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Coursera goes Quality Assurance

Ganz unerwartet bin ich von Coursera dazu eingeladen worden, Beta-Tester für einen MOOC zu werden. Neuerdings werden dafür wohl AbsolventInnen anderer Kurse geworben. Warum nicht? Inhaltlich gibt es für mich Langweiligeres als Brand and Product Management. Einigen wird es seltsam vorkommen, dass man das als Beta-TesterIn für lau macht, aber man kann schließlich die Angebote von Coursera auch kostenfrei nutzen. Wenn dann am Ende der Kurs auch noch besser wird und andere davon profitieren…

Uiuiuiuiui. Da ist wohl der Optimismus mit mir durchgegangen, oder? Zum einen, weil für’s Beta-Testen des auf sechs Wochen angelegten Kurses gerade mal eine Woche zur Verfügung steht. Nicht, dass man tatsächlich sechs Wochen für so einen Kurs bräuchte, aber dennoch. Bei Coursera hätte man wenigstens auf die Idee kommen können, das organisatorisch clever auf die Leute aufzuteilen. Zum anderen krankt der Beta-Test am Wasserfallmodell, mit dem der Kurs entwickelt wurde. Das Ding ist im Prinzip fertig, und es können nur noch kleine Macken ausgebügelt werden. An tiefer liegende didaktische Probleme, kommt man nun nicht mehr so einfach dran. Nötig wäre es eventuell. Ich zähle einfach mal auf, was mir bisher alles bei Brand and Product Management aufgefallen ist und mir so oder ähnlicher Form auch bei anderen MOOCs begegnet ist. Nützlich? Vielleicht haltet ihr das auch für überzogene Kritik? Dann ab in die Kommentare mit euren Gedanken.

Quality, what art thou?

Ich habe den Eindruck, die EntwicklerInnen von Brand and Product Management verstehen unter Qualität, möglichst alles auf Hochglanz zu polieren. Geschniegelter Dozent, aufwendiges Intro, schicke Optik, usw. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, weil es sich um einen Marketing-Kurs handelt — viele andere Angebote halten es ebenso. Nicht, dass ein halbwegs ordentliches Bild und anständiger Ton nicht wichtig wären, aber warum wird die Qualität nicht stärker an der didaktischen Eignung gemessen? Da sehe ich nämlich noch Luft nach oben.

Fangen wir mit einer Aussage zu Beginn des ersten Moduls an:

At the end of this module, you will be able to: Demonstrate understanding of the product strategy concepts. Develop the factual support to define your product strategy.

Etwas pingelig von mir, aber ist das ein Versprechen? Sei’s drum, kann ja stimmen. Bloß mit dem Gedanken des Constructive Alignment im Hinterkopf sollte dann auch eine angemessene Möglichkeit geboten werden, das (für sich) zu überprüfen. Für diesen Zweck bietet der Kurs aber bloß drei Multiple-Choice-Fragen, von denen eine aus einer Rechenaufgabe besteht, eine Faktenwissen abfragt und eine wenigstens potenziell Verständnis, auch wenn die Lösung zuvor schon in einem Video angedeutet wurde. Wie soll damit das Verständnis von Konzepten gezeigt werden?

Quizitis

Mehr als Quizfragen hat übrigens der gesamte MOOC nicht zu bieten, und fast alle scheitern an Test Wiseness. Auch ohne den Stoff gesichtet zu haben, kann man die meisten mit etwas gesundem Menschenverstand und Logik beantworten. Ich hätte mir wirklich wenigstens ein paar freiwillige Denkaufgaben für’s Diskussionsforum oder wenigstens eine schriftliche Hausarbeit gewünscht. Ordentlich gerahmt funktioniert das nämlich prima auch über Peer Reviews, und man nimmt auch tatsächlich etwas mit — so jedenfalls mein ganz subjektiver Eindruck aus einem anderen Kurs. Möglichkeiten, auch für kleine Dinge, hätte es durchaus gegeben. Der Dozent arbeitet beispielsweise in einem Video mit einer Fermi-Frage, um mögliche Absatzchancen für ein Produkt abzuschätzen. Warum das die Lernenden nicht selbst machen lassen? Vielleicht sogar zusammen? Der Kurs ist nämlich derzeit komplett auf EinzelkämpferInnen ausgerichtet.

Wo geht’s lang?

