Jetzt bin ich zertifizierter Laie

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Neben meinem Job an der Uni habe ich in den vergangenen zwei Jahren diverse Kurse zur Weiterbildung in der Hochschullehre (WindH) besucht. Seit heute halte ich nun das zugehörige Zertifikat in Händen. Aber was sagt das wirklich aus?

Ich habe 200 Stunden zu verschiedenen Themen absolviert; einige verpflichtend, andere frei wählbar. Darunter waren Veranstaltungen wie Lehre planen oder E-Learning, aber auch Coaching und Hospitationen durch Kursleiter und Kollegen.

Wenn wir nun einfach das Bologna-System zum Vergleich nehmen, sind das nicht einmal sieben Leistungspunkte. Wir können vielleicht die Zeit dazurechnen, in der ich das Gelernte zum Beispiel hier im Blog reflektiert habe. Oder die Tage, an denen versucht habe, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Wie viele Stunden mögen das dann gewesen sein? Nehmen wir einfach (wohl eher großzügig) an, ich hätte insgesamt 900 investiert, das entspräche 30 Leistungspunkten oder gerade einmal einem Studiensemester.

“Führerschein niemals ersetzen Augen, Ohren, Verstand.” (Mr. Miyagi)

Das Zertifikat bezeugt eine Wertschätzung meines Einsatzes, klar. Das weiß ich zu schätzen. Ich glaube, ich habe auch ganz schön was gelernt. Das Papier drückt jedoch allenfalls aus, dass ich verstärktes Interesse am Feld der Hochschuldidaktik habe, aber das war es doch auch schon. Vielleicht habe ich jetzt Grundkenntnisse, für mehr allerdings noch einen ganz schön weiten Weg vor mir. Und da ich recht wahrscheinlich im kommenden Jahr dem Universitätszirkus den Rücken zuwenden werde, wird’s wohl kaum noch vorangehen. Wenigstens lag ich dem Steuerzahler nicht auf der Tasche, denn das lief auf eigene Rechnung und an Urlaubstagen, die ich dafür genommen habe – “aus Gründen”.

Raus aus dem Elfenbeinturm: Open Science

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Prolog

Am Mittwoch vor der Openmind-Konferenz erreicht mich abends eine E-Mail: Die Website telepolis habe angeboten, eine Auswahl der Vorträge in schriftlicher Form zu veröffentlichen. Man brauche die Beiträge aber am besten schon bis Freitag. Was habe ich getan? Nachtschicht. Müde, aber rechtzeitig fertig. Was passiert? Es genügt dann doch eine Abgabe bis Dienstag nach der Konferenz. Was passiert anschließend? Heute erscheint eine Auswahl der Beiträge, telepolis hat meinen aber leider verschmäht. Was heißt das? Ich habe wieder Inhalt für mein Blog und betreibe so etwas wie Restmüll-Marketing ;-)

UPDATE: Der Artikel hat es nun doch noch auf telepolis geschafft.

Raus aus dem Elfenbeinturm: Open Science

“Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus. Ich bin gerne bereit zu prüfen, ob bei über 1.200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten und würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen.” [1]

So antwortete der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg auf die Frage, ob Teile seiner Dissertation womöglich aus anderen Werken abgeschrieben worden sein könnten, ohne dass er dies ausreichend kenntlich gemacht hatte. Schnell wurde von vielen Kritikern sein Rücktritt gefordert, ebenso viele Menschen konnten aber den Wirbel um die Affäre nicht verstehen: Herr zu Guttenberg hatte ein wenig gemogelt, aber macht das nicht jeder mal? Offenbar war vielen die Bedeutung dieses Vergehens gar nicht bewusst. Ich meine, das liegt daran, dass der Wissenschaftsbetrieb für viele schlicht ein Buch mit sieben Siegeln ist, das sie nicht öffnen können.

Und tatsächlich, das Bild von der einsamen Forschung im Elfenbeinturm scheint nicht von ungefähr zu kommen. Einerseits hat die zunehmende Spezialisierung der wissenschaftlichen Disziplinen zwar dazu geführt, dass Einzelgänger es schwer haben und Ergebnisse immer häufiger nur durch Kooperation mit anderen erzielt werden können [2]. Denken Sie etwa an die großen Projekte am Kernforschungszentrum CERN. Andererseits bleiben die unzähligen Publikationen für die meisten unverständlich, bisweilen sogar für Fachkollegen, weil jenseits von notwendigen Fachbegriffen ein möglichst staubtrockener Sprachstil und möglichst kompliziert formulierte Sätze gepflegt werden. Sie taugen vielleicht zum Imponieren oder verheißen vermeintlich Qualität, erschweren aber unnötig das Verständnis. Das wusste schon Goethe: „Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die Wissenschaften unzugänglich zu machen.“ [3] Auch Initiativen zur Förderung von Open Access dürften daran wenig ändern. Forschungsergebnisse werden durch sie zwar öffentlich zugänglich, aber nicht offen.

