Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin

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Über Bastian Greshake und sein Projekt openSNP bin ich vor einer Weile auf das Thema Genom-Analyse gestoßen. Nebenbei bemerkt: Ein schönes Interview mit Bastian auch zu diesem Thema gibt es unter bei Scientists in Progress von Matthias Fromm. Vor einigen Wochen habe ich dann die Dienste von 23andMe in Anspruch genommen und meine DNA auf diverse Marker hin untersuchen lassen (Ja, die Daten lagern nun auf einem Server in den USA, ich bin mir dessen bewusst). Die Ergebnisse lassen sich nun online durchstöbern, es gibt haufenweise erklärendes Material, Links auf Studien, usw. Das ist total spannend! Vielleicht ein paar Ergebnisse, die ich besonders interessant fand – auch wenn sie mit etwas Vorsicht zu genießen sind:

  • Ich habe genetisch bedingt bei einigen Krankheiten ein überdurchschnittlich hohes Risiko. Wenig überraschend waren mit Blick auf meine Familiengeschichte für mich Herzprobleme, aber gleichzeitig habe ich durch den Test die Information erhalten, dass mein Stoffwechsel Koffein schlecht verarbeitet. Nicht unbedingt die beste Kombination. Vielleicht sollte ich über meinen Kaffee-Konsum einmal nachdenken.
  • Die Übersicht sagte, ich hätte ein erhöhtes Risiko an Prostatakrebs zu erkranken. Das habe ich neulich meiner Mutter am Telefon erzählt, woraufhin sie mir sagte, das sei gerade bei einem meiner Onkel diagnostiziert worden.
  • Andersherum geht es aber auch: Vor altersbedingter Makuladegeneration oder Venenerkrankungen brauche ich mich viel weniger zu fürchten als der Durchschnitt der Bevölkerung.
  • Der durchschnittliche Europäer trägt 2,7 % der DNA eines Neandertalers in sich. Bei mir sind es 2,8 %! Ugh, ugh.
  • Anhand von sogenannten Haplogruppen lässt sich zurückverfolgen, aus welcher Region der Welt meine Ahnen stammen. In der mütterlichen Linie wäre das die Haplogruppe H mit Ursprung in Südwestasien und dem mittleren Osten. Diese Gruppe ist in Europa aber extrem gängig. Väterlicherseits habe ich Haplogruppe J mitbekommen. Das ist schon interessanter, denn Träger dieses Markers kommen eher in südlichen Gefilden vor.
  • Ungeachtet der Haplogruppen stammen bei vorsichtiger Rechnung 99,5 % meiner Vorfahren vor 500 Jahren (vor den großen Ozeanüberquerungen) aus Europa. Der größte Anteil von 68,8 % lässt sich leider nicht spezifizieren. 18,8 % wohnten in Nordeuropa, allerdings lässt sich das Gebiet nicht näher eingrenzen. Weitere 10,5 % stammen aus Osteuropa (Polen, Ukraine, West-Russland und Ungarn), und 2,5 % stammen tatsächlich aus Südeuropa. Spekulieren lässt sich auch, aber das ist wohl wirklich das: Spekulation. Oder vielleicht habe ich tatsächlich auch Wurzeln in Ostasien und Südamerika?
  • Prinzipiell lassen sich im Bestand von 23andMe Personen aufspüren, die große Teile meiner DNA mit mir teilen – also vermutlich auch mit mir verwandt sind. Ist leider niemand mit mehr als 0,43 % dabei.

Es gibt in den Daten viele spannende Dinge zu entdecken, für einen selbst, aber natürlich auch für die Wissenschaft. Noch offener wird es bei openSNP, wo die Ergebnisse sogar öffentlich gemacht werden können, damit sie für Forschungszwecke frei zur Verfügung stehen. Auf die möglichen Risiken bei diesem Schritt wird man auf der Seite hingewiesen!

Der Reiz der Erkenntnis wäre gering, wenn nicht auf dem Wege zu ihr so viel Scham zu überwinden wäre.

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Auf meiner Wikiversity-Seite lagert noch immer ein Artikel, den Christian Spannagel und ich ursprünglich für eine Konferenz im Sommer geplant hatten. Christian musste aus Zeitgründen schließlich absagen, ich schrieb und schrieb und schrieb. Der Beitrag war zur Konferenz weder fertig noch passend, denn er hatte inzwischen mehr als den doppelten Umfang erreicht, der erlaubt war. Tja, und ich mochte nicht so viel kürzen.

