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Zukunft der Schule und das digitale Lernen

Für Samstag wurde neben Maria Brosch von Schulen ans Netz, Norbert Hähnel von Microsoft und Jean-Pol Martin auch ich als Gesprächsteilnehmer einer Podiumsdiskussion zur CeBit eingeladen; das Thema lautet: „Zukunft der Schule und das digitale Lernen„. Vorab sendete uns der Moderator einige Leitfragen, zu denen ich hier (relativ) kurz und keinesfalls umfassend meine Gedanken festhalte.

Zuvor aber muss ich natürlich anmerken, dass ich mich bei einer Diskussion zum Thema Schule sehr weit aus dem Fenster lehnen müsste. Zwar habe ich vor einem knappen halben Jahr ein Schulprojekt mitbetreut und auch Kontakt zu einigen Lehrern, aber einen tieferen Einblick habe ich nur in die Uni – daher werde ich meine Aussagen weitgehend darauf beschränken. Zum Thema „Lernen“ bin ich ebenso kein Experte, aber ich sammele sowohl als Lehrender (LdL, Twitter in Vorlesungen am Lehrstuhl von Susanne Robra-Bissantz, offenes Wiki, …) als auch als Lernender (Fernstudium, informeller Bildungsraum Internet) zahlreiche Erfahrungen damit und mache mir meine Gedanken dazu.

Als kurzes Eingangsstatement würde ich wählen: Die Unis sind momentan vielfach wie von allem abgeschottete Legebatterien, in der ein Haufen intelligenter Leute stumpfsinnig eingepfercht und ihnen kein Freiraum zur Entfaltung gegeben wird. Und um Alexander Perl zu zitieren: „Es geht auch anders!“