Popularisierung der Wissenschaft

Um den klaffenden Graben zwischen der Wissenschaftswelt und der Allgemeinheit zu verkleinern, wurde bereits im 19. Jahrhundert versucht, Spezialwissen einem größeren Publikum zugänglich zu machen: Schon damals wurden Anleitungsbücher für Hobbyforscher verfasst oder im Wissenschaftlichen Theater Lehrstücke inszeniert [4].
Was einst als Mittel der Bildung der Massen gedacht war, ruft heute jedoch eher ein Naserümpfen hervor. Populärwissenschaftliche Literatur genießt bei vielen Wissenschaftlern den Ruf des Zweitklassigen, des weniger Korrekten. Der Physiker Martin Bojowald sah sich offenbar aus diesem Grund dazu gezwungen, sich im Vorwort seines Buches „Zurück vor den Urknall“ dafür zu rechtfertigen, dass er nicht bloß für Fachkollegen geschrieben hatte [5]. Auch normale Menschen sollten das Universum und seine Theorien verstehen.

Aber hätte er das nicht Wissenschaftsjournalisten überlassen sollen, die speziell dafür ausgebildet worden sind? Sie sind schließlich geübt darin, aus den Erkenntnissen verschiedener Forscher eine stimmige Geschichte zusammenstellen und sie gleichzeitig informativ und unterhaltsam aufbereiten. Es gibt dafür heute ganz unterschiedliche Formate: Zeitschriften wie Spektrum der Wissenschaft, Fernsehsendungen wie Quarks und Co., Science Centers wie das Mathematikum in Gießen, Kinderuniversitäten und vieles mehr. Das ist schon so etwas, was man Öffentliche Wissenschaft (oder Open Science) nennen könnte. Auf diesem Wege kann nämlich schon das Verständnis für das dargebotene Wissen vergrößert werden, aber leider noch nicht für die Wissenschaft selbst oder gar die Menschen dahinter.

Verstehen Sie, was ich damit meine? Es werden zwar die Forschungsergebnisse mundgerecht präsentiert, aber die Prozesse, die zu diesen Ergebnissen führen, bleiben im Dunkeln. Außenstehende bekommen ein Produkt geliefert, können aber nicht nachvollziehen, wie es entstanden ist und welche Gedanken bei der Erstellung verfolgt und verworfen wurden. Sie sehen vor allem nicht, welche Probleme es auf dem Weg zu lösen gab, welche Fehler gemacht und welche Lehren aus ihnen gezogen wurden. Auch solche Dinge gehören zur Wissenschaft. Wenn man die weglässt, entsteht ein völlig falsches Bild. Und dann wundert man sich, wieso die Menschen nicht verstehen, was Herr zu Guttenberg so Schlimmes getan hat.

Von 1.0 zu 2.0

Nun gibt uns aber speziell das Internet die Möglichkeit an die Hand, dagegen etwas zu tun. Wir bekommen nämlich einen Rückkanal, und der ändert eine ganze Menge. Im einfachsten Fall können Wissenschaftler etwa in Blogs über Themen aus ihrem Fachgebiet berichten und Fragen von Interessierten dazu beantworten. Es wird ein zügiger direkter Austausch möglich, doch damit ist das Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft. Da ist noch Luft.

In der Wikipedia können wir nicht nur Texte lesen, sondern auch selbst mitschreiben. Auf YouTube können wir nicht nur Filme anschauen, sondern auch eigene einstellen und kommentieren. Die Unterscheidung zwischen Produzenten und Konsumenten von Inhalten weicht auf. Doch bevor wir die Bedeutung für die Wissenschaft weiter beleuchten, betrachten wir zunächst einige Beispiele.

