Mrz 05

Für Samstag wurde neben Maria Brosch von Schulen ans Netz, Norbert Hähnel von Microsoft und Jean-Pol Martin auch ich als Gesprächsteilnehmer einer Podiumsdiskussion zur CeBit eingeladen; das Thema lautet: “Zukunft der Schule und das digitale Lernen“. Vorab sendete uns der Moderator einige Leitfragen, zu denen ich hier (relativ) kurz und keinesfalls umfassend meine Gedanken festhalte.

Zuvor aber muss ich natürlich anmerken, dass ich mich bei einer Diskussion zum Thema Schule sehr weit aus dem Fenster lehnen müsste. Zwar habe ich vor einem knappen halben Jahr ein Schulprojekt mitbetreut und auch Kontakt zu einigen Lehrern, aber einen tieferen Einblick habe ich nur in die Uni – daher werde ich meine Aussagen weitgehend darauf beschränken. Zum Thema “Lernen” bin ich ebenso kein Experte, aber ich sammele sowohl als Lehrender (LdL, Twitter in Vorlesungen am Lehrstuhl von Susanne Robra-Bissantz, offenes Wiki, …) als auch als Lernender (Fernstudium, informeller Bildungsraum Internet) zahlreiche Erfahrungen damit und mache mir meine Gedanken dazu.

Als kurzes Eingangsstatement würde ich wählen: Die Unis sind momentan vielfach wie von allem abgeschottete Legebatterien, in der ein Haufen intelligenter Leute stumpfsinnig eingepfercht und ihnen kein Freiraum zur Entfaltung gegeben wird. Und um Alexander Perl zu zitieren: “Es geht auch anders!”

