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Raus aus dem Elfenbeinturm: Open Science

Prolog

Am Mittwoch vor der Openmind-Konferenz erreicht mich abends eine E-Mail: Die Website telepolis habe angeboten, eine Auswahl der Vorträge in schriftlicher Form zu veröffentlichen. Man brauche die Beiträge aber am besten schon bis Freitag. Was habe ich getan? Nachtschicht. Müde, aber rechtzeitig fertig. Was passiert? Es genügt dann doch eine Abgabe bis Dienstag nach der Konferenz. Was passiert anschließend? Heute erscheint eine Auswahl der Beiträge, telepolis hat meinen aber leider verschmäht. Was heißt das? Ich habe wieder Inhalt für mein Blog und betreibe so etwas wie Restmüll-Marketing ;-)

UPDATE: Der Artikel hat es nun doch noch auf telepolis geschafft.
UPDATE: Der Artikel ist inzwischen nicht mehr auf telepolis verfügbar.

„Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus. Ich bin gerne bereit zu prüfen, ob bei über 1.200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten und würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen.“ [1]

So antwortete der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg auf die Frage, ob Teile seiner Dissertation womöglich aus anderen Werken abgeschrieben worden sein könnten, ohne dass er dies ausreichend kenntlich gemacht hatte. Schnell wurde von vielen Kritikern sein Rücktritt gefordert, ebenso viele Menschen konnten aber den Wirbel um die Affäre nicht verstehen: Herr zu Guttenberg hatte ein wenig gemogelt, aber macht das nicht jeder mal? Offenbar war vielen die Bedeutung dieses Vergehens gar nicht bewusst. Ich meine, das liegt daran, dass der Wissenschaftsbetrieb für viele schlicht ein Buch mit sieben Siegeln ist, das sie nicht öffnen können.

Und tatsächlich, das Bild von der einsamen Forschung im Elfenbeinturm scheint nicht von ungefähr zu kommen. Einerseits hat die zunehmende Spezialisierung der wissenschaftlichen Disziplinen zwar dazu geführt, dass Einzelgänger es schwer haben und Ergebnisse immer häufiger nur durch Kooperation mit anderen erzielt werden können [2]. Denken Sie etwa an die großen Projekte am Kernforschungszentrum CERN. Andererseits bleiben die unzähligen Publikationen für die meisten unverständlich, bisweilen sogar für Fachkollegen, weil jenseits von notwendigen Fachbegriffen ein möglichst staubtrockener Sprachstil und möglichst kompliziert formulierte Sätze gepflegt werden. Sie taugen vielleicht zum Imponieren oder verheißen vermeintlich Qualität, erschweren aber unnötig das Verständnis. Das wusste schon Goethe: „Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die Wissenschaften unzugänglich zu machen.“ [3] Auch Initiativen zur Förderung von Open Access dürften daran wenig ändern. Forschungsergebnisse werden durch sie zwar öffentlich zugänglich, aber nicht offen.

Popularisierung der Wissenschaft

Um den klaffenden Graben zwischen der Wissenschaftswelt und der Allgemeinheit zu verkleinern, wurde bereits im 19. Jahrhundert versucht, Spezialwissen einem größeren Publikum zugänglich zu machen: Schon damals wurden Anleitungsbücher für Hobbyforscher verfasst oder im Wissenschaftlichen Theater Lehrstücke inszeniert [4].
Was einst als Mittel der Bildung der Massen gedacht war, ruft heute jedoch eher ein Naserümpfen hervor. Populärwissenschaftliche Literatur genießt bei vielen Wissenschaftlern den Ruf des Zweitklassigen, des weniger Korrekten. Der Physiker Martin Bojowald sah sich offenbar aus diesem Grund dazu gezwungen, sich im Vorwort seines Buches „Zurück vor den Urknall“ dafür zu rechtfertigen, dass er nicht bloß für Fachkollegen geschrieben hatte [5]. Auch normale Menschen sollten das Universum und seine Theorien verstehen.

Aber hätte er das nicht Wissenschaftsjournalisten überlassen sollen, die speziell dafür ausgebildet worden sind? Sie sind schließlich geübt darin, aus den Erkenntnissen verschiedener Forscher eine stimmige Geschichte zusammenstellen und sie gleichzeitig informativ und unterhaltsam aufbereiten. Es gibt dafür heute ganz unterschiedliche Formate: Zeitschriften wie Spektrum der Wissenschaft, Fernsehsendungen wie Quarks und Co., Science Centers wie das Mathematikum in Gießen, Kinderuniversitäten und vieles mehr. Das ist schon so etwas, was man Öffentliche Wissenschaft (oder Open Science) nennen könnte. Auf diesem Wege kann nämlich schon das Verständnis für das dargebotene Wissen vergrößert werden, aber leider noch nicht für die Wissenschaft selbst oder gar die Menschen dahinter.

Verstehen Sie, was ich damit meine? Es werden zwar die Forschungsergebnisse mundgerecht präsentiert, aber die Prozesse, die zu diesen Ergebnissen führen, bleiben im Dunkeln. Außenstehende bekommen ein Produkt geliefert, können aber nicht nachvollziehen, wie es entstanden ist und welche Gedanken bei der Erstellung verfolgt und verworfen wurden. Sie sehen vor allem nicht, welche Probleme es auf dem Weg zu lösen gab, welche Fehler gemacht und welche Lehren aus ihnen gezogen wurden. Auch solche Dinge gehören zur Wissenschaft. Wenn man die weglässt, entsteht ein völlig falsches Bild. Und dann wundert man sich, wieso die Menschen nicht verstehen, was Herr zu Guttenberg so Schlimmes getan hat.