  • Welches sind die bestehenden Paradigmen unter dem Eindruck der immer mehr aufweichenden Schulszenarien?
    Im derzeitigen Hochschulsystem wird den Studenten viel zu wenig zugetraut. Viele Lehrende (Sicher nicht alle! Aber man macht so seine Beobachtungen) sehen sie offenbar als defizitäre Objekte und nur als Empfänger der Weisheit, also etwas Fehlerhaftes, das es auszubessern gilt. Dieses Bild von Studenten im Hinterkopf, wird am längst überholten Vorlesungsmodell festgehalten, in dem vorgefertigtes Wissen monologartig eingetrichtert wird. Zum selbstbestimmten Forschen, und dafür ist die Uni auch für die Studenten da (!), gibt es kaum Platz. Statt sie mit Sachwissen vollzustopfen und dieses auswendiglernen zu lassen, sollte man sie dazu inspirieren, selbst Entdeckungen machen zu wollen. Das muss nicht im Netz passieren, aber warum sollte man sich von den zahlreichen Möglichkeiten abschotten, die es zu bieten hat? Fragen wir doch vielleicht anwesende Schüler oder Studenten, die erleben die Probleme am eigenen Leib!
  • Es gibt immer mehr Modellversuche und Privatschulen. Halten auch die neuen Schulexperimente und Schultypen an den bestehenden Paradigmen fest, oder findet ein „schleichender“ Abschied vom alten Schulsystem statt?
    Es gibt einige andersartige Konzepte, beispielsweise die Freie Schule in Leipzig. Kinder können dort selbstbestimmt lernen, sich ihren Lehrplan selbst einteilen und gemeinsam mit anderen etwas entdecken. Das ist schon etwas deutlich anderes als derselbe Unterricht, bei dem in feste Klassen(stufen) eingeteilt wird und jeder dasselbe vorherbestimmte Pensum in derselben Zeit zu absolvieren hat. Bei den Eltern finden diese reformpädagogischen Schulen viel Anklang. Einen Vergleich zu normalen Schulen, kann man wohl ab dem nächsten Jahr durchführen – dann legen die ersten Schüler ihre Realabschlussprüfung ab – an einer „regulären Schule“, allerdings auch nach den „regulären Maßstäben“.
    Bisher haben wir also verschiedene Systeme, die sich nebeneinander entwickeln. Damit ein tatsächlicher Abschied vom alten System einsetzt, müsste zunächst ein Wandel in der Politik vorausgehen. Man hält aber so gern am bestehenden fest, denn das ist einfach und erfordert am wenigsten Kraft. Ein erster frischer Wind ist dennoch gerade in Brandenburg aufgekommen, wo nicht mehr zu stopfende „Versorgungslücken“ ausgemacht wurden; Schulen sollen dort nun mehr Freiheit erhalten, könnten dann neue Konzepte erproben und durchaus auch das Internet als zusätzlichen Bildungsraum für sich entdecken.
  • Wie sieht das Informations- und Lernverhalten der „Generation Internet“ aus?
    Lernen im Internet ist individueller, findet spontaner statt, baut auf informellen, aber durchaus sehr persönlichen Beziehungen auf und bietet viele Freiräume und Möglichkeiten. Ob die „Generation Internet“ diese auch automatisch zu schätzen weiß, kann ich nicht sagen. Ja, sie benutzt das Internet ganz selbstverständlich. Das Netz ist ein zentraler Bestandteil im Leben vieler Menschen geworden. Aber ebenso, wie man den Wert von Büchern zum Lernen nicht von ganz allein erfasst, muss man dies auch beim Internet erst entdecken und vor allem selbst erfahren. Wenn Ihnen niemand diese Möglichkeiten zeigt, wird es schwieriger, sie zu entdecken. Aber wenn man sie erst einmal zu schätzen gelernt hat, möchte man sie nicht mehr missen. Dann macht es aber keinen großen Unterschied, aus welcher „Generation“ man stammt.
  • Auf welches Verhalten bauen Sie bei ihren Praxis-Vorschlägen für die Zukunft der Schule?
    Offenes Verhalten, gegenseitige Wertschätzung, den Schülern und Studenten das noch nicht Gekonnte zutrauen und sie ermutigen, statt sie zu belehren. Als sehr hilfreich erweist sich das Verhalten nach der Neuronenmetapher.
  • Was sind die Verhaltensmuster und Ansprüche der Wissensgesellschaft?
    Was ist denn überhaupt eine Wissensgesellschaft? Das Fass möchte ich nicht aufmachen. Normalerweise sorgt die Evolution von ganz allein dafür, dass sich erfolgreiche Verhaltensmuster durchsetzen. Wenn ich aber „raten“ sollte, welche das sind, würde ich auch hier sagen: mit anderen vernetzen, Wissen teilen statt es geheim zu halten, stets offen sein für Neues, keine Angst vor Fehlern haben, diese selbst eingestehen und anderen zugestehen, anderen auf Augenhöhe begegnen. Man wird sein Wissen ständig aktualisieren müssen, und dafür steckt sehr viel Potenzial im Web 2.0.
  • Was müsste sich methodisch, didaktisch und organisatorisch in der Schule ändern, um den Ansprüchen der Wissensgesellschaft gerecht zu werden?
    Organisatorisch lässt sich vermutlich nur etwas von innen heraus verändern, vom Kleinen zum Großen. Es wäre schön, wenn die Politik wenigstens entsprechende Rahmenbedingen schaffen würde. Das muss gar nicht mehr Geld sein, gebt den Schulen mehr Autonomie! Sie ersticken in Bürokratie und können sich so weniger um ihre eigentliche Aufgabe kümmern. Ein Pauschalrezept gibt es aber sicher nicht, schon gar kein ewig überdauerndes.
    Didaktisch, bitte bitte wegkommen vom reinen Frontalunterricht! Es gibt bereits so viele Möglichkeiten und Methoden die man einsetzen kann, wenn man nur will. Leider müssen sich Hochschullehrer (!) damit überhaupt nicht auseinandersetzen, wenn sie nicht wollen.

Open Access: „Standing on the shoulders of giants“

Die Idee des Open Access ist nicht neu: Wissenschaftliche Literatur soll kostenfrei und öffentlich im Internet verfügbar sein. Gestützt wird diese Forderung zum einen darauf, dass öffentliche Forschung durch die Allgemeinheit finanziert werde und ihr daher auch zugänglich sein sollte. Zum anderen sollten Erkenntnisse zum Nutzen der gesamten Menschheit möglichst breit verfügbar gemacht werden. Insgesamt sei der Zugriff per Internet weitaus unkomplizierter als auf traditionellem Wege.

