Kommt auf Augenhöhe

logo_augenhoeheDer Film Augenhöhe tourt durch Deutschland — nicht nur im Netz, sondern auch auf zahlreichen Veranstaltungen, auf denen über die Arbeitswelt im 21. Jahrhundert nachgedacht wird.

Dasselbe möchten Kirsten Will und ich tun, und zwar speziell für die TU Braunschweig. Wie wird Augenhöhe dort erlebt und gelebt? Wir laden alle “Betroffenen” (Studierende, MitarbeiterInnen aus der Verwaltung, Lehrende, Forschende und wen ich sonst noch vergessen haben mag) herzlich dazu ein, gemeinsam mit uns den Film zu schauen und im Anschluss mit allen Anwesenden zu diskutieren.

Als Gast wird außerdem Sven Franke (Mitautor des Films) anwesend sein und über Hintergründe und die Entstehung des Films berichten. Er und die anderen Autoren des Films möchten damit einen Beitrag zu einer neuen Arbeitswelt leisten, die von Selbstbestimmung, Potentialentfaltung, Gleichwertigkeit, echter Zusammenarbeit und eben Augenhöhe geprägt ist.

Damit wir etwas besser planen können, bitte unverbindlich bei mit per E-Mail an o.tacke@web.de anmelden.


10. April 2015, 18:00 Uhr – 20:00 Uhr, Pockelsstraße 4, Raum PK 4.111


Schizoidie, Hysterie und der Drang zu gestalten

Ich befinde mich gerade in einer ziemlichen Grübelphase. Ist das die Midlife-Crisis oder noch mein normales Reflexionspensum? Ich bin mit verschiedenen Dingen in meinem Leben unzufrieden, und Selbsterkenntnis ist vermutlich der erste Schritt, um etwas zu ändern. Als sehr hilfreich empfand ich auf diesem Weg Episode 21 des Podcasts Bildung-Zukunft-Technik, der sich in der ersten Hälfte mit der Maker-Bewegung beschäftigt.

Zusammengedampft könnte man es vielleicht so zusammenfassen, dass innerhalb der Maker-Bewegung der Wunsch besteht, sich nicht damit abzufinden, was man vorfindet. Oder andersherum formuliert: die Welt gestalten, das eigene Wirken erleben können, das Handeln in die eigene Hand nehmen, die jetzt bestehenden Mittel zu nutzen und nicht zu warten, bis sie vielleicht irgendwann von irgendjemandem zur Verfügung gestellt werden. Bei diesen Gedanken fühle ich mich sehr gut aufgehoben.

Eine viel schöner formulierte Verlautbarung dazu von Steve Jobs wurde im Podcast vorgestellt:

Erhellend war dazu war speziell für mich außerdem ein Workshop von Claudia Nounla, an dem ich vergangene Woche zwei Tage lang teilnehmen durfte — dazu später vielleicht auch noch mehr in einem weiteren Blogbeitrag. Ich hatte zuvor zwar schon einmal von den “Grundformen der Angst” nach Fritz Riemann gehört, mich aber nie wirklich damit beschäftigt. Bei mir geht die Tendenz klar zum schizoid-hysterischen Typ. Kurz gefasst neige ich tendenziell einerseits dazu, mich zum Maß der Dinge zu setzen und andererseits eben dazu, nach Veränderungen zu streben. Ihr seht die Parallelen? Passt; ohne damit sagen zu wollen, dass das gut (oder schlecht) ist. Für mich erklären sich dadurch jedenfalls einige Dinge, und ich habe weiteren Stoff zum Nachlesen und Nachdenken.

Fragestunde

Mein Blog ist nominiert worden :-D Oder habe ich damit automatisch schon gewonnen? Wie auch immer: Als Dank geziemt es sich, die damit verbundenen elf Fragen zu beantworten. Ich habe das ganze kurzerhand in eine Minecraft-Episode verpackt und bringe damit gleichzeitig Kurt J. Mac und seinem Unterfangen Far Lands Or Bust meine Achtung entgegen.

Schaubildschaden

Alle Welt glaubt, bei Vorträgen PowerPoint oder ähnliche Software nutzen zu müssen, auch sehr viele Lehrende. Die Werkzeuge sind per se erst einmal nichts Schlechtes. Ich habe aber auch bereits etwas dazu geschrieben, wie die Ergebnisse leider oft aussehen. Lehrende nutzen bei Vorträgen Schaubilder eher als Notizzettel für sich selbst oder in Form von Folienumenten als schlechten Ersatz für einen echten Text. Die Konzentration der Zuhörenden richtet sich unweigerlich an die Wand, aber nicht auf die sprechende Person. Für eine gelungene Unterstützung eines Vortrags halte ich das nicht und empfehle zu dem Thema die Lektüre der Bücher von Garr Reynolds oder Nancy Duarte. Die gehen aber auf das Thema Lehren nur am Rande ein? Das gilt doch nicht für den Hörsaal? Dann widmen wir unsere Aufmerksamkeit einfach einer Studie von Christof Wecker.

