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Machste mal meine Hausaufgaben, bitte?

Erinnert ihr euch an 2017? Da fanden in Deutschland Bundestagswahlen statt. Die neu gewählte Bundesregierung hat sich danach ins Hausaufgabenheft (Koalitionsvertrag) das geschrieben, eine OER-Strategie entwickeln zu wollen. Was in der Zwischenzeit bis heute geschah, weiß ich nicht. Aber der Abgabeschluss naht. Im September wird neu gewählt, und dann gucken im Wahlkampf wieder alle auf das, was aus dem Koalitionsvertrag tatsächlich umgesetzt wurde und bemängeln Fehlendes. Das ist lästig.

Nachdem nun offenbar die für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) wichtigeren Dinge bearbeitet worden sind, scheint die Zeit für das Thema OER gekommen zu sein. Kürzlich bin ich unverhofft vom angeschrieben worden. Ich bin, wie andere auch, eingeladen worden, bei der Entwicklung der OER-Strategie für Deutschland mitzuwirken. Viele Informationen dazu habe ich nicht bekommen, aber dann später bei der Open Knowledge Foundation ein paar Details gefunden.

Konkret habe ich ein paar Thesen und Fragen zu OER aus dem Feld „Technik“ bekommen, andere zu den Bereichen „Mensch“ und „Gesellschaft“. Wie die Thesen entstanden sind, weiß ich leider nicht. Ich habe jedenfalls wunschgemäß eine Antwort verfasst und dem BMBF zukommen lassen — nur falls sich jemand fragt: unentgeltlich. Daraus sollen neue Thesen extrahiert werden, um sie Mitte April themenfeldübergreifend zu diskutieren. Ich bin durchaus gespannt, denn ich habe das Gefühl, man müsste eigentlich wieder einen Schritt zurück gehen und die irgendwann einmal aufgestellten Thesen überprüfen.

Damit ihr meine Skepsis besser versteht, habe ich euch die mir überlassenen Thesen und Fragen und meine Antworten hier bereitgestellt. Wer mag, darf natürlich auch gerne in der aktuellen Episode von Bildung-Alt-Entfernen Anjas und meinen Gedanken dazu lauschen oder auch denen von Markus Deimann und Christian Friedrich.

Übergeordnete Fragen

Welche technische Infrastruktur ist notwendig um OER in der Breite im Bildungsbereich verfügbar und nutzbar zu machen? Wie kann diese von Beginn an nachhaltig ausgestaltet werden und so Vorbildwirkung entfalten?

Teil 1

  • These: Die Etablierung von OER benötigt entsprechend der zuvorderst digitalen Natur der Materialien eine technische Infrastruktur, die die Speicherung, den Zugang und die Verteilung für die Anwendenden mit einer möglichst geringen technologischen Hürde ermöglicht. Daher soll ein flächendeckender Ausbau von angemessener technischer Infrastruktur befördert werden.
  • Frage: Ist ein zentrales Repositorium sinnvoll? Vs. Referatorium vs. Länderlösungen?

Bevor ich konkret auf die Frage eingehe, schicke ich einige Gedanken zu den angeführten Thesen vorweg.

Die Leitfrage danach, welche technische Infrastruktur notwendig sei, um OER in der Breite im Bildungsbereich verfügbar und nutzbar zu machen, kann nicht sinnvoll lediglich aus technischer Sicht beantwortet werden. Wir betrachten ein sozio-technisches System. Auf dessen Makroebene spielen sozio-kulturelle und politisch-rechtliche Aspekte meiner Ansicht nach eine weitaus gewichtigere Rolle als die Technik.

Zu den sozio-kulturellen Gesichtspunkten zählt etwa eine mangelnde Kultur des Teilens, die Deimann und Bastiaens (2010: 11) vor gut zehn Jahren als Hürde für die Verbreitung von OER an Hochschulen ausgemacht haben. Auf Grundlage persönlicher Gespräche jüngerer Zeit mit Personen auch aus verschiedenen Bildungsbereichen wage ich die Hypothese aufzustellen, die Einschätzung habe noch heute Bestand und erstrecke sich auch auf Schulen, Volkshochschulen oder die außerschulische Weiterbildung.

Beim Blick auf politisch-rechtliche Aspekte denke ich vor allem an das aus der Zeit gefallene Urheberrecht. Es hat überhaupt erst den Anstoß zum Entstehen der OER-Bewegung gegeben, die sich über formale Aus- und Weiterbildung hinaus erstreckt und nicht lediglich Schulen und Hochschulen betrifft. Auf nationaler Ebene trägt der jüngst bekannt gewordene Regierungsentwurf für die Umsetzung der EU-Urheberrechtsrichtlinie meiner Meinung nach nicht zu einer Verbesserung der Situation bei. Es steht im Gegenteil zu befürchten, dass die Vorgaben auf der Mikroebene des sozio-technischen Systems bei den Individuen die Furcht vor einem ungewollten Rechtsbruch verstärken. Dadurch würde sich die Bereitschaft zum offenen Teilen von Material eher noch verringern.

