Raus aus dem Elfenbeinturm: Open Science

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Prolog

Am Mittwoch vor der Openmind-Konferenz erreicht mich abends eine E-Mail: Die Website telepolis habe angeboten, eine Auswahl der Vorträge in schriftlicher Form zu veröffentlichen. Man brauche die Beiträge aber am besten schon bis Freitag. Was habe ich getan? Nachtschicht. Müde, aber rechtzeitig fertig. Was passiert? Es genügt dann doch eine Abgabe bis Dienstag nach der Konferenz. Was passiert anschließend? Heute erscheint eine Auswahl der Beiträge, telepolis hat meinen aber leider verschmäht. Was heißt das? Ich habe wieder Inhalt für mein Blog und betreibe so etwas wie Restmüll-Marketing ;-)

UPDATE: Der Artikel hat es nun doch noch auf telepolis geschafft.

Raus aus dem Elfenbeinturm: Open Science

“Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus. Ich bin gerne bereit zu prüfen, ob bei über 1.200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten und würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen.” [1]

So antwortete der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg auf die Frage, ob Teile seiner Dissertation womöglich aus anderen Werken abgeschrieben worden sein könnten, ohne dass er dies ausreichend kenntlich gemacht hatte. Schnell wurde von vielen Kritikern sein Rücktritt gefordert, ebenso viele Menschen konnten aber den Wirbel um die Affäre nicht verstehen: Herr zu Guttenberg hatte ein wenig gemogelt, aber macht das nicht jeder mal? Offenbar war vielen die Bedeutung dieses Vergehens gar nicht bewusst. Ich meine, das liegt daran, dass der Wissenschaftsbetrieb für viele schlicht ein Buch mit sieben Siegeln ist, das sie nicht öffnen können.

Und tatsächlich, das Bild von der einsamen Forschung im Elfenbeinturm scheint nicht von ungefähr zu kommen. Einerseits hat die zunehmende Spezialisierung der wissenschaftlichen Disziplinen zwar dazu geführt, dass Einzelgänger es schwer haben und Ergebnisse immer häufiger nur durch Kooperation mit anderen erzielt werden können [2]. Denken Sie etwa an die großen Projekte am Kernforschungszentrum CERN. Andererseits bleiben die unzähligen Publikationen für die meisten unverständlich, bisweilen sogar für Fachkollegen, weil jenseits von notwendigen Fachbegriffen ein möglichst staubtrockener Sprachstil und möglichst kompliziert formulierte Sätze gepflegt werden. Sie taugen vielleicht zum Imponieren oder verheißen vermeintlich Qualität, erschweren aber unnötig das Verständnis. Das wusste schon Goethe: „Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die Wissenschaften unzugänglich zu machen.“ [3] Auch Initiativen zur Förderung von Open Access dürften daran wenig ändern. Forschungsergebnisse werden durch sie zwar öffentlich zugänglich, aber nicht offen.

Popularisierung der Wissenschaft

Um den klaffenden Graben zwischen der Wissenschaftswelt und der Allgemeinheit zu verkleinern, wurde bereits im 19. Jahrhundert versucht, Spezialwissen einem größeren Publikum zugänglich zu machen: Schon damals wurden Anleitungsbücher für Hobbyforscher verfasst oder im Wissenschaftlichen Theater Lehrstücke inszeniert [4].
Was einst als Mittel der Bildung der Massen gedacht war, ruft heute jedoch eher ein Naserümpfen hervor. Populärwissenschaftliche Literatur genießt bei vielen Wissenschaftlern den Ruf des Zweitklassigen, des weniger Korrekten. Der Physiker Martin Bojowald sah sich offenbar aus diesem Grund dazu gezwungen, sich im Vorwort seines Buches „Zurück vor den Urknall“ dafür zu rechtfertigen, dass er nicht bloß für Fachkollegen geschrieben hatte [5]. Auch normale Menschen sollten das Universum und seine Theorien verstehen.

Aber hätte er das nicht Wissenschaftsjournalisten überlassen sollen, die speziell dafür ausgebildet worden sind? Sie sind schließlich geübt darin, aus den Erkenntnissen verschiedener Forscher eine stimmige Geschichte zusammenstellen und sie gleichzeitig informativ und unterhaltsam aufbereiten. Es gibt dafür heute ganz unterschiedliche Formate: Zeitschriften wie Spektrum der Wissenschaft, Fernsehsendungen wie Quarks und Co., Science Centers wie das Mathematikum in Gießen, Kinderuniversitäten und vieles mehr. Das ist schon so etwas, was man Öffentliche Wissenschaft (oder Open Science) nennen könnte. Auf diesem Wege kann nämlich schon das Verständnis für das dargebotene Wissen vergrößert werden, aber leider noch nicht für die Wissenschaft selbst oder gar die Menschen dahinter.

Verstehen Sie, was ich damit meine? Es werden zwar die Forschungsergebnisse mundgerecht präsentiert, aber die Prozesse, die zu diesen Ergebnissen führen, bleiben im Dunkeln. Außenstehende bekommen ein Produkt geliefert, können aber nicht nachvollziehen, wie es entstanden ist und welche Gedanken bei der Erstellung verfolgt und verworfen wurden. Sie sehen vor allem nicht, welche Probleme es auf dem Weg zu lösen gab, welche Fehler gemacht und welche Lehren aus ihnen gezogen wurden. Auch solche Dinge gehören zur Wissenschaft. Wenn man die weglässt, entsteht ein völlig falsches Bild. Und dann wundert man sich, wieso die Menschen nicht verstehen, was Herr zu Guttenberg so Schlimmes getan hat.

Von 1.0 zu 2.0

Nun gibt uns aber speziell das Internet die Möglichkeit an die Hand, dagegen etwas zu tun. Wir bekommen nämlich einen Rückkanal, und der ändert eine ganze Menge. Im einfachsten Fall können Wissenschaftler etwa in Blogs über Themen aus ihrem Fachgebiet berichten und Fragen von Interessierten dazu beantworten. Es wird ein zügiger direkter Austausch möglich, doch damit ist das Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft. Da ist noch Luft.

In der Wikipedia können wir nicht nur Texte lesen, sondern auch selbst mitschreiben. Auf YouTube können wir nicht nur Filme anschauen, sondern auch eigene einstellen und kommentieren. Die Unterscheidung zwischen Produzenten und Konsumenten von Inhalten weicht auf. Doch bevor wir die Bedeutung für die Wissenschaft weiter beleuchten, betrachten wir zunächst einige Beispiele.