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Herr Wecker hat unter anderem untersucht, wie viele der vorgestellten Inhalte nach einem Vortrag behalten werden. Den Referenzpunkt bilden Vorträge ohne jegliche Schaubilder als Begleitung. Verglichen werden sie jeweils mit Vorträgen, die durch “übliche” Schaubilder oder “prägnante” Schaubilder angereichert werden. Für beide Folientypen sind in der Studie auch Beispiele abgebildet. Unter den üblichen erkennt man schnell solche, auf die man in der Regel trifft. Als prägnant wird ein Schaubild bezeichnet, auf dem wirklich nur vier Schlagworte stehen.

  • Resultat 1: Werden “übliche” Schaubilder verwendet, bleiben die darauf verzeichneten Inhalte zwar gut haften, aber die mündlich übermittelten Informationen bleiben signifikant weniger im Gedächtnis. Mehr noch, die allgemeine Behaltensleistung bei einem Vortrag mit solchen Folien ist ebenfalls niedriger als bei einem ohne Schaubilder.
  • Resultat 2: Werden “prägnante” Schaubilder” eingesetzt, bleiben deren Inhalte besser im Gedächtnis als bei “üblichen” Schaubildern. Spannend ist nun der Vergleich zum Vortrag, der ohne Schaubilder auskommt. Prägnante Präsentationen sorgen dafür, dass von den mündlich übermittelten Informationen mehr behalten wird als bei einem nackten Vortrag (und damit auch insgesamt mehr).

Lehrende tun entsprechend dieser Ergebnisse gut daran, sich entweder um prägnante Schaubilder zu bemühen oder — sollte das nicht möglich sein — lieber ganz auf Folien zu verzichten und sich auf das gesprochene Wort zu konzentrieren. Auch in diesem Fall bliebe offenbar mehr hängen als wenn man untaugliche Schaubilder an die Wand wirft. Um eine ordentliche Vorbereitung kommt man also nicht herum, will man gute Vorträge halten.

Literatur

Wecker, Christof (2012): Slide presentations as speech suppressors: When and why learners miss oral information, in: Computers & Education, 59. Jg., Nr. 2, S. 260-273. [doi:10.1016/j.compedu.2012.01.013]

E- war einmal

Von Zeit zu Zeit stelle ich mein Blog für Gastbeiträge zu Verfügung — es ist wieder soweit! Ich freue mich über einen kurzen Artikel von Thomas Czerwionka und eure hoffentlich zahlreichen Kommentare!


An unzähligen Hochschulen gibt es bereits seit vielen Jahren sogenannte „E-Learning“-Zentren, -Büros, -Beauftragte, -Schulungen und/oder dergleichen. Vereinzelt werden auch heute noch derartige Strukturen und Angebote ins Leben gerufen. Das kann man längst überfällig und daher gut finden, man kann jedoch aus verschiedenen Gründen auch anderer Meinung sein. Meine eigene werde ich hier im Folgenden mal kundtun, und ich bin gespannt auf eure.

Noch etwas vorweg: Ich bin sicher nicht der Erste mit diesen oder ähnlichen Gedanken, und deshalb gibt es vermutlich auch schon Veröffentlichungen entsprechenden Inhalts. Da ich in dieser Richtung kaum recherchiert habe, bin ich euch für Hinweise darauf dankbar.

Ach ja, und apropos dankbar: Vielen Dank dir, Olli, dass du mir als Noch-immer-nicht-Bloggendem den Platz hier gewährst! :-)

Alles ist „E-Learning“ ist nichts

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„Neues“ Medium Computer? („Commodore C64“, 1982) — Bild von Bill Bertram (CC BY-SA 2.5)

Der Begriff „E-Learning“ stammt aus einer Zeit, in der digitale, also auf Digitaltechnologie basierende Medien etwas Neues waren und sie dementsprechend als „neue Medien“ bezeichnet wurden. Wurden diese sogenannten „neuen Medien“ damals rund um formelles Lehren und Lernen eingesetzt, sprach man von „E-Learning“. Abgesehen von der natürlich fragwürdigen Bezeichnung kognitiver Prozesse als „elektronisch“ war das zu jener Zeit nicht mehr als ein spezieller Begriff für spezielle Formen der Lehr- und Lernunterstützung.