Möglicherweise gibt es aber auch noch größere Baustellen. Gerade zu Anfang empfanden ich und andere Beta-TesterInnen die Struktur sehr verwirrend. Ein roter Faden war nicht zu erkennen, und was wie zusammenhängt, war nicht ersichtlich. Es wurden schlicht hintereinander Modelle vorgestellt. Einen Advance Organizer im Sinne von Diethelm Wahl voranzustellen und sich später immer wieder darauf zu beziehen, hätte womöglich geholfen. Vorteilhaft wäre es IMHO auch gewesen, eine gute Idee konsequenter zu verfolgen. Angekündigt wurde, die Inhalte des Kurses durchgängig am Beispiel eines Limonadenstands zu verdeutlichen. Tatsächlich aber wurde dieser nur einige Male erwähnt. Zur besseren Veranschaulichung mussten andere Beispiele herhalten.

Auch an anderer Stelle fehlte mir mehr Liebe zum didaktischen Detail. Von den zahlreichen offensichtlichen Rechtschreibfehlern in Abbildungen will ich gar nicht reden — womöglich wurden die auch nur für einen Beta-TesterInnen-Test absichtlich von Coursera eingebaut. Wenn es schon zusätzlich zu Videos etwas zum Lesen gibt, was ich gut finde, dann bitte einerseits keine glossarähnliche Sammlung von Definitionen und andererseits nicht ohne den Bezug zum Rest des Kurses zu verdeutlichen oder Hinweise zu geben, worauf beim Lesen geachtet werden sollte. Stattdessen wurde eine in Präsenzveranstaltungen beliebte Unsitte fortgeführt: „Bitte lesen Sie Seite x bis y.“ Punkt.

Nice!

Mensch, ich bin ein Meckeronkel, nicht wahr? Ich habe aber auch Positives angemerkt. Der Dozent stand nicht nur im sterilen Studio, sondern war auch in einer Shopping Mall unterwegs. Das war eine nette Abwechslung. Ob die Interviewten tatsächlich zufällig angesprochene Passanten waren, weiß ich zwar nicht, aber ich fand es gut, so etwas einzubauen.

Nun bin ich gespannt, was bis zum 9. Februar von meiner Rückmeldung aufgegriffen werden wird…

Auf den letzten Drücker: fOERder-Award 2016

Heute hatte ich Langeweile. Das habe ich zum Anlass genommen, etwas für eine Idee zu tun, die mir seit ein paar Wochen immer wieder durch den Kopf geistert.

Ohne zu weit ausholen zu wollen: Durch das Netz und seine Dienste gibt es eine größer werdende Spaltung in Commodity und Premium auch bei Dienstleistungen — in Standardsachen, die sich prima ohne viel menschliches Zutun erledigen lassen und solche, die echt schwierig sind. Müsst ihr mal bei Gunter Dueck in Aufbrechen! nachlesen. Und dann frage ich mich, wenn ich auf die üblichen Einstiegsworkshops zur Hochschuldidaktik blicke, was davon eigentlich Commodity ist. Nicht alles. Aber wahrscheinlich so manches. Ich zähle einfach mal ein paar Sachen auf, an die ich da so denke:

  • Das eigene Verständnis von Hochschullehre hinterfragen und mit anderen teilen
  • Diverse Themen der Hochschuldidaktik ansatzweise kennenlernen, etwa Theorie zu Lernen und Lehren, strukturelle Gestaltungsprinzipien oder Möglichkeiten zur Analyse oder Planung von Veranstaltungen
  • Eigene Veranstaltung(sreihe) anhand eines Rasters/Frameworks analysieren und planen
  • Feedback von anderen zur eigenen Planung bekommen
  • Aktivierende Methoden theoretisch durchdenken, sich mit anderen (strukturiert) dazu austauschen und sie an die eigenen Bedürfnisse anpassen

Geht natürlich auch alles in Präsenzzeit, aber muss das alles zwingend da drin sein? Ich behaupte: nein. Was nicht heißen soll, dass man nicht auch beides gewinnbringend verzahnen könnte. Ich behaupte ferner: Man könnte speziell aus den oben genannten Dingen einen Online-Kurs basteln, bei dem am Ende inhaltlich ebenso viel rumkommt wie bei einem typischen Einstiegsworkshop zur Hochschuldidaktik — und daher einen äquivalenten Teilnahmenachweis verdient.

Ja, aber…

Hmm, was kommt da wohl als Befürchtung? Es fehlt der Kontakt zu Menschen. Der physische Kontakt, das ist richtig. Den sollte man aber nicht mit dem Fehlen von sozialem Kontakt verwechseln. Man lernt in einer solchen Online-Veranstaltung aber eher keine Gleichgesinnten an der eigenen Hochschule kennen. Das kann sein. Das ließe sich aber prinzipiell mitdenken, und auch dafür gäbe es Möglichkeiten. Und vielleicht ist der Kontakt zu jemandem an anderen Hochschulen ebenso spannend? Da gibt es sicher noch mehr Bedenken, zu denen freue ich mich über Kommentare.

