Ist die Bildung noch zu retten?

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Diese Frage stellt sich Josef Kraus in seinem gleichnamigen Buch, das ich gerade gelesen habe. Der Leiter eines Gymnasiums in Bayern fordert eine Befreiung der Bildung vom reinen Nutzdenken; klingt doch gut. Was ich insgesamt an der Streitschrift auszusetzen habe, ist der Fokus auf Strukturen und Inhalte, nicht aber auf das, was in den Klassen und zu Hause geschieht: das Miteinander zwischen Schülern, Lehrern und Eltern. Aber das mag schlicht eine Macke von mir sein, mir kommt dieser Aspekt einfach häufig zu kurz.

Bei diversen Argumenten konnte ich Herrn Kraus jedenfalls zustimmen, etwa bei seinem Plädoyer gegen Denglisch (ab S. 113) oder für mehr Toleranz von Mehrdeutigkeiten (S. 18), man könnte es auch den Umgang mit Unsicherheit nennen. An einigen Stellen stutzte ich allerdings, würde zumindest intuitiv widersprechen wollen und hätte daher einige Fragen. Vielleicht hat jemand von euch gute Antworten? Ich werde an dieser Stelle nicht alles diskutieren – dann würde der Beitrag noch länger werden, als er ohnehin schon ist – aber die drängendsten Punkte von meiner Seite reiße ich einfach mal ganz kurz an.