Kurzum: Der technischen Infrastruktur kommt eine bedeutsame unterstützende Funktion zu. Sie kann einen umfassenden und nachhaltigen Einsatz von OER ermöglichen. Sie allein kann aber ohne eine Beseitigung der politisch-rechtlichen und sozio-kulturellen Hürden den Einsatz von OER nicht etablieren. Technik ist selten ein gutes Mittel zum Lösen sozialer Probleme. Entsprechend wenig hilfreich sind daher vermutlich meine von den wichtigeren Einflussgrößen entkoppelten Antworten auf die vorliegenden Fragen.

Meine Antwort auf die übergeordnete Frage danach, wie die technische Infrastruktur von Beginn an nachhaltig ausgestaltet werden könne, lautet daher: Nicht durch die hier vorgesehene, von den anderen Thematiken losgelöste Betrachtung von Technik.

Eine weiteres, aus meiner Sicht bedenkliches und verkürztes Verständnis der Problematik vermute ich mit Blick auf die Wortwahl der These, dass die Etablierung von OER technische „Unterstützung bei der Speicherung, beim Zugang und bei der Verteilung“ erfordere. Diese These ist gewiss nicht falsch, aber unvollständig, wenn nicht mehr als das Verwalten digitaler Materialien darunter verstanden wird. Es fehlte in diesem Fall die Perspektive der „Open Educational Practices“ (OEP).

Hinter OEP verbirgt sich die Hoffnung, OER nicht lediglich als kostenlose Quelle von didaktisch aufbereiteten Inhalten zu begreifen, sondern über den Umgang mit denselben die bestehende Lehr-Lernpraxis zu verändern. Angestrebt ist beispielsweise eine seit langem diskutierte, aber kaum zu erkennende Abkehr von starren Lehrplänen und -zielen, die den Anforderungen des 21. Jahrhunderts nicht gerecht würden. Desweiteren sei eine verstärkte Zuwendung zu kollaborativen und diskursiven Methoden erforderlich (vgl. im Detail etwa Ehlers 2011 oder Mayrberger/Hofhues 2013).

Als Konsequenz lässt sich daraus ableiten, dass eine technische Infrastruktur für OER nicht nur mit Blick auf Speicherung, Zugang und Verteilung von Material zu gestalten wäre, sondern darüber hinaus auch Themen wie Kollaboration beim Erstellen von oder Unterstützung bei der Arbeit mit den Materialien berücksichtigt werden müssen. Im Zuge einer OER-Technik-Strategie ist eine Fokussierung auf Architekturoptionen für Repositorien daher ausdrücklich unzureichend.

Losgelöst von der oben skizzierten Problematik steht nun die Frage im Raum, ob ein zentrales Repositorium sinnvoll sei, ein Referatorium (mutmaßlich angelehnt an Dürkop 2017) oder einzelne Länderlösungen. In dieser Frage werden meiner Ansicht nach zwei unterschiedliche Ebenen auf unzulässige Weise vermischt.

Die erste Ebene beherbergt die Aspekte der Organisation bzw. der politischen und finanziellen Verantwortung und des Zugangs: zentrales Repositorium (beim Bund) oder einzelne, nur von Angehörigen der Länder zugänglichen Lösungen. Ich kann die Ursachen nicht einschätzen, die zu zahlreichen voneinander losgelösten Repositorien in verschiedenen Bundesländern geführt haben. Ich vermute verwaltungsrechtliche Rahmenbedingungen, „Bereichsdenken“ und auch das Ansinnen, wie auch immer gearteten lokalen Bedürfnissen innerhalb der Bundesländer besser gerecht werden zu können. Mit Blick auf die bereits angedeuteten Ziele von OEP ist diese Segmentierung aber vielfach Ausdruck des Gegenteils dessen, was erreicht werden soll. Zugang zu den Repositorien haben mitunter lediglich registrierte Lehrende der jeweiligen Bundesländer. Das ist kein offener Zugang, wie er in der Vision von OER angestrebt wird. Statt länderübergreifender Kollaboration und Nutzung von Synergieeffekten werden Abschottung und Ressourcenverschwendung vorgelebt. Das sind definitiv keine offenen Praktiken. Letztlich führt mit Blick auf die offene Lizenzierung von OER der an Landesgrenzen endende Zugang die Idee der Offenheit ad absurdum. Fun fact: Es werden hier technische Schranken eingeführt, um das rechtlich Erlaubte einzuschränken statt wie so oft andersherum rechtliche Schranken zu etablieren, die das technisch Mögliche begrenzen sollen.