Der Heidelberger Professor Christian Spannagel hielt – damals noch in Ludwigsburg – im Wintersemester 2008/2009 ein Seminar ab, das sich um die Didaktik der Informatik drehte [6]. Die Studierenden diskutierten in einem öffentlichen Wiki eine spezielle Theorie, Spannagel berichtete darüber in seinem Blog und per Twitter. Daraufhin stießen mehrere Externe hinzu und beteiligten sich an der Diskussion. Darunter befand sich auch der Entwickler eines speziellen Lehrkonzepts, das man kurzerhand vor Ort in einer seiner Schulklassen begutachtete. Ein Referendar wurde auf den Kurs aufmerksam, erprobte das Konzept und berichtete davon den Studierenden, die darauf aufbauen konnten und selbst Unterrichtseinheiten entwickelten. Ob das in dieser Form wohl ohne eine Öffnung des Seminars möglich gewesen wäre?

Auf wissenschaftlichen Konferenzen ist es möglich, das aktuelle Geschehen per Video-Stream ins Internet zu stellen und gleichzeitig per Twitter die Gedanken der Teilnehmer dazu zu lesen. Mehr als die Festlegung eines eindeutigen Hashtag braucht man dafür nicht. Und natürlich können auch Zuschauer rund um den Globus Kommentare beisteuern oder Fragen an den Vortragenden richten, die dieser wiederum auf einer Twitterwall sehen und bei Gelegenheit beantworten kann. Das nenne ich mal “mittendrin statt nur dabei”.

Und auch die ganz normale Forschung kann öffentlich gestaltet werden. Meine ersten Ideen halte ich oft in einem Wiki fest und bitte per Twitter oder Blogbeitrag um Anregungen dazu. Sie möchten ein Beispiel? Schauen Sie doch einmal unter http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:O.tacke/Zeitschrift_fuer_E-Learning-2011 nach. Da kamen viele gute Anregungen zusammen, auch wenn der Beitrag nachher abgelehnt wurde. Gerade diese Rückmeldungen können zeigen, wo noch Schwierigkeiten bestehen oder Dinge offen geblieben sind. Auch der Meeresforscher Stefan Rahmstorf berichtet davon, durch Fragen der Leser seines Blogs schon auf neue Anregungen gekommen zu sein [7]. Sie können sich das allerdings über den ganzen Forschungsprozess denken. Das muss nicht bei der Ideensammlung stehenbleiben, Sie können auch den ganzen Beitrag online mit anderen verfassen und Interessierte können zwischendurch etwas beisteuern – auch dazu werden Sie ganz aktuell etwas bei mir finden. Wenn ich schließlich fertig bin, könnte ich auch öffentlich darum bitten, den Text zu begutachten, bevor ich ihn bei einer Zeitschrift einreiche. All das funktioniert tatsächlich.

Und alle diese Beispiele würde ich mit Open Science 2.0 betiteln. Es geht nicht um das Präsentieren von fertigen Inhalten, sondern um das Erstellen, Prüfen, Verbessern dieser Inhalte durch Forscher, Praktiker und begeisterte Amateure. Wer an der Entwicklung von Wissen mitwirkt, versteht viel besser, was Wissenschaft eigentlich ausmacht und bedeutet. Andersherum bleiben Forscher vielleicht eher auf dem Boden der Tatsachen und erhalten so den Blick für das Ganze zurück, der bei ihrer Spezialisierung verloren gegangen sein könnte. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt ist jedenfalls der Ansicht, Wissenschaft sei “eine zur sozialen Verantwortung verpflichtete Erkenntnissuche” und müsse sich um die großen Menschheitsprobleme wie Überbevölkerung, Klimawandel, Globalisierung der Ökonomie oder die weltweite militärische Hochrüstung kümmern [8]. Dabei ist die Kooperation Vieler gefragt, unabhängiger Experten ebenso wie betroffener Amateure.

Am Ziel? Jetzt wird es doch erst spannend!

Das klingt alles toll, oder? Aber vielleicht haben Sie sich oben an so mancher Stelle schon am Kopf gekratzt und gefragt, wie das denn alles gehen soll. Experten sollen mit Laien zusammen etwas entwickeln, ist das denn möglich? Die Frage stellen sich einige Unternehmen auch, wenn sie versuchen, Produkte und Dienstleistungen zusammen mit Lieferanten oder Kunden zu entwickeln. Betriebswirte nennen das Open Innovation, und da gibt es viele Ähnlichkeiten zur Open Science, die ich in einem anderen Artikel schon beschrieben habe [9].

Aber zurück zur Frage: Geht das denn? Es gibt manche, die auf die Theorie der sogenannten operational geschlossenen Systeme von Niklas Luhmann zurückgreifen und daraus folgern, da könne nichts Brauchbares für die Wissenschaft bei herauskommen – Wissenschaftler würden Praktiker nicht verstehen und andersherum [10]. Andere halten dagegen [11]. Das ist auch gar nicht so einfach zu beantworten, das ist alles ziemlich neu, und tatsächlich gibt es noch viele offene Fragen!

Ich bin jemand, der gerne gleich ausprobiert und manche Sachen klappen bisher gar nicht, andere schon ganz gut. Ich möchte mehr öffentliche Wissenschaft. Ich verstehe aber auch Einwände, die sich wie “Das geht nicht, weil!” anhören. Die müssen gar nicht bedeuten, dass die Idee grundsätzlich abgelehnt wird, aber dass möglicherweise einige Vorschläge noch nicht wirklich ausgereift sind. Kategorische Nein-Sager wird es allerdings auch immer geben. Also werde ich mich hier auch nicht hinstellen und verkünden, genau so oder so müsste das gemacht werden. Ich habe nicht alle Antworten – nur ein paar. Daher stelle ich einfach einige Fragen zusammen, die mir diskussionswürdig erscheinen und lade Sie dazu ein, die Liste zu ergänzen und miteinander darüber zu diskutieren.

Fragen zur Diskussion

  • Gefährde ich als seriöser Wissenschaftler nicht meinen guten Ruf und meine Karriere, wenn ich öffentliche Wissenschaft betreibe?
  • Kann sich dann nicht jeder an meinen Ideen bedienen und mir damit etwas wegnehmen?
  • Wie bringe ich vielleicht fremde Leute dazu, zusammen mit mir oder Studierenden an einem Thema zu arbeiten? Will da überhaupt jemand mitmachen?
  • Frisst das nicht viel Zeit, die man besser anders nutzen sollte?
  • Wird der Wissenschaftsjournalismus überflüssig?
  • Welche technischen Instrumente eignen sich am besten für welche Phase der Forschung?
  • Welches Vorgehen eignet sich am besten für welche Phase der Forschung?
  • Was passiert, wenn Unternehmen an der Forschung beteiligt sind und Betriebsinterna berührt werden?
  • Können auch Unternehmen davon profitieren, indem Kooperation nicht nur mit Universitäten stattfinden, sondern zusätzlich mit anderen Interessierten?
  • Soll jetzt jeder dazu gedrängt werden, öffentliche Wissenschaft zu betreiben?
  • Welche Voraussetzungen müssen Wissenschaftler und andere Beteiligte dafür überhaupt mitbringen?
  • Wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld?