Von 1.0 zu 2.0

Nun gibt uns aber speziell das Internet die Möglichkeit an die Hand, dagegen etwas zu tun. Wir bekommen nämlich einen Rückkanal, und der ändert eine ganze Menge. Im einfachsten Fall können Wissenschaftler etwa in Blogs über Themen aus ihrem Fachgebiet berichten und Fragen von Interessierten dazu beantworten. Es wird ein zügiger direkter Austausch möglich, doch damit ist das Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft. Da ist noch Luft.

In der Wikipedia können wir nicht nur Texte lesen, sondern auch selbst mitschreiben. Auf YouTube können wir nicht nur Filme anschauen, sondern auch eigene einstellen und kommentieren. Die Unterscheidung zwischen Produzenten und Konsumenten von Inhalten weicht auf. Doch bevor wir die Bedeutung für die Wissenschaft weiter beleuchten, betrachten wir zunächst einige Beispiele.

Der Heidelberger Professor Christian Spannagel hielt – damals noch in Ludwigsburg – im Wintersemester 2008/2009 ein Seminar ab, das sich um die Didaktik der Informatik drehte [6]. Die Studierenden diskutierten in einem öffentlichen Wiki eine spezielle Theorie, Spannagel berichtete darüber in seinem Blog und per Twitter. Daraufhin stießen mehrere Externe hinzu und beteiligten sich an der Diskussion. Darunter befand sich auch der Entwickler eines speziellen Lehrkonzepts, das man kurzerhand vor Ort in einer seiner Schulklassen begutachtete. Ein Referendar wurde auf den Kurs aufmerksam, erprobte das Konzept und berichtete davon den Studierenden, die darauf aufbauen konnten und selbst Unterrichtseinheiten entwickelten. Ob das in dieser Form wohl ohne eine Öffnung des Seminars möglich gewesen wäre?

Auf wissenschaftlichen Konferenzen ist es möglich, das aktuelle Geschehen per Video-Stream ins Internet zu stellen und gleichzeitig per Twitter die Gedanken der Teilnehmer dazu zu lesen. Mehr als die Festlegung eines eindeutigen Hashtag braucht man dafür nicht. Und natürlich können auch Zuschauer rund um den Globus Kommentare beisteuern oder Fragen an den Vortragenden richten, die dieser wiederum auf einer Twitterwall sehen und bei Gelegenheit beantworten kann. Das nenne ich mal „mittendrin statt nur dabei“.

Und auch die ganz normale Forschung kann öffentlich gestaltet werden. Meine ersten Ideen halte ich oft in einem Wiki fest und bitte per Twitter oder Blogbeitrag um Anregungen dazu. Sie möchten ein Beispiel? Schauen Sie doch einmal unter http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:O.tacke/Zeitschrift_fuer_E-Learning-2011 nach. Da kamen viele gute Anregungen zusammen, auch wenn der Beitrag nachher abgelehnt wurde. Gerade diese Rückmeldungen können zeigen, wo noch Schwierigkeiten bestehen oder Dinge offen geblieben sind. Auch der Meeresforscher Stefan Rahmstorf berichtet davon, durch Fragen der Leser seines Blogs schon auf neue Anregungen gekommen zu sein [7]. Sie können sich das allerdings über den ganzen Forschungsprozess denken. Das muss nicht bei der Ideensammlung stehenbleiben, Sie können auch den ganzen Beitrag online mit anderen verfassen und Interessierte können zwischendurch etwas beisteuern – auch dazu werden Sie ganz aktuell etwas bei mir finden. Wenn ich schließlich fertig bin, könnte ich auch öffentlich darum bitten, den Text zu begutachten, bevor ich ihn bei einer Zeitschrift einreiche. All das funktioniert tatsächlich.

Und alle diese Beispiele würde ich mit Open Science 2.0 betiteln. Es geht nicht um das Präsentieren von fertigen Inhalten, sondern um das Erstellen, Prüfen, Verbessern dieser Inhalte durch Forscher, Praktiker und begeisterte Amateure. Wer an der Entwicklung von Wissen mitwirkt, versteht viel besser, was Wissenschaft eigentlich ausmacht und bedeutet. Andersherum bleiben Forscher vielleicht eher auf dem Boden der Tatsachen und erhalten so den Blick für das Ganze zurück, der bei ihrer Spezialisierung verloren gegangen sein könnte. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt ist jedenfalls der Ansicht, Wissenschaft sei „eine zur sozialen Verantwortung verpflichtete Erkenntnissuche“ und müsse sich um die großen Menschheitsprobleme wie Überbevölkerung, Klimawandel, Globalisierung der Ökonomie oder die weltweite militärische Hochrüstung kümmern [8]. Dabei ist die Kooperation Vieler gefragt, unabhängiger Experten ebenso wie betroffener Amateure.

Am Ziel? Jetzt wird es doch erst spannend!