Man verliert also womöglich ein paar Dinge, aber was gewinnt man? Lehrende müssen sich beispielsweise nicht „outen“, wenn sie meinen, sie bräuchten Unterstützung in ihrer Lehre. Die Commodities können sie sich auch so holen. Lehrende können sich zeitlich flexibler mit den Dingen beschäftigen und müssen sich nicht die typischen zwei Tage am Stück für Workshops freihalten. An die Premium-Anteile können sie immer noch über andere Formate herankommen. Ein Punkt vielleicht noch: Steht so ein Kurs als Open Educational Resource (OER) bereit, kann er nach Belieben frei genutzt, verändert und erweitert werden. Feine Sache, das.

Stricken kann ich so etwas natürlich in meiner Freizeit immer, wenn mir danach ist. Aber ein wenig sozialer Druck wäre nicht verkehrt 😉 Und weil es zum Thema OER passt, habe ich heute spontan auf den letzten Drücker einen Antrag beim fOERder-Award 2016 eingereicht und dessen Inhalte in der Wikiversity abgelegt. Abwarten.

 

Niemand sagt etwas (in großen Gruppen)… Nachtrag

Meine Ausführungen zum Thema „Niemand sagt etwas (in großen Gruppen)…“ der letzten Tage kamen nicht aus dem Nichts, sondern beruhten auf einer echten Frage.

Wie bekomme ich Großgruppen dazu mit mir oder dem Professor zu diskutieren? Situation: Unsere VL wir auf Englisch gehalten mit 80-100 Teilnehmern. Die VL ist ein Wahlfach, somit gehe ich davon aus, dass im Allgemeinen Interesse an dem Themengebiet besteht. Zum Ende jeder VL-Einheit werden Diskussionsfragen gestellt, die in der Gruppe mit dem Dozenten als Moderator gelöst werden sollen. Bei solchen Diskussionen beteiligen sich in der Regel 1-2 Leute. Der Rest der 80 Studierenden hört zwar interessiert zu und schreibt mit, traut sich aber nicht etwas beizutragen. Lösungen für die Diskussionsfragen stellen wir nicht zur Verfügung. Falls die Fragen nicht in der VL beantwortet werden, werden sie erneut in der Übung oder Klausurvorbereitung aufgegriffen. Selbst durch den mehrmaligen Hinweis, dass die Fragen/Antworten klausurrelevant sind und die Studierenden sich die Lösungen in der Gruppe erarbeiten müssen, stieg die Beteiligung an der Diskussion nicht.

Nun gibt es seit gut zwei Wochen http://www.antwort-n.de. Ihr könnt dort von  Ingmar Rothe und Cornelius Filipski binnen 24 Stunden eine Antwort auf eure Fragen zur Hochschuldidaktik erhalten — und zwar auf der Tonspur! Toller Service, oder? Ich war so frei, die oben angeführte Frage dort einzureichen. Ihr könnt euch also weitere Gedanken dazu anhören!

Niemand sagt etwas (in großen Gruppen)… Teil 4

Solltet ihr direkt hier gelandet sein und den Kontext brauchen: Dies ist Teil 4 zum Thema „Niemand sagt etwas (in großen Gruppen)…“. Startet doch im Zweifel mit Teil 1Teil 2 oder Teil 3.

Inhalt (ES)

In die Kategorie Inhalt habe ich einsortiert, was mir eng verbunden mit dem Stoff und seiner Darbietung erschien.

Fragen haben keinen Lebensweltbezug

Wenn ihr keinen echten Bezug zu Inhalten habt, könntet ihr Probleme bekommen, sie interessant vorzustellen. Das haben wir gerade eben gesehen. Für Studierende ist aber nicht nur das Fachliche, sie wissen womöglich auch gar nicht, wie der Stoff in ihr Leben passt.

Wenn ihr mit euren Fragen Anknüpfungspunkte an die Lebenswelt der Studierenden findet, sei es popkulturell, berufsperspektivisch oder anderswie, dann ist das durchaus von Vorteil. Die Lebensgeschichte von jedem müsst ihr nicht dafür kennen, aber ihr solltet euch durchaus für eure Studierenden interessieren und nicht ganz so abseits dessen liegen, womit sie sich beschäftigen.

Helfen kann es außerdem, wenn die Studierenden sich selbst über ihren persönlichen Bezug zu einem Thema klarwerden sollen und diese Information womöglich mit jemandem teilen. Manch einer berichtet womöglich gerne von seinem Hobby, für das er nun noch etwas dazulernen möchte — ein super Einstieg in ein Thema!