  • Welches sind die bestehenden Paradigmen unter dem Eindruck der immer mehr aufweichenden Schulszenarien?
    Im derzeitigen Hochschulsystem wird den Studenten viel zu wenig zugetraut. Viele Lehrende (Sicher nicht alle! Aber man macht so seine Beobachtungen) sehen sie offenbar als defizitäre Objekte und nur als Empfänger der Weisheit, also etwas Fehlerhaftes, das es auszubessern gilt. Dieses Bild von Studenten im Hinterkopf, wird am längst überholten Vorlesungsmodell festgehalten, in dem vorgefertigtes Wissen monologartig eingetrichtert wird. Zum selbstbestimmten Forschen, und dafür ist die Uni auch für die Studenten da (!), gibt es kaum Platz. Statt sie mit Sachwissen vollzustopfen und dieses auswendiglernen zu lassen, sollte man sie dazu inspirieren, selbst Entdeckungen machen zu wollen. Das muss nicht im Netz passieren, aber warum sollte man sich von den zahlreichen Möglichkeiten abschotten, die es zu bieten hat? Fragen wir doch vielleicht anwesende Schüler oder Studenten, die erleben die Probleme am eigenen Leib!
  • Es gibt immer mehr Modellversuche und Privatschulen. Halten auch die neuen Schulexperimente und Schultypen an den bestehenden Paradigmen fest, oder findet ein „schleichender“ Abschied vom alten Schulsystem statt?
    Es gibt einige andersartige Konzepte, beispielsweise die Freie Schule in Leipzig. Kinder können dort selbstbestimmt lernen, sich ihren Lehrplan selbst einteilen und gemeinsam mit anderen etwas entdecken. Das ist schon etwas deutlich anderes als derselbe Unterricht, bei dem in feste Klassen(stufen) eingeteilt wird und jeder dasselbe vorherbestimmte Pensum in derselben Zeit zu absolvieren hat. Bei den Eltern finden diese reformpädagogischen Schulen viel Anklang. Einen Vergleich zu normalen Schulen, kann man wohl ab dem nächsten Jahr durchführen - dann legen die ersten Schüler ihre Realabschlussprüfung ab – an einer “regulären Schule”, allerdings auch nach den “regulären Maßstäben”.
    Bisher haben wir also verschiedene Systeme, die sich nebeneinander entwickeln. Damit ein tatsächlicher Abschied vom alten System einsetzt, müsste zunächst ein Wandel in der Politik vorausgehen. Man hält aber so gern am bestehenden fest, denn das ist einfach und erfordert am wenigsten Kraft. Ein erster frischer Wind ist dennoch gerade in Brandenburg aufgekommen, wo nicht mehr zu stopfende “Versorgungslücken” ausgemacht wurden; Schulen sollen dort nun mehr Freiheit erhalten, könnten dann neue Konzepte erproben und durchaus auch das Internet als zusätzlichen Bildungsraum für sich entdecken.
  • Wie sieht das Informations- und Lernverhalten der „Generation Internet“ aus?
    Lernen im Internet ist individueller, findet spontaner statt, baut auf informellen, aber durchaus sehr persönlichen Beziehungen auf und bietet viele Freiräume und Möglichkeiten. Ob die “Generation Internet” diese auch automatisch zu schätzen weiß, kann ich nicht sagen. Ja, sie benutzt das Internet ganz selbstverständlich. Das Netz ist ein zentraler Bestandteil im Leben vieler Menschen geworden. Aber ebenso, wie man den Wert von Büchern zum Lernen nicht von ganz allein erfasst, muss man dies auch beim Internet erst entdecken und vor allem selbst erfahren. Wenn Ihnen niemand diese Möglichkeiten zeigt, wird es schwieriger, sie zu entdecken. Aber wenn man sie erst einmal zu schätzen gelernt hat, möchte man sie nicht mehr missen. Dann macht es aber keinen großen Unterschied, aus welcher “Generation” man stammt.
  • Auf welches Verhalten bauen Sie bei ihren Praxis-Vorschlägen für die Zukunft der Schule?
    Offenes Verhalten, gegenseitige Wertschätzung, den Schülern und Studenten das noch nicht Gekonnte zutrauen und sie ermutigen, statt sie zu belehren. Als sehr hilfreich erweist sich das Verhalten nach der Neuronenmetapher.
  • Was sind die Verhaltensmuster und Ansprüche der Wissensgesellschaft?
    Was ist denn überhaupt eine Wissensgesellschaft? Das Fass möchte ich nicht aufmachen. Normalerweise sorgt die Evolution von ganz allein dafür, dass sich erfolgreiche Verhaltensmuster durchsetzen. Wenn ich aber “raten” sollte, welche das sind, würde ich auch hier sagen: mit anderen vernetzen, Wissen teilen statt es geheim zu halten, stets offen sein für Neues, keine Angst vor Fehlern haben, diese selbst eingestehen und anderen zugestehen, anderen auf Augenhöhe begegnen. Man wird sein Wissen ständig aktualisieren müssen, und dafür steckt sehr viel Potenzial im Web 2.0.
  • Was müsste sich methodisch, didaktisch und organisatorisch in der Schule ändern, um den Ansprüchen der Wissensgesellschaft gerecht zu werden?
    Organisatorisch lässt sich vermutlich nur etwas von innen heraus verändern, vom Kleinen zum Großen. Es wäre schön, wenn die Politik wenigstens entsprechende Rahmenbedingen schaffen würde. Das muss gar nicht mehr Geld sein, gebt den Schulen mehr Autonomie! Sie ersticken in Bürokratie und können sich so weniger um ihre eigentliche Aufgabe kümmern. Ein Pauschalrezept gibt es aber sicher nicht, schon gar kein ewig überdauerndes.
    Didaktisch, bitte bitte wegkommen vom reinen Frontalunterricht! Es gibt bereits so viele Möglichkeiten und Methoden die man einsetzen kann, wenn man nur will. Leider müssen sich Hochschullehrer (!) damit überhaupt nicht auseinandersetzen, wenn sie nicht wollen.
Mrz 02

Im Dezember hatte ich für eine Konferenz einen Beitrag eingereicht und bekam gestern den Hinweis, dass er angenommen wurde. Ein Team von zwei Gutachtern hatte sich meinen Artikel in einem sogenannten “Double Blind Review” angesehen – das heißt, sie wissen nicht, wer ihn verfasst hat, und beide sind auch anonym für mich.

Nun erhält man in der Regel noch Hinweise darauf, wie man seinen Beitrag noch verbessern kann – und ich habe noch einige Hausaufgaben bekommen, die ich erledigen muss. Das ist auch völlig in Ordnung, die Hinweise sind gut, nur ist mir etwas aufgefallen: Es wurden stets nur Dinge bemängelt, aber keine positiven Aspekte hervorgehoben. Im ersten Moment war ich dann auch ein bisschen geschockt und kam mir einfach schlecht vor! Dass der Artikel so schlimm nicht sein kann, ging mir erst nach und nach auf – er wäre sonst ja abgelehnt worden (zumindest beruhige ich mich damit).

Wie ergeht es nun einem Schüler oder Studenten, wenn er eine Arbeit kommentiert zurück erhält und nur negative Kritik zu Gesicht bekommt? Er wird sich sicher ebenso schlecht fühlen, vielleicht aber gar nicht sehen, was er tatsächlich alles kann! Das frustriert!