Open Access erfährt von Seiten vieler Wissenschaftler Zuspruch. So gehören zu den Befürwortern beispielsweise die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Andererseits gibt es ebenso viele Kritiker. Im sogenannten Heidelberger Appell wurde Open Access im März 2009 heftig angegriffen (vgl. Reuß, Roland: Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte, online verfügbar, zuletzt abgerufen am 18.09.2009). Allerdings wurden in der Streitschrift zwei grundverschiedene Dinge miteinander vermengt – zum einen das Scannen und Verbreiten von Auszügen aus beliebigen Büchern und Zeitschriften durch Google, zum anderen das Modell Open Access an sich, das sich auf den freien Zugang zu wissenschaftlichem Material beschränkt und zunächst auf noch nicht Publiziertes abzielt. In Folge entbrannte ein öffentlicher Diskurs, online wie offline, der über die Seite der Informationsplattform Open Access nachvollzogen werden kann.

Leider wird die Debatte sehr polemisch geführt, und es treten immer wieder dieselben Vorbehalte gegen Open Access auf, beispielsweise mangelnde wissenschaftliche Qualität. Dabei wird übersehen, dass Open Access nicht gleichbedeutend ist mit einem Fehlen von Peer Reviews durch qualifiziertes Personal – ebensowenig wie die Veröffentlichung in einer Zeitschrift oder einem Buch nicht per se bedeutet, dass Peer Reviews durchgeführt werden. Der Wert einer wissenschaftlichen Arbeit hängt schlicht nicht vom Medium ab, in dem es publiziert wird. Sehr kurios finde ich die aktuelle Frage von Volker Rieble, wer verantwortlich sei für eine wiederauffindbare und damit zitierfähige IP-Adresse (vgl. Rieble, Volker: Freier Zugang zu unfreien Autoren – Open Access aus juristischer Sicht, in: Forschung & Lehre, 16. Jg., Nr. 9 (2009), S. 648-651). Kurios deshalb, weil auch niemand die Anschrift einer Bibliothek angibt, wenn er auf eine Quelle verweist. Eine Antwort auf die Frage nach der Auffindbarkeit von Werken und Antworten auf weitere typische Einwände finden sich ebenfalls auf der Seite der Informationsplattform Open Access.

Ich finde es richtig, dass öffentlich finanzierte Forschung auch öffentlich zugänglich gemacht werden soll. Nur wenn Wissen geteilt wird, kann es wachsen. Oder wie es Isaac Newton sagte: „If I have seen further it is only by standing on the shoulders of giants.“ Derzeit sieht es aber so aus, dass Universitäten – und damit die Steuerzahler – zunächst die Forschung und die Begutachtung bezahlen. Im Anschluss kaufen sie dann den privatwirtschaftlichen Verlagen die Ergebnisse ab, die sie ihnen zuvor kostenlos zur Verfügung gestellt haben.

Es lässt sich schlicht besser forschen, wenn freier Zugang zu allen wissenschaftlichen Informationen besteht. In einer modernen Wissensgesellschaft sollte das nichts Überraschendes oder Abwegiges sein, aber dennoch gibt es vehemente Gegner von Open Access. Einige betrachten es als radikalen Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit, die vom Grundgesetz garantiert wird. Dieser Schutz ist in der Tat sehr wichtig: Der Staat sollte niemandem vorschreiben dürfen, was er mit welcher Methode zu erforschen hat! Einem juristischen Laien sei aber die Frage erlaubt, ob der Bürger als Geldgeber nicht zumindest ein moralisches Recht hat, unbeschränkte Einsicht in die Ergebnisse zu erhalten.