Nach und nach habe ich am Text gearbeitet und fand, er sei schließlich fertig: tada! Ich suchte nach einer Zeitschrift, für die er vielleicht interessant sein könnte und stieß auf das Journal of Research Practice. Der Kontakt mit dem zuständigen Redakteur war sehr unkompliziert. Es gab zwar kein “richtiges” Review, aber der Text wurde vorab kurz begutachtet – und abgelehnt. Lest selbst:

1. Topic: Interesting, timely, highly relevant for JRP.

2. Content: The article mentions several recently used terms (citizen science, open science 2.0, etc.). There is a need to clarify these terms/concepts and develop a somewhat systematic account of how they relate to each other, their merits and difficulties, and the way they may change conventional notions and practices of research. There needs to be more systematic critical discussion.

3. Organization: Needs a more systematic argument. Suggestion for a more rigorous organization: (1) The meaning and origin of Open Science 2.0, (2) Current state and development, (3) Methodological core concepts of Open Science 2.0: aims, merits, and difficulties, and (4) Where do we go from here? Critical discussion and outlook.

4. Writing: Needs to follow a more disciplined and rigorous approach. The basic message comes through quickly, but the ideas do not appear to develop much further; also our attention as readers begins to waver. The message keeps being repeated in different terms and with various excursions into rather unspecific/remotely relevant territory. Clearly, there is a chance of condensing it into a much shorter article.

Overall: The topic has a lot of potential, but the article lacks rigorous organization. However, we honour the author’s intention in offering this as a working paper–quite in the spirit of “open science.” To develop a publishable version, the author needs to move from description to argumentation. In its current state, the article is not ready for publication in JRP, although it has a potential for development.

Da ich den Text eigentlich gut finde, zweifele ich durchaus an mir selbst. Er holt zwar an einigen Stellen etwas weit aus und spricht einige Dinge mehrfach an, aber er sollte auch von möglichst vielen verstanden werden. Vielleicht bin ich aber doch über das Ziel hinaus geschossen; schließlich findet sich in der Rückmeldung der Vermerk, dass der Artikel gehörig zusammengedampft werden könnte, was ich ja nicht wollte. Ich werde mir überlegen müssen, ob ich den Text entsprechend überarbeiten werde oder ihn einfach so im Netz stehen lasse.

Start me up!

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Wissenschaftliche Projekte kosten Geld. Mal mehr, mal weniger. Während beispielsweise ein theoretischer Mathematiker oft nur seinen Kopf und freien Zugang zu Kaffee benötigt, können in anderen Bereichen Millionenbeträge fällig werden. Das Kernforschungszentrum CERN etwa verfügte 2010 über rund 850 Mio. Euro – und vermutlich reichte selbst diese Summe kaum.

Neben dem regulären Etat, den eine wissenschaftliche Einrichtung zugewiesen bekommt, können Drittmittel eingeworben werden. Als Geldgeber können etwa Unternehmen in Frage kommen, aber auch Stiftungen oder öffentliche Träger wie beispielsweise das Bundesministerium für Bildung und Forschung. In der Regel müssen dafür umfangreiche Anträge geschrieben werden, in denen die angedachten Projekte haarklein skizziert werden. Hat dieses Unterfangen Erfolg, wird Geld bereitgestellt.

Das klingt erst einmal erfreulich, kann aber auch ganz und gar unerfreuliche Pferdefüße nach sich ziehen. Es ist bei öffentlich geförderten Projekten nämlich so, dass größere Summen nicht einfach das Konto wechseln, sondern nach und nach angefordert werden müssen. Dafür müssen dann wieder Pläne erstellt werden, Geld wird hin- und hergebucht – und im schlimmsten Fall sogar mit Zinsen zurückgezahlt, wenn man sich einmal verkalkuliert hat. Oben drauf kommen mitunter bürokratische Vorgaben, wie gearbeitet werden muss. Dazu vielleicht sogar noch Vorschriften, wo mit welchen Millimeterabständen Logos auf geförderte Schriften zu platzieren sind…

Spendenhut

Geldspenden gesucht

Spannend finde ich es daher, dass vor wenigen Wochen in Deutschland die Plattform Science Starter ihre Pforten geöffnet hat. Sie funktioniert nach dem Prinzip des Crowdfunding. Wissenschaftler können dort für eine gewisse Zeit ihre Projekte vorstellen und die Geldsumme nennen, die sie benötigen. Jeder Interessierte kann Beträge zur Verfügung stellen, kleine wie große, und erhält je nach Höhe sogar ein wie auch immer geartetes Dankeschön. Und sollte die benötigte Geldsumme nach Ablauf einer bestimmten Frist nicht erreicht werden, wird das eingesetzte Kapital übrigens zurücküberwiesen.