Nun ist es normalerweise nicht so, dass ich stets nur kritisiere, aber ich habe für mich eine kleine Lehre aus der Geschichte gezogen: Beim Durchsehen von Arbeiten nicht vergessen, wie ich mich selbst beim Anblick der Gutachterkritik gefühlt habe, häufiger Positives anmerken und Negatives nachvollziehbar begründen.

Feb 24

“[...] there is nothing so practical as a good theory.”
Kurt Lewin

Das Problem ist altbekannt: Oft werden Theorie und Praxis als Gegenpole dargestellt. Auf der einen Seite das Betrachten, Durchdenken und Entwickeln von Hypothesen und Modellen, auf der anderen Seite das Durchführen und Handeln in der Wirklichkeit. Diese Unterteilung birgt viel Zündstoff; “Praktiker” werfen “Theoretikern” Realitätsferne vor, deren Ideen in den seltensten Fällen auf den konkreten Anwendungsfall übertragen werden können. Andersherum wird unterstellt, man reflektiere viel zu wenig und könne nicht durch Herumtappen in Versuchen und Erfahrungen, ohne Prinzipien abzuleiten, weiter kommen als durch Theorie (vgl. Kant, Immanuel (1918): Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis, in: Felix Meiner Verlag (Hrsg.): Taschenausgaben der “Philosophischen Bibliothek”, Bd. 8, S. 70).

In der Wissenschaft gibt es eine vergleichbare Diskussion – man unterscheidet dort die reine Wissenschaft von der angewandten Wissenschaft. Während erstere das Ziel verfolgt, lediglich neues Wissen zu sammeln (“Wissenschaft als Selbstzweck”), steht bei letzterer die “bessere Lebensbewältigung” im Mittelpunkt, die durch praktische Umsetzung der Erkenntnisse erreicht werden soll (vgl. Fülbier, Rolf Uwe (2004): Wissenschaftstheorie und Betriebswirtschaftslehre, in: WiSt – Wirtschaftswissenschaftliches Studium, 33. Jg., Nr. 5, S. 266-271, hier S. 267-268).

Welche Spezies eignet sich aber besser als Forscher? Der Theoretiker, der gründlich nachdenkt und so zu Ergebnissen gelangt? Oder der Praktiker, der im “richtigen Leben” steht und dort seine Erkenntnisse gewinnt? Schauen wir uns beide einmal an – in sehr überspitzter Form.

Der Theoretiker hat einen Blick für das große Ganze und beherrscht das abstrakte Denken. Er bezieht sein Wissen allerdings mehrheitlich aus Büchern und Zeitschriften – aus den Schilderungen anderer. Er hat sich in seinem Leben zum größten Teil nur gedanklich mit einem Erkenntnisobjekt auseinandergesetzt. Ihm fehlt die Erfahrung, implizites Wissen, das in der Praxis erworben werden muss. Kant sagte: “[...] so kann es Theoretiker geben, die in ihrem Leben nie praktisch werden können, weil es ihnen an Urteilskraft fehlt: [...]” (Kant, Immanuel (1918): Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis, in: Felix Meiner Verlag (Hrsg.): Taschenausgaben der “Philosophischen Bibliothek”, Bd. 8, S. 69) Können Theoretiker die Relevanz ihrer Theorie für die Praxis dann überhaupt einschätzen? Konkret für die Universität könnte man fragen, ob jemand Konzepte für den Einsatz durch Lehramtsstudenten entwickeln und unterrichten sollte, der nie selbst an der Schule gelehrt hat, ob jemand der Wirtschaft Empfehlungen aussprechen sollte, der nie selbst in einem Unternehmen gearbeitet hat, … Wäre das nicht so, als brächte man jemandem das Autofahren bei, nachdem man lediglich Bücher darüber gelesen hat?

Der Praktiker hingegen ist hervorragend darin, Informationen exakt zu Verarbeiten und die Realität einzuschätzen. Er geht eher intuitiv vor, lernt durch Handeln in konkreten Situationen und hat viel Erfahrung gesammelt. Theorie ist für ihn nur unnützer Ballast, den sich “die da oben” ausgedacht haben, mit dem man aber im wirklichen Leben nichts anfangen kann. Sie sammeln Wissen vor Ort und dokumentieren es dann. Möglicherweise unterliegen sie aber auch dem Irrtum, theoretische Modelle seien allgemeingültige Richtlinien, die jeden beliebigen Einzelfall vorhersagen können – sie sehen nicht, dass Modelle bewusst abstrahieren, um zu veranschaulichen und zu vereinfachen – sonst wären sie wertlos. Welchen Nutzen hätte beispielsweise die Karte eines Landstrichs im Maßsstab 1:1? Sie wäre zwar sehr genau, aber man könnte sie nicht mehr gebrauchen (vgl. Pidd, Mike (2009): Tools for Thinking: Modelling in Management Science, 3. Aufl., Chichester, S. 12) Hier könnte man nun fragen, ob Erkenntnisse eines Praktikers überhaupt einen Wert haben, wenn man sie nicht auf andere Situationen übertragen kann. Wäre das nicht so, als meine man alles über Autos zu wissen, nur weil man mal eines oder auch zwei gefahren hat?