Das klingt alles toll, oder? Aber vielleicht haben Sie sich oben an so mancher Stelle schon am Kopf gekratzt und gefragt, wie das denn alles gehen soll. Experten sollen mit Laien zusammen etwas entwickeln, ist das denn möglich? Die Frage stellen sich einige Unternehmen auch, wenn sie versuchen, Produkte und Dienstleistungen zusammen mit Lieferanten oder Kunden zu entwickeln. Betriebswirte nennen das Open Innovation, und da gibt es viele Ähnlichkeiten zur Open Science, die ich in einem anderen Artikel schon beschrieben habe [9].

Aber zurück zur Frage: Geht das denn? Es gibt manche, die auf die Theorie der sogenannten operational geschlossenen Systeme von Niklas Luhmann zurückgreifen und daraus folgern, da könne nichts Brauchbares für die Wissenschaft bei herauskommen – Wissenschaftler würden Praktiker nicht verstehen und andersherum [10]. Andere halten dagegen [11]. Das ist auch gar nicht so einfach zu beantworten, das ist alles ziemlich neu, und tatsächlich gibt es noch viele offene Fragen!

Ich bin jemand, der gerne gleich ausprobiert und manche Sachen klappen bisher gar nicht, andere schon ganz gut. Ich möchte mehr öffentliche Wissenschaft. Ich verstehe aber auch Einwände, die sich wie „Das geht nicht, weil!“ anhören. Die müssen gar nicht bedeuten, dass die Idee grundsätzlich abgelehnt wird, aber dass möglicherweise einige Vorschläge noch nicht wirklich ausgereift sind. Kategorische Nein-Sager wird es allerdings auch immer geben. Also werde ich mich hier auch nicht hinstellen und verkünden, genau so oder so müsste das gemacht werden. Ich habe nicht alle Antworten – nur ein paar. Daher stelle ich einfach einige Fragen zusammen, die mir diskussionswürdig erscheinen und lade Sie dazu ein, die Liste zu ergänzen und miteinander darüber zu diskutieren.

Fragen zur Diskussion

  • Gefährde ich als seriöser Wissenschaftler nicht meinen guten Ruf und meine Karriere, wenn ich öffentliche Wissenschaft betreibe?
  • Kann sich dann nicht jeder an meinen Ideen bedienen und mir damit etwas wegnehmen?
  • Wie bringe ich vielleicht fremde Leute dazu, zusammen mit mir oder Studierenden an einem Thema zu arbeiten? Will da überhaupt jemand mitmachen?
  • Frisst das nicht viel Zeit, die man besser anders nutzen sollte?
  • Wird der Wissenschaftsjournalismus überflüssig?
  • Welche technischen Instrumente eignen sich am besten für welche Phase der Forschung?
  • Welches Vorgehen eignet sich am besten für welche Phase der Forschung?
  • Was passiert, wenn Unternehmen an der Forschung beteiligt sind und Betriebsinterna berührt werden?
  • Können auch Unternehmen davon profitieren, indem Kooperation nicht nur mit Universitäten stattfinden, sondern zusätzlich mit anderen Interessierten?
  • Soll jetzt jeder dazu gedrängt werden, öffentliche Wissenschaft zu betreiben?
  • Welche Voraussetzungen müssen Wissenschaftler und andere Beteiligte dafür überhaupt mitbringen?
  • Wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld?

Quellenhinweise

[1] tagesschau.de (2011): Von „abstrusen Vorwürfen“ zur Rücktrittserklärung, URL: http://www.tagesschau.de/inland/guttenberg770.html (zuletzt abgerufen am 13.10.2011).

[2] Vgl. Gläser, Jochen; Lange, Stefan (2007): Wissenschaft, in: Arthur Benz et al. (Hrsg.): Handbuch Governance. Theoretische Grundlagen und empirische Anwendungsfelder, Wiesbaden, S. 437-451, hierzu speziell S. 447.

[3] Goethe, Johann Wolfgang von (1830): Goethe’s Werke: Vollständige Ausgabe letzter Hand. 22. Band: Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die entsagenden, 2. Buch, Stuttgart, Tübingen, S. 249.

[4] Vgl. Daum, Andreas W. (2006): Popularisierung von Wissenschaft im 19. Jahrhundert, in: Faulstich, Peter (Hrsg.): Öffentliche Wissenschaft, Bielefeld, S. 33-50.

[5] Vgl. Bojowald, Martin (2009): Zurück vor den Urknall, Frankfurt am Main, S. 9.

[6] Vgl. Spannagel, Christian; Schimpf, Florian (2009): Öffentliche Seminare im Web 2.0, in: Apostolopoulos, Nicolas et al. (Hrsg.): Lernen im Digitalen Zeitalter, Berlin, S. 13-20., hierzu speziell S. 17-18.

[7] Vgl. Zickgraf, Arnd (2010): Die Hintertür zur Forschung, URL: http://www.zeit.de/wissen/2010-01/wisssenschafts-blogger/komplettansicht (zuletzt abgerufen am 14.10.2011).

[8] Schmidt, Helmut (2011): Verantwortung der Forschung im 21. Jahrhundert, URL: http://www.mpg.de/990353/Verantwortung_der_Forschung?page=3 (zuletzt abgerufen am 14.10.2011).