In der Privatwirtschaft funktioniert dieses Prinzip teilweise ganz ausgezeichnet. Gerade dann, wenn man eine gewisse Popularität bereits mitbringt, können sehr große Beträge eingeworben werden. Tim Schafer, in Computerspielekreisen bekannt für legendäre Titel wie The Secret of Monkey Island oder Day of the Tentacle, sammelte schlappe drei Millionen Dollar für ein Spieleprojekt ein – obwohl er “nur” 400.000 Dollar als Wunsch angegeben hatte.

Ob es vergleichbare Erfolge auch in der Wissenschaftswelt geben wird, darauf bin ich sehr gespannt. Untersucht wird dieses Phänomen beispielsweise vom Institut für Kommunikation in sozialen Medien. Dort erhält man auch gleich praktische Tipps für eigene Projekte:

Ein Crowdfunding-Projekt sollte authentisch sein: es muss erkennbar sein, wer hinter dem Projekt steht. Man sollte erstmal mit einem kleinen Budget anfangen, um sich eine Community aufzubauen.

Speziell den letzten Punkt finde ich wichtig! Im Gegensatz zu Drittmitteln von öffentlichen Einrichtungen erhält man keine strikten Vorgaben, die es einzuhalten gilt, aber natürlich sollte man seine Geldgeber nicht als Melkkühe betrachten! Wer einfach nur die Hand aufhält, dem dürfte wenig gelingen. Wissenschaftler müssen raus aus dem Elfenbeinturm und sich und ihre Forschung öffnen! Es geht, wie so oft im Social Web, um den Aufbau und die Pflege von echten Beziehungen.

Werfen wir abschließend noch einen kurzen Blick auf die Projekte bei Science Starter. Tatsächlich stammen drei der bisher acht Vorhaben aus Braunschweig, und das nehme ich einfach als Auswahlkriterium.

Mit One World One Lab möchte Christian Stern vor Ort dokumentieren, wie unterschiedlich die Arbeit von Wissenschaftlern weltweit aussehen kann. Die dabei entstehenden Videos werden frei zugänglich bei YouTube zu finden sein. Bei UUmed geht es darum, einen drahtlosen medizinischen Sensorknoten zu entwickeln (Open Source!). Dadurch soll es einfacher und kostengünstiger werden, die Entwicklung und den Einsatz von medizinischen Geräten zu erforschen, die den Alltag speziell von älteren Menschen verbessern können. Und schließlich gibt es home – Social Media für alle. Es soll daran gearbeitet werden, auch behinderten Menschen einen sicheren Zugang zu Social Media zu ermöglichen, der aktuell recht problematisch sein kann.

Schaut doch einfach mal bei Science Starter vorbei!

Wolken am Wissenschaftshimmel

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Ich habe ja schon öfter über die weniger glamourösen Aspekte berichtet, die in der Wissenschaftswelt immer wieder vorkommen und die manch einer vielleicht lieber unter dem Mantel des Schweigens verbirgt. Da gab es beispielsweise abgelehnte Beiträge, schlechte Vorträge oder einfach gefühlte Rückschläge in der Forschung. Es herrscht nicht immer Sonnenschein. Heute kommt ein weiteres Kapitel hinzu.

Christian Spannagel und ich haben einen Beitragsvorschlag für die International Conference on Science and the Internet 2012 (#cosci12) eingereicht, der auch angenommen wurde. Wir hatten dann gut und gerne vier Monate Zeit, um den Beitrag zu verfassen. Was haben wir gemacht? Erst einmal gar nichts. Prokrastination vom Feinsten. Etwa vier Wochen vor Abgabeschluss ging es dann erst los. Kurz darauf musste Christian dann leider schon wieder aussteigen, weil er wegen anderer Aufgaben schlicht und ergreifend keine Zeit mehr für den Artikel abzweigen konnte. Ich fand das überhaupt nicht schlimm, denn ich weiß selbst, wie ich mich zeitlich ab und an verplane. Das hieß allerdings, ich würde einen ganz schönen Zahn zulegen müssen, um die Zeitvorgabe einhalten zu können. Dass ich fast zeitgleich eine neue Stelle angetreten hatte und wir Englisch als Sprache für den Text gewählt hatten, machte die Sache nicht gerade einfacher. Der Bearbeitungsverlauf lässt sich in der Versionshistorie der zugehörigen Wiki-Seite verfolgen.

