OER-Hürden: Gedankengänge entlang am Long Tail

In meiner ersten gedanklichen Auseinandersetzung zur Verbreitung von Open Educational Resources (OER) habe ich in den Raum gestellt: „Offenheit ist eine Haltung“. Ich sehe sie als Initialhürde, die von Individuen erst einmal überwunden werden muss, bevor sie sich überhaupt an der Erstellung von OER beteiligen. Das allein genügt jedoch nicht. Selbst wenn Tausende von Personen offenes Lehrmaterial bereitstellen, heißt das noch nicht, dass es von anderen auch gefunden wird. Mich hat das an Teilaspekte einer Theorie aus der BWL erinnert: den Long Tail. Der ist zwar nicht zur Erklärung notwendig, liefert mir aber einfach eine Denkstruktur, an der ich mich entlang hangele.

Was ist der Long Tail?

Wir kennen es beispielsweise bei Musik, Büchern oder Filmen: Auf der einen Seite gibt es Hits, Topseller und Blockbuster, die praktisch jeder kennt und die sich verkaufen wie warme Semmeln. Auf der anderen Seite gibt es Nischenprodukte, die von der Qualität her nicht schlechter sein müssen, aber trotzdem eher unbekannt sind und weniger stark nachgefragt werden. Der stationäre Handel beschränkt sich daher eher darauf, die bekannten Waren vorzuhalten und anzupreisen, denn seine Ladenfläche und sein Budget zum Einkaufen sind begrenzt. Anders sieht es im Internet aus. Virtuelle Güter wie E-Books benötigen im Gegensatz zu ihren physischen Gegenstücken kaum Platz, so dass quasi beliebig viele Exemplare von beliebig vielen Werken angeboten werden können, ohne dass die Kosten dabei ins Unermessliche steigen. Es ist also kein Problem, auch Nischenprodukte ins Sortiment zu nehmen, selbst wenn sie praktisch nie verkauft werden. Der Journalist Chris Anderson entdeckte, dass im Online-Handel die Zahl der Verkäufe von vielen dieser Nischenprodukte die Verkaufszahlen von wenigen Topsellern übersteigen kann [1]. Die folgende Abbildung soll das verdeutlichen.

Der Long Tail

Der Long Tail

Ihr seht eine Zuordnung zwischen Produkten und ihrer Beliebtheit (ausgedrückt in Verkaufs- oder Zugriffszahlen), bei der die Produkte absteigend nach ihrer Beliebtheit sortiert sind. Anhand der Kurve könnt ihr ablesen, dass es wenige sehr beliebte Produkte gibt, aber viele nicht so beliebte. Letztere bilden einen langen Schwanz, den besagten Long Tail. Ein normaler Buchhändler müsste sich aus Platz und/oder finanziellen Gründen in seinem Ladengeschäft auf die Topseller beschränken. Die graue Fläche repräsentiert dann seinen damit erzielbaren Absatz. Die grüne Fläche wiederum, der Long Tail, ist ebenso groß wie die graue. Im Online-Handel kann es sich lohnen, sich darauf zu stürzen (auch wenn es sich aus verschiedenen Gründen in der Praxis als sinnvoll erweist, sein Sortiment gar nicht zu beschneiden).

Zugute kommt den Anbietern dabei, dass geographische Beschränkungen eine viel geringere Rolle spielen. Sie können potenziell auf die Nachfrage der ganzen Welt zurückgreifen. Irgendwo im Internet gibt es schließlich immer jemanden, der sich für jedes noch so abstruse Thema interessiert ;-) Und irgendwer bietet sicher auch etwas für ihn Passendes an.

Ein vergleichbares Szenario finden wir eigentlich bei den OER wieder. Es gibt einige wenige „Berühmtheiten“, und dazu zähle ich als Beispiele einfach mal Christian Spannagel und Jörn Loviscach, die Videos zu bestimmten Lernthemen bereitstellen. Es gibt aber viel mehr Unbekannte, die Inhalte produzieren und auch anbieten. Es könnten mehr sein – Stichwort Einstellung – aber auch so herrscht im Internet oft ein ausreichendes Angebot. Sollte es dann nicht möglich sein, den Long Tail auch auszuschöpfen? Anderson hat drei Wirkmechanismen herausgearbeitet, die diese Möglichkeit unterstützen (Kapitel 4 bis 8 des Buchs). Schauen wir sie uns einmal an und prüfen, wo es bei OER möglicherweise hakt.

Demokratisierung der Produktion

ProduktionDer technische Fortschritt hat es mit sich gebracht, dass auch Privatpersonen Dinge erstellen können, die noch vor wenigen Jahren Spezialisten vorbehalten waren. Dafür braucht es nur etwas Talent, ganz normale Geräte wie Mobiltelefon oder Computer und passende Software, die obendrein oft kostenlos verfügbar ist (Open Source). Damit lassen sich beispielsweise Videos in guter Qualität aufnehmen, Musik erstellen oder digitale Modelle entwerfen, die auf den gerade erst „wirklich“ aufkommenden 3D-Druckern sogar in physische Güter umgewandelt werden können. Diese Demokratisierung der Produktion sorge nach Anderson dafür, dass der Long Tail immer länger werde.