Quellenhinweise

[1] tagesschau.de (2011): Von “abstrusen Vorwürfen” zur Rücktrittserklärung, URL: http://www.tagesschau.de/inland/guttenberg770.html (zuletzt abgerufen am 13.10.2011).

[2] Vgl. Gläser, Jochen; Lange, Stefan (2007): Wissenschaft, in: Arthur Benz et al. (Hrsg.): Handbuch Governance. Theoretische Grundlagen und empirische Anwendungsfelder, Wiesbaden, S. 437-451, hierzu speziell S. 447.

[3] Goethe, Johann Wolfgang von (1830): Goethe’s Werke: Vollständige Ausgabe letzter Hand. 22. Band: Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die entsagenden, 2. Buch, Stuttgart, Tübingen, S. 249.

[4] Vgl. Daum, Andreas W. (2006): Popularisierung von Wissenschaft im 19. Jahrhundert, in: Faulstich, Peter (Hrsg.): Öffentliche Wissenschaft, Bielefeld, S. 33-50.

[5] Vgl. Bojowald, Martin (2009): Zurück vor den Urknall, Frankfurt am Main, S. 9.

[6] Vgl. Spannagel, Christian; Schimpf, Florian (2009): Öffentliche Seminare im Web 2.0, in: Apostolopoulos, Nicolas et al. (Hrsg.): Lernen im Digitalen Zeitalter, Berlin, S. 13-20., hierzu speziell S. 17-18.

[7] Vgl. Zickgraf, Arnd (2010): Die Hintertür zur Forschung, URL: http://www.zeit.de/wissen/2010-01/wisssenschafts-blogger/komplettansicht (zuletzt abgerufen am 14.10.2011).

[8] Schmidt, Helmut (2011): Verantwortung der Forschung im 21. Jahrhundert, URL: http://www.mpg.de/990353/Verantwortung_der_Forschung?page=3 (zuletzt abgerufen am 14.10.2011).

[9] Vgl. Tacke, Oliver (2010): Open Science 2.0: How Research and Education can benefit from Open Innovation and Web 2.0, in: Bastiaens, Theo J.; Baumöl, Ulrike; Krämer, Bernd J. (Hrsg.): On Collective Intelligence, Berlin, Heidelberg, S. 37-48.

[10] Vgl. zum Beispiel Kieser, Alfred; Leiner, Lars (2010): Kollaborative Managementforschung – Eine Brücke über den Rigor-Relevance Gap?, in: ZfB – Zeitschrift für Betriebswirtschaft (Sonderausgabe Mixed Methods in der Managementforschung), 80. Jg., Nr. 5, S. 89-113.

[11] Vgl. exemplarisch Hodgkinson, Gerard P.; Rousseau, Denise M. (2009): Bridging the Rigour-Relevance Gap in Management Research: It’s Already Happening!, in: Journal of Management Studies, 46. Jg, Nr. 3, S. 534-546.

“Open Access passt zu unserer Philosophie”

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Vor kurzem erschien die achte Ausgabe der Zeitschrift Goettingen Journal of International Law (GoJIL). Das wäre für sich genommen nicht der Rede wert, wenn es sich dabei nicht um eine englischsprachige, studentisch geführte Open-Access-Zeitschrift handelte, die obendrein schon jetzt einen guten Ruf genießt. Für mich war das ein Grund, die Chefredakteurin Annika Poschadel um ein Interview zu bitten.

Annika, fangen wir ganz vorne an: Wie kam es eigentlich zur Gründung von GoJIL?

GoJIL wurde 2007 von einer Gruppe an Völkerrecht interessierter Studenten gegründet, die sich die amerikanischen Law Journals zum Vorbild genommen haben. Diese Law Journals sind in den USA sehr populär. Für die Gründer war das ein Grund, dieses Format auch in Deutschland zu probieren. Damit ist ihnen der Start eines bislang in Europa einzigartigen Projekts gelungen, welches nun im dritten Jahr sehr erfolgreich läuft.
Das Ziel der Zeitschrift ist zum einen, einen hochwertigen Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte im Völkerrecht, aber in auch in anderen Fachbereichen mit Blick auf das internationale Recht zu leisten. Zum anderen wollen wir aber auch den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern. Durch unser anonymisiertes Gutachtenverfahren haben grundsätzlich auch Beiträge von Studierenden und bisher unbekannten Autoren Aussicht auf Erfolg. Daneben sprechen wir mit unserem jährlichen Schreibwettbewerb auch gezielt Studierende an. GoJIL fördert den Nachwuchs aber nicht nur auf der Output-, sondern auch auf der Inputseite, denn wir als Herausgeber lernen natürlich auch eine Menge dabei.

Cover der 2. Ausgabe 2011 von GoJIL

GoJIL Nr. 2/2011 (GoJIL, CC-by-nc-nd)

Du hast gerade erwähnt, GoJIL liefe erfolgreich. So erfolgreich, dass ihr im vergangenen Jahr eine internationale Konferenz abgehalten habt. Auch dort lag die Messlatte sehr hoch, ihr habt den Referenten sogar die Anreisekosten erstattet. So etwas zu organisieren, macht sicher sehr viel Arbeit, was motiviert euch dazu, so viel Freizeit zu opfern?

Die Motivation ist sicherlich das Ergebnis. Sowohl endlich eine Ausgabe zu “releasen” und den Autoren das fertige Exemplar schicken zu können, als auch in einem Buch plötzlich einen Verweis auf das eigene Werk zu sehen. Bezüglich der Konferenz war es wohl das Highlight plötzlich zu sehen, wie und dass alles funktioniert. Und ein Grund sind mit Sicherheit die Menschen: Nicht nur, dass man bei GoJIL einen Haufen Kommilitonen trifft, die genauso ticken wie man selbst, sondern man lernt auch international anerkannte Wissenschaftler kennen, die man bisher nur aus der Ferne bewundert hat.

Verändert das den Blick auf diese Wissenschaftler oder die Wissenschaft an sich?