Immerhin, ich kam voran. Kurz vor Abgabeschluss machte ich die Veranstalter der Konferenz allerdings darauf aufmerksam, dass ich den Termin nicht einhalten können würde. Nach einer weiteren Woche ergab sich dann ein ganz anderes Problem: Der Text war inzwischen zu lang. Für die Einreichungen gab es eine Begrenzung auf etwa 3.000 Worte, meine Ausarbeitung hatte bereits mehr als doppelt so viele, und diverse Stichpunkte wollten noch abgearbeitet werden. Mehr als zwölf Seiten wurden aber auch auf Anfrage nicht zugelassen. Das ist vollkommen verständlich, wenn man weiß, dass typischerweise mit Verlagen vorab ein Gesamtseitenumfang für einen Sammelband ausgehandelt wird. Aus Kostengründen kann man da nicht einfach ein paar Seiten mehr einreichen. Bliebe die Frage, weshalb man nicht schlicht die Beiträge online etwa als PDF-Dokumente zur Verfügung stellt und eine Print-On-Demand-Version für diejenigen anbietet, die gerne einen gedruckten Sammelband wünschen.

Mein ursprünglicher Gedanke, einfach eine kürzere Fassung für den Druck zu erstellen und darin auf die frei zugängliche Langfassung im Internet zu verweisen, schien mir inzwischen nicht mehr praktikabel. Ich hatte damit gerechnet, am Ende vielleicht ein oder zwei Seiten über dem Limit zu liegen, aber das erwies sich ganz offensichtlich als Irrtum. Das Thema, das Christian und ich behandeln wollten, ließ sich offenbar nicht im gewünschten Umfang unterbringen – zumindest für mich nicht zufriedenstellend. Auf einige Passagen hätte ich sicher verzichten können, aber über die Hälfte des Inhalts zu streichen, wäre mir wie eine Kastration vorgekommen, wie eine least publishable unit. Damit wird eigentlich das Aufteilen eines großen Beitrags in gerade noch publizierbare Häppchen bezeichnet, um sie in in möglichst vielen verschiedenen Zeitschriften oder Büchern veröffentlichen zu können und so die eigene Liste der Veröffentlichungen anschwellen zu lassen. Die gilt in der Wissenschaft nämlich mitunter als Maß des Erfolgs.

Da ich an dieser Praktik kein Interesse habe, sagte ich die Teilnahme an der Konferenz zunächst ab. Ich konnte bzw. wollte keine Zwölf-Seiten-Kurzfassung liefern, was ich natürlich keinesfalls den Veranstaltern anlasten kann. Es gab die Vorgaben, ich wusste davon. Meinem Mangel an diplomatischem Geschick ist es aber wohl zu verdanken, dass das ganz anders ankam. Es scheint so, als habe ich rübergebracht, Print sei grundsätzlich überflüssig und Konferenzen sowieso Unsinn. Zur Antwort bekam ich, gerade Kritiker außerhalb des Netzes müsse man ja über andere Wege erreichen, da sie im Web nicht zu finden seien. Und das stimmt! Aus dem Grund hatte ich auch zugesagt, als man mir anbot, einen Vortrag auch ohne einen Artikel nach Vorgabe zu halten. Das wird am kommenden Donnerstag sein.