Der Heidelberger Professor Christian Spannagel hielt – damals noch in Ludwigsburg – im Wintersemester 2008/2009 ein Seminar ab, das sich um die Didaktik der Informatik drehte [6]. Die Studierenden diskutierten in einem öffentlichen Wiki eine spezielle Theorie, Spannagel berichtete darüber in seinem Blog und per Twitter. Daraufhin stießen mehrere Externe hinzu und beteiligten sich an der Diskussion. Darunter befand sich auch der Entwickler eines speziellen Lehrkonzepts, das man kurzerhand vor Ort in einer seiner Schulklassen begutachtete. Ein Referendar wurde auf den Kurs aufmerksam, erprobte das Konzept und berichtete davon den Studierenden, die darauf aufbauen konnten und selbst Unterrichtseinheiten entwickelten. Ob das in dieser Form wohl ohne eine Öffnung des Seminars möglich gewesen wäre?

Auf wissenschaftlichen Konferenzen ist es möglich, das aktuelle Geschehen per Video-Stream ins Internet zu stellen und gleichzeitig per Twitter die Gedanken der Teilnehmer dazu zu lesen. Mehr als die Festlegung eines eindeutigen Hashtag braucht man dafür nicht. Und natürlich können auch Zuschauer rund um den Globus Kommentare beisteuern oder Fragen an den Vortragenden richten, die dieser wiederum auf einer Twitterwall sehen und bei Gelegenheit beantworten kann. Das nenne ich mal “mittendrin statt nur dabei”.

Und auch die ganz normale Forschung kann öffentlich gestaltet werden. Meine ersten Ideen halte ich oft in einem Wiki fest und bitte per Twitter oder Blogbeitrag um Anregungen dazu. Sie möchten ein Beispiel? Schauen Sie doch einmal unter http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:O.tacke/Zeitschrift_fuer_E-Learning-2011 nach. Da kamen viele gute Anregungen zusammen, auch wenn der Beitrag nachher abgelehnt wurde. Gerade diese Rückmeldungen können zeigen, wo noch Schwierigkeiten bestehen oder Dinge offen geblieben sind. Auch der Meeresforscher Stefan Rahmstorf berichtet davon, durch Fragen der Leser seines Blogs schon auf neue Anregungen gekommen zu sein [7]. Sie können sich das allerdings über den ganzen Forschungsprozess denken. Das muss nicht bei der Ideensammlung stehenbleiben, Sie können auch den ganzen Beitrag online mit anderen verfassen und Interessierte können zwischendurch etwas beisteuern – auch dazu werden Sie ganz aktuell etwas bei mir finden. Wenn ich schließlich fertig bin, könnte ich auch öffentlich darum bitten, den Text zu begutachten, bevor ich ihn bei einer Zeitschrift einreiche. All das funktioniert tatsächlich.

Und alle diese Beispiele würde ich mit Open Science 2.0 betiteln. Es geht nicht um das Präsentieren von fertigen Inhalten, sondern um das Erstellen, Prüfen, Verbessern dieser Inhalte durch Forscher, Praktiker und begeisterte Amateure. Wer an der Entwicklung von Wissen mitwirkt, versteht viel besser, was Wissenschaft eigentlich ausmacht und bedeutet. Andersherum bleiben Forscher vielleicht eher auf dem Boden der Tatsachen und erhalten so den Blick für das Ganze zurück, der bei ihrer Spezialisierung verloren gegangen sein könnte. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt ist jedenfalls der Ansicht, Wissenschaft sei “eine zur sozialen Verantwortung verpflichtete Erkenntnissuche” und müsse sich um die großen Menschheitsprobleme wie Überbevölkerung, Klimawandel, Globalisierung der Ökonomie oder die weltweite militärische Hochrüstung kümmern [8]. Dabei ist die Kooperation Vieler gefragt, unabhängiger Experten ebenso wie betroffener Amateure.

Am Ziel? Jetzt wird es doch erst spannend!

Das klingt alles toll, oder? Aber vielleicht haben Sie sich oben an so mancher Stelle schon am Kopf gekratzt und gefragt, wie das denn alles gehen soll. Experten sollen mit Laien zusammen etwas entwickeln, ist das denn möglich? Die Frage stellen sich einige Unternehmen auch, wenn sie versuchen, Produkte und Dienstleistungen zusammen mit Lieferanten oder Kunden zu entwickeln. Betriebswirte nennen das Open Innovation, und da gibt es viele Ähnlichkeiten zur Open Science, die ich in einem anderen Artikel schon beschrieben habe [9].