Als Student hat man ja im Allgemeinen kaum Zugang zu “der Wissenschaft”, sodass durch die Arbeit bei GoJIL überhaupt erstmal ein Blick darauf möglich wird. Natürlich begegnet man den Wissenschaftlern mit Respekt für ihre Arbeit, aber durch den persönlichen Kontakt merkt man auch, dass es ganz normale Menschen sind, die Deadlines verschwitzen und Fehler machen. Gleichzeitig wird man als Herausgeber plötzlich Teil des Ganzen. Da nimmt man eine Zeitschrift in der Bibliothek plötzlich mit einem anderen Gefühl in die Hand.

Kommen wir wieder zurück zu GoJIL an sich. Warum habt ihr euch für Open Access entschieden? Ihr hättet schließlich auch eine klassische Zeitschrift daraus machen können.

Open Access passt zu unserer Philosophie, dass wir qualitativ hochwertige wissenschaftliche Publikationen einem breiten Publikum zur Verfügung stellen wollen. Insbesondere im Völkerrecht ist zudem eine internationale Verbreitung unerlässlich. Dies ist auch der Grund, weshalb wir auf ausschließlich auf Englisch publizieren. Es ist uns aber auch wichtig, dass unsere Artikel auch dort gelesen werden können, wo mangels finanzieller Mittel keine riesigen Bibliotheken möglich sind. Kürzlich dankte uns z. B. ein Wissenschaftler aus Bangladesh, dessen Uni sich keine kostenpflichtigen Journals leisten kann. Durch uns hat er trotzdem Zugriff zu wissenschaftlichen Beiträgen.

Nun gibt es unter dem Begriff “Open Access” Bestrebungen, alle Ergebnisse öffentlich finanzierter Forschung der Öffentlichkeit auch unentgeltlich im Internet zugänglich zu machen, wobei der Autor allerdings alle weiteren Verwertungsrechte behielte und sein Werk auch anderswo veröffentlichen könnte. Es gibt Juristen, die darin einen Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit sehen. Das betrifft zwar GoJIL nicht, aber wie beurteilst du das?

Darüber habe ich mir bis eben gerade noch keine Gedanken gemacht.

Okay, nun wird Open Access desöfteren mangelnde Qualität vorgeworfen, man spricht mitunter abschätzig von universitären Selbstpublikationen. Wie sichert ihr die Qualität der Beiträge?

Die Qualitätssicherung ist uns sehr wichtig. Deshalb haben wir ein sog. Double-Blind-Peer Review-Verfahren. Das heißt, dass bei uns eingereichte Beiträge zunächst von zwei Wissenschaftlern, die ebenfalls in dem Feld des Beitrags forschen, begutachtet und bewertet werden. Das Verfahren läuft anonym ab, sodass es ausschließlich auf die Qualität und nicht auf den Namen oder Kontakte ankommt. Neben dieser inhaltlichen Kontrolle wird außerdem jeder Artikel von englischsprachigen Muttersprachlern korrigiert.

Und ihr prüft tatsächlich sogar die Angaben jeder einzelnen Fußnote, wenn ich richtig informiert bin!?

Ja, genau. Sofern uns die Quellen irgendwie zugänglich sind (was dank Internet und unserer gut ausgestatteten Uni-Bibliothek meistens der Fall ist), schlagen wir jede Fußnote nach. Das ist ziemlich aufwendig, aber die Qualität der Quellenangaben wird dadurch oft verbessert. Manchmal sind die Quellen in der angegebenen Form nur schwer auffindbar, das versuchen wir dann zu ändern. Zudem kommt es hin und wieder vor, dass Seitenangaben oder andere bibliografische Daten einfach nicht stimmen. All das bemerkt man aber eben nur, wenn man die zitierten Bücher persönlich in der Hand hatte. Außerdem lernen wir selbst dabei einiges über Recherchetechniken und Zitation. Man nimmt also auch einiges für seine eigenen Hausarbeiten mit und achtet deutlich besser auf seine Zitierweise.

Interner Workshop der Zeitschrift GoJIL

Workshop von GoJIL (GoJIL, CC-by-nc-nd)

Kommen wir zu einem weiteren kritischen Aspekt. Zwar wird immer wieder behauptet, “das Internet vergesse nichts”, aber so ganz stimmt das ja auch nicht. Wie sorgt ihr dafür, dass die Beiträge einfach und langfristig abgerufen werden können und nicht verloren gehen? Das ist unter dem Aspekt der Nachprüfbarkeit für die Wissenschaft ja ein wichtiger Punkt.

GoJIL ist in einer Mehrzahl der wichtigsten englischsprachigen juristischen Datenbanken verfügbar wie z. B. HeinOnline oder EBSCO. Damit sorgen wir dafür, dass wir auch dort auffindbar sind und unsere Artikel einer breiten Leserschaft zugänglich sind. Ansonsten sind alle Artikel auch auf unserer Homepage www.gojil.eu abrufbar. Als kleines Extra gibt es für die Papyrophilen auch Print-on-demand-Ausgaben bei Amazon zu kaufen. Dies stellt jedoch ausdrücklich nicht den Schwerpunkt unserer Tätigkeit dar. Im Selbstverständnis bleiben wir online und open access.

Zum Knackpunkt, das liebe Geld: Bei Open Access stellt sich stets die Frage der Finanzierung, es gibt verschiedene Modelle. Wie läuft das bei euch?

Wir werden vor allem über Spenden finanziert. Bei den Spendern möchten wir uns an dieser Stelle sehr herzlich bedanken. Das ist zum einen die Joachim-Herz-Stiftung aus Hamburg, die uns mit sehr viel Engagement fördert und der wir u. a. Unterstützung für die wunderbare Konferenz zu verdanken haben. Bei der Konferenz hat uns auch das KMU-Netzwerk aus Göttingen unterstützt, ebenso wie das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung. Zudem werden wir aus Studiengebühren finanziert. Unterstützung erhalten wir auch vom Göttinger Verein zur Förderung des internationalen Rechts. Das Institut für Völker- und Europarecht stellt uns ein Büro zur Verfügung und durch die Lehrstühle dort erhalten wir auch ideelle Unterstützung, dafür sind wir natürlich sehr dankbar.

Letzte Worte an die Leser?

Wir freuen uns immer über interessierte Leser und ebenso aufgeweckte Autoren. Beiträge dürfen immer gern über unsere Homepage www.gojil.eu eingereicht werden. Bei Kritik, Anregungen oder Fragen sind wir darüber ebenfalls zu erreichen.

Hinweise zu den Abbildungen

Der öffentlichen Wissenschaft ein Gesicht geben

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Kommenden Monat werde ich auf der Open-Mind-Konferenz einen interaktiven Vortrag zum Thema Öffentliche Wissenschaft halten, und irgendwie fehlte mir ein griffiges Sinnbild. Auf Twitter schlug @laberlohe vor, einfach mehrere Eulen als Motiv zu wählen – die Eule als Symbol für die Weisheit und davon viele um anzudeuten, dass nicht eine einzige Person dazu beiträgt. Fand ich eine gute Idee.