  • Die effektivste Lehrform in Bezug auf Leistung sei die direkte Instruktion, so Kraus. Er beruft sich dabei auf zwei Publikationen von Franz Weinert aus dem Jahre 1996, die von ihren Titel her inhaltlich aber dasselbe zu beinhalten scheinen. Leider habe ich auf die Beiträge noch keinen Zugriff, aber unabhängig davon frage ich mich: Selbst wenn das stimmt, sollte Leistungsfähigkeit (wie auch immer Herr Kraus das definiert) das einzige Kriterium sein, um die Effektivität von Lehre zu messen? Widerspricht er sich damit nicht selbst, wenn er an anderer Stelle fordert, man dürfe nicht nur auf das schauen, was hinten herauskommt?
  • Im Bereich der Hirnforschung beschäftigt man sich seit einiger Zeit auch mit dem Thema Lernen. Herr Kraus findet das offenbar ziemlich überflüssig (S. 69-74). Zum einen kritisiert er, konkrete Aussagen für das Lehren ließen sich daraus nicht ziehen und Neurodidaktik oder Neuropädagogik seien reine Marketingbegriffe – das lässt sich sogar nachvollziehen. Er moniert aber auch, die Ergebnisse seien Allerweltsweisheiten und bestätigten allenfalls das, was Pädagogen sowieso schon wüssten. Frage an Herrn Kraus: Hätte Isaac Newton sich überhaupt die Mühe machen sollen zu ergründen, wie es sein kann, dass Dinge auf die Erde fallen? Dass sie das machen, ist ja trivial und weiß jeder. Heute nennen wir den Grund einfach Gravitation. Sollten viele Physiker heute also ihre Bemühungen aufgeben zu erklären, wie Gravitation im Detail funktioniert? Ist die Frage nach diesem Wie überflüssig??? Oder anders: Die vollständige Bestätigung einer Theorie ist nie möglich. Sollte man gerade bei einem auch für Herrn Kraus so wichtigen Thema auf neue Herangehensweisen und Untersuchungen verzichten, die unabhängige Vergleiche zwischen Beobachtungen und damit neue Erkenntnisse liefern können?
  • Zum Thema Nervenzellen schreibt Herr Kraus: “Denn ein einzelnes konkretes Individuum hat rund 120 Milliarden Nervenzellen, jede von diesen Nervenzellen interagiert mit bis zu 15 000 anderen Nervenzellen. Die Gesamtzahl der Verbindungen liegt bei rund 1 000 000 000 000 000 (1 Billiarde; eine 1 mit 15 Nullen). Insgesamt übertrifft diese Zahl die Anzahl der Atome im gesamten Universum.” (S. 70). Nicht nur, dass mir 10^{15} ein wenig sehr klein vorkam – und tatsächlich schätzt man die Anzahl der Atome im Universum wohl eher auf rund 10^{80} – was ist denn das für eine Logik? Die Verbindungen zwischen Nervenzellen bestehen auch aus Atomen, wie sollte deren Zahl dann größer sein als die Zahl der Atome im Universum insgesamt? Hakt es bei mir irgendwo oder bei Herrn Kraus mit dem Abschätzen eines Problems?
  • Herr Kraus hebt die Bedeutung der Unterrichtsfächer Geschichte und Religion (damit meint er das Christentum) hervor, da sie einer Person helfen könnten, die Welt und sich selbst zu verstehen (S. 93-112). Grundsätzlich sicher nicht falsch. Wenn also viel mehr Geschichte unterrichtet werden müsste, wo ist das unterzubringen? Und wie sieht es erst in 50 Jahren aus, wenn es noch mehr Geschichte zu lernen gibt? Wieso hat christliche Religion eine Sonderstellung? Ja, Deutschland ist natürlich geprägt davon, aber müsste man nicht ebenso viel über andere Religionen lernen, die anderen Kulturkreisen ihren Stempel aufgedrückt haben und deren Verständnis in einer immer kleiner werdenden Welt wichtiger werden? Könnte man das nicht tatsächlich in einem neutralen Fach zusammenfassen? Und nein, Gottlosigkeit kappt in meinen Augen keine Wurzeln zur Moral in der Rechtsordnung. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte kommt auch prima ohne religiöse Bekundungen aus.
  • Laut Herrn Kraus laufe bilingualer Unterricht auf eine zweifache Halbbildung hinaus (S. 113). Ich hatte von Klasse 7 bis 11 Erdkunde und Geschichte teilweise in Englisch, und ich wage zu behaupten, mit meinem Englisch muss ich mich wahrlich nicht vor anderen verstecken, welche die reine Lehre erfahren haben. Und in Erdkunde und Geschichte bin ich immerhin nicht ganz zurückgeblieben, glaube ich.
  • Herr Kraus schreibt: “An 50 von 2500 Gymnasien in Deutschland gibt es eigene Klassen für Hochbegabte. Unumstritten sind diese Klassen nicht, denn ob in sich geschlossene Gruppen der Entwicklung von Minderjährigen guttun, ist fraglich. Immerhin haben Schüler solcher Klassen wie in einer Art Laborraum kaum noch mit ‘Normal’-Schülern und deren Anliegen zu tun.” (S. 134) Herr Kraus spricht sich gleichzeitig aber drastisch gegen Gesamtschulen und für eine frühzeitige Trennung auf Hauptschule, Realschule und Gymnasium aus (S. 52-59). Ich bin keinesfalls für Gleichmacherei, kein vehementer Verfechter der Gesamtschule (sondern von Vielfalt), aber widerspricht sich Herr Kraus mit seinen Aussagen nicht selbst?
  • Mit seinen Ausführungen zu Europa gleitet Herr Kraus meiner Meinung nach vom Thema Bildung ganz schön ab (an vielen anderen Stellen aber auch). Er schreibt: “Europa muss also endlich wieder ein vitales Interesse an seiner Selbstverteidigung haben. Freilich wird diese nur gelingen im Verein mit den USA.” (S. 114). Ich erlaube mir vor dem Hintergrund eines völkerrechtswidrigen Krieges gegen den Irak oder der Missachtung der staatlichen Souveränität von Pakistan durch militärische Intervention eine ebenso abseitige Frage danach, warum solch ein Staat der Verbündete schlechthin sein sollte?
  • Durfte ja auch nicht fehlen: Böse Rockmusik und Egoshooter sind für den Niedergang mitverantwortlich (S. 200)… Keine Gegenbeweise, aber unterhaltsam und interessant: Von den bösen Auswirkungen den Heavy Metals und Gewalt durch Computerspiele? Wissenschaftler sagen jein.