Aber zurück zur Frage: Geht das denn? Es gibt manche, die auf die Theorie der sogenannten operational geschlossenen Systeme von Niklas Luhmann zurückgreifen und daraus folgern, da könne nichts Brauchbares für die Wissenschaft bei herauskommen – Wissenschaftler würden Praktiker nicht verstehen und andersherum [10]. Andere halten dagegen [11]. Das ist auch gar nicht so einfach zu beantworten, das ist alles ziemlich neu, und tatsächlich gibt es noch viele offene Fragen!

Ich bin jemand, der gerne gleich ausprobiert und manche Sachen klappen bisher gar nicht, andere schon ganz gut. Ich möchte mehr öffentliche Wissenschaft. Ich verstehe aber auch Einwände, die sich wie “Das geht nicht, weil!” anhören. Die müssen gar nicht bedeuten, dass die Idee grundsätzlich abgelehnt wird, aber dass möglicherweise einige Vorschläge noch nicht wirklich ausgereift sind. Kategorische Nein-Sager wird es allerdings auch immer geben. Also werde ich mich hier auch nicht hinstellen und verkünden, genau so oder so müsste das gemacht werden. Ich habe nicht alle Antworten – nur ein paar. Daher stelle ich einfach einige Fragen zusammen, die mir diskussionswürdig erscheinen und lade Sie dazu ein, die Liste zu ergänzen und miteinander darüber zu diskutieren.

Fragen zur Diskussion

  • Gefährde ich als seriöser Wissenschaftler nicht meinen guten Ruf und meine Karriere, wenn ich öffentliche Wissenschaft betreibe?
  • Kann sich dann nicht jeder an meinen Ideen bedienen und mir damit etwas wegnehmen?
  • Wie bringe ich vielleicht fremde Leute dazu, zusammen mit mir oder Studierenden an einem Thema zu arbeiten? Will da überhaupt jemand mitmachen?
  • Frisst das nicht viel Zeit, die man besser anders nutzen sollte?
  • Wird der Wissenschaftsjournalismus überflüssig?
  • Welche technischen Instrumente eignen sich am besten für welche Phase der Forschung?
  • Welches Vorgehen eignet sich am besten für welche Phase der Forschung?
  • Was passiert, wenn Unternehmen an der Forschung beteiligt sind und Betriebsinterna berührt werden?
  • Können auch Unternehmen davon profitieren, indem Kooperation nicht nur mit Universitäten stattfinden, sondern zusätzlich mit anderen Interessierten?
  • Soll jetzt jeder dazu gedrängt werden, öffentliche Wissenschaft zu betreiben?
  • Welche Voraussetzungen müssen Wissenschaftler und andere Beteiligte dafür überhaupt mitbringen?
  • Wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld?

Quellenhinweise

[1] tagesschau.de (2011): Von “abstrusen Vorwürfen” zur Rücktrittserklärung, URL: http://www.tagesschau.de/inland/guttenberg770.html (zuletzt abgerufen am 13.10.2011).

[2] Vgl. Gläser, Jochen; Lange, Stefan (2007): Wissenschaft, in: Arthur Benz et al. (Hrsg.): Handbuch Governance. Theoretische Grundlagen und empirische Anwendungsfelder, Wiesbaden, S. 437-451, hierzu speziell S. 447.

[3] Goethe, Johann Wolfgang von (1830): Goethe’s Werke: Vollständige Ausgabe letzter Hand. 22. Band: Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die entsagenden, 2. Buch, Stuttgart, Tübingen, S. 249.

[4] Vgl. Daum, Andreas W. (2006): Popularisierung von Wissenschaft im 19. Jahrhundert, in: Faulstich, Peter (Hrsg.): Öffentliche Wissenschaft, Bielefeld, S. 33-50.

[5] Vgl. Bojowald, Martin (2009): Zurück vor den Urknall, Frankfurt am Main, S. 9.

[6] Vgl. Spannagel, Christian; Schimpf, Florian (2009): Öffentliche Seminare im Web 2.0, in: Apostolopoulos, Nicolas et al. (Hrsg.): Lernen im Digitalen Zeitalter, Berlin, S. 13-20., hierzu speziell S. 17-18.

[7] Vgl. Zickgraf, Arnd (2010): Die Hintertür zur Forschung, URL: http://www.zeit.de/wissen/2010-01/wisssenschafts-blogger/komplettansicht (zuletzt abgerufen am 14.10.2011).