Dankenswerterweise hat er auch gleich eine passende Vorlage des Tiers erstellt, aus dem ich mit meinen bescheidenen Fähigkeiten das folgende Logo gebastelt habe und nun als Vorschlag festhalte.

ein provisorisches, vorläufiges Logo für die öffentliche Wissenschaft

Öffentliche Wissenschaft

Da es sicher in der weiten Welt zahlreiche Leute gibt, die mehr draufhaben als ich: Wenn ihr coole eigene Ideen habt, schnappt auch die Datei des Logos (als Vektorgrafik) und tüftelt drauflos. Würde mich natürlich freuen, wenn ihr mir einen Hinweis euer Ergebnis dann auch zukommen ließet.

Neue Lust, neuer Frust

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Gestern habe ich das Corporate Learning Camp in Darmstadt besucht. Heute, von der doch gefühlten Erschöpfung wieder erholt, berichte ich ein wenig darüber. Aus Lust und Laune einfach mal rückwärts.

Fazit

Hat Spaß gemacht! Habe viele bekannte Gesichter getroffen und neue kennengelernt, die Mittagspause statt zu essen mit Gesprächen verbracht. Ganz herzlichen Dank an Karl-Heinz Pape und den Rest des Organisations-Teams!

The Flipped Classroom

In einer der letzten Sessions haben Christian Spannagel und ich spontan eine Session zum Thema Flipped Classroom angeboten. Hauptsächlich Christian hat vorgestellt, wie man mit Hilfe des Internets mit seinen vielen Formaten (Texte, Videos, interaktive Inhalte) die Stoffaneignung vor den Unterricht verlagern kann, im Unterricht damit arbeitet und eine nachträgliche Beschäftigung nicht ausgeschlossen ist. Normalerweise ist es ja vermutlich eher so, dass Vorbereitung die Ausnahme darstellt, der Lehrende in einer Veranstaltung Stoff präsentiert, der dann als Hausaufgabe vertieft werden soll.

Da das Internet hier den rationalisierbaren Commodity-Anteil übernimmt und der Lehrende tatsächlich die Premium-Leistung erbringen muss – es ist ja viel schwieriger, wenn ich nicht nur Stoff vorlese – passt das recht gut dazu, was Gunter Dueck unter dem Ende der Kreidezeit und dem Internet als Gesellschaftsbetriebssystem fasst. Seine Thesen wollte ich daher als Einleitung benutzen, aber das ging gehörig in die Hose. Wohl etwas überheblich hatte ich gedacht: “Hast du ja alles gelesen, wird schon klappen.” Wirklich vorbereitet hatte ich nichts, und als ich dann auch noch etwas unsanft von einem Teilnehmer darauf gestoßen wurde, brachte mich das zusätzlich aus dem Tritt und ich suchte die Flucht in einer abrupten Abkürzung des Gesagten. Lerneffekt für mich: Ich kann nicht spontan und schick fremde Inhalte wiedergeben. Dran arbeiten.

LdL in der betrieblichen Weiterbildung?

Ich möchte bei meiner Doktorarbeit versuchen, keine theorieüberladene praxisferne Arbeit abzuliefern und habe daher als frühzeitige Rückkopplung ganz kurz LdL und meine Idee vorgestellt, das Konzept auf seine Tauglichkeit für die betriebliche Weiterbildung zu untersuchen. Das hatte ich vorbereitet bzw. da stecke ich tief im Thema drin, hier hatte ich das oben geschilderte Problem nicht.

Der empirische Teil steht noch aus, aber leider wurde meine Skepsis bestätigt, die sich zwischenzeitlich bei mir eingestellt hat. Auch die Praktiker sahen in LdL trotz einiger organisatorischer Klärungswürdigkeiten ein schönes Konzept, um nicht nur Fachwissen aufzubauen, sondern auch die vielbeschworenen sozialen Fähigkeiten zu trainieren. Der Unternehmenskontext scheint aber schlicht keinen Raum dafür zu lassen: Zeit und Geld setzen Grenzen. Jetzt könnte man beschwichtigen und sagen, Unternehmen müssten aber künftig mehr Ressourcen für die Professionalisierung der Mitarbeiter bereitstellen, oder wenn diese und jene in der Realität eher unwahrscheinlichen Voraussetzungen gälten, würde es klappen. Aber das machte eher den Eindruck: “Wenn jetzt die Luftfeuchtigkeit im Raum anders wäre, hätte das Experiment aber geklappt.” Oder: “Das Modell gilt, wenn man vom homo oeconomicus ausgeht.”

Bei mir stellt sich daher gerade ganz schön Frust ein. Natürlich hätte ich gerne einen potenziellen Nutzen für die Weiterbildung herausgestellt, etwas beigetragen. Es sieht allerdings gerade eher so aus, als ob ich nun darauf hinarbeite, meine ursprüngliche Idee selbst zu zerlegen. Das tut weh. Erkenntnistheoretisch mag das einen Wert haben, die Falsifizierung einer (wenn auch unbedeutenden) These ist ja erwünscht, aber ich erschaffe nichts. Forschung hat hier etwas Zerstörerisches an sich. Wenn man dann auch noch künstlich unter Zeitdruck gesetzt wird, der die Qualität der Arbeit zwangsläufig beeinflussen wird, macht das keinen Spaß. Wenn man dann auch noch in dem Umfeld nicht glücklich ist, in das man tagein tagaus eingebunden ist, wird die Arbeit zur Tortur. Ich weiß wirklich gerade nicht, ob ich das tatsächlich will.

Soziale Fähigkeiten online lernen?

Die für mich spannendste Session wurde von Monika König und Michael Simon geleitet. Sie kreiste um die Frage, ob man online soziale Fähigkeiten erlernen könne. Eine sehr schöne Zusammenfassung gibt es schon bei Torsten Larbig. Ich ergänze daher nur ein paar Gedanken von meiner Seite.

Es ist sicher nur schwer möglich, ausschließlich per Online-Tests oder künstlich online arrangierten Sachverhalt das Handwerkszeug dafür zu bekommen, um in einer Situation von Angesicht von Angesicht beispielsweise einen Konflikt zu schlichten. In virtuellen Welten wäre zwar schon sehr viel möglich, das Einfangen und hochaufgelöste Abbilden von Gestik und Mimik, usw., aber das kann niemand bezahlen.