Fragen zum Stoff sind zu komplex oder zu einfach

Sind Fragen zu einfach, denkt man im Zweifel wohl eher an eine Fangfrage und schweigt. Sind die zu komplex (gestellt), findet man keinen Einstiegspunkt. Kaum pauschal für eine Gruppe Studierender abschätzbar, aber das Problem des fehlenden Wissens um das Wissen habe ich oben ja bereits angesprochen.

Stoff und Fragen dazu werden in einer Fremdsprache dargeboten

Eigentlich finde ich diesen Punkt trivial, aber er kann natürlich eine Ursache für Schweigen sein oder den oben erwähnten Punkt der Unsicherheit verstärken.

Interaktion (WIR)

In den Bereich Interaktion fällt für mich, was ein Gruppengefüge als Ganzes betrifft. Dazu zählen zum Beispiel Kommunikation und Beziehungsaskepte zwischen Personen.

Lernende kennen sich untereinander kaum

Wenn sich Lernende untereinander kaum kennen, kann das die Unsicherheit erhöhen. Ich scheue mich sicher mehr, mich frei zu äußern, wenn ich die anderen nicht kenne und ihre Reaktion darauf gar nicht einschätzen kann. Vorteilhaft kann es für das Arbeiten mit Gruppen daher sein, dem Kennenlernen zu Beginn bewusst Raum einzuräumen und auch später immer wieder Phasen jenseits des Fachlichen einzubauen.

Bei einem der letzten zweitägigen Workshop, die ich geleitet habe, habe ich beispielsweise am ersten Tag viel Energie darauf verwendet, Gruppenprozesse anzustoßen — durchaus an einem Inhalt aufgehängt, aber im Fokus stand er eigentlich nicht. Das stellenweise geäußerte Feedback nach Tag 1, dass ja „nicht so viel herumgekommen“ sei, konnte ich gut verschmerzen. An Tag 2 hatten nämlich wissenschaftliche MitarbeiterInnen offenbar überhaupt kein Problem damit, sich vor und mit versammelter Mannschaft zur Auflockerung zur Amöbe, Fliege, Frosch, T-Rex oder Affen zu machen. Wir haben als Erwachsene Menschen Evolution gespielt und hatten einen Heidenspaß dabei. Ich habe auch ein Video davon, aber das öffentlich bereitzustellen, müsste ich dann vielleicht doch klären 🙂

Die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden ist „kühl“

Wie bereits angedeutet: In der Welt er Wissenschaft schwingt immer Objektivität mit. Das ist für die Forschung an sich auch gut so, wenngleich auch da Emotionen mitschwingen. Für die Lehre ist es aber in meinen Augen ein Irrglaube, den Faktor Mensch außen vor lassen zu können. Manch einer mag es als Ausdruck von Professionalität verstehen, wenn er sich einzig auf das Fachliche beschränkt und keine Beziehung zu den Studierenden eingeht, weil er darunter gleich unfaire Verbrüderung oder etwas in der Art versteht. Eine Vorlesung ist kein Fachbuch in mündlicher Form, wie es Friedemann Schulz von Thun sagte. Wer sich zum Pseudo-Buch degradiert, bekommt halt weniger Antworten. Mit Büchern redet man eher selten, selbst wenn darin Fragen gestellt werden.

kalte Winterlandschaft

steiles „Hierarchiegefälle“ zwischen Lernenden und Lehrenden

Man kann machen, was man will: Ein gewisses Hierarchiegefälle zwischen Lernenden und Lehrenden lässt sich kaum vermeiden. Manch einer erzittert vor Erfurcht bereits vor der Amtsbezeichnung Professor, obwohl das ein ganz lockerer Typ sein kann. Und selbst wenn jemand ein Semester zuvor selbst noch Studierender war, darf er nun womöglich mitentscheiden, wenn es um Noten geht. Das bringen die unterschiedlichen Rollen nun einmal mit sich. Ein solches Gefälle empfinde ich an sich auch nicht als Problem; nur wenn es zu steil wird, dann sollte man sich womöglich um etwas Ausgleich bemühen. Ich nenne es wieder Beziehungsarbeit.

Diskussion ist unpassende Kommunikationsform

Last but not least: Eine Diskussion kann schlicht für bestimmte Ziele, Personen oder Rahmenbedingungen eine unpassende Kommunikationsform sein oder schlecht geleitet werden. Dann sollte man nicht zögern und sie durch etwas anderes austauschen.


Puh, das waren viele Gedanken zu dem Thema. Wenn ihr noch Luft habt, freue ich mich wie immer über Kommentare! Wie soll es weitergehen? Wollt ihr statt Texten vielleicht auch mal kurze Videos zu solchen und ähnlichen Fragestellungen? Lasst es mich wissen!