Das war einmal. Heute ist es für Lehrende wie für Studierende vollkommen selbstverständlich, digitale Medien zu nutzen; sie sind aus dem Alltag wie auch aus dem Lehren und Lernen nicht mehr wegzudenken. Wohl kaum ein/e Lehrende/r stellt nicht zumindest hin und wieder Informationen und/oder Materialien zu Lehrveranstaltungen online oder schreibt den Studierenden eine E-Mail. War man früher ein Exot, wenn man digitale Medien in der bzw. für die Lehre genutzt hat, so ist man heute einer, wenn man dies nicht tut. Braucht man aber für etwas Selbstverständliches eine besondere Bezeichnung?

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„Neues“ Medium World Wide Web?
(1. Webserver „CERN httpd“, 1990)

Zahlreiche Definitionen des Begriffs „E-Learning“ sind gut und gern 10 Jahre alt.* Das ist für bildungswissenschaftliche Entwicklungen bzw. Strömungen zwar kein allzu langer Zeitraum, bezogen auf die Verbreitung und Nutzung digitaler Medien jedoch eine halbe Ewigkeit.** Allein deshalb gehört der Begriff auf den Prüfstand. Doch dass er überholt ist, ist nicht das einzige Übel.

Was alle Definitionen naturgemäß eint, ist die Absicht, „E-Learning“ vom normalen/herkömmlichen/traditionellen Lehren und Lernen abzugrenzen (schon die Suche nach einem passenden Adjektiv verdeutlicht, wie absurd eine solche Unterscheidung ist). Der Begriff „E-Learning“ suggeriert, dass sich Hochschullehre trennscharf unterteilen lässt in solche mit digitalen Medien und solche, die ohne diese auskommt. Wo aber hört „normales“ Lehren und Lernen auf und wo fängt „E-Learning“ an? Hier wird etwas unterschieden, das nicht (oder nicht mehr) unterscheidbar ist. Der Begriff zieht eine imaginäre Grenze zwischen zwei Lagern, wo es nur noch eines gibt, und ist damit leider mehr als einfach nur ein sprachliches Ärgernis.

Das Unwort „E-Learning“

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„E-Learning? Vollkommen überflüssig. Lernen ist eine geistige Leistung, dafür braucht man keine Technik. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss noch mein Skript hochladen.“

Der „E-Learning“-Begriff ist heute zum einen ein Symptom für ein unzeitgemäßes und/oder unreflektiertes Verständnis von digitalen Medien im Lehren und Lernen. Zum anderen ist er auch dessen Ursache. Er hält es am Leben, weil er etabliert ist, weil wir uns an ihn gewöhnt haben und wir ihn auch im Jahr 2015 noch als berechtigtes Element in einer großen Didaktik-Tagcloud akzeptieren. Das funktioniert, weil jede/r Einzelne ein ganz eigenes, diffuses „E-Learning“-Begriffsverständnis hat, das sich (je nebulöser, desto einfacher) mit der persönlichen Sicht auf Lehren und Lernen irgendwie in Einklang bringen lässt. Wohlgemerkt: „In Einklang bringen“ heißt dabei immer noch, die Nutzung digitaler Medien als Sonderform von Lehren und Lernen zu verstehen — möglicherweise als sinnvolle und vertraute, im schlechteren Fall jedoch als störende, fremdartige, mit der man nichts zu tun hat oder haben will. Die Verwendung des Begriffs beeinflusst somit die Wahrnehmung digitaler Medien im Lehren und Lernen. Und damit auch die Haltung ihnen gegenüber.

„Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Kurzum: Für mein Empfinden hat der Begriff „E-Learning“ aus didaktischer Perspektive seine Daseinsberechtigung verloren. Zum einen ist er nicht mehr zeitgemäß, zum anderen steht er einer sachlich-konstruktiven Auseinandersetzung mit den Potenzialen digitaler Medien im Lehren und Lernen eher im Wege als dass er sie fördert.

Natürlich kann man auch heute noch der Meinung sein, digitale Medien seien neu und ihre Nutzung in der Hochschullehre sei etwas Besonderes, das einen speziellen Begriff und eine besondere Behandlung verdiene. Dennoch sollte man sich die Signale, die vom Begriff „E-Learning“ ausgehen, und die Wirkungen, die er hervorrufen kann, bewusst machen. Und man sollte sich im Klaren darüber sein, dass man den Begriff künftig enger und enger wird fassen müssen, um ihn überhaupt noch irgendwie mit Sinn zu füllen.

Wäre dann nicht jetzt ein guter Zeitpunkt, sich von ihm zu verabschieden?


* Vgl. Beats Biblionetz, Begriff „E-Learning“, Abschnitt „Definitionen“ (02.03.2015)
** Lag beispielsweise der Anteil der InternetnutzerInnen in Deutschland im Jahr 2003/2004 noch bei gut 50 % der Gesamtbevölkerung, nähert er sich aktuell der 80-%-Marke (vgl. ARD/ZDF-Onlinestudie, 02.03.2015, und (N)ONLINER Atlas 2014, S. 56 f., 02.03.2015).