[9] Vgl. Tacke, Oliver (2010): Open Science 2.0: How Research and Education can benefit from Open Innovation and Web 2.0, in: Bastiaens, Theo J.; Baumöl, Ulrike; Krämer, Bernd J. (Hrsg.): On Collective Intelligence, Berlin, Heidelberg, S. 37-48.

[10] Vgl. zum Beispiel Kieser, Alfred; Leiner, Lars (2010): Kollaborative Managementforschung – Eine Brücke über den Rigor-Relevance Gap?, in: ZfB – Zeitschrift für Betriebswirtschaft (Sonderausgabe Mixed Methods in der Managementforschung), 80. Jg., Nr. 5, S. 89-113.

[11] Vgl. exemplarisch Hodgkinson, Gerard P.; Rousseau, Denise M. (2009): Bridging the Rigour-Relevance Gap in Management Research: It’s Already Happening!, in: Journal of Management Studies, 46. Jg, Nr. 3, S. 534-546.

„Open Access passt zu unserer Philosophie“

Vor kurzem erschien die achte Ausgabe der Zeitschrift Goettingen Journal of International Law (GoJIL). Das wäre für sich genommen nicht der Rede wert, wenn es sich dabei nicht um eine englischsprachige, studentisch geführte Open-Access-Zeitschrift handelte, die obendrein schon jetzt einen guten Ruf genießt. Für mich war das ein Grund, die Chefredakteurin Annika Poschadel um ein Interview zu bitten.

Annika, fangen wir ganz vorne an: Wie kam es eigentlich zur Gründung von GoJIL?

GoJIL wurde 2007 von einer Gruppe an Völkerrecht interessierter Studenten gegründet, die sich die amerikanischen Law Journals zum Vorbild genommen haben. Diese Law Journals sind in den USA sehr populär. Für die Gründer war das ein Grund, dieses Format auch in Deutschland zu probieren. Damit ist ihnen der Start eines bislang in Europa einzigartigen Projekts gelungen, welches nun im dritten Jahr sehr erfolgreich läuft.
Das Ziel der Zeitschrift ist zum einen, einen hochwertigen Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte im Völkerrecht, aber in auch in anderen Fachbereichen mit Blick auf das internationale Recht zu leisten. Zum anderen wollen wir aber auch den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern. Durch unser anonymisiertes Gutachtenverfahren haben grundsätzlich auch Beiträge von Studierenden und bisher unbekannten Autoren Aussicht auf Erfolg. Daneben sprechen wir mit unserem jährlichen Schreibwettbewerb auch gezielt Studierende an. GoJIL fördert den Nachwuchs aber nicht nur auf der Output-, sondern auch auf der Inputseite, denn wir als Herausgeber lernen natürlich auch eine Menge dabei.

Cover der 2. Ausgabe 2011 von GoJIL

GoJIL Nr. 2/2011 (GoJIL, CC-by-nc-nd)

Du hast gerade erwähnt, GoJIL liefe erfolgreich. So erfolgreich, dass ihr im vergangenen Jahr eine internationale Konferenz abgehalten habt. Auch dort lag die Messlatte sehr hoch, ihr habt den Referenten sogar die Anreisekosten erstattet. So etwas zu organisieren, macht sicher sehr viel Arbeit, was motiviert euch dazu, so viel Freizeit zu opfern?

Die Motivation ist sicherlich das Ergebnis. Sowohl endlich eine Ausgabe zu “releasen” und den Autoren das fertige Exemplar schicken zu können, als auch in einem Buch plötzlich einen Verweis auf das eigene Werk zu sehen. Bezüglich der Konferenz war es wohl das Highlight plötzlich zu sehen, wie und dass alles funktioniert. Und ein Grund sind mit Sicherheit die Menschen: Nicht nur, dass man bei GoJIL einen Haufen Kommilitonen trifft, die genauso ticken wie man selbst, sondern man lernt auch international anerkannte Wissenschaftler kennen, die man bisher nur aus der Ferne bewundert hat.

Verändert das den Blick auf diese Wissenschaftler oder die Wissenschaft an sich?

Als Student hat man ja im Allgemeinen kaum Zugang zu „der Wissenschaft“, sodass durch die Arbeit bei GoJIL überhaupt erstmal ein Blick darauf möglich wird. Natürlich begegnet man den Wissenschaftlern mit Respekt für ihre Arbeit, aber durch den persönlichen Kontakt merkt man auch, dass es ganz normale Menschen sind, die Deadlines verschwitzen und Fehler machen. Gleichzeitig wird man als Herausgeber plötzlich Teil des Ganzen. Da nimmt man eine Zeitschrift in der Bibliothek plötzlich mit einem anderen Gefühl in die Hand.

Kommen wir wieder zurück zu GoJIL an sich. Warum habt ihr euch für Open Access entschieden? Ihr hättet schließlich auch eine klassische Zeitschrift daraus machen können.

Open Access passt zu unserer Philosophie, dass wir qualitativ hochwertige wissenschaftliche Publikationen einem breiten Publikum zur Verfügung stellen wollen. Insbesondere im Völkerrecht ist zudem eine internationale Verbreitung unerlässlich. Dies ist auch der Grund, weshalb wir auf ausschließlich auf Englisch publizieren. Es ist uns aber auch wichtig, dass unsere Artikel auch dort gelesen werden können, wo mangels finanzieller Mittel keine riesigen Bibliotheken möglich sind. Kürzlich dankte uns z. B. ein Wissenschaftler aus Bangladesh, dessen Uni sich keine kostenpflichtigen Journals leisten kann. Durch uns hat er trotzdem Zugriff zu wissenschaftlichen Beiträgen.