[8] Schmidt, Helmut (2011): Verantwortung der Forschung im 21. Jahrhundert, URL: http://www.mpg.de/990353/Verantwortung_der_Forschung?page=3 (zuletzt abgerufen am 14.10.2011).

[9] Vgl. Tacke, Oliver (2010): Open Science 2.0: How Research and Education can benefit from Open Innovation and Web 2.0, in: Bastiaens, Theo J.; Baumöl, Ulrike; Krämer, Bernd J. (Hrsg.): On Collective Intelligence, Berlin, Heidelberg, S. 37-48.

[10] Vgl. zum Beispiel Kieser, Alfred; Leiner, Lars (2010): Kollaborative Managementforschung – Eine Brücke über den Rigor-Relevance Gap?, in: ZfB – Zeitschrift für Betriebswirtschaft (Sonderausgabe Mixed Methods in der Managementforschung), 80. Jg., Nr. 5, S. 89-113.

[11] Vgl. exemplarisch Hodgkinson, Gerard P.; Rousseau, Denise M. (2009): Bridging the Rigour-Relevance Gap in Management Research: It’s Already Happening!, in: Journal of Management Studies, 46. Jg, Nr. 3, S. 534-546.

Weltverbesserung mit BWL

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Am Sonntag habe ich zur Frage geblogged, ob der Kaukasus-Leopard bei seiner geringen Verbreitung überhaupt noch eine Chance auf’s Überleben hat. Zu dieser Frage können nicht nur Biologen etwas beisteuern, sondern etwa auch Informatiker, indem sie das Ökosystem modellieren und simulieren und so Aufschluss darüber geben können, welche Maßnahme am dringendsten ist oder am meisten Erfolg verspricht. Oder Politologen und Soziologen, indem sie die Gesellschaftsstrukturen und -prozesse im Kaukasus untersuchen und mit entsprechenden Programmen die Menschen einbeziehen.

Warum sollten nicht auch Betriebswirte etwas dazu beitragen können? Warum sollten sie den WWF beispielsweise nicht darin unterstützen, Projekte zu begleiten, Kostenpläne zu erstellen, die Logistik für Kampagnen zu managen oder Marketingstrategien zu erarbeiten? Und so fänden sich sicher viele Probleme in der Praxis – außerhalb von Unternehmen – an deren Lösung auch Kaufleute mit ihrem Wissen mitwirken könnten.

Anfang des Jahres sprach der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt zu dem Thema und betonte die Verantwortung der Forschung im 21. Jahrhundert, die sich angesichts der Menschheitsprobleme ergäbe. Wissenschaft sei “eine zur sozialen Verantwortung verpflichtete Erkenntnissuche” [1]. Etwas philosophischer betrachtet Martin Carrier die Frage nach den Werten in der Wissenschaft und kommt zu seinem persönlichen Schluss, dass abseits der methodischen Objektivität eine ethische Perspektive notwendig sei, in deren Folge sich Forscher auch mit den gesellschaftlichen Konsequenzen ihrer Arbeit auseinandersetzen sollten [2].

Es gibt in der Praxis so viele bedeutende (subjektiv, ich weiß) Probleme, zu deren Lösung auch Wirtschaftswissenschaftler beitragen können. Man muss nur mal eine Tageszeitung aufschlagen, um einen ersten Eindruck zu erhalten; danach bedarf es nur etwas Phantasie. Speziell für die Wirtschaftsinformatik diskutiert beispielsweise Urgestein Peter Mertens deren gesellschaftliche Rolle und führt auch Umweltschutz, Aus- und Weiterbildung oder Lebensstandards der Bevölkerung als relevante Bereiche des Fachs an [3]Gary Hamel, in der Wirtschaftswelt kein ganz Unbekannter, ist der Ansicht, dass Betriebswirte sich mit Fragen wie “Warum sollten so viele Menschen in uninspirierenden Unternehmen arbeiten?” oder “Warum sollten Manager ihre gesellschaftliche Verantwortung nicht begrüßen statt ihr aus dem Wege zu gehen?” zu beschäftigen haben [4]. Geld verdienen zu wollen, ist nichts Verwerfliches, aber man sollte die Umstände im Auge behalten. Und auch Forschung findet nicht in einem vom Umfeld isolierten System statt.