Die zweite Ebene der Frage nach zentralem Repositorium, Referatorium oder Länderlösungen ist eine technische, und sie kann meines Erachtens zügig beantwortet werden: Eine zentrale Lösung ist in der IT oft keine gute Idee schon allein aus Gründen der IT-Sicherheit. Für Nutzer:innen ist es aus technischer Sicht zudem unerheblich, ob sie Materialien von einem Server aus Berlin, München oder vielleicht auch Oslo beziehen oder Material dort teilen – ob die von ihnen verwendete Software zur Kollaboration aus Baden-Württemberg kommt oder vielleicht aus Tokyo. Bei entsprechender Vernetzung, ggf. Replikation von Inhalten, Verwendung von Standards, die den Austausch ermöglichen und bei zusammengesetzten Werken idealerweise noch Zugriffsmöglichkeit auf die Quelldateien erlauben, sehe ich keinen Grund für eine zentrale oder lokale Lösung. Ich kann in Hinblick auf die Architektur die Idee eines Referatoriums begrüßen. Ich weise aber explizit nochmals darauf hin, dass der OER-Gedanke nicht bloß für formale Aus- und Weiterbildung von Belang ist und das Referatorium auch Quellen außerhalb von staatlichen Einrichtungen in Betracht ziehen sollte.

Teil 2

  • These: Open-Source-Technologien können dazu beitragen, dass Bildungsmaterialien unabhängig von spezifischen, proprietären Softwarelösungen sind.
  • Frage: Wie kann die Nutzung von Open-Source-Software im gesamten Erstellungsprozess von OER gefördert werden? Ist es überhaupt nötig? Um welche Art Software sollte es sich handeln?

Ich bin nicht sicher, ob der Kern dieser Fragen in den Bereich der Technik fällt. Zuvorderst scheint es sich mir um eine normative Frage zu handeln: Sollte offene Software gegenüber geschlossener Software bevorzugt werden?

Vordergründig bieten nicht-quelloffene, aber kostenfrei nutzbare Plattformen bereits genügend Möglichkeiten, um Inhalte zu finden, zu erstellen, zu bearbeiten und mit anderen zu teilen. Softwaregigant Google etwa lädt dazu ein, seine Texte mit GoogleDocs zu verfassen und anderen zur Verfügung zu stellen. Aus einer utilitaristischen Sicht liegt es nicht auf der Hand, weshalb man stattdessen zu quelloffenen Alternativen greifen sollte. Die Software funktioniert gut, bietet kaum praktische Zugangshürden und wird schon von vielen anderen genutzt. Geht es einzig um die Zweckorientierung, so ist die Parole „Offen ist, was Zugang schafft“ (Muuß-Merholz 2017) durchweg nachvollziehbar.

Der Quelltext für Google Docs ist allerdings nicht offen verfügbar. Niemand außer Google kann eine gleichwertige Instanz aufsetzen. Sollte Google irgendwann den Dienst einstellen wie bei Google Plus, Google Music, Google Reader und vielen weiteren geschehen, muss man hoffen, dass beim Exportieren in die Dateiformate anderer Programme nicht zu viele Details der Inhalte verloren gehen. Nachhaltigkeit kann auf diese Weise nicht sichergestellt werden. Dass die Daten zudem unter der Kontrolle Fremder stehen und sich Datenschutzfragen auftun, sei der Vollständigkeit halber erwähnt, aber nicht weiter ausgeführt. Dass die Überlegungen auch Software wie beispielsweise Zoom für Videokonferenzen oder Microsoft Teams als Kollaborationsplattform betrifft, sei ebenso bloß genannt.

Es bedürfte zunächst einer politischen bzw. gesellschaftlichen Entscheidung, ob utilitaristische Argumente wie „sofort verfügbar“ und „sogar kostenlos betrieben“ einen höheren Stellenwert erhalten sollen als Techniksouveränität. Dafür sollte gegebenenfalls zunächst analysiert werden, inwiefern Techniksouveränität besteht und ob man sie anstreben sollte (vgl. dazu ausführlich Edler et al. 2020).

Auf EU-Ebene scheint allerdings bereits eine Marschrichtung vorgegeben worden zu sein. Im Oktober 2020 beschwor Ursula von der Leyen in ihrer Rolle als Präsidentin der Europäischen Kommission bezüglich der europäischen IT-Infrastruktur „Europas digitale Souveränität“ (von der Leyen 2020). Daraus ließe sich zumindest ableiten, eine technische OER-Infrastruktur in Deutschland sollte unter europäischer Hoheit stehen. Ein zwingendes Votum für offene Software ergibt sich daraus jedoch nicht.