Andere Kritiker meinen, den Autoren werde das „geistige Eigentum“ genommen. Auch bei diesem Thema begäbe ich mich bei einer Diskussion auf sehr dünnes Eis, denn der Begriff des Eigentums ist schon unter Juristen ein umstrittenes Thema. Aber: Die Urheber ihrer Werke bleiben die Verfasser in Deutschland ohnehin, streitig sind nur Verwertungsrechte. Häufig müssen Forscher diese aber gerade bei der traditionellen Publikation komplett an Verlage abtreten. Ohne Genehmigung dürften sie nicht einmal Kollegen eine Kopie eines Beitrags schicken oder diesen auf ihrer eigenen Internetseite veröffentlichen. Bei Open Access verbleiben die Rechte aber beim Autor, und er kann seine Arbeit nach eigenem Ermessen weiter verwerten. Es scheinen demnach eher die Interessen der Verlage betroffen zu sein, deren Geschäftsmodelle im Zeitalter des Internet nicht mehr funktionieren. Sie bitten nun den Gesetzgeber um rechtliche Gegenmaßnahmen, statt sich im Sinne von Schumpeter der schöpferischen Zerstörung zu bedienen und mit innovativen Ideen zu trumpfen – Apple hat mit dem Geschäftsmodell um den iTunes-Store und den iPod bewiesen, dass dies auch im Internet möglich ist. Obwohl Musik auch kostenlos heruntergeladen werden kann, erwirtschaftet das Unternehmen damit beinahe 50 Prozent seines nicht gerade geringen Umsatzes (vgl. Christensen, Clayton M.; Johnson, Mark W.; Kagermann, Henning: Wie Sie Ihr Geschäftsmodell neu erfinden, in: Harvard Business Manager, 31. Jg., Nr. 4 (2009), S. 36-49).

Würde der Staat durch weitere Schutzmaßnahmen vor modernen Medien nicht lediglich eine schwer kranke Branche künstlich am Leben erhalten? Müsste man dann nicht auch Autos verbieten, die mit Solarenergie betrieben werden? Die gefährden schließlich die Existenz der Tankstellenbetreiber (vgl. JGE: Die Angst des Roland Reuß vor Open Access, online verfügbar, zuletzt abgerufen am 17.09.2009).

Wenn nun mit Open Access vieles besser werden könnte – Forscher könnten schneller Ergebnisse verbreiten, würden ein größeres Publikum erreichen, könnten selbst auf mehr Informationen zugreifen, würden potenziell häufiger zitiert und Studenten bräuchten keinen Konkurrenzkampf mehr um knappe Literaturexemplare zu führen – warum sträuben sich viele gegen den Gedanken? Zum einen, weil Sie möglicherweise durch den oben genannten Heidelberger Appell das Gebaren von Google (das wäre ein anderes Thema) und Open Access in einen Topf geworfen haben: Einige Autoren zogen in der Tat ihre Unterschrift zurück, nachdem ihnen klar wurde, worum es eigentlich geht. Einen anderen Erklärungsansatz bietet Niels Taubert (vgl. Taubert, Niels. C.: Eine Frage der Fächerkultur? Akzeptanz, Rahmenbedingungen und Adaption von Open Access in den Disziplinen, in: Forschung & Lehre, 16. Jg., Nr. 9 (2009), S. 657-659). Er berichtet, dass die Gegner von Open Access vornehmlich Geistes- und Sozialwissenschaftler in ihren Reihen hätten, Naturwissenschaftler dem Modell aber mehrheitlich positiv gegenüberständen. Er führt dies auf den Drang nach Anerkennung zurück. Zuspruch erhielte beispielsweise in der Physik derjenige, der als erster neue Erkenntnisse veröffentlicht. In den Geistes- und Sozialwissenschaften werde Anerkennung allerdings nicht durch fachliche Würdigung erzielt, vielmehr orientiere man sich an „Symptomen“ wie dem Publikationsort oder der Länge der Publikationsliste: „Publish Or Perish„. Ein solches System fördere nicht die Mitteilung von Forschungsergebnissen, sondern das Streben nach Maximierung „symptomatischer Reputation“. Hier ist dringend ein Umdenken erforderlich.

Wenn Forscher froh sind über jede wissenschaftliche Erkenntnis, auf der sie aufbauen können, sollten sie ihr Wissen nicht auch bereitwillig der Gemeinschaft zur Verfügung stellen? Sollten Verlage nicht ihre Strategien anpassen, statt zu versuchen, den Gesetzgeber als Wegbereiter für ihre überkommenen Geschäftsmodelle einzuspannen? Und zu guter Letzt: Wenn Politiker eine Bildungsrepublik fordern, sollte es ihnen nicht daran gelegen sein, den Zugang zu Forschungsergebnissen für möglichst viele frei zugänglich zu machen? Ich denke schon.