Wie so oft kommt es wahrscheinlich auch hier auf eine gesunde Mischung an, oder doch nicht? Könnte sich nicht die eine Hälfte der Forscher auf die Theorie stürzen, die andere Hälfte auf die Praxis, und am Ende tragen beide ihre Ergebnisse zusammen? Oder gar: Könnte nicht die theoretische Grundlagenforschung nur an Universitäten stattfinden, die angewandte Forschung anderswo, zum Beispiel an den Fachhochschulen? Oder man tauscht sich einfach mit der Wirtschaft aus? Moment, die Idee hatte ja offenbar schon einmal jemand. Dummerweise klappt das mit dem Austausch überhaupt nicht, zumindest sehe ich das selten. Jeder wurschtelt lieber für sich allein, verschenkt Potenzial und gibt sich lieber den eingangs geschilderten Vorwürfen hin.

Unabhängig davon wäre es mir persönlich zu wenig, stets nur an Einzelproblemen zu forschen, ohne sie in einen größeren Kontext zu betten. Gleichsam fände ich es überaus unbefriedigend, stets nur neue Theorien aus der Literatur abzuleiten, ohne jemals zu versuchen, sie in der Praxis durch Falsifikation zu überprüfen (sondern wieder nur anhand von Literatur). Dann würde etwas fehlen. Man benötigt daher als Forscher stets beides, Theorie und Praxis im ständigen Wechselspiel, die sich gegenseitig immer wieder befruchten. Oder wie Jean-Pol Martin es formulierte: “Konzepte schützen mich gegen Misserfolge in der Praxis. Die Praxis sichert ab, dass ich keinen Schrott produziere.” (Abschlussvortrag am LdL-Tag an der PH Ludwigsburg, 9. Mai 2009) Eine Sonderstellung nimmt allenfalls die Mathematik ein, denn sie ist gar nicht auf die Realität angewiesen. Sie ist ein reines Gedankengebäude, dass man zwar modellhaft (und oft sehr Gewinn bringend) auf unsere Welt anwenden kann, notwendig ist dies aber zum Beweisen von Vermutungen nicht. Dennoch kann man vielleicht auch in diesem Bereich durch praktische Anwendung auf neue Ideen kommen.

Für den Einstieg in die Forschung sehe ich zwei ebenbürtige Möglichkeiten:

  1. Es herrscht “Leidensdruck” in der Praxis, ein bestimmtes Problem lösen zu müssen. Auf diese Weise wurde zum Beispiel aus dem Klassenzimmer heraus die Lehrmethode LdL entwickelt, die sich zahlreicher Theorien bedient (vgl. Martin, Jean-Pol (2009): Leidensdruck als Erkenntnismotor, zuletzt abgerufen am 21.02.2010). Dieser Ausgangspunkt ließe sich eher der angewandten Wissenschaft zuordnen.
  2. Es wird theoretische Grundlagenforschung betrieben um der Erkenntnis willen. Diese wird in der Praxis überprüft und führt dort zu Innovationen, die wiederum Ideen für weitere Forschung bieten. So ermöglichte die Entdeckung des Riesenmagnetowiderstands beispielsweise erst die Entwicklung von Festplatten – die so nicht geplant war. Dieser Ausgangspunkt wäre der reinen Wissenschaft zuzuordnen.

Wichtig ist in jedem Fall (zumindest mir), dass möglichst zügig eine Verschränkung zwischen Theorie und Praxis stattfindet. Man darf zwar einfach mal etwas Ausprobieren, ohne sich zu viele Gedanken zu machen, sollte dann aber alsbald konzeptualisieren; sonst läuft man womöglich von Sackgasse zu Sackgasse, weil man das große Ganze nicht überblickt. Ebenso darf man auch einfach mal theoretische Ideen entwickeln, sollte sie aber nicht zu lange ohne Überprüfung stehen lassen. Andernfalls sehe ich die Gefahr, wackelige Modelle zu entwickeln, die man später umständlich stützen muss – oder sonst wie ein Kartenhaus einstürzen können.