einem der letzten zweitägigen Workshop, die ich geleitet habe, habe ich beispielsweise am ersten Tag viel Energie darauf verwendet, Gruppenprozesse anzustoßen — durchaus an einem Inhalt aufgehängt, aber im Fokus stand er eigentlich nicht. Das stellenweise geäußerte Feedback nach Tag 1, dass ja „nicht so viel herumgekommen“ sei, konnte ich gut verschmerzen. An Tag 2 hatten nämlich wissenschaftliche MitarbeiterInnen offenbar überhaupt kein Problem damit, sich vor und mit versammelter Mannschaft zur Auflockerung zur Amöbe, Fliege, Frosch, T-Rex oder Affen zu machen. Wir haben als Erwachsene Menschen Evolution gespielt und hatten einen Heidenspaß dabei. Ich habe auch ein Video davon, aber das öffentlich bereitzustellen, müsste ich dann vielleicht doch klären 🙂

Die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden ist „kühl“

Wie bereits angedeutet: In der Welt er Wissenschaft schwingt immer Objektivität mit. Das ist für die Forschung an sich auch gut so, wenngleich auch da Emotionen mitschwingen. Für die Lehre ist es aber in meinen Augen ein Irrglaube, den Faktor Mensch außen vor lassen zu können. Manch einer mag es als Ausdruck von Professionalität verstehen, wenn er sich einzig auf das Fachliche beschränkt und keine Beziehung zu den Studierenden eingeht, weil er darunter gleich unfaire Verbrüderung oder etwas in der Art versteht. Eine Vorlesung ist kein Fachbuch in mündlicher Form, wie es Friedemann Schulz von Thun sagte. Wer sich zum Pseudo-Buch degradiert, bekommt halt weniger Antworten. Mit Büchern redet man eher selten, selbst wenn darin Fragen gestellt werden.

kalte Winterlandschaft

steiles „Hierarchiegefälle“ zwischen Lernenden und Lehrenden

Man kann machen, was man will: Ein gewisses Hierarchiegefälle zwischen Lernenden und Lehrenden lässt sich kaum vermeiden. Manch einer erzittert vor Erfurcht bereits vor der Amtsbezeichnung Professor, obwohl das ein ganz lockerer Typ sein kann. Und selbst wenn jemand ein Semester zuvor selbst noch Studierender war, darf er nun womöglich mitentscheiden, wenn es um Noten geht. Das bringen die unterschiedlichen Rollen nun einmal mit sich. Ein solches Gefälle empfinde ich an sich auch nicht als Problem; nur wenn es zu steil wird, dann sollte man sich womöglich um etwas Ausgleich bemühen. Ich nenne es wieder Beziehungsarbeit.

Diskussion ist unpassende Kommunikationsform

Last but not least: Eine Diskussion kann schlicht für bestimmte Ziele, Personen oder Rahmenbedingungen eine unpassende Kommunikationsform sein oder schlecht geleitet werden. Dann sollte man nicht zögern und sie durch etwas anderes austauschen.


Puh, das waren viele Gedanken zu dem Thema. Wenn ihr noch Luft habt, freue ich mich wie immer über Kommentare! Wie soll es weitergehen? Wollt ihr statt Texten vielleicht auch mal kurze Videos zu solchen und ähnlichen Fragestellungen? Lasst es mich wissen!

Niemand sagt etwas (in großen Gruppen)… Teil 2

Neulich wollte ich eine der typischen Fragen bearbeiten, die uns in der Hochschuldidaktik immer wieder unterkommen: „Wie bekomme ich Studis dazu, mir zu antworten?“ In weiten Teilen habe ich sie umschifft und mich zunächst den Ursachen gewidmet, denn das erschien mir deutlich sinnvoller. Auf mehrfachen Wunsch gehe ich nun aber etwas mehr auf einige Maßnahmen ein, die ergriffen werden können.

Nikko_drei_Affen-01
Wichtig ist mir immer noch, Maßnahmen nicht blind einzusetzen, weil sie gerade irgendwie passend erscheinen. Wenn sie an der Ursache für das Schweigen vorbeigehen, kann man sich den Aufwand vermutlich auch sparen. Wenn die Maßnahme nicht zu mir selbst passt, wird es auch schwierig. Aber genug der Vorrede!