Ich glaube aber einerseits schon, dass man die Anlagen für solche Fähigkeiten trainieren kann, die abseits des Fachwissens wichtig sein können. Arbeitet man etwa an der Wikipedia mit, kann es  zu hitzigen Diskussionen kommen, bei der die eigene Durchsetzungsstärke auf dem Prüfstand steht. Wirkt man an Open-Source-Projekten mit, möchte man sinnstiftend arbeiten und diesen Sinn auch anderen vermitteln, usw.

Andererseits könnte man den konkreten Anwendungsfall berücksichtigen. Wenn sich die Arbeitswelt wandelt und man immer mehr mit Personen zusammenarbeiten muss, denen man nicht ständig gegenübersteht, wenn man beispielsweise weltweit verteilte Teams führen soll, dann kann man das vielleicht online sogar besser erlernen. Es gibt dazu ein zwar schon in die Tage gekommenes, aber immer noch interessantes Diskussionspapier von IBM. Darin wird gefragt, ob Online-Rollenspieler möglicherweise viel besser verteilte Teams über das Internet leiten und führen können, schließlich sprechen sie sich tagtäglich mit anderen ab, ohne sie zu sehen, sie organisieren Quests und motivieren andere Spieler zur Hilfe, usw.

BarCamps in der betrieblichen Weiterbildung?

Felix Hartmann moderierte eine Session zu der Frage, ob BarCamps auch eine geeignete Lernumgebung für Unternehmen sein könnten. Wo gibt es vielleicht schon etwas in der Art? Wozu könnte ein BarCamp beitragen? Was müsste vielleicht modifiziert werden? Kurzzusammenfassung: Ähnliches gibt es schon vereinzelt, zur Ideengewinnung und Vernetzung könnte es etwas beitragen (nicht zur gezielten Fortbildung) und man müsste bestimmt die Du-Sie-Frage behandeln.

Zertifizierung

Die erste Session, die ich besuchte, drehte sich um das Thema Zertifizierung. Hier habe ich den Notizen von Torsten Larbig aber nichts hinzuzufügen.

Einleitung

Wie bekomme ich nun den Bogen mit der Einleitung am Ende? Vielleicht so: nach dem BarCamp ist vor dem BarCamp. Wir sehen uns doch in Bielefeld?

Professionelle Intelligenz

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Nachdem ich vor rund einem halben Jahr das Buch Aufbrechen! Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen von Gunter Dueck gelesen hatte, wartete ich mit Spannung auf sein neuestes Werk: Professionelle Intelligenz – Worauf es morgen ankommt. Das habe ich nun gelesen, und da es sicher auch für andere interessant ist, werde ich einen kleinen Spagat versuchen. Einige Aspekte möchte ich hier im Blog aufgreifen, so dass man die Ideen versteht, aber auch nicht so viel verraten, dass sich niemand mehr das Buch kauft. Wäre schade. In Kürze kann ich das nämlich gar nicht alles wiedergeben, und dann heißt es nachher, das wäre ja alles viel zu einfach geschildert. In dem Buch steht viel mehr drin, ausführlicher und mit vielen Beispielen garniert. Also mal sehen, ob mir mein Vorhaben gelingt.

Der Ausgangspunkt

Ausgangspunkt der Diskussion ist das, was in Aufbrechen! bereits von Herrn Dueck beschrieben wurde. Die Arbeitswelt wandelt sich. Dienstleistungsberufe werden auf Effizienz getrimmt und automatisiert, wie man das schon aus der Industriebranche kennt. Und verantwortlich ist das Internet.

Sogenannte Experten wie Ärzte, Finanzberater oder auch Professoren verlieren schlicht ihren Machtvorteil, wenn er sich nur aus einem kleinen Informationsvorsprung speist. Der Pool an Wissen ist schließlich im Internet viel größer, und auf den kann man ganz einfach zugreifen. Ich brauche bei einfachen Dingen ja zum Beispiel niemanden dafür, um mir die möglichen Auswirkungen einer Krankheit zu nennen oder die Preisstaffelung für eine Versicherung. Das kann ich selbst online nachlesen, dafür bezahle ich kein Geld. Und bei speziellen Fragen müsste der Durchschnittsdienstleister auch nachforschen. Wie viele Menschen sterben eigentlich an Krankheit X bei Behandlungsmethode Y? Wie schlägt sich Aktie Z aus Brasilien? Das weiß ich vermutlich besser, wenn ich vorher kurz gegoogled habe. Ohne Zugang zur internen Datenbank, zum Internet oder zu Kollegen sind diese Experten dann auch aufgeschmissen. Das habe ich gerade selbst schmerzlich erlebt bei einem Telefonat mit einer großen deutschen Bank.

Wissen WAR Macht – es gibt kein Herrschaftswissen mehr (S. 37)

Was übrig bleibt, sind die wirklich schwierigen Fälle, die sich nicht so einfach rationalisieren lassen. Standardsachen fallen weg. Impfen? Weg. Macht der Impfspezialist, der auch alle Impfstoffe immer vorrätig hat, günstiger ist und bei dem man nicht noch lange warten muss. Daran verdient der normale Arzt dann kein Geld mehr. Klassische Frontalvorlesungen zu Grundlagenthemen? Weg. Da kann ein rhetorisch guter Professor einmal Videoaufzeichnungen machen, und die kann sich dann jeder wann, wo und wie oft er will online anschauen.

Wir bekommen eine massive Spaltung in Premium und Commodity, in Hochwertiges und Massenware - und das eben auch dort, wo viele sich vielleicht in Sicherheit wiegen. Was im Premium-Bereich gefragt ist, sind Professionals, die selbständig in komplexen großen Netzen arbeiten.

Die Arbeitswelt

Diese Entwicklung verlangt nun zweierlei. Zum einen müssen Unternehmen natürlich Geld verdienen im Tagesgeschäft, zum anderen müssen sie sich aber ständig den sich wandelnden Gegebenheiten anpassen. Die einen Mitarbeiter arbeiten im System, die anderen am System. Und das gleichzeitig, da kann es zu Problemen kommen. Ein Chirurg würde sicher auch gerne erst den Kreislauf des Patienten anhalten, dann operieren und im Anschluss den Körper wieder weiterarbeiten lassen, aber das geht nicht. Damit also die OP am offenen schlagenden Herzen gelingt, werden in beiden Bereichen besondere Persönlichkeiten verlangt:

  • Die Professionals im System sollten T-Shape-Spezialisten sein, die über ein tiefes Wissen verfügen, aber auch in der Breite vernetzt zu anderen Bereichen sind, also keine Fachidioten. Sie müssen sich in ihrer Materie auskennen, aber auch über einen Blick auf das Ganze verfügen.
  • Die Professionals am System, die Keystones, sollten sich um das Entwickeln dieses großen Ganzen kümmern und den Wandel vorantreiben. Sie bringen Menschen netzartig zusammen und sind für das Gelingen der Zusammenarbeit verantwortlich.