Was bleibt, sind meine Zweifel, was das bringen wird. Auch diese Zweifel beziehen sich nicht speziell auf die #cosci12, sondern ganz allgemein auf das Format, das bei Konferenzen häufig anzutreffen ist: 20 Minuten Frontalvortrag, 10 Minuten Diskussion, nächster bitte. Ohne die konkreten Inhalte zu kennen, soll ich dem Redner zuhören, gleichzeitig die Inhalte durchdenken, direkt im Anschluss offene Fragen klären und schließlich in der verbleibenden Zeit auch noch diskutieren? Selbst von einem “Verfechter klassischer Wissenschaft” vernahm ich vor einiger Zeit die Frage, was man denn von solchen Konferenzen mitnimmt, was nicht sowieso im Artikel nachzulesen ist. Die gegebene Zeit dort reiche seiner Wahrnehmung nach jedenfalls nicht aus, um die Inhalte zu durchdringen und sich dann angemessen dazu austauschen zu können. Wir werden sehen…

Der besagte Artikel ist übrigens immer noch nicht fertig, aber es steht nun fast eine komplette Rohfassung, der dann noch der Überarbeitung bedarf.

Gedankensalat zur öffentlichen Wissenschaft

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Zusammen mit Christian Spannagel arbeite ich gerade an einem Beitrag zum Thema öffentliche Wissenschaft (mit Schwerpunkt Forschung) und habe mir dazu heute Gedanken gemacht. Den Salat, der dabei herausgekommen ist, stelle ich einfach kurz vor. Muss gar nichts weltbewegend Neues dabei sein. Wer dazu Anmerkungen hat, wer vielleicht gar jemanden kennt, der sich dazu schon Gedanken gemacht und die veröffentlicht hat – immer her damit!

1. Gedankengang: Der Grad der Exklusivität wissenschaftlicher Erkenntnis verringert sich beständig

Sieht man sich die Geschichte der Wissenschaftswelt an, stellt man fest, dass sich der Zugang zu ihren Erkenntnissen weiter und weiter verbreitert hat. Schrieben sich Gelehrte vor Hunderten von Jahren noch untereinander Briefe und behielten Entdeckungen auch schon einmal für sich, werden die Ergebnisse von Forschung heute in Zeitschriften und Büchern veröffentlicht. Deutlich mehr Menschen haben dadurch Zugriff auf das darin konservierte Wissen. Einen weiteren Schub zu einer noch größeren Öffnung bieten Initiativen wie Open Access.

Für den nächsten Schritt brauchen wir einen Klassiker aus den Wirtschaftswissenschaften, die Klassifizierung von Gütern nach Ausschließbarkeit und Rivalität:

  • Ausschließbarkeit: Ich kann wirksam und verhältnismäßig verhindern, dass jemand ein Gut nutzen kann oder nicht. Ein Buch kann ich beispielsweise in einen Tresor einschließen, und jemand müsste schon viel Mühe aufbringen, wenn er es lesen wollte. Bei Atemluft wird das schon deutlich schwieriger.
  • Rivalität im Konsum: Was der eine hat, kann der andere nicht haben. Wenn ich ein Stück Kuchen esse, kann das nicht gleichzeitig ein anderer futtern. Wenn ich aber Radio höre, sind die Funkwellen für meinen Nachbarn nicht plötzlich weg.
Güter nach Ausschließbarkeit und Rivalität

Güter nach Ausschließbarkeit und Rivalität

Die Trennlinien können – wie so oft – nicht scharf gezogen werden, aber es lässt sich daraus eine zweidimensionale Matrix erstellen, bei der die beiden Dimensionen Ausschließbarkeit und Rivalität im Konsum auf den Achsen aufgetragen werden und man dann vier Felder erhält, die verschiedene Güterarten bezeichnen. Besteht bei etwas keine Rivalität im Konsum, aber ich kann andere von der Nutzung ausschließen, nennt man das zum Beispiel ein Klub-Gut. Es könnten etwa beliebig viele Mitglied in einem Buchklub werden, ohne sich gegenseitig zu stören, aber es könnte beschränkt werden, wer Mitglied sein darf.

Zurück zur Wissenschaft. Denken wir uns die wissenschaftliche Erkenntnis als ein Gut vor, dann würde ich bei dieser keine Probleme mit der Rivalität sehen (oder irre ich mich?). Wenn jemand etwas lernt, verlernt dadurch ein anderer nichts. Wissenschaftliche Erkenntnis war aber früher ziemlich exklusiv, der Zugang zu ihr wurde stark reglementiert (etwa durch die Kirche) oder freiwillig begrenzt (Geheimhaltung). Es lag ein Klub-Gut vor. Durch die Aufklärung und die Errichtung des Publikationswesens und von Bibliotheken sanken jedoch die Zugriffshürden bereits beträchtlich. Open Access und Co. verstärken diese Marschrichtung. Jemanden von wissenschaftlichen Ergebnissen auszuschließen, scheint immer schwieriger zu werden. Können wir von wissenschaftlicher Erkenntnis (bald) als öffentliches Gut sprechen?

