Schlagwort-Archiv: Offene Wissenschaft

Der Reiz der Erkenntnis wäre gering, wenn nicht auf dem Wege zu ihr so viel Scham zu überwinden wäre.

Auf meiner Wikiversity-Seite lagert noch immer ein Artikel, den Christian Spannagel und ich ursprünglich für eine Konferenz im Sommer geplant hatten. Christian musste aus Zeitgründen schließlich absagen, ich schrieb und schrieb und schrieb. Der Beitrag war zur Konferenz weder fertig noch passend, denn er hatte inzwischen mehr als den doppelten Umfang erreicht, der erlaubt war. Tja, und ich mochte nicht so viel kürzen.

Nach und nach habe ich am Text gearbeitet und fand, er sei schließlich fertig: tada! Ich suchte nach einer Zeitschrift, für die er vielleicht interessant sein könnte und stieß auf das Journal of Research Practice. Der Kontakt mit dem zuständigen Redakteur war sehr unkompliziert. Es gab zwar kein „richtiges“ Review, aber der Text wurde vorab kurz begutachtet – und abgelehnt. Lest selbst:

1. Topic: Interesting, timely, highly relevant for JRP.

2. Content: The article mentions several recently used terms (citizen science, open science 2.0, etc.). There is a need to clarify these terms/concepts and develop a somewhat systematic account of how they relate to each other, their merits and difficulties, and the way they may change conventional notions and practices of research. There needs to be more systematic critical discussion.

3. Organization: Needs a more systematic argument. Suggestion for a more rigorous organization: (1) The meaning and origin of Open Science 2.0, (2) Current state and development, (3) Methodological core concepts of Open Science 2.0: aims, merits, and difficulties, and (4) Where do we go from here? Critical discussion and outlook.

4. Writing: Needs to follow a more disciplined and rigorous approach. The basic message comes through quickly, but the ideas do not appear to develop much further; also our attention as readers begins to waver. The message keeps being repeated in different terms and with various excursions into rather unspecific/remotely relevant territory. Clearly, there is a chance of condensing it into a much shorter article.

Overall: The topic has a lot of potential, but the article lacks rigorous organization. However, we honour the author’s intention in offering this as a working paper–quite in the spirit of „open science.“ To develop a publishable version, the author needs to move from description to argumentation. In its current state, the article is not ready for publication in JRP, although it has a potential for development.

Da ich den Text eigentlich gut finde, zweifele ich durchaus an mir selbst. Er holt zwar an einigen Stellen etwas weit aus und spricht einige Dinge mehrfach an, aber er sollte auch von möglichst vielen verstanden werden. Vielleicht bin ich aber doch über das Ziel hinaus geschossen; schließlich findet sich in der Rückmeldung der Vermerk, dass der Artikel gehörig zusammengedampft werden könnte, was ich ja nicht wollte. Ich werde mir überlegen müssen, ob ich den Text entsprechend überarbeiten werde oder ihn einfach so im Netz stehen lasse.

Start me up!

Wissenschaftliche Projekte kosten Geld. Mal mehr, mal weniger. Während beispielsweise ein theoretischer Mathematiker oft nur seinen Kopf und freien Zugang zu Kaffee benötigt, können in anderen Bereichen Millionenbeträge fällig werden. Das Kernforschungszentrum CERN etwa verfügte 2010 über rund 850 Mio. Euro – und vermutlich reichte selbst diese Summe kaum.

Neben dem regulären Etat, den eine wissenschaftliche Einrichtung zugewiesen bekommt, können Drittmittel eingeworben werden. Als Geldgeber können etwa Unternehmen in Frage kommen, aber auch Stiftungen oder öffentliche Träger wie beispielsweise das Bundesministerium für Bildung und Forschung. In der Regel müssen dafür umfangreiche Anträge geschrieben werden, in denen die angedachten Projekte haarklein skizziert werden. Hat dieses Unterfangen Erfolg, wird Geld bereitgestellt.

Das klingt erst einmal erfreulich, kann aber auch ganz und gar unerfreuliche Pferdefüße nach sich ziehen. Es ist bei öffentlich geförderten Projekten nämlich so, dass größere Summen nicht einfach das Konto wechseln, sondern nach und nach angefordert werden müssen. Dafür müssen dann wieder Pläne erstellt werden, Geld wird hin- und hergebucht – und im schlimmsten Fall sogar mit Zinsen zurückgezahlt, wenn man sich einmal verkalkuliert hat. Oben drauf kommen mitunter bürokratische Vorgaben, wie gearbeitet werden muss. Dazu vielleicht sogar noch Vorschriften, wo mit welchen Millimeterabständen Logos auf geförderte Schriften zu platzieren sind…

Spendenhut

Geldspenden gesucht

Spannend finde ich es daher, dass vor wenigen Wochen in Deutschland die Plattform Science Starter ihre Pforten geöffnet hat. Sie funktioniert nach dem Prinzip des Crowdfunding. Wissenschaftler können dort für eine gewisse Zeit ihre Projekte vorstellen und die Geldsumme nennen, die sie benötigen. Jeder Interessierte kann Beträge zur Verfügung stellen, kleine wie große, und erhält je nach Höhe sogar ein wie auch immer geartetes Dankeschön. Und sollte die benötigte Geldsumme nach Ablauf einer bestimmten Frist nicht erreicht werden, wird das eingesetzte Kapital übrigens zurücküberwiesen.