Ich schlage in den weiteren drei Texten (es ist nämlich ganz schön viel geworden) einfach ein paar Möglichkeiten vor, die ich im ersten Teil noch nicht genannt habe, aber zu den denkbaren Ursachen aus der Tabelle passen. Ich erhebe aber überhaupt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und freue mich über eure Ergänzungen und Diskussionen in den Kommentaren!

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Niemand sagt etwas (in großen Gruppen)…

Nachdem ich mich neulich dem Klassiker „Vorrechenübungen“ mit einer Idee gewidmet habe, kommt heute eine Frage dran, die gefühlt zu den am häufigsten gestellten zählt: „Wie bekomme ich Studis dazu, mir zu antworten?“ Die Variationen „möglichst alle“, „in großen Gruppen“ oder „mit mir zu diskutieren“ gehören ebenfalls dazu.

Um das irgendwie halbwegs sinnvoll in einem Blogbeitrag zu bearbeiten, sollten wir aber beleuchten, weshalb Studierende nicht antworten können oder wollen obwohl sie sollen und dürfen. Je nachdem, welche Ursachen tatsächlich ausschlaggebend sind, kann und sollte nämlich anders damit umgegangen werden.

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Schaut nicht auf meinen Finger, der euch die Richtung weist, sondern schaut auf das Kind

Gestern habe ich endlich mal wieder meinen Das-Lese-Ich-Noch-Bücherstapel verkleinert: An der Reihe war „Maria Montessori – Leben und Werk“. Außer dass die Dame dem Bereich Reformpädagogik zuzurechnen ist, wusste ich nicht viel, und umso spannender war das Lesen.

Beeindruckend finde ich zunächst, wie kämpferisch Montessori ihre Ziele verfolgt und den Widerständen getrotzt hat, die ihr entgegengesetzt wurden. Sie studierte unter geradezu schikanösen Bedingungen Medizin – bis dahin eine reine Männerdomäne – und erhielt als erste Frau in Italien den Doktorgrad in dieser Disziplin.
Sie arbeitete anschließend in der Kinderabteilung einer Klinik und hatte in „Irrenhäusern“ zu tun, wo sie nach und nach feststellte, dass die vermeintlich zurückgebliebenen Kinder keine medizinische Hilfe benötigten, sondern erzieherische. Fortan beschäftigte sie sich neben ihrem eigentlichen Job mit Pädagogik und entwickelte das nach ihr benannte Konzept.

Als dessen Kern würde ich sehen: Kinder können viel mehr, als man ihnen gemeinhin zutraut. Sie sind von Natur aus neugierig, wollen ihre Umwelt erforschen und können ihr Lernen auch selbst steuern – wenn man sie lässt und einen richtigen Rahmen schafft. Das hat mich sehr an Forschendes Lernen erinnert.

An anderer Stelle sehe ich Bezugspunkte zur Themenzentrierten Interaktion. Auch dort wird festgestellt, dass der Mensch stets in Wechselwirkung zu anderen Menschen, im weitesten Sinne sogar zur gesamten Menschheit steht und sich dessen bei seinen Handlungen bewusst sein sollte. Angestrebt wird letztlich bei beiden ein ganzheitliches, lebendiges Lernen, bei dem nicht die Lehrenden im Mittelpunkt stehen, sondern die Lernenden: „Schaut nicht auf meinen Finger, der euch die Richtung weist, sondern schaut auf das Kind.“

Nach Montessori müssten Lehrende die Kinder viel stärker beobachten um herauszufinden, wie sie jeden individuell fördern können – denn jedes Kind ist anders. Dafür biete beispielsweise die Freiarbeit die entsprechende Gelegenheit. Das wiederum hat mich an LdL erinnert. Dessen Entwickler Jean-Pol Martin betont, dass die Lehrenden die Schülerinnen und Schüler aufmerksam beobachten müssen, um gezielt auf sie eingehen zu können.

Insgesamt eine spannende Lektüre, wenngleich ich natürlich erst an der Oberfläche gekratzt habe. Aber das Buch „Kinder sind anders“ von Maria Montessori wartet schon in meinem Stapel…