Diese Professionals müssen nach Herrn Dueck in einem Umfeld agieren, in dem eine gesunde Balance zwischen Kooperation und Wettbewerb notwendig ist (Coopetition). Darüber hinaus sagt er, es finde eine Verschiebung von Werten statt. Die Arbeitswelt leiste noch erheblichen Widerstand gegen die Umbrüche, die das Internet mit sich bringt, gegen die Vorstellungen der Digital Natives. Die würden sich unter anderem dadurch auszeichnen, dass sie Dinge einfach ausprobieren, zügig entscheiden und bei Fehlschlägen einfach von vorne anfangen. Scheitern sei keine Schande – erinnert das noch jemanden an die Neuronenmetapher von Jean-Pol Martin, die den Unterricht nach LdL charakterisieren könnte? Die Digital Immigrants kämen damit aber nicht so gut zurecht. Der Vollständigkeit halber weise ich hier auf eine etwas andere Unterteilung von David White hin, in Digital Residents und Digital Visitors. Die hat etwa auch Peter Kruse auf einem Vortrag auf der re:publica 2010 benutzt.

Soweit das Vorgeplänkel. Was soll nun diese Professionals ausmachen? Sie sollen die Fähigkeit haben, etwas Erstklassiges zu erschaffen. Sie sollen professionell intelligent sein.

Professionelle Intelligenz

Unter professioneller Intelligenz versteht Herr Dueck weit mehr als das, was man landläufig mit einem IQ-Test misst. Der prüft nämlich nur so etwas wie Sprachkompetenz, Merkfähigkeit und logisches Denken. Bisher war der ermittelt Wert, der IQ, wohl recht gut mit Leistung in der Schule oder dem Erfolg im Beruf korreliert, aber das ändere sich gerade. Es wird künftig und auch schon jetzt viel mehr gefordert: Einfallsreichtum, Phantasie, Sinnstiftung, Teamfähigkeit, Führungsstärke, usw. Das hat mit dem IQ nicht mehr viel zu tun.

Nach Herrn Dueck bedarf es einer ganzheitlich entwickelten, maßvollen professionellen Intelligenz, die sich aus verschiedenen Teilintelligenzen zusammensetzt (pragmatisch hergeleitet, nicht streng wissenschaftlich):

  • IQ – die normale Intelligenz des Verstandes: Planen, Ordnen, Formulieren, usw.
  • EQ – die emotionale Intelligenz des Herzens und der Zusammenarbeit, wie man sie etwa von Daniel Goleman kennt: andere verstehen, Teamfähigkeit, usw.
  • VQ – die vitale Intelligenz des Instinktes und des Handelns: Durchsetzungsfähigkeit, Bauchgefühl, Risiken eingehen, …
  • AQ – die Intelligenz der Sinnlichkeit (attraction) und der instinktiven Lust und Freude: Sinn für Schönheit, Ästhetik, Verzauberung, etwas an den Mann/die Frau bringen können, usw.
  • CQ – die Intelligenz der Kreation (creation) oder der intuitiven Neugier: Liebe zu Innovation, entfesseltes Denken, usw.
  • MQ – die Intelligenz der Sinnstiftung (meaningfulness) und des intuitiven Gefühls: Sinn für ethisch Wertvolles, weltrettende Konzepte, Ehrenamtlichkeit, usw.

Ganzheitlich entwickelt, weil unterschiedliche Berufe zwar durchaus mehr oder weniger Wert auf eine der Teilintelligenzen legen, aber alle notwendig sind, um wirklich professionell zu sein und eine hohe Stufe des Kennens und Könnens zu erreichen. Maßvoll entwickelt deshalb, weil eine zu starke Ausprägung störende Folgen haben kann. Ein zu hoher IQ mag zu Besserwisserei führen. Ein zu hoher EQ macht möglicherweise anfällig dafür, ausgenutzt zu werden. Ein zu hoher VQ kann Rücksichtslosigkeit oder Machtgier auslösen, …

Erst diese ausgewogene Zusammenspiel stelle sicher, dass professionelles Arbeiten gelingt. Stattdessen werde oft nur so getan als ob. Empathie werde beispielsweise im Supermarkt Kaufland dadurch suggeriert, dass die Mitarbeiter nach dem Kassieren fragen: “War alles in Ordnung?” Das machen die wirklich! Allerdings spürbar mechanisch lustlos. Ich habe mich da schon häufiger gefragt, welcher Manager sich das ausgedacht hat und wirklich glaubt, die Leute fänden das authentisch und überzeugend. Das scheinen die inzwischen allerdings sogar gemerkt zu haben, und wie sieht ihre Lösung aus? Damit das nicht so auffällt, wird man neuerdings alternativ auch gefragt: “Haben Sie alles gefunden?”

Das gibt es aber auch anderswo, davon habe ich kürzlich im Sammelband Das Internet der Zukunft berichtet. Viele Unternehmen haben ja Schwierigkeiten damit, mit dem seltsamen Verhalten von Kunden im Internet umzugehen. Es wird dann nach Rezept der Marketing-Literatur das Instrumentarium neu justiert, die Unternehmenskommunikation dialogisch angelegt und vielleicht ein Twitter-Konto eröffnet, aber wirklich zugehört wird dort niemandem. Der IQ ist offenbar da, aber an der Einstellung hat sich dennoch nichts geändert. Der EQ fehlt trotzdem und all die Maßnahmen laufen ins Leere oder lindern höchstens kurzzeitig die Symptome des Problems.

Woher nehmen?

Den Ansatzpukt auf dem Weg zur Professionalität sieht Herr Dueck im gesamten Bildungssystem, angefangen bei den Eltern über den Kindergarten, die Schule und die Universität bis hin zur betrieblichen Weiterbildung. Lernen werde lediglich als Verbesserung des IQs verstanden, der Rest solle halt irgendwie von allein mitwachsen oder durch Ratgeber mit Titeln wie Vital und überzeugend in 14 Tagen oder Zwei-Tages-Seminare für Führungskräfte vermittelt werden. Das geht nicht!

Und nun wird das Buch auf den ersten Blick so etwas wie ein Heimspiel für die vielen lieben Menschen, die ich auf den EduCamps kennenlernen durfte (warum das nicht ganz so ist, erkläre ich weiter unten). Das Bildungssystem müsse weg von Gleichschritt-Lehrplänen im Frontalunterricht oder uninspirierter Gruppenarbeit. Weg von Einheitsprüfungen für alle. Im Grunde werde dadurch nur der IQ gestärkt und geprüft, vorwiegend als Wissen. Für den übrigen Teil fühle sich aber niemand verantwortlich.