In der Privatwirtschaft funktioniert dieses Prinzip teilweise ganz ausgezeichnet. Gerade dann, wenn man eine gewisse Popularität bereits mitbringt, können sehr große Beträge eingeworben werden. Tim Schafer, in Computerspielekreisen bekannt für legendäre Titel wie The Secret of Monkey Island oder Day of the Tentacle, sammelte schlappe drei Millionen Dollar für ein Spieleprojekt ein – obwohl er „nur“ 400.000 Dollar als Wunsch angegeben hatte.

Ob es vergleichbare Erfolge auch in der Wissenschaftswelt geben wird, darauf bin ich sehr gespannt. Untersucht wird dieses Phänomen beispielsweise vom Institut für Kommunikation in sozialen Medien. Dort erhält man auch gleich praktische Tipps für eigene Projekte:

Ein Crowdfunding-Projekt sollte authentisch sein: es muss erkennbar sein, wer hinter dem Projekt steht. Man sollte erstmal mit einem kleinen Budget anfangen, um sich eine Community aufzubauen.

Speziell den letzten Punkt finde ich wichtig! Im Gegensatz zu Drittmitteln von öffentlichen Einrichtungen erhält man keine strikten Vorgaben, die es einzuhalten gilt, aber natürlich sollte man seine Geldgeber nicht als Melkkühe betrachten! Wer einfach nur die Hand aufhält, dem dürfte wenig gelingen. Wissenschaftler müssen raus aus dem Elfenbeinturm und sich und ihre Forschung öffnen! Es geht, wie so oft im Social Web, um den Aufbau und die Pflege von echten Beziehungen.

Werfen wir abschließend noch einen kurzen Blick auf die Projekte bei Science Starter. Tatsächlich stammen drei der bisher acht Vorhaben aus Braunschweig, und das nehme ich einfach als Auswahlkriterium.

Mit One World One Lab möchte Christian Stern vor Ort dokumentieren, wie unterschiedlich die Arbeit von Wissenschaftlern weltweit aussehen kann. Die dabei entstehenden Videos werden frei zugänglich bei YouTube zu finden sein. Bei UUmed geht es darum, einen drahtlosen medizinischen Sensorknoten zu entwickeln (Open Source!). Dadurch soll es einfacher und kostengünstiger werden, die Entwicklung und den Einsatz von medizinischen Geräten zu erforschen, die den Alltag speziell von älteren Menschen verbessern können. Und schließlich gibt es home – Social Media für alle. Es soll daran gearbeitet werden, auch behinderten Menschen einen sicheren Zugang zu Social Media zu ermöglichen, der aktuell recht problematisch sein kann.

Schaut doch einfach mal bei Science Starter vorbei!

Wolken am Wissenschaftshimmel

Ich habe ja schon öfter über die weniger glamourösen Aspekte berichtet, die in der Wissenschaftswelt immer wieder vorkommen und die manch einer vielleicht lieber unter dem Mantel des Schweigens verbirgt. Da gab es beispielsweise abgelehnte Beiträge, schlechte Vorträge oder einfach gefühlte Rückschläge in der Forschung. Es herrscht nicht immer Sonnenschein. Heute kommt ein weiteres Kapitel hinzu.

Christian Spannagel und ich haben einen Beitragsvorschlag für die International Conference on Science and the Internet 2012 (#cosci12) eingereicht, der auch angenommen wurde. Wir hatten dann gut und gerne vier Monate Zeit, um den Beitrag zu verfassen. Was haben wir gemacht? Erst einmal gar nichts. Prokrastination vom Feinsten. Etwa vier Wochen vor Abgabeschluss ging es dann erst los. Kurz darauf musste Christian dann leider schon wieder aussteigen, weil er wegen anderer Aufgaben schlicht und ergreifend keine Zeit mehr für den Artikel abzweigen konnte. Ich fand das überhaupt nicht schlimm, denn ich weiß selbst, wie ich mich zeitlich ab und an verplane. Das hieß allerdings, ich würde einen ganz schönen Zahn zulegen müssen, um die Zeitvorgabe einhalten zu können. Dass ich fast zeitgleich eine neue Stelle angetreten hatte und wir Englisch als Sprache für den Text gewählt hatten, machte die Sache nicht gerade einfacher. Der Bearbeitungsverlauf lässt sich in der Versionshistorie der zugehörigen Wiki-Seite verfolgen.