Soweit zu den drängendsten Punkten von meiner Seite. Zum Abschluss würde ich aber eines noch gerne festhalten, da es diesbezüglich schon zu Missverständnissen gekommen zu sein scheint: An verschiedenen Stellen benutzt Herr Kraus die Begriffe Spaß-, Gefälligkeits- und Erleichterungspädagogik. An einer Stelle ergänzt er, Lernende hätten eine Holschuld (S. 44). Ich stimme zu: Lernen ist auch mal anstrengend und bedarf der Eigenverantwortung. Herr Kraus schreibt aber nicht, dass Lehrende von der Pflicht entbunden wären, ihr eigenes Wissen didaktisch aufzubereiten oder bei der Darbietung möglichst individuell auf die Lernenden einzugehen. Ebenso spricht er Lehrende nicht von Verantwortung für das Fortkommen ihrer Schützlinge frei. Und dass Lernen nie Spaß machen dürfte oder nur gut sei, wenn es keinen Spaß mache, schreibt er auch nicht.

Tiger-Mom! Oder doch nur ein armer schwarzer Kater?

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Einige Monate bin ich zwar der Debatte hinterher, aber nun habe ich Die Mutter des Erfolgs (Originaltitel: Battle Hymn of the Tiger Mother) von Amy Chua gelesen – getreu dem Ausspruch

Unter die größten Entdeckungen, auf die der menschliche Verstand in den neuesten Zeiten gefallen ist, gehört meiner Meinung nach wohl die Kunst Bücher zu beurteilen, ohne sie gelesen zu haben.

von Georg Christoph Lichtenberg aus dem 18. Jahrhundert. Worum geht es dabei?

Amy Chua ist die Tochter chinesischer Einwanderer in den USA und wurde sehr streng und leistungsorientiert erzogen. Es galt stets die Beste zu sein, andernfalls waren ihre Eltern nicht zufrieden und forderten mehr. Sie nutzte denselben autoritären Erziehungsstil bei ihren beiden Töchtern Sophia und Louisa. Beide wurden unter Strafandrohungen und manchmal auch folternahen Methoden (Verbot des Trinkens) zum Musizieren gezwungen und hart gedrillt, der gesamte Alltag danach ausgerichtet, haarklein vorgeschrieben, wie der Übungsablauf auszusehen habe. Bei Freundinnen übernachten, Computerspielen oder im Schultheater mitspielen? Waren nicht drin.

All das beruht auf verschiedenen Prämissen: Der Gedanke “wer nicht das mache, was die Eltern (oder höher Gestellte) sagen, renne unweigerlich ins Verderben” entstammt vermutlich der kulturellen Prägung des Konfuzianismus. Die Aussage, Kinder hätten grundsätzlich keine Lust, sich anzustrengen, erinnert an die Menschenbildtheorie X nach Douglas McGregor. Woher der Gedanke “Spaß macht gar nichts, solange man nicht gut darin ist” (S. 35) stammt, wüsste ich nicht (und könnte es auch anhand vieler Beispiele widerlegen), aber er beleuchtet den Hintergrund. Nun kann man davon halten, was man will, das Vorgehen von Frau Chua scheint jedenfalls ausgehend davon konsistent zu sein und keinesfalls ein Beleg dafür, dass sie ihre Kinder nicht liebt! Sie will das aus ihrer eigenen Sicht Beste für sie – und bei sehr kulturell geprägten Themen bin ich eher zurückhaltend, wenn ich darin keine tieferen Einblicke habe.

Einen gewissen Erfolg kann man der Methode ja auch nicht absprechen: Beide Kinder sind überaus begabte Musikerinnen. Auch werden die exzellenten Schulnoten angeführt und als Beispiel das hervorragende Abschneiden in Multiplikationsgeschwindigkeitstest genannt. Wenn man sich das anschaut, stellt man allerdings fest: Reproduktion und fest vorgegebenen Abläufe. Auf sehr hohem Niveau zwar, aber irgendwie schimmert da der Mensch als Automat durch. Sie selbst sagt von sich: “Auch war ich keine, die von Natur aus skeptisch ist und hinterfragt; ich wollte einfach alles mitschreiben, was der Professor sagte, und auswendig lernen.” (S. 38).

Erlebt habe ich das schon selbst: Sieht man von einem denkbaren Sprachproblem ab, können Studierende mit asiatischem Hintergrund oft phänomenal die Stichpunkte der Vorlesungsfolien meines Chefs in den Klausuren runterbeten, allerdings scheitern sie dennoch häufig an Anwendungs- oder Transferaufgaben. Gerade vor kurzem erst hatte ich ein Gespräch mit einem Studenten asiatischer Herkunft. Seine Eltern hätten ihm immer Ziele vorgegeben, er kommt nun aber gar nicht mit der Freiheit klar, dass er selbst Ziele setzen darf und soll. Selbst eine Fragestellung für eine Abschlussarbeit zu entwickeln und zu formulieren, der er dann nachgehen kann, fiele ihm schwer.