2. Gedankengang: the final frontier?

Bei dem bisher geschriebenen konnte man wissenschaftliche Erkenntnis als Produkt interpretieren – als Artikel in einer Zeitschrift, als Buch, vielleicht auch als Vortrag auf einer Konferenz. Eine gewisse Form der Ausschließbarkeit findet sich dann immer noch in der Art der Darstellung, in der Sprache. Wenn jemand ein solches Produkt erstellt, tut er dies für eine bestimmte Zielgruppe. Oft unterscheidet man in Wissenschaftler (des eigenen Fachs) und Nicht-Wissenschaftler und macht das an der Zugehörigkeit zu einer Forschungseinrichtung fest. Diese Einteilung übernehme ich an dieser Stelle der Einfachheit halber. Wir finden dann im Internet auf Seiten der Wissenschaft etwa arXiv.org, wo zahlreiche wissenschaftliche Artikel für jedermann kostenlos zugänglich sind (Open Access). Für Nicht-Wissenschaftler gibt es beispielsweise Aufzeichnungen von Quarks&Co. Verhindern kann man natürlich nicht, dass Wissenschaftler sich Quarks&Co anschauen oder Nicht-Wissenschaftler sich wissenschaftliche Artikel durchlesen, aber es wird vorab von einer bestimmten Zielgruppe ausgegangen.

Produkte und Prozesse in der Wissenschaft

Produkte und Prozesse in der Wissenschaft

Wissenschaft lässt sich aber auch als ein Prozess betrachten, der bestimmte wiederkehrende Bausteine umfasst – etwa Themenfindung, Entwurf eines Forschungsdesigns oder der Auswertung von erhobenen Daten. Da hat aber in der Regel niemand einen Einblick, das ist ziemlich exklusiv. Christian Spannagel und ich sind der Ansicht, dass auch hier eine Öffnung Vorteile für viele Beteiligte bringen könnte; sowohl für denjenigen, der seine Arbeitsabläufe für andere erlebbar macht, als auch für diejenigen, denen diese Chance gewährt wird. Das geht etwa über die kontinuierliche Arbeit in frei zugänglichen Wikis, Reflexionen in Blogs, usw. Das führe ich hier nicht aus. Ich habe aber auch hier eine Matrix gebastelt, bei der ich auf der einen Achse die Trennung in Wissenschaftler und Nicht-Wissenschaftler aufgetragen habe, bei der anderen in Produkte und Prozesse.

Schwierigkeiten bereitet mir die obere Zeile mit den Prozessen. Während es mir bei Produkten irgendwie einleuchtet, dass diese für eine bestimmte Zielgruppe gestaltet werden, stört mich diese Unterscheidung bei Prozessen. Den Balken habe ich daher grau statt schwarz gezeichnet. Ich habe den Eindruck, bei Prozessen entscheiden vielmehr die Konsumenten bzw. Teilhabenden, ob diese für sie gemacht sind oder nicht. Eine Abgrenzung zwischen so etwas wie Prozessen für Wissenschaftler und Prozessen für Nicht-Wissenschaftler finde ich schwieriger, kann es aber noch nicht besser in Worte fassen. Falls mir dazu jemand einen geeigneten Gedankenanstoß liefern kann – egal ob die Grafik dann hinfällig ist oder nicht…

3. Gedankengang: Transparenz ist nicht Partizipation

Das ist nur ein ganz kleiner Gedankengang zum Thema Prozesse der Wissenschaft. Schön wäre es schon, wenn die Prozesse transparent würden und man Wissenschaftlern quasi beim Arbeiten zuschauen könnte und man mitbekäme, wie das wirklich alles funktioniert. Es wäre ja schon eine gewisse Neuheit, wenn man auch die ganzen Fehlschläge mitbekommen würde. Schöner wäre es aber, wenn auch diese Nicht-Wissenschaftler sogar etwas zur wissenschaftlichen Erkenntnis beitragen könnten. Das geht! Ich glaube aber auch nicht, dass alles geht. Diese Unterscheidung zwischen Transparenz und Partizipation scheint mir noch wichtig zu sein. Eine dritte Grafik habe ich aber dazu nicht gezeichnet :-)

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