Unternehmen wüssten etwa, dass sie ihre Mitarbeiter beruflich auf der Höhe der Zeit halten müssen und diese eben nicht wie selbstverständlich die vielbeschworenen Schlüsselqualifikationen alle mitbringen. Es würden allerdings so etwas wie Professionalität nur als Ziel vorgegeben, ohne die dafür notwendigen Ressourcen zu lassen.

Auch an Schulen und Universitäten sei vor allem ein Kulturwandel notwendig, in dessen Folge viele eine ganz andere Rolle einnehmen müssten und das vielleicht gar nicht können.

Professionelle Bildung schafft eine Kultur des Gelingens. (S. 189)

Es geht um das individuelle Coachen und Fördern. Das ist natürlich schwieriger – dafür muss man ja selbst erst einmal ausreichend professionell sein. Und das kostet Zeit. Diese Zeit könnte man sich aber mit dem Internet verschaffen.

Wieso sollten sich die Lernenden den Stoff nicht zu Hause selbst aneignen, mit Podcasts, Videos (vielleicht sogar gemeinsam per Hangout), Planspiele für den Wirtschaftsunterricht, … In der Lehrveranstaltung bleibt dann Zeit zum Diskutieren und individuellen Coachen. In dieser Art macht da ja zum Beispiel Christian Spannagel mit seinen umgedrehten Mathematikvorlesungen.

Das Problem sieht Herr Dueck aber darin, dass solche Initiativen zu verstreut sind, um große Wirkung zu entfalten. Jeder macht sein eigenes Ding, es gibt Dinge doppelt, dafür fehlen andere, usw. Er wünscht sich eine zentrale Online-Plattform, auf der ganz viele verschiedene Inhalte in unterschiedlichsten Darbietungsformen angeboten werden können, damit sich jeder das wählen kann, was ihm am besten liegt.

Ein anderes Problem seien die vielen Vorbehalte, die es gibt. Das Internet werde immer noch häufig eher als Gefahr gesehen denn als Chance. Experten sähen ihre hierarchische Stellung in Gefahr: Die Lernenden würden nicht mehr in den wenigen anerkannten Quellen lesen, die ihnen eine Autorität empfohlen hat (vielleicht die eigenen). Sie würden vielmehr nach vielen Lehrmeinungen surfen und sich eine eigene bilden – und womöglich unbequeme Fragen stellen. Vielleicht will man ja auch gar keine selbständig denkenden Menschen, sondern doch lieber brav gehorchende, austauschbare Mitarbeiter.

Was getan werden muss

Es bringe gar nichts zu streiten, ob Menschen von Natur aus nun die arbeitsscheuen Faulen sind oder die freudig Strebsamen, das führe nicht weiter. Vielmehr schlägt Herr Dueck ausgehend von seinen Ausführungen eine Theorie P vor, eine Vorstellung dessen, wie alle Menschen sein sollten. Wohlgemerkt, nicht dass alle von Natur aus so seien oder restlos alle so werden könnten, aber dass dies ein erstrebenswertes Ideal sein könnte, auf das man hinarbeiten kann. Die Professionellen sollten den weniger Professionellen helfen, denn auch der Commodity-Bereich trägt zum großen Ganzen bei! Der Übergang zur Theorie P erfordere ein Umdenken hin zur Berücksichtigung aller Teilintelligenzen, viel Rückmeldung, individuelle Betreuung und eine persönliche Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden (finde, das ist kompatibel mit dem, was Gerald Hüther unter Supportive Leadership versteht; dass Herr Dueck fast immer von Gelingen spricht statt von Erfolg haben, spricht ebenfalls dafür).

Die Neugier wird durch den strengen Lehrplan stark beschränkt. Man erwartet allerdings, dass alle Kinder neugierig auf das sind, was der Lehrplan bietet – alles andere wird untersagt. [...] Neugier ist Leidenschaft für das Unerwartete! Nicht Pflicht zum Interesse für Vorgekautes. (S. 238)

Diejenigen, die schon seit einiger Zeit Vorschläge in diese Richtung machen, speziell mit Blick auf das Internet, mahnt Herr Dueck jedoch zur Vorsicht. Als Early Adopter begingen sie den Fehler, ihre eigenen Ideen gleich zum allgemeinen Standard der Zukunft erheben zu wollen – blind für Anderes. Die eigentlich aufgeschlossene Mitte werde durch so viele verschiedene Vorschläge überfordert, ihre Einwände abgewiegelt und sie damit verprellt. Vielleicht fehlt es an AQ? Diese pragmatische Mitte müsse aber mitziehen, sonst würden die kategorischen Ablehner erst recht nie einlenken.

Die Internetgemeinde bloggte und twitterte zwar, aber eigentlich blieben sie doch irgendwie unter sich. Die Leute müssten aber rausgehen und Verantwortung übernehmen, etwas tun oder wenigstens im realen Leben predigen. Eben: “A little less conversation a little more action“. Ich glaube allerdings auch, an vielen Stellen passiert tatsächlich schon manches Spannende. Und vielleicht kann ich ja auf der LEARNTEC im kommenden Jahr auch noch ein wenig predigen.

Fazit

Mir hat das Buch gefallen, aber das könnte auch einfach daran liegen, dass viel davon meine eigene Sichtweise widerspiegelt. Einigen wird das Buch zu vereinfachend sein. Ich würde sagen, es ist pragmatisch und schlicht an ein breiteres normales Publikum gerichtet – das normal meine ich hier gar nicht abwertend, im Gegenteil. Wer es tiefgehender mag, findet aber in älteren Büchern von Herrn Dueck auch noch mehr Unterfütterung seiner Thesen.

Was ich auch schön finde: Das Buch hat mich zum Nachdenken angeregt. Auch wenn es unterhaltsam ist, behandelt es ein ganz wichtiges und ernstes Thema. Was bringe ich denn selbst an Teilintelligenzen mit? Da würde ich selbst klar einige Defizite diagnostizieren und an anderer Stelle ein wenig zu viel des Guten. So richtig professionell würde ich mich da selbst wirklich nicht einstufen.

Der Beitrag ist nun ganz schön lang geworden, aber im Buch steht wirklich noch viel mehr! Ich würde es noch einmal kaufen. Und das mache ich auch, ich werde zum nächsten EduCamp in Bielefeld (18.11.-20.11.) einfach noch ein Exemplar mitbringen und dort irgendwie an die Frau oder den Mann bringen, bei der/dem ich meine, es fällt auf fruchtbaren Boden.

Danke für’s Durchhalten bis zu dieser Stelle.

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