TIGR MOM TOLD ME 2 LERN

TIGR MOM TOLD ME 2 LERN

Was in Bezug zu dieser Problematik in der Berichterstattung häufig vernachlässigt wurde, sind die Zweifel, die Frau Chua selbst kamen und letztlich der Beweggrund für das Schreiben des Buches waren. Sie geht zwar nicht im Detail darauf ein, berichtet aber, wie ein Geigenlehrer mit einer sanften Methode erfolgreicher war als sie selbst – bei gleichen inhaltlichen Vorgaben. Als sie ihr Mathestudium abbrach, war sie selbst froh, dass ihre Eltern sie nicht quälten, sondern eine Überforderung attestierten. Der eigentliche Punkt, um den sich das Buch dreht, sind aber die Probleme mit Tochter Louisa. Zwar wurde sie eine sehr gute Violinistin, aber sie fühlte sich unverstanden und rebellierte mit der Zeit immer stärker gegen die Erziehungsmethode von Frau Chua. Als diese ihre Mutter um Rat ersuchte, erhielt sie für sie unverständlicherweise die Antwort: “Die Zeiten haben sich geändert. Und Lulu ist nicht du.” (S. 186). Davon unbeeindruckt blieb sie stur, gab jedoch zu: “In chinesischen Familien ist dieses Problem nicht vorgesehen, und ich hatte keine Lösung.” (S. 190)

Erst als es zu einem großen Knall kam, gab sie nach. Louisa wurde nicht weiter zum Geigespiel gezwungen und durfte stattdessen Tennis spielen, wie sie es sich gewünscht hat. Trotz fehlenden Drills durch fremde Personen hat sie sich wohl zum Erstaunen von Frau Chua zu einer passablen Tennisspielerin entwickelt, die sich selbst motiviert. Sie ist offenbar nicht weltklasse, aber hat trotzdem Spaß.

Was ich mit den Ausführungen nicht sagen will ist “Siehst’e, hat sie alles falsch gemacht” – das glaube ich nämlich nicht. Beim Tennislernen schien ihre Tochter die Lehrer etwa durch hohe Selbstdisziplin zu beeindrucken. Und Frau Chua hat sich vor allem sprichwörtlich den Arsch aufgerissen. Sie hat nicht nur viel gefordert, sondern auch extrem gefördert! Sie hat nicht einfach übermäßig hohe Ziele gesetzt und dann gesagt: “Sieh zu, wie du sie erreichst. Ich habe damit nichts zu tun, das ist deine Aufgabe.” Sie hat sich ebenso dafür verantwortlich gefühlt und sich reingehängt – allerdings wohl etwas zu sehr. Und das hatte unerwartete Konsequenzen, die sie selbst nicht ganz einsortieren konnte.

Kurzum: Das Buch lässt sich zwar oberflächlich auch als uneingeschränkter Appell für eine “chinesische” Erziehung lesen, aber auf mich macht es eher den Eindruck, als sei sie trotz anders lautender Bekundungen nicht (mehr) so ganz davon überzeugt. Therapeutisches Schreiben umschreibt es daher vielleicht eher.

Herzblut für die Lehre

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Den heutigen Tag habe ich mir wieder einmal frei genommen, um eine Fortbildung zu besuchen: Motivation für Lehren und Lernen. Es war wirklich spannend, die Lernbiografie der anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer kennenzulernen, etwas über ihre Motivation zu erfahren und das mit der eigenen abzugleichen. So waren einige etwa sehr zielstrebig und organisiert (“Ich will dieses und jenes erreichen, dafür mache ich jetzt das und dann das.”) und andere eher explorativ: “Das könnte interessant sein, das macht mir Spaß, das mache ich jetzt erst einmal.” Was die Lehre anbelangt, wurde als Motivation mehrfach genannt, dass es sich um eine edle Aufgabe handele, die Freude bereite und zur eigenen Weiterentwicklung beitrage.