Was bedeutet das für mich und meine Arbeit? Ich selbst beschäftige mich in meiner Dissertation mit Lernen durch Lehren (LdL) in der betrieblichen Weiterbildung. Unternehmen könnten vom Einsatz des Konzepts profitieren (ob und wie, versuche ich einzugrenzen), aber besonders auch die Lernenden. Es geht bei LdL halt nicht nur darum, fachlich weiterzukommen, sondern sich über seinen Job hinaus auch selbst als Persönlichkeit zu entwickeln. Das verbuche ich unter einem gesellschaftlich bedeutsamen Aspekt. Der Gedanke der Weltverbesserung im Kleinen ist bei LdL im Prinzip fest eingebaut.

Wenn nun künftig Studierende von mir bei ihrer Abschlussarbeit betreut werden möchten, werden sie sich stets um solche Dinge Gedanken machen müssen. Ich werde auch solche Themen bevorzugt annehmen, die konkret einen klaren größeren Nutzen erkennen lassen – sei es die Personalführung in ehrenamtlicher Einrichtungen zu untersuchen oder Strategien für Non-Profit-Organisationen zu entwerfen.

Zum Weiterlesen

[1] Schmidt, Helmut (2011): Verantwortung der Forschung im 21. Jahrhundert, URL: http://www.mpg.de/990353/Verantwortung_der_Forschung (zuletzt abgerufen am 13.06.2011).

[2] Carrier, Martin (2011): Werte in der Wissenschaft, in: Spektrum der Wissenschaft, 34. Jg., Nr. 2, S. 66-70.

[3] Mertens, Peter (2011): Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Wirtschaftsinformatik, in: Wirtschaftsinformatik & Management, 3. Jg., Nr. 1, S. 32-38.

[4] Hamel, Gary (2009): Moon Shots for Management, in: Harvard Business Review, 87. Jg., Nr. 2, S. 91-98.

Ist die Bildung noch zu retten?

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Diese Frage stellt sich Josef Kraus in seinem gleichnamigen Buch, das ich gerade gelesen habe. Der Leiter eines Gymnasiums in Bayern fordert eine Befreiung der Bildung vom reinen Nutzdenken; klingt doch gut. Was ich insgesamt an der Streitschrift auszusetzen habe, ist der Fokus auf Strukturen und Inhalte, nicht aber auf das, was in den Klassen und zu Hause geschieht: das Miteinander zwischen Schülern, Lehrern und Eltern. Aber das mag schlicht eine Macke von mir sein, mir kommt dieser Aspekt einfach häufig zu kurz.

Bei diversen Argumenten konnte ich Herrn Kraus jedenfalls zustimmen, etwa bei seinem Plädoyer gegen Denglisch (ab S. 113) oder für mehr Toleranz von Mehrdeutigkeiten (S. 18), man könnte es auch den Umgang mit Unsicherheit nennen. An einigen Stellen stutzte ich allerdings, würde zumindest intuitiv widersprechen wollen und hätte daher einige Fragen. Vielleicht hat jemand von euch gute Antworten? Ich werde an dieser Stelle nicht alles diskutieren – dann würde der Beitrag noch länger werden, als er ohnehin schon ist – aber die drängendsten Punkte von meiner Seite reiße ich einfach mal ganz kurz an.