Hier gilt potenziell dasselbe für OER. Es wird immer einfacher, Lerninhalte zum Beispiel in Form von Musikstücken, Abbildungen, Videos, E-Books oder Lerneinheiten in Wikis zu erstellen – für Lehrende wie für Lernende! Einfach genug ist es womöglich dennoch noch nicht. Eine Hürde besteht für Lehrende immer noch darin, sich mit den technischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen – das zeigt meine Erfahrung. Computern haftet für viele immer noch die Aura des Komplizierten an. Selbst das in meinen Augen simple Aufnehmen eines Videos mit einem Camcorder erscheint manchen schon nicht-trivial. Unmöglich scheint es zu sein, sich einfach selbst mit einem Gerät oder einer Software auseinanderzusetzen: „Da brauchen wir eine Schulung!“

Als ein weiteres Element der Demokratisierung der Produktion würde ich die Möglichkeit ansehen, über das Internet auch zusammen mit anderen daran zu arbeiten. Das kann eine direkte Kooperation sein, bei der gemeinsam an etwas gearbeitet wird, aber auch eine indirekte. Hier kommt die freie Lizenzierung von Inhalten ins Spiel, die es anderen gestattet, Inhalte relativ problemlos weiter zu verwenden, um eigene Inhalte zu erstellen oder zu erweitern (das Thema Urheberrecht und Lizenzen verdient wohl einen eigenen Blogbeitrag…).

Demokratisierung des Vertriebs

VertriebMehr und mehr Produkte sind schön und gut, aber sie müssen Abnehmer auch erreichen können. Die treibende Kraft an dieser Stelle ist für digitale Güter das Internet. Wer Textinhalte erstellt, benötigt nicht mehr zwingend einen Verlag, um sie zu vertreiben – mit Print-on-Demand-Diensten nicht einmal dann, wenn ein physisches Buch bei den LeserInnen ankommen soll. Ähnliches gilt für Musik oder Videos, für die es auch zahlreiche Plattformen gibt, auf denen diese angeboten werden. Wer möchte, kann sogar seinen eigenen Webspace für den Vertrieb benutzen. Das Internet macht es schlicht einfacher und günstiger, mehr Menschen zu erreichen. Und für diese wiederum wird der Konsum einfacher und oft auch günstiger, was sich laut Anderson in einer erhöhten Nachfrage für Topseller wie Nischenprodukte niederschlage.

Auch für OER greift dieser Mechanismus. Für eigentlich alles scheint es eine passende Plattform zu geben, auf der die Inhalte kostenfrei bereitgestellt werden können. Vorlesungsschaubilder? Zum Beispiel SlideShare. Übungsaufgaben? Vielleicht ein Lern-Management-System wie Moodle oder vielleicht auch in einem Wiki mit entsprechender Funktionalität. Videos? Na klar, YouTube, Vimeo, … Anderson nennt diese Dienste Aggregatoren, die Inhalte von vielen sammeln. Eigener Webspace bleibt natürlich dennoch denkbar.

Als Hemmschwelle dürfte sich aber der zusätzliche Aufwand erweisen, der betrieben werden muss. Das Einspeisen von Inhalten in entsprechende Plattformen kostet Zeit, gegebenenfalls müssen sie auch noch verschlagwortet oder konfiguriert werden. Und wenn die Inhalte nun tatsächlich veröffentlicht werden, spätestens dann kommt abermals das Urheberrecht ins Spiel. Das erschwert den Vertrieb von OER ungemein.

Verbindung von Angebot und Nachfrage

Verbindung von Angebot und NachfrageDer dritte Wirkmechanismus hinter dem Long Tail ist das Zusammenbringen von Angebot und Nachfrage. Es bringt ja nichts, wenn es unüberschaubar viele brauchbare Inhalte gibt, diese aber von anderen nicht gefunden werden. Dafür sorgen laut Anderson Filter, die verschiedene Formen annehmen können: Suchmaschinen (mit diversen einstellbaren Suchkriterien), Empfehlungssysteme („Kunden, die x interessant fanden, interessierten sich auch für y.“), Kundenrezensionen (und seien es bloß Sternchen) oder Mundpropaganda in sozialen Netzen, um ein paar zu nennen. Anderson behauptet ferner, dass auch gute Nischeninhalte so einfacher gefunden würden und sich der Konsum von den Bestsellern zu den weniger bekannten Produkten verschiebe – allerdings gibt es speziell dazu gegenteilige Erhebungen [2].

Für OER ist der Aspekt der Verschiebung irrelevant, denn es geht nicht um höhere Nutzungszahlen nur für bestimmte Inhalte, sondern für alle. Die Verbindung von Angebot und Nachfrage erweist sich dennoch als problematisch. Inhalte sind verstreut über das ganze Netz zu finden, herkömmliche Suchmaschinen sind aber nicht spezialisiert darauf, didaktisch wertvolle Inhalte zu entdecken, die exakt auf die Bedarfe der Lernenden zugeschnitten sind [3]. Es kann mitunter sehr mühselig sein, passendes Material zu entdecken, das den eigenen Ansprüchen und allgemeinen Qualitätskriterien genügt – „Dann mache ich es doch gleich selbst!“

Denkfazit für heute

Vielleicht lassen sich im Online-Handel Konzepte oder Maßnahmen finden, die sinnvoll auf die Erstellung und Verbreitung von Open Educational Resources übertragen werden können.

Quellen


[1] Anderson, Chris (2006): The Long Tail, New York: Hyperion.

[2] Elberse, Anita (2008): The Long Tail Debate: A Response to Chris Anderson, URL: http://blogs.hbr.org/2008/07/the-long-tail-debate-a-respons/ (zuletzt abgerufen am 15.11.2013).

[3] Dröscher, Stefan; Kortemeyer, Gerd; Riegler, Peter (2013): “Openness” – Weniger ist mehr?, in: Zeitschrift für Hochschulentwicklung, 8. Jg., Nr. 4, S. 12-25.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.