Immerhin, ich kam voran. Kurz vor Abgabeschluss machte ich die Veranstalter der Konferenz allerdings darauf aufmerksam, dass ich den Termin nicht einhalten können würde. Nach einer weiteren Woche ergab sich dann ein ganz anderes Problem: Der Text war inzwischen zu lang. Für die Einreichungen gab es eine Begrenzung auf etwa 3.000 Worte, meine Ausarbeitung hatte bereits mehr als doppelt so viele, und diverse Stichpunkte wollten noch abgearbeitet werden. Mehr als zwölf Seiten wurden aber auch auf Anfrage nicht zugelassen. Das ist vollkommen verständlich, wenn man weiß, dass typischerweise mit Verlagen vorab ein Gesamtseitenumfang für einen Sammelband ausgehandelt wird. Aus Kostengründen kann man da nicht einfach ein paar Seiten mehr einreichen. Bliebe die Frage, weshalb man nicht schlicht die Beiträge online etwa als PDF-Dokumente zur Verfügung stellt und eine Print-On-Demand-Version für diejenigen anbietet, die gerne einen gedruckten Sammelband wünschen.

Mein ursprünglicher Gedanke, einfach eine kürzere Fassung für den Druck zu erstellen und darin auf die frei zugängliche Langfassung im Internet zu verweisen, schien mir inzwischen nicht mehr praktikabel. Ich hatte damit gerechnet, am Ende vielleicht ein oder zwei Seiten über dem Limit zu liegen, aber das erwies sich ganz offensichtlich als Irrtum. Das Thema, das Christian und ich behandeln wollten, ließ sich offenbar nicht im gewünschten Umfang unterbringen – zumindest für mich nicht zufriedenstellend. Auf einige Passagen hätte ich sicher verzichten können, aber über die Hälfte des Inhalts zu streichen, wäre mir wie eine Kastration vorgekommen, wie eine least publishable unit. Damit wird eigentlich das Aufteilen eines großen Beitrags in gerade noch publizierbare Häppchen bezeichnet, um sie in in möglichst vielen verschiedenen Zeitschriften oder Büchern veröffentlichen zu können und so die eigene Liste der Veröffentlichungen anschwellen zu lassen. Die gilt in der Wissenschaft nämlich mitunter als Maß des Erfolgs.

Da ich an dieser Praktik kein Interesse habe, sagte ich die Teilnahme an der Konferenz zunächst ab. Ich konnte bzw. wollte keine Zwölf-Seiten-Kurzfassung liefern, was ich natürlich keinesfalls den Veranstaltern anlasten kann. Es gab die Vorgaben, ich wusste davon. Meinem Mangel an diplomatischem Geschick ist es aber wohl zu verdanken, dass das ganz anders ankam. Es scheint so, als habe ich rübergebracht, Print sei grundsätzlich überflüssig und Konferenzen sowieso Unsinn. Zur Antwort bekam ich, gerade Kritiker außerhalb des Netzes müsse man ja über andere Wege erreichen, da sie im Web nicht zu finden seien. Und das stimmt! Aus dem Grund hatte ich auch zugesagt, als man mir anbot, einen Vortrag auch ohne einen Artikel nach Vorgabe zu halten. Das wird am kommenden Donnerstag sein.

Was bleibt, sind meine Zweifel, was das bringen wird. Auch diese Zweifel beziehen sich nicht speziell auf die #cosci12, sondern ganz allgemein auf das Format, das bei Konferenzen häufig anzutreffen ist: 20 Minuten Frontalvortrag, 10 Minuten Diskussion, nächster bitte. Ohne die konkreten Inhalte zu kennen, soll ich dem Redner zuhören, gleichzeitig die Inhalte durchdenken, direkt im Anschluss offene Fragen klären und schließlich in der verbleibenden Zeit auch noch diskutieren? Selbst von einem „Verfechter klassischer Wissenschaft“ vernahm ich vor einiger Zeit die Frage, was man denn von solchen Konferenzen mitnimmt, was nicht sowieso im Artikel nachzulesen ist. Die gegebene Zeit dort reiche seiner Wahrnehmung nach jedenfalls nicht aus, um die Inhalte zu durchdringen und sich dann angemessen dazu austauschen zu können. Wir werden sehen…

Der besagte Artikel ist übrigens immer noch nicht fertig, aber es steht nun fast eine komplette Rohfassung, der dann noch der Überarbeitung bedarf.