Nun gibt es unter dem Begriff „Open Access“ Bestrebungen, alle Ergebnisse öffentlich finanzierter Forschung der Öffentlichkeit auch unentgeltlich im Internet zugänglich zu machen, wobei der Autor allerdings alle weiteren Verwertungsrechte behielte und sein Werk auch anderswo veröffentlichen könnte. Es gibt Juristen, die darin einen Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit sehen. Das betrifft zwar GoJIL nicht, aber wie beurteilst du das?

Darüber habe ich mir bis eben gerade noch keine Gedanken gemacht.

Okay, nun wird Open Access desöfteren mangelnde Qualität vorgeworfen, man spricht mitunter abschätzig von universitären Selbstpublikationen. Wie sichert ihr die Qualität der Beiträge?

Die Qualitätssicherung ist uns sehr wichtig. Deshalb haben wir ein sog. Double-Blind-Peer Review-Verfahren. Das heißt, dass bei uns eingereichte Beiträge zunächst von zwei Wissenschaftlern, die ebenfalls in dem Feld des Beitrags forschen, begutachtet und bewertet werden. Das Verfahren läuft anonym ab, sodass es ausschließlich auf die Qualität und nicht auf den Namen oder Kontakte ankommt. Neben dieser inhaltlichen Kontrolle wird außerdem jeder Artikel von englischsprachigen Muttersprachlern korrigiert.

Und ihr prüft tatsächlich sogar die Angaben jeder einzelnen Fußnote, wenn ich richtig informiert bin!?

Ja, genau. Sofern uns die Quellen irgendwie zugänglich sind (was dank Internet und unserer gut ausgestatteten Uni-Bibliothek meistens der Fall ist), schlagen wir jede Fußnote nach. Das ist ziemlich aufwendig, aber die Qualität der Quellenangaben wird dadurch oft verbessert. Manchmal sind die Quellen in der angegebenen Form nur schwer auffindbar, das versuchen wir dann zu ändern. Zudem kommt es hin und wieder vor, dass Seitenangaben oder andere bibliografische Daten einfach nicht stimmen. All das bemerkt man aber eben nur, wenn man die zitierten Bücher persönlich in der Hand hatte. Außerdem lernen wir selbst dabei einiges über Recherchetechniken und Zitation. Man nimmt also auch einiges für seine eigenen Hausarbeiten mit und achtet deutlich besser auf seine Zitierweise.

Interner Workshop der Zeitschrift GoJIL

Workshop von GoJIL (GoJIL, CC-by-nc-nd)

Kommen wir zu einem weiteren kritischen Aspekt. Zwar wird immer wieder behauptet, „das Internet vergesse nichts“, aber so ganz stimmt das ja auch nicht. Wie sorgt ihr dafür, dass die Beiträge einfach und langfristig abgerufen werden können und nicht verloren gehen? Das ist unter dem Aspekt der Nachprüfbarkeit für die Wissenschaft ja ein wichtiger Punkt.

GoJIL ist in einer Mehrzahl der wichtigsten englischsprachigen juristischen Datenbanken verfügbar wie z. B. HeinOnline oder EBSCO. Damit sorgen wir dafür, dass wir auch dort auffindbar sind und unsere Artikel einer breiten Leserschaft zugänglich sind. Ansonsten sind alle Artikel auch auf unserer Homepage www.gojil.eu abrufbar. Als kleines Extra gibt es für die Papyrophilen auch Print-on-demand-Ausgaben bei Amazon zu kaufen. Dies stellt jedoch ausdrücklich nicht den Schwerpunkt unserer Tätigkeit dar. Im Selbstverständnis bleiben wir online und open access.

Zum Knackpunkt, das liebe Geld: Bei Open Access stellt sich stets die Frage der Finanzierung, es gibt verschiedene Modelle. Wie läuft das bei euch?

Wir werden vor allem über Spenden finanziert. Bei den Spendern möchten wir uns an dieser Stelle sehr herzlich bedanken. Das ist zum einen die Joachim-Herz-Stiftung aus Hamburg, die uns mit sehr viel Engagement fördert und der wir u. a. Unterstützung für die wunderbare Konferenz zu verdanken haben. Bei der Konferenz hat uns auch das KMU-Netzwerk aus Göttingen unterstützt, ebenso wie das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung. Zudem werden wir aus Studiengebühren finanziert. Unterstützung erhalten wir auch vom Göttinger Verein zur Förderung des internationalen Rechts. Das Institut für Völker- und Europarecht stellt uns ein Büro zur Verfügung und durch die Lehrstühle dort erhalten wir auch ideelle Unterstützung, dafür sind wir natürlich sehr dankbar.

Letzte Worte an die Leser?

Wir freuen uns immer über interessierte Leser und ebenso aufgeweckte Autoren. Beiträge dürfen immer gern über unsere Homepage www.gojil.eu eingereicht werden. Bei Kritik, Anregungen oder Fragen sind wir darüber ebenfalls zu erreichen.

Hinweise zu den Abbildungen

Ich bin baff!