Betrachtet man weiterhin aber die von von offener Bildung und offener Software geteilten Werthaltungen, liegt die Bevorzugung offener Software nahe. Es ergäbe sich mindestens ein ästhetisch rundes Gesamtbild, und im besten Fall könnte offene Software als Vehikel von Werten innerhalb von Gemeinschaften auch dabei helfen, diese in die Bildungswelt zu tragen (vgl. Coleman/Hill 2005). Ich denke dabei vor allem an Kollaboration – auch bei der Gestaltung der Software, die nicht bloß Aufgabe von Software-Entwickler:innen ist bzw. sein sollte.

Sei Open-Source-Software also gesetzt. Wie ihre Nutzung im Erstellungsprozess von OER für welche Art von Software gefördert werden könnte, hängt stark vom Erstellungsprozess ab – bzw. von den Erstellungsprozessen, denn es gibt nicht den einen. Trotz einiger Überschneidungen unterscheiden sich etwa das Vorgehen und die Anforderungen beim Erstellen eines Arbeitsblattes für den Einsatz im schulischen Klassenraum erheblich von denen der Erstellung eines Onlinekurses im Web, der der beruflichen Weiterbildung dienen soll. Ich sehe mich nicht imstande, die Frage ohne Präzisierung des Erstellungsprozesses zu beantworten. Es scheint mir aber so, als liefere Müller (2019) in seiner Betrachtung von Chancen und Herausforderungen staatlich finanzierter, frei verfügbarer Bildungsmaterialien am Beispiel der Plattform ndla.no in Norwegen einige Teilantworten, die der Diskussion nützlich sein könnten.

Teil 3

  • These: Die Etablierung von OER benötigt einen globalen bzw. mindestens nationalen, einheitlichen Metadatenstandard, um Interoperabilität und Medienformattransferierung zu gewährleisten. Gleichzeitig wird eine einfach zu bedienende, quelloffene Technologie zur Erstellung, Bearbeitung und Vernetzung von OER benötigt.
  • Frage: Wie kann eine Standardisierung im föderalen Bildungssystem Deutschlands technisch und politisch gelingen?

Ich bin auf dem Feld der Metadaten nicht sonderlich bewandert und glaube nicht, dass ich die Frage beantworten kann. Ich kann lediglich die Gedanken teilen, die mir diesbezüglich durch den Kopf gehen.

Ich kann nicht überblicken, welche Rolle Metadaten für OER spielen. Sie scheinen relevant zu sein, um „OER auszutauschen, zu finden, zu beschaffen und sie auf einer breiten Basis zugänglich zu machen“ (vgl. Ziedord/Derr/Neumann 2013). Eine Unterstützung bei diesen Prozessen ist wünschenswert. Dass beispielsweise Treffer in Suchmaschinen durch Rückgriff auf Metadaten wie Namen von Verfasser:innen oder Fachzuordnungen verbessert werden können, halte ich für unbestritten. Ich bin mir allerdings nicht sicher, wie stark heutige Suchmaschinen tatsächlich davon abhängig sind und ob sie nicht auch ohne besondere Berücksichtigung von Metadaten bereits ausreichend gute Ergebnisse liefern könnten.

Die These, zu der ich Stellung nehme, spricht allerdings ausdrücklich von Metadaten als Notwendigkeit zur „Etablierung“ von OER. Das einzige schlüssige Argument, das mir diesbezüglich in den Sinn kommt, ist die klare Angabe von Urheberrechtsinformationen – um ungewollte Urheberrechtsverletzungen bei der Weiterverwendung von Inhalten vermeiden zu können. Wie bereits länglich ausgeführt, ließe sich diese Furcht und damit ein Hemmnis für die Verwendung von OER auch an der juristischen Wurzel des Urheberrechts packen statt über Technik Symptome bekämpfen zu wollen.

Comic. Panel 1: There are 14 competing standards. Panel 2: 14? Ridiculous! We need to develop one that covers everyone's use cases. Panel 3: There are 15 competing standards.

Comic „Standards“ von „xkcd“ unter der Lizenz CC BY-NC 2.5

Lasse ich diese Bedenken außer acht und folge der These der Notwendigkeit eines Metadatenstandards, hielte ich es für den falschen Weg, einen neuen Standard kreieren zu wollen (vgl. xkcd o. J.). Bei der Auswahl existierender Standards, scheint mir die Expertise von Bibliothekspersonal bedeutsamer zu sein als die von Techniker:innen. Der Zweck sollte im Vordergrund stehen, nicht möglichst einfache technische Umsetzbarkeit.
Wie diese Standardisierung technisch gelingen kann, lässt sich wohl erst sagen, wenn die gewünschten Metadatenstandards bekannt sind.

Quellen