  • Die effektivste Lehrform in Bezug auf Leistung sei die direkte Instruktion, so Kraus. Er beruft sich dabei auf zwei Publikationen von Franz Weinert aus dem Jahre 1996, die von ihren Titel her inhaltlich aber dasselbe zu beinhalten scheinen. Leider habe ich auf die Beiträge noch keinen Zugriff, aber unabhängig davon frage ich mich: Selbst wenn das stimmt, sollte Leistungsfähigkeit (wie auch immer Herr Kraus das definiert) das einzige Kriterium sein, um die Effektivität von Lehre zu messen? Widerspricht er sich damit nicht selbst, wenn er an anderer Stelle fordert, man dürfe nicht nur auf das schauen, was hinten herauskommt?
  • Im Bereich der Hirnforschung beschäftigt man sich seit einiger Zeit auch mit dem Thema Lernen. Herr Kraus findet das offenbar ziemlich überflüssig (S. 69-74). Zum einen kritisiert er, konkrete Aussagen für das Lehren ließen sich daraus nicht ziehen und Neurodidaktik oder Neuropädagogik seien reine Marketingbegriffe – das lässt sich sogar nachvollziehen. Er moniert aber auch, die Ergebnisse seien Allerweltsweisheiten und bestätigten allenfalls das, was Pädagogen sowieso schon wüssten. Frage an Herrn Kraus: Hätte Isaac Newton sich überhaupt die Mühe machen sollen zu ergründen, wie es sein kann, dass Dinge auf die Erde fallen? Dass sie das machen, ist ja trivial und weiß jeder. Heute nennen wir den Grund einfach Gravitation. Sollten viele Physiker heute also ihre Bemühungen aufgeben zu erklären, wie Gravitation im Detail funktioniert? Ist die Frage nach diesem Wie überflüssig??? Oder anders: Die vollständige Bestätigung einer Theorie ist nie möglich. Sollte man gerade bei einem auch für Herrn Kraus so wichtigen Thema auf neue Herangehensweisen und Untersuchungen verzichten, die unabhängige Vergleiche zwischen Beobachtungen und damit neue Erkenntnisse liefern können?
  • Zum Thema Nervenzellen schreibt Herr Kraus: “Denn ein einzelnes konkretes Individuum hat rund 120 Milliarden Nervenzellen, jede von diesen Nervenzellen interagiert mit bis zu 15 000 anderen Nervenzellen. Die Gesamtzahl der Verbindungen liegt bei rund 1 000 000 000 000 000 (1 Billiarde; eine 1 mit 15 Nullen). Insgesamt übertrifft diese Zahl die Anzahl der Atome im gesamten Universum.” (S. 70). Nicht nur, dass mir 10^{15} ein wenig sehr klein vorkam – und tatsächlich schätzt man die Anzahl der Atome im Universum wohl eher auf rund 10^{80} – was ist denn das für eine Logik? Die Verbindungen zwischen Nervenzellen bestehen auch aus Atomen, wie sollte deren Zahl dann größer sein als die Zahl der Atome im Universum insgesamt? Hakt es bei mir irgendwo oder bei Herrn Kraus mit dem Abschätzen eines Problems?
  • Herr Kraus hebt die Bedeutung der Unterrichtsfächer Geschichte und Religion (damit meint er das Christentum) hervor, da sie einer Person helfen könnten, die Welt und sich selbst zu verstehen (S. 93-112). Grundsätzlich sicher nicht falsch. Wenn also viel mehr Geschichte unterrichtet werden müsste, wo ist das unterzubringen? Und wie sieht es erst in 50 Jahren aus, wenn es noch mehr Geschichte zu lernen gibt? Wieso hat christliche Religion eine Sonderstellung? Ja, Deutschland ist natürlich geprägt davon, aber müsste man nicht ebenso viel über andere Religionen lernen, die anderen Kulturkreisen ihren Stempel aufgedrückt haben und deren Verständnis in einer immer kleiner werdenden Welt wichtiger werden? Könnte man das nicht tatsächlich in einem neutralen Fach zusammenfassen? Und nein, Gottlosigkeit kappt in meinen Augen keine Wurzeln zur Moral in der Rechtsordnung. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte kommt auch prima ohne religiöse Bekundungen aus.
  • Laut Herrn Kraus laufe bilingualer Unterricht auf eine zweifache Halbbildung hinaus (S. 113). Ich hatte von Klasse 7 bis 11 Erdkunde und Geschichte teilweise in Englisch, und ich wage zu behaupten, mit meinem Englisch muss ich mich wahrlich nicht vor anderen verstecken, welche die reine Lehre erfahren haben. Und in Erdkunde und Geschichte bin ich immerhin nicht ganz zurückgeblieben, glaube ich.
  • Herr Kraus schreibt: “An 50 von 2500 Gymnasien in Deutschland gibt es eigene Klassen für Hochbegabte. Unumstritten sind diese Klassen nicht, denn ob in sich geschlossene Gruppen der Entwicklung von Minderjährigen guttun, ist fraglich. Immerhin haben Schüler solcher Klassen wie in einer Art Laborraum kaum noch mit ‘Normal’-Schülern und deren Anliegen zu tun.” (S. 134) Herr Kraus spricht sich gleichzeitig aber drastisch gegen Gesamtschulen und für eine frühzeitige Trennung auf Hauptschule, Realschule und Gymnasium aus (S. 52-59). Ich bin keinesfalls für Gleichmacherei, kein vehementer Verfechter der Gesamtschule (sondern von Vielfalt), aber widerspricht sich Herr Kraus mit seinen Aussagen nicht selbst?
  • Mit seinen Ausführungen zu Europa gleitet Herr Kraus meiner Meinung nach vom Thema Bildung ganz schön ab (an vielen anderen Stellen aber auch). Er schreibt: “Europa muss also endlich wieder ein vitales Interesse an seiner Selbstverteidigung haben. Freilich wird diese nur gelingen im Verein mit den USA.” (S. 114). Ich erlaube mir vor dem Hintergrund eines völkerrechtswidrigen Krieges gegen den Irak oder der Missachtung der staatlichen Souveränität von Pakistan durch militärische Intervention eine ebenso abseitige Frage danach, warum solch ein Staat der Verbündete schlechthin sein sollte?
  • Durfte ja auch nicht fehlen: Böse Rockmusik und Egoshooter sind für den Niedergang mitverantwortlich (S. 200)… Keine Gegenbeweise, aber unterhaltsam und interessant: Von den bösen Auswirkungen den Heavy Metals und Gewalt durch Computerspiele? Wissenschaftler sagen jein.