Als ich gerade nach Studien zu Kosten von Open Access (freie Zugänglichkeit zu öffentlich finanzierten Forschungsergebnissen) gesucht habe, bin ich auf ein PDF-Dokument mit dem Titel „Was Open Access kostet – Ein Beispiel aus den Geisteswissenschaften“ von Uwe Jochum gestoßen. Zum Download wird es angeboten auf der Seite www.textkritik.de, die von Roland Reuß betrieben wird. Roland Reuß? Genau, den habe ich in einem anderen Blogbeitrag schon einmal erwähnt und konnte daher schon ahnen, was mich erwarten würde. Was ich dann tatsächlich las, verwunderte mich aber doch.

Zu Beginn argumentiert Jochum, Open Access nötige die Autoren zum Bezahlen der Zeche, während die Leser sich kostenlos bedienen könnten (Seite 3). In der Tat gibt es das Geschäftsmodell der autorenfinanzierten Publikation, bei dem Wissenschaftler Zeitschriften dafür bezahlen müssen, dass ihre Artikel frei zugänglich sind. Jochum vergisst allerdings zu erwähnen, dass das nur ein Modell unter vielen möglichen ist und keinesfalls gleichzusetzen mit Open Access. Den Vogel schießt er aber erst danach ab als er behauptet (Seite 4-5), die deutsche „Open-Access-Plattform“ räume selbst ein: „Kostenrechnungen und -schätzungen, die zugunsten von Open Access ausfallen, findet man heute eher selten.“ Dieser Satz findet sich wirklich auf deren Website, jedoch ausdrücklich zur autorenfinanzierten Publikation und nicht zum gesamten Konzept. Jochum reißt den Satz komplett aus dem Zusammenhang und ergeifert sich dann noch mit hämischen Kommentaren daran. Redliches wissenschaftliches Arbeiten sieht anders aus. Zudem haben wir es mit einem Wiederholungstäter zu tun: Eric Steinhauer schildert in seinem Blog [inzwischen nicht mehr existent], wie Jochum ihm in einem Beitrag das Wort ebenso im Munde herum gedreht hat; im Kommentarbereich wird dort eine weitere freie Textinterpretation dokumentiert.

Im Verlauf seines Aufsatzes (ab Seite 6) stellt Jochum einen Vergleich an und schiebt vorweg, das von ihm gewählte Modell sei sehr einfach. Wie einfach? Er stellt die Preise einer einzigen klassischen Zeitschrift aus den Geisteswissenschaften denen von sieben naturwissenschaftlichen Publikationen einer nichtkommerziellen Zeitschriftengruppe gegenüber, die explizit das autorenfinanzierte Modell anwendet. Die Stichprobe ist also winzig, die Fachgebiete sind unterschiedlich und es wird einzig und allein das autorenfinanzierte Modell betrachtet. Das hindert Jochum aber nicht daran, dazu einige Rechnungen anzustellen und schließlich triumphierend zu folgern (Seite 11), für die Geisteswissenschaften lohne sich allgemein das gesamte Konzept Open Access nicht und es werde mit zunehmender Nutzung ohnehin viel teurer für den Steuerzahler.

Ich bin so völlig baff, dass ich das einfach sofort loswerden wollte.

Qualität hat ihren Preis – oder doch nicht?

Am vergangenen Dienstag erschien in der Süddeutschen Zeitung der Artikel „Abbestellt!“, der das Thema Open Access berührt: Die University of California drohe der bekannten Zeitschrift „Nature“ mit einem Boykott, weil der zuständige Verlag für die Online-Lizenz schlappe 400% Preiserhöhung verlange.

Nun könnte man sagen, das sei deren gutes Recht, schließlich leben die Amerikaner ja in einer freien Marktwirtschaft. Der Haken dabei ist allerdings, dass wissenschaftliche Zeitschriften ihre Beiträge kostenlos von Wissenschaftlern erhalten, die zumeist ebenso kostenlos die Artikel von anderen begutachten, um die Qualität zu sichern. Dafür kommt letztlich der Steuerzahler auf beziehungsweise in den USA zu großen Teilen die Studierenden – die finanzieren ja das Personal der Universitäten. Und die zahlen eigentlich doppelt, da sie den Verlagen die Zeitschriften mit den Ergebnissen auch abkaufen müssen. DAS Thema wollte ich aber gar nicht durchkauen, das kann man an anderer Stelle vertiefen.

In dem Zeitungsartikel wird jedoch implizit unterstellt, Open Access bedeute „Selbstverlag der Universitäten“, und für die Fachverlage spräche „ein kundiges Lektorat und Qualitätskontrolle anstelle von stümperhafter Selbstpublikation am eigenen Computer“. Ich habe den Verfasser des Artikels kontaktiert, und er hat klargestellt, dass die Darstellung von Open Access aufgrund des knappen Raums sehr verkürzt gewesen sei und „Selbstverlag“ nicht auf die „Qualität“ abgezielt hätte. Dennoch möchte ich hier anhand eines Beispiels verdeutlichen, was Open Access tatsächlich heißen kann.