Zum Thema passte zudem eine Dokumentation, die gestern auf Phoenix wiederholt wurde und auch online zu haben ist: Immer mit Herzblut – Lehrer – Mehr als ein Job. Ein Berufsanfänger an einem Hamburger Gymnasium wurde ein Jahr lang begleitet, und er berichtet von seinen Erfahrungen: Sein Studium hätte ihn kaum auf das vorbereitet, was ihn tatsächlich erwartet hat. Aber er ist engagiert bei der Sache.
Eine ganze Ecke schwieriger scheint es an einer berufsbildenden Schule in Hildesheim zu sein, wo eine Lehrerin sich seit 30 Jahren für die Schülerinnen und Schüler ins Zeug legt, damit sie ihren Abschluss bekommen – nicht immer ohne Frust, aber stets motiviert. Kämpferisch. Mit Herzblut. Das hat mich wirklich bewegt.

Die Touristenmetapher – ein Versuch

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Bei einer frühstückstischphilosophischen Diskussionen zwischen @adahlma und mir kamen wir auf die Idee der Touristenmetapher, mit der man einen Lernprozess über einen längeren Zeitraum veranschaulichen kann.

Als Tourist kommt man in eine fremde Stadt mit zahlreichen Attraktionen, wie in Berlin vielleicht das Brandenburger Tor oder der Gendarmenmarkt. Die erkundet man vielleicht auf einer Busrundfahrt, bei der ein Fremdenführer ein paar Sätze über diese oder jene Station verliert und mit ein paar spannenden oder witzigen Anekdoten anreichert. Das entspräche in etwa dem Prinzip Vorlesung, bei der man einen Überblick über ein Gebiet erhält. An einigen Sehenswürdigkeiten könnte man einen Halt einlegen und sie genauer betrachten, eine Führung mitmachen und Details erfahren. Das entspräche dann vielleicht einem Seminar.

Der Knackpunkt ist dabei, und das haben wir beide festfestellt, dass man erst nach einem längeren Zeitraum auch selbständig von einer Attraktion zur anderen findet; es dauert eine ganze Weile, bis man Zusammenhänge tatsächlich begreift. Dafür muss man sich schlicht eine Weile in einer Stadt aufhalten. Genau diese Erfahrung habe ich selbst gemacht, als ich in Berlin wohnte: Plötztlich ging mir auf, wie man vom Brandenburger Tor zum Gendarmenmarkt kommt. Andere Orte, an denen ich zuvor schon gewesen war, erkannte ich wieder und konnte sie einsortieren. In meinem Kopf entstand so etwas wie ein Stadtplan, auf dem weiße Flecken nach und nach durch Einträge ersetzt wurden. Genauso hat es in höheren Semestern erst Klick gemacht zu einigen Dingen, die in Einführungsveranstaltungen dran waren.

Wenn man also nur auf Bustouren setzt, kommt man sicher auch irgendwann von A nach B, allerdings nur über die großen Straßen. Warum sich nicht einfach einen Stadtplan schnappen und auf eigene Faust Schleichwege erkunden, auf denen man dann sicher die eine oder andere Sache entdeckt, die auch ganz spannend ist? Dann kennt man darüber hinaus auch Alternativrouten zum Ziel, falls eine wegen einer Baustelle gesperrt sein sollte und man sonst nicht weiterkommt.

Was sagt uns das? Tourist sein allein genügt nicht, um sich wirklich gut in einer Stadt zurecht zu finden. Das können Einheimische besser. Andererseits, auch das haben wir festgestellt, wissen Touristen oft viel mehr über die Sehenswürdigkeiten einer Stadt als deren Bewohner selbst. Experten auf der einen Seite, Generalisten auf der anderen.

Was sagt uns das noch? Bustouren und Führungen sind ganz nett, man lernt auch etwas dabei. Wenn man aber irgendwo in der Stadt ausgesetzt wird und nun allein den Weg zum Hotel finden soll, wird es sicher schwierig. Das Problem stand so nicht im Reiseführer, Lehrplan oder Skript. Da wäre es hilfreich, sich nicht nur auf das angebotene Wissen zu verlassen und das drauf zu haben, sondern eigene Erkundungen zu machen. Dazu könnte man natürlich auch elektronische Hilfsmittel benutzen, Google Maps etwa oder die Wikipedia. Prima! Aber man sollte auch daran denken, dass der Strom ausfallen kann oder die Akkuladung zur Neige geht. Aber das kennt man ja vom Blended Learning.