Soweit zu den drängendsten Punkten von meiner Seite. Zum Abschluss würde ich aber eines noch gerne festhalten, da es diesbezüglich schon zu Missverständnissen gekommen zu sein scheint: An verschiedenen Stellen benutzt Herr Kraus die Begriffe Spaß-, Gefälligkeits- und Erleichterungspädagogik. An einer Stelle ergänzt er, Lernende hätten eine Holschuld (S. 44). Ich stimme zu: Lernen ist auch mal anstrengend und bedarf der Eigenverantwortung. Herr Kraus schreibt aber nicht, dass Lehrende von der Pflicht entbunden wären, ihr eigenes Wissen didaktisch aufzubereiten oder bei der Darbietung möglichst individuell auf die Lernenden einzugehen. Ebenso spricht er Lehrende nicht von Verantwortung für das Fortkommen ihrer Schützlinge frei. Und dass Lernen nie Spaß machen dürfte oder nur gut sei, wenn es keinen Spaß mache, schreibt er auch nicht.

Coworking an der Uni

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Vielleicht ist es nur ein Hype, aber in letzter Zeit sprießen immer mehr sogenannte Coworking-Spaces aus dem Boden; der bekannteste Vertreter in Deutschland dürfte das betahaus in Berlin sein.

Solche Coworking-Spaces stellen Freiberuflern verschiedene Arbeitsplätze und Besprechungsräume sowie die notwendige Infrastruktur wie Netzwerkzugang, Drucker, usw. zur Verfügung, die sie flexibel mieten können. Darüber hinaus wird oft einfacher Zugang zu Kaffee und Club-Mate angeboten :-) Coworking-Spaces bieten die Möglichkeit, unkompliziert neue Kontakte zu knüpfen, sich über die eigenen Ideen und Projekte auszutauschen und neue anzustoßen. Es entsteht eine kreative, potenziell interdisziplinäre Umgebung, welche die eigene Arbeit bereichern kann und auch gezielt für Open Innovation genutzt werden könnte.

Mit kam vor einer Weile die Idee, auch an der Uni solche Coworking-Spaces für Studierende einzurichten,  die für eigene Projekte wie Abschlussarbeiten, Softwareentwicklung oder gar eine Unternehmensgründung genutzt werden können. Zwar gibt es bereits Arbeitsplätze in der Bibliothek oder in Computerräumen, doch sind diese rar und kaum für den Austausch untereinander ausgelegt. Die Coworking-Spaces sollten allerdings auch mehr sein, als eine uninahe Gelegenheit, seine Hausaufgaben zu erledigen oder Zeit zwischen zwei Veranstaltungen totzuschlagen. Außerdem: “Bezahlt” werden soll nicht in barer Münze, sondern anders – vielleicht mit der Vorstellung des Projektes im Rahmen einer Vorlesung oder so.

Um ein möglichst praxisnahes Konzept zu erhalten, würde ich das über die Vergabe von Abschluss-Arbeiten realisieren wollen – schließlich sind Studierende die Zielgruppe und thematisch passt das prima in den Bereich des Lehrstuhls, an dem ich arbeite – der heißt zwar nicht Unternehmensführung, aber das steckt da drin. Ein paar ausführlichere Gedanken habe ich mir auf meiner Wikiversity-Seite gemacht.

Aber: Vielleicht taugt die Idee auch nichts? Vielleicht doch, aber das gibt es schon irgendwo? Oder ihr habt sonst einfach coole Anregungen? Dann ab damit in den Kommentarbereich hier im Blog oder auf die Wikiversity-Seite.

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