Geprüfte Qualität (Bild von stijnbern, Public Domain)

Geprüfte Qualität - Bild von stijnbern, Public Domain

An der Uni in Göttingen wird nämlich eine Open-Access-Zeitschrift namens GoJIL (Goettingen Journal of International Law) herausgegeben, die sich vor der „Konkurrenz“ nicht zu verstecken braucht und trotz ihres kurzen Bestehens bereits ein gewisses Renommee genießt. Zum einen gibt es „Peer Reviews“, das heißt eingereichte Beiträge müssen einer Begutachtung durch Professoren standhalten. Außerdem wird von Muttersprachlern das Englisch geprüft, und es kümmern sich fleißige Helfer darum, dass alle formalen Richtlinien eingehalten werden. Mehr noch, sie prüfen akribisch jede Fußnote auf Korrektheit, indem sie sich die angegebene Literatur besorgen und schauen, ob die zitierten Aussagen dort wirklich getroffen werden – und wie mir gesagt wurde, gibt es da auch durchaus mal etwas zu bemängeln. Wer eine gedruckte Fassung haben möchte, kann sich diese kaufen, aber alle Inhalte sind auch kostenlos online verfügbar. Außerdem darf sie jeder für nicht-kommerzielle Zwecke unter Angabe der Urheber in unveränderter Form weitergeben (Creative Commons in den Wissenschaften). Und, ganz nebenbei, hatte ich schon gesagt, dass all dies ehrenamtlich von Studierenden organisiert wird???

Sicherlich werden nicht alle Open Access Zeitschriften so professionell arbeiten, aber aus erster Hand weiß ich, dass es auch bei den großen Verlagen wie Gabler/Springer mitunter laxer zugeht. Fazit: Open Access sollte man nicht irrtümlich mit geringerer Qualität als bei „klassischen“ Zeitschriften gleichsetzen.

Open Access: „Standing on the shoulders of giants“

Die Idee des Open Access ist nicht neu: Wissenschaftliche Literatur soll kostenfrei und öffentlich im Internet verfügbar sein. Gestützt wird diese Forderung zum einen darauf, dass öffentliche Forschung durch die Allgemeinheit finanziert werde und ihr daher auch zugänglich sein sollte. Zum anderen sollten Erkenntnisse zum Nutzen der gesamten Menschheit möglichst breit verfügbar gemacht werden. Insgesamt sei der Zugriff per Internet weitaus unkomplizierter als auf traditionellem Wege.

Open Access erfährt von Seiten vieler Wissenschaftler Zuspruch. So gehören zu den Befürwortern beispielsweise die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Andererseits gibt es ebenso viele Kritiker. Im sogenannten Heidelberger Appell wurde Open Access im März 2009 heftig angegriffen (vgl. Reuß, Roland: Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte, online verfügbar, zuletzt abgerufen am 18.09.2009). Allerdings wurden in der Streitschrift zwei grundverschiedene Dinge miteinander vermengt – zum einen das Scannen und Verbreiten von Auszügen aus beliebigen Büchern und Zeitschriften durch Google, zum anderen das Modell Open Access an sich, das sich auf den freien Zugang zu wissenschaftlichem Material beschränkt und zunächst auf noch nicht Publiziertes abzielt. In Folge entbrannte ein öffentlicher Diskurs, online wie offline, der über die Seite der Informationsplattform Open Access nachvollzogen werden kann.

Leider wird die Debatte sehr polemisch geführt, und es treten immer wieder dieselben Vorbehalte gegen Open Access auf, beispielsweise mangelnde wissenschaftliche Qualität. Dabei wird übersehen, dass Open Access nicht gleichbedeutend ist mit einem Fehlen von Peer Reviews durch qualifiziertes Personal – ebensowenig wie die Veröffentlichung in einer Zeitschrift oder einem Buch nicht per se bedeutet, dass Peer Reviews durchgeführt werden. Der Wert einer wissenschaftlichen Arbeit hängt schlicht nicht vom Medium ab, in dem es publiziert wird. Sehr kurios finde ich die aktuelle Frage von Volker Rieble, wer verantwortlich sei für eine wiederauffindbare und damit zitierfähige IP-Adresse (vgl. Rieble, Volker: Freier Zugang zu unfreien Autoren – Open Access aus juristischer Sicht, in: Forschung & Lehre, 16. Jg., Nr. 9 (2009), S. 648-651). Kurios deshalb, weil auch niemand die Anschrift einer Bibliothek angibt, wenn er auf eine Quelle verweist. Eine Antwort auf die Frage nach der Auffindbarkeit von Werken und Antworten auf weitere typische Einwände finden sich ebenfalls auf der Seite der Informationsplattform Open Access.

Ich finde es richtig, dass öffentlich finanzierte Forschung auch öffentlich zugänglich gemacht werden soll. Nur wenn Wissen geteilt wird, kann es wachsen. Oder wie es Isaac Newton sagte: „If I have seen further it is only by standing on the shoulders of giants.“ Derzeit sieht es aber so aus, dass Universitäten – und damit die Steuerzahler – zunächst die Forschung und die Begutachtung bezahlen. Im Anschluss kaufen sie dann den privatwirtschaftlichen Verlagen die Ergebnisse ab, die sie ihnen zuvor kostenlos zur Verfügung gestellt haben.