Wie auch immer man das anstellt, es kostet Zeit! Nicht einen Monat, nicht ein Semester, sondern vielleicht das gesamte Studium und wahrscheinlich sogar darüber hinaus. Als Lernender sollte man daher nicht gleich verzweifeln, wenn ein Gebiet so unüberschaubar groß vorkommt und man gar nichts zu verstehen scheint. Nicht aufgeben. Als Lehrender sollte man im Gegenzug auch Geduld haben und nicht erwarten, dass jemand in kurzer Zeit denselben Überblick hat wie man selbst – die sind nicht gleich alle doof oder lernunwillig. Statt nur Führungen anzubieten kann es zudem nicht schaden, das selbständige Auskundschaften der Umgebung anzuregen – das geht aber sicher nicht nach dem Motto: “Hier ist der Stadtplan, seht zu!”

Spektakulär ist diese Metapher nicht, sicher ist auch schon einmal jemand darauf gekommen. Aber ich finde, man kann recht viel damit anfangen und sie sicher auch (im Kommentarbereich?) erweitern.

Schaut nicht auf meinen Finger, der euch die Richtung weist, sondern schaut auf das Kind

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Gestern habe ich endlich mal wieder meinen Das-Lese-Ich-Noch-Bücherstapel verkleinert: An der Reihe war “Maria Montessori – Leben und Werk”. Außer dass die Dame dem Bereich Reformpädagogik zuzurechnen ist, wusste ich nicht viel, und umso spannender war das Lesen.

Beeindruckend finde ich zunächst, wie kämpferisch Montessori ihre Ziele verfolgt und den Widerständen getrotzt hat, die ihr entgegengesetzt wurden. Sie studierte unter geradezu schikanösen Bedingungen Medizin – bis dahin eine reine Männerdomäne – und erhielt als erste Frau in Italien den Doktorgrad in dieser Disziplin.
Sie arbeitete anschließend in der Kinderabteilung einer Klinik und hatte in “Irrenhäusern” zu tun, wo sie nach und nach feststellte, dass die vermeintlich zurückgebliebenen Kinder keine medizinische Hilfe benötigten, sondern erzieherische. Fortan beschäftigte sie sich neben ihrem eigentlichen Job mit Pädagogik und entwickelte das nach ihr benannte Konzept.

Als dessen Kern würde ich sehen: Kinder können viel mehr, als man ihnen gemeinhin zutraut. Sie sind von Natur aus neugierig, wollen ihre Umwelt erforschen und können ihr Lernen auch selbst steuern – wenn man sie lässt und einen richtigen Rahmen schafft. Das hat mich sehr an Forschendes Lernen erinnert.

An anderer Stelle sehe ich Bezugspunkte zur Themenzentrierten Interaktion. Auch dort wird festgestellt, dass der Mensch stets in Wechselwirkung zu anderen Menschen, im weitesten Sinne sogar zur gesamten Menschheit steht und sich dessen bei seinen Handlungen bewusst sein sollte. Angestrebt wird letztlich bei beiden ein ganzheitliches, lebendiges Lernen, bei dem nicht die Lehrenden im Mittelpunkt stehen, sondern die Lernenden: “Schaut nicht auf meinen Finger, der euch die Richtung weist, sondern schaut auf das Kind.”

Nach Montessori müssten Lehrende die Kinder viel stärker beobachten um herauszufinden, wie sie jeden individuell fördern können – denn jedes Kind ist anders. Dafür biete beispielsweise die Freiarbeit die entsprechende Gelegenheit. Das wiederum hat mich an LdL erinnert. Dessen Entwickler Jean-Pol Martin betont, dass die Lehrenden die Schülerinnen und Schüler aufmerksam beobachten müssen, um gezielt auf sie eingehen zu können.

Insgesamt eine spannende Lektüre, wenngleich ich natürlich erst an der Oberfläche gekratzt habe. Aber das Buch “Kinder sind anders” von Maria Montessori wartet schon in meinem Stapel…

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