Es lässt sich schlicht besser forschen, wenn freier Zugang zu allen wissenschaftlichen Informationen besteht. In einer modernen Wissensgesellschaft sollte das nichts Überraschendes oder Abwegiges sein, aber dennoch gibt es vehemente Gegner von Open Access. Einige betrachten es als radikalen Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit, die vom Grundgesetz garantiert wird. Dieser Schutz ist in der Tat sehr wichtig: Der Staat sollte niemandem vorschreiben dürfen, was er mit welcher Methode zu erforschen hat! Einem juristischen Laien sei aber die Frage erlaubt, ob der Bürger als Geldgeber nicht zumindest ein moralisches Recht hat, unbeschränkte Einsicht in die Ergebnisse zu erhalten.

Andere Kritiker meinen, den Autoren werde das „geistige Eigentum“ genommen. Auch bei diesem Thema begäbe ich mich bei einer Diskussion auf sehr dünnes Eis, denn der Begriff des Eigentums ist schon unter Juristen ein umstrittenes Thema. Aber: Die Urheber ihrer Werke bleiben die Verfasser in Deutschland ohnehin, streitig sind nur Verwertungsrechte. Häufig müssen Forscher diese aber gerade bei der traditionellen Publikation komplett an Verlage abtreten. Ohne Genehmigung dürften sie nicht einmal Kollegen eine Kopie eines Beitrags schicken oder diesen auf ihrer eigenen Internetseite veröffentlichen. Bei Open Access verbleiben die Rechte aber beim Autor, und er kann seine Arbeit nach eigenem Ermessen weiter verwerten. Es scheinen demnach eher die Interessen der Verlage betroffen zu sein, deren Geschäftsmodelle im Zeitalter des Internet nicht mehr funktionieren. Sie bitten nun den Gesetzgeber um rechtliche Gegenmaßnahmen, statt sich im Sinne von Schumpeter der schöpferischen Zerstörung zu bedienen und mit innovativen Ideen zu trumpfen – Apple hat mit dem Geschäftsmodell um den iTunes-Store und den iPod bewiesen, dass dies auch im Internet möglich ist. Obwohl Musik auch kostenlos heruntergeladen werden kann, erwirtschaftet das Unternehmen damit beinahe 50 Prozent seines nicht gerade geringen Umsatzes (vgl. Christensen, Clayton M.; Johnson, Mark W.; Kagermann, Henning: Wie Sie Ihr Geschäftsmodell neu erfinden, in: Harvard Business Manager, 31. Jg., Nr. 4 (2009), S. 36-49).

Würde der Staat durch weitere Schutzmaßnahmen vor modernen Medien nicht lediglich eine schwer kranke Branche künstlich am Leben erhalten? Müsste man dann nicht auch Autos verbieten, die mit Solarenergie betrieben werden? Die gefährden schließlich die Existenz der Tankstellenbetreiber (vgl. JGE: Die Angst des Roland Reuß vor Open Access, online verfügbar, zuletzt abgerufen am 17.09.2009).

Wenn nun mit Open Access vieles besser werden könnte – Forscher könnten schneller Ergebnisse verbreiten, würden ein größeres Publikum erreichen, könnten selbst auf mehr Informationen zugreifen, würden potenziell häufiger zitiert und Studenten bräuchten keinen Konkurrenzkampf mehr um knappe Literaturexemplare zu führen – warum sträuben sich viele gegen den Gedanken? Zum einen, weil Sie möglicherweise durch den oben genannten Heidelberger Appell das Gebaren von Google (das wäre ein anderes Thema) und Open Access in einen Topf geworfen haben: Einige Autoren zogen in der Tat ihre Unterschrift zurück, nachdem ihnen klar wurde, worum es eigentlich geht. Einen anderen Erklärungsansatz bietet Niels Taubert (vgl. Taubert, Niels. C.: Eine Frage der Fächerkultur? Akzeptanz, Rahmenbedingungen und Adaption von Open Access in den Disziplinen, in: Forschung & Lehre, 16. Jg., Nr. 9 (2009), S. 657-659). Er berichtet, dass die Gegner von Open Access vornehmlich Geistes- und Sozialwissenschaftler in ihren Reihen hätten, Naturwissenschaftler dem Modell aber mehrheitlich positiv gegenüberständen. Er führt dies auf den Drang nach Anerkennung zurück. Zuspruch erhielte beispielsweise in der Physik derjenige, der als erster neue Erkenntnisse veröffentlicht. In den Geistes- und Sozialwissenschaften werde Anerkennung allerdings nicht durch fachliche Würdigung erzielt, vielmehr orientiere man sich an „Symptomen“ wie dem Publikationsort oder der Länge der Publikationsliste: „Publish Or Perish„. Ein solches System fördere nicht die Mitteilung von Forschungsergebnissen, sondern das Streben nach Maximierung „symptomatischer Reputation“. Hier ist dringend ein Umdenken erforderlich.

Wenn Forscher froh sind über jede wissenschaftliche Erkenntnis, auf der sie aufbauen können, sollten sie ihr Wissen nicht auch bereitwillig der Gemeinschaft zur Verfügung stellen? Sollten Verlage nicht ihre Strategien anpassen, statt zu versuchen, den Gesetzgeber als Wegbereiter für ihre überkommenen Geschäftsmodelle einzuspannen? Und zu guter Letzt: Wenn Politiker eine Bildungsrepublik fordern, sollte es ihnen nicht daran gelegen sein, den Zugang zu Forschungsergebnissen für möglichst viele frei zugänglich zu